Coole(r) Gang
Eine neue Minuten-Geschichte
Ein schöner Sonntag im Spätsommer, der sich aber stur als Hochsommer zeigt. Mama und ich sind bei meiner Schwester Evi und ihren Kindern zum Essen eingeladen. Am Ziel stelle ich den Motor ab, und mir kommt das immer gleiche Willkommensritual in den Sinn, als Jakob, Nina, Johannes und Benjamin noch klein waren. Sie rannten aus dem Haus auf ihre Großeltern und mich zu, umarmten uns so herzlich wie stürmisch, was mich hin und wieder um meinen eher instabilen Stand fürchten ließ. Erst nach dieser schönen, minutenlangen Begrüßung konnten wir gemeinsam mit ihnen und allem, was wir mitgebracht hatten, das Haus betreten.
Kinder werden zu jungen Erwachsenen, Rituale ändern sich, nur die Freude bleibt; sie wird jedoch anders ausgedrückt. Nina öffnet mit hellem Lachen die Beifahrertür, umarmt ihre Oma vorsichtig und führt sie ins Haus. Von dort sehe ich Johannes auf mich zukommen. Er ist mittlerweile knapp 19, hat den durchtrainierten Körper eines Sportlers und genießt jene wunderbare, unwiederbringliche Zeit zwischen Matura und Zivildienst. Der wilde Blondschopf und sein breites Grinsen, das immer etwas Schelmisches hat, sind unverändert – und doch bin ich heute irritiert. Ich muss lange hinschauen bis ich draufkomme: Seine Schritte sind seltsam breitbeinig, aber zugleich stelzt er derart hüftsteif daher, als hätte er einen Stock verschluckt ohne zu kauen.
„Tut dir etwas weh?“, frage ich ihn, weil was ich sehe, verdächtig nach Schmerzen aussieht.
Jojo grinst noch breiter – im Grunde gar nicht möglich, aber Tatsache – und erwidert: „Nein! Das ist mein neuer, cooler Gang!“
„Also doch kein Bandscheibenvorfall, da bin ich aber froh!“
„Onkel, wo denkst du hin! Lass dich umarmen!“
Das habe ich erwartet; damit ich nicht wie früher auf dem schmalen Grat zwischen Stehen und Stürzen tänzeln muss, lehne ich mich sicherheitshalber an meinen doch stabileren Toyota.
Die Stunden vergehen viel zu schnell zwischen Lasagne, Kuchen, Geschichten und Gelächter. Als die Zeit des Abschieds kommt, übernimmt kurz mein satirisches Alter Ego – auch bekannt als Der Kernölbotschafter – die Kontrolle und sagt zu Jojo: „Schöne Ferien. An deinem coolen Gang musst du noch arbeiten.“
„Du auch an deinem, Onkel!“
Der Schelm freut sich diebisch über meinen kurzen Atemstillstand; dann beginnen wir zu lachen.
Evis Kinder sind eine coole Gang. Und dank Johannes weiß ich jetzt, dass ich einen coolen Gang habe. Nicht sehr stabil, aber voll korrekt!
















