Briefe, die nie verschickt wurden
Der Kernölbotschafter schreibt sich durch den Sommer

 

Brief aus der Redaktion: Alle heiraten (oder auch nicht)!

Dieser Sommer, der so heiß wie trocken war und noch nicht einmal zu Ende ist, wartete mit zwei Besonderheiten auf: Erstens trug er Früchte in Hülle und Fülle. An jedem Stängel hing quasi ein Stück Obst. Aus allen Ecken war der beinahe verzweifelte Ruf zu hören: „Was mache ich nur mit meinen vielen Birnen / Äpfeln / Zwetschken?“ Eine Freundin hatte von ihrem einsamen Birnbaum 137 Kilogramm Ertrag. Der daraus fabrizierte Saft wird noch jahrelang das Leben ihrer vier Enkel versüßen.

Und zweitens: Alles heiratet! Wie es mit den Vögeln und Bienen, den Blumen und Bäumen war, entzieht sich der Kenntnis des Kernölbotschafters, doch bei der Gattung Mensch ging es in Sachen öffentlicher Liebesbekundung turbulent zu wie lange nicht. Ob echte Ehen oder Verpartnerungen – landauf, landab bildeten sich vor den Standesämtern lange Schlangen, und das nicht nur sprichwörtlich. Meine Kosmetikerin (Traumhochzeit), ihre Kollegin (Verpartnerung, nachdem beide möglichen Richtungen ausgetestet waren), die Nachbarin (leider der einzige Regentag zwischen zwei Schönwetterperioden), einer meiner besten Schulfreunde (am Berg unter bewölktem Himmel, aber sehr gemütlich) und noch viele andere luden zum großen Fest der Liebe.

Da konnte die internationale und auch die heimische Prominenz klarerweise nicht zurückstehen. Über Prinz Harry und seine Schauspielerin, die wiederum seiner Schwägerin so verblüffend ähnlich schaut, wurde ebenso viel geschrieben wie über die aktuelle österreichische Außenministerin und ihren russischen Ehrengast. By the way: Weiß irgendwer außer dem russischen Geheimdienst, wie der Ehemann von Karin Kneissl heißt? Niemand? Aber dass sie vor Putin geknickst hat, ist auf ewige Zeiten ins globale Gedächtnis eingebrannt. Dies als kleiner Hinweis für alle, die sich selbst und anderen noch immer einreden wollen, der moderne Zar und ehemalige KGB-Mann sei „nur als Hochzeitsgast“ in die Südsteiermark gekommen.

Der Hype um die knappe Stunde Anwesenheit Putins im Weinland ließ in der Kernölbotschafter-Redaktion die Frage kreisen, wen andere Prominente zu ihrem künftigen (oder auch nur erträumten) Ehrentag einladen sollten, um die größtmögliche Boulevardwirkung zu erzielen. Wir blätterten durch die Geschichten dieses Sommers und gestatteten unseren Gedanken Auslauf wie den glücklichsten Kühen auf den Almwiesen.

Boris Becker hat beim Thema Hochzeit zwei Probleme. Er weiß nicht, ob a) er nicht schon viel zu pleite ist, um überhaupt eine Feier zu veranstalten, und ob b) die eingeladene A- bis D-Prominenz nicht doch sicherheitshalber fernbleiben würde – aus Angst, vom Aperitif-Schampus bis zum als Mitternachtsimbiss gereichten Tofu-Kaviar-Körbchen alles selbst berappen zu müssen. Aber dem Mann kann geholfen werden; zwei Personen gibt es, die mit Sicherheit kommen: Diejenige, die den Antrag auf Privatinsolvenz gestellt hat, und in ihrem Schlepptau der vom Gericht bestellte Masseverwalter. Erst werden sie feststellen, dass vom einstigen Tennisstar und Liebling der Klatschpresse tatsächlich nichts mehr zu holen ist. Anschließend spielen sie eine Runde Poker um sein letztes Hemd, um es im Falle seiner Niederlage als Kuriosität auf eBay zu einem horrenden Preis zu versteigern. Wenige Tage später wird Becker seine Drohung wahrmachen und für immer in die Zentralafrikanische Republik auswandern.

Innenminister Herbert Kickl hat gar keine Zeit zum Heiraten. Er ist mit diversen Ausschüssen, Parlamentssondersitzungen und sonstigen Kleingeistigkeiten der Opposition vollständig ausgelastet. Wenn es trotzdem sein muss, lädt er den ungarischen und den italienischen Innenminister zu seiner Hochzeit ein, die selbstverständlich in der Spanischen Hofreitschule stattfinden wird. Sämtliche Polizeipferde, die sich bis dahin freiwillig für die von Kickl ins Leben gerufenen Reiterstaffel gemeldet haben, werden das Ehrenspalier bilden. Die musikalische Unterhaltung bestreiten die Bremer Stadtmusikanten, falls es ihnen gelingt, durch die deutsch-österreichischen Grenzkontrollen zu kommen … also wird Kickl wahrscheinlich doch nie heiraten.

Um Mesut Özil ist es nach seinem mit meterhohen Medienwellen vollzogenen Rücktritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft ruhig geworden. Nach seiner bubig-trotzigen „Ihr seid alle so gemein zu mir!“-Brandrede haben sich die Möchtegernfreunde vertschüsst, und von echten ist in der Öffentlichkeit nichts bekannt. Also werden zu seiner Hochzeit wohl nur Fotokumpel Ilkay Gündogan und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erscheinen. Bei vegetarischem Kebap und anatolischem Wein werden sie dann gemeinsam über die Deutschen jammern, was zu guter Letzt in ein Jobangebot des türkischen Sultans münden wird. Nach Ende ihrer Fußballlaufbahn können die zwei als Minister für Medienkontrolle (Özil) und Kopfhaarpflege (Gündogan) im Land am Bosporus Karriere machen.

Weil niemand den Eröffnungstermin den Krankenhauses Wien Nord kennt, kann der Wiener Krankenanstalten Verbund dort auf absehbare Zeit leider keine Hochzeiten veranstalten. Das findet besonders Wiens Altbürgermeister Michael Häupl schade, der die Kosten für seine nächste Verehelichung gerne als unbedeutende technische Probleme in den Baukosten versteckt hätte. Die sind ohnehin so horrend, da fallen ein paar zehntausend Euro mehr oder weniger niemandem auf.

Mit nunmehr 80 Jahren wird Aktionskünstler Hermann Nitsch wohl nicht mehr heiraten, was seine zahlreichen Förderer und Bewunderer erleichtert aufatmen lässt. So gerne sie alle in Interviews für die Seitenblicke über die noch immer ungebrochene Innovationskraft seines Mysterientheaters schwadronieren, so ungern lassen sich die meisten von ihnen mit Blut bespritzen, sei es nun künstlich oder echt schweinisch. Da Nitsch bekanntlich keine Gelegenheit zu einem feucht-bunten Rundumschlag auslässt, wäre für einen so besonderen Ehrentag, hätte es ihn noch einmal gegeben, das Schlimmste zu befürchten gewesen.

Auch Martin Winterkorn wird nicht mehr heiraten. Dafür müsste er vorher nämlich die wohl teure Scheidung von seiner zweiten Frau berappen. Geht sich das irgendwie aus, stünde vor dem Standesamt sodann die gesamte Mannschaft der Staatsanwaltschaft Braunschweig Spalier um zu erkunden, von welchem Schwarzgeldkonto die nunmehr dritte Verehelichung finanziert wird. Kann die legale Liquidität von Winterkorn und seinen Gästen nicht sofort nachgewiesen werden, klicken noch an Ort und Stelle die Handschellen. Dann kann er im Knast mit seinem Audi-Kumpel Rupert Stadler darüber diskutieren, wer von ihnen früher über die Dieseltricksereien Bescheid wusste.

Im Gegensatz dazu hoffen alle Kulturinteressierten in und um Salzburg sehr, dass Lydia Steier, die amerikanische Regisseurin der diesjährigen Zauberflöte-Inszenierung bei den Festspielen, möglichst bald heiratet. Wenn geht, bitte einen reichen Kerl, damit sie nicht länger arbeiten muss, was in ihrem Fall die Opernbühnen dieser Welt vor der weiteren Verbreitung visueller Grauslichkeiten bewahren würde.

Bei der Hochzeit von Henrik und Sabrina gibt es eine besondere Kleiderordnung. Jeder Gast muss ein T-Shirt mit einem möglichst schrägen Spruch tragen. Als Mitternachtseinlage werden die besten Sprüche von Männlein und Weiblein prämiert. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Beispiel für Damen: „In einem Dirndl würde ich dich nur unnötig geil machen!“ Beispiel für Herren: „Ich mache keine Fehler! Ich erschaffe Katastrophen!“ Zusatzaufgabe für das Brautpaar: Sollte Henriks nunmehr adaptiertes „Meine Gattin hat den geilsten Arsch der Welt – mich“-Shirt das Rennen machen, müssen beide mit blanken Hinterteilen den Wahrheitsbeweis antreten.

Pferdebesitzer Benjamin heiratet seine Wald-und-Wiesen-Liebe nur dann, wenn er gemeinsam mit ihr und seiner Haflingerdame Frida mit den ÖBB auf Hochzeitsreise gehen kann. Die Verhandlungen, ob dafür eigens ein Viehwaggon mit Strohhimmelbett angeschafft werden muss, den die steirische Landwirtschaftskammer mittels Patenschaft finanziert, laufen noch.

Harald Mahrer möchte nicht mehr heiraten. Das liegt nicht am Zeitmangel; jedoch könnte er die vielen Leute, denen er in seinen vielen Ämtern vorsteht und die er deshalb alle einladen müsste, nicht einmal in der größten Kirche des Landes für eine Segnung durch Kardinal Schönborn unterbringen. Aber der Multifunktionär wälzt andere geistlich angehauchte Pläne. Er möchte sich zum evangelischen Diakon ausbilden lassen, um als Fernziel den Titel Sportlichster Pfarrer Österreichs zu erringen – ein paar zusätzliche Termine lassen sich in seinem Kalender noch locker reinstopfen. 

Ganz gegen den Trend zum Heiraten agiert Christian Kern. Er hat sich mit viel medialem Getöse, aber umso schlechterem Timing von der SPÖ scheiden lassen. Mit ihr, so glaubte er noch vor nicht einmal zwei Jahren, würde er ein bis zwei Legislaturperioden als Spielführer den Ton im ganzen Land angeben. Blöderweise fand er sich in der zweiten Reihe wieder, unbeachtet, obwohl er sich mit angefressenem Gesicht und ebensolchen Meldungen die allergrößte Mühe gegeben hat. Für ein Alpha-Männchen wie Kern naturgemäß eine Katastrophe, weshalb er jetzt einen Schlussstrich unter diese unglückliche Beziehung gesetzt hat. Danach behauptete er vollmundig, sich demnächst in Brüssel auf Brautschau begeben zu wollen. Das Angebot soll nicht schlechter sein als in der Alpenrepublik, die Mitgift sogar noch um einiges ansehnlicher. Als Kern jedoch draufkam, dass auch dort die Bräute nicht für ihn Schlange stehen wie beim Bachelor, zog er neuerlich ein beleidigtes Schnoferl und mit einem unverhohlenen "Ihr seid alle so gemein zu mir!" von dannen.

Liebe Herzlichkeit und liebes Glück, euch zwei habe ich bewusst ans Ende gesetzt, weil ihr anders seid als alle vor euch. Obwohl ihr Verehrer sonder Zahl habt, kommt eine Heirat für euch nicht in Frage. Ihr gehört niemanden, verschenkt euch aber an jene, die euch suchen und schließlich auch finden – in sich und in den Menschen ihrer nächsten Umgebung. Denn ihr wisst, das Fest der Liebe findet nicht nur bei einer Hochzeit statt. In Wahrheit erschafft jede Begegnung mit euch einen Ehrentag, der uns zum Feiern einlädt – das Leben, die Liebe, unser aller Mensch-Sein.

Mit bestem Dank für die Geschichten grüßt euch alle herzlich Der Kernölbotschafter

Feder

 

 28. September2018: Liebes Glück!

Es ist ein besonderes Erlebnis, dir zu begegnen. Du kommst leise daher, mit einem verschmitzten Lächeln, das nur Menschen erkennen, die in diesen Momenten dafür offen sind. Diese Seelen wissen, du bist eine Schwester des Zufalls – in dem Sinne, dass du dich nur an wenige verschenkst, ihnen zufällst. Die meisten anderen lassen den Augenblick verstreichen und wundern sich, warum in ihrem Leben nichts Schönes passiert.

Um den freien Tag nach Abschluss meiner Therapie gut zu verbringen und auch die Zeit bis zur Heimreise zu verkürzen, fahre ich auf Empfehlung meiner Physiotherapeutin Judith von Bregenz nach Bezau im Bregenzerwald. Einer Gewohnheit folgend, suche ich zuerst die Kirche auf und bin erstaunt, einen für das Alpendorf sehr imposanten Bau im Stile der Neu-Renaissance zu betreten. Das dank großer Fenster lichtdurchflutete Gotteshaus lässt mich länger verweilen; ich tauche in die Ruhe ein und hole im Gebet die Bilder der vergangenen Woche hervor. Schon hier bist du still an meiner Seite gesessen; wer die Dankbarkeit für das eigene Sein als Begegnung mit dem Glück erkennt, braucht nie mehr nach dir zu suchen.

„Du musst unbedingt zum Natter gehen. Die haben die besten Torten weit und breit!“

Judiths Rat führt mich (nach einem ungeplanten Umweg über unglaublich schmale Dorfstraßen – hin und wieder muss ich meinem nicht vorhandenen Orientierungssinn frönen) in die Konditorei am Ortseingang. Die Wahl vor der reich gefüllten Vitrine fällt tatsächlich schwer; nach dem strengen Blick der Seniorin hinter mir siegt Erdbeer-Sahne ganz knapp vor Orange-Trüffel. Ich setze mich in die Herbstsonne, schließe in Vorfreude auf den Genuss die Augen.

Kinderstimmen beenden mein angenehmes Dösen. Ich wende meinen auf die Brust gesunkenen Kopf und sehe viele kleine Bergschuhe, die neben- und nacheinander in den Gastgarten hüpfen, trippeln und schlendern. Rund zwanzig Kinder im Volksschulalter rauschen an mir vorbei auf den Eingang zu. Ihnen folgen fünf Erwachsene, wie die Kleinen in bunter Wanderkleidung. Nach wenigen Minuten erscheinen die Ersten wieder, mit einem hoch aufgetürmten Tüteneis in der Hand und einem breiten Grinsen im Gesicht.

Und du bist mitten unter ihnen, liebes Glück. Ich sehe dich ganz deutlich, als sich die Kinder auf der kleinen Mauer, die den Gastgarten umfasst, niederlassen und ihre süße Pause genießen. Sie lachen, tratschen und schlecken ihr Eis. Auch ihre fünf großen Begleiter setzen sich hin; ein bisschen abseits, völlig entspannt und ohne Kontrollstress, für den es ohnehin nicht den geringsten Anlass gibt. Kein hektisches Wischen über Mobiltelefone ist zu sehen, kein schrilles Kreischen, das Kindergruppen immer öfter begleitet, zu hören.

Je länger ich das Bild vor mir betrachte, desto intensiver empfinde ich deine Gegenwart. Du breitest über der gesamten Gruppe deine Arme aus; eine Geste, die deutlich macht, wie wenig es braucht, um dir zu begegnen: Schaut her, wir haben alles, rufst du den Menschen zu. Freundschaft, gemeinsam verbrachte Zeit, Sonne und Natur, Freude über eine kleine Süßigkeit.

Auf der Rückfahrt nach Bregenz fällt mir ein: An den Geschmack der Erdbeer-Sahne-Torte erinnere ich mich nicht; bestimmt war sie vorzüglich. Ich bin jedoch erfüllt von dir. Du bist die wichtigste Nahrung, die es für uns Menschen geben kann. Die Seele zehrt davon, das Herz gewinnt neue Kraft, und der Verstand kann sich zurückziehen auf die Insel der Unbedeutsamkeit, wohin wir ihn viel zu selten schicken.

Dein Reichtum, an dem du mich in Bezau mit den Kindern als Boten hast teilhaben lassen, wird mich begleiten bis zu unserer nächsten Begegnung, auf die ich mich schon heute freue.

Mit von Herzen dankbaren Grüßen, Der Kernölbotschafter

Feder

 

 20. September2018: Lieber Christian Kern!

 Was du (nie) warst

Als Manager, von Zweifeln frei
Kamst du als Retter einst herbei
Die Partei rief: "Du bist fesch!
Und ab sofort Regierungschef!"
 
Was du vorher nicht alles warst!
Verbund und ÖBB sogar
Führtest du in schwarze Zahlen
Damit ließ sich ganz schön prahlen
 
Deine Kleidung passgenau
Dein Gang aufrecht, dein Blick schlau
Ein echter Staatsmann für ein Land
Das sich tief beeindruckt fand
 
Als kurz darauf ein junger Spund
Seinen türkisen Plan tat kund
Fühltest du dich gut geeicht
Dich grünes Bubi schnupf' ich leicht!
 
Du präsentiertest den Plan A
Wie ein Hollywood-Filmstar
Doch Lesen ist für viele Qual
Sehr wohl verstehen sie: "Neuwahl!"
 
Du nahmst den Fehdehandschuh an
Doch dachtest nicht im Traum daran
Dass nur, wer führt, entkommt dem Scheine
Ich bin doch Chef, und nicht der Kleine!
 
Beraten ließt du dich von Leuten
Die dich zum Pizza fahren scheuchten
Einer saß recht bald im Knast
Trotzdem hast du es nicht erfasst
 
Und eines Abends, ach du Schreck!
Dein Sonnenplatz war plötzlich weg!
Der Schock darüber saß sehr tief
Sind das die Geister, die ich rief?
 
Zweiter nur? Das kann doch nicht
Die Wahrheit sein!, stand im Gesicht
Was für ein Wort - Opposition!
Da ernte ich nur Spott und Hohn!
 
Du hast es eine Zeit probiert
Damit dein Unglück prolongiert
Doch jetzt ist endlich damit Schluss
In Brüssel komm' ich neu in Schuss!
 
Ob das stimmt? Es wird sich weisen
Ich spüre Zweifel, nicht nur leisen
Was zwang dich denn echt in die Knie?
Bundeskanzler warst du nie ...

Feder

 

4. September 2018: An die Gerechtigkeitsfanatiker in Hollywood!

Euch scheint es gerade so zu gehen wie mir, wenn ich nach einem opulenten Mahl das notwendige Verdauungsschnapserl zu schnell kippe – es steigt mir zu Kopf. Das kann bei Erfolg ebenfalls passieren, wie einigen Wichtigtuerinnen mit der #MeToo-Debatte. Versteht mich nicht falsch; die Entlarvung von Harvey Weinstein und Konsorten war überfällig.

Was ihr jetzt aber fordert, schießt weit übers Ziel hinaus und wird euer eigenes Business in letzter Konsequenz gegen die Wand fahren. Schlicht deshalb, weil sich eure gesamte Daseinsberechtigung in Luft auflöst, wenn ihr diese krude Idee zu Ende denkt. Wem immer das eingefallen ist, der kann niemals einen Abschluss in aristotelischer Logik gemacht haben.

Nur eine transsexuelle Person soll eine ebensolche Rolle im Film verkörpern dürfen. Alles andere, so eure auf den ersten Blick logische Erklärung, würde nicht authentisch rüberkommen. Gleiches muss auch für Homosexuelle gelten; jemand aus eurem Verein, mit dem ihr den Verantwortlichen in Hollywood einheizen wollt, hat jüngst sogar mokiert, dass eine lesbische Schauspielerin, die eine lesbische Superheldin verkörpern soll, im echten Leben nicht lesbisch genug ist.

Aha. Und wo hört das auf, bitteschön? Wenn nur noch real Behinderte in Filmen dieser Thematik auftreten dürfen an der Stelle von Schauspielern, die sich in wunderbarer Weise auf die Rolle einlassen – wer bestimmt, wie stark die Behinderung ausgeprägt sein muss, damit sie authentisch rüberkommt? Wie orthodox hat ein Jude zu sein, um einen echten Juden darzustellen? Allein die Vorstellung, die Besetzung mit Profisportlern wäre Voraussetzung, um Filme wie Rocky oder An jedem verdammten Sonntag zu drehen, vergällt mir die Freude am Kinobesuch. Ganz abgesehen davon, dass kein Berufsboxer schöner „Keine Schmerzen, keine Schmerzen!“ röcheln könnte als Sylvester Stallone.

Einen weiteren Knick in eure Theorie verursacht die Tatsache, dass wir Filmfreaks ja nicht immer nur wegen der Handlung ins Kino gehen. In geringerem Maße deshalb, weil sie manchmal im besten Falle nur rudimentär vorhanden ist. Viele von uns, das ist der wahre Grund, haben ihre ganz persönlichen Lieblingsschauspieler und -innen (@ #MeToo: ist gegendert, nicht sexistisch gemeint), deretwegen wir besonders gerne die Lichtspieltheater frequentieren. Meine sind unter anderem, wie es sich für ein älteres Semester gehört, Tom Hanks und Meryl Streep – gemeinsam zu erleben im Journalistendrama Die Verlegerin; höchste Schauspielkunst, die höchsten Genuss beschert.

Hört sohin meine düstere Prophezeiung: Kein Schwein wird eure ach so wirklichkeitsnahen Filme sehen wollen, weil die Profession des Schauspielers – er/sie spielt und wir schauen – längst ausgestorben ist, bevor ihr eine simple Tatsache gneißt: Es ist einfach, jemand zu sein, aber ungleich schwieriger, jemanden zu verkörpern. Dazu braucht es Talent, Empathie und große Leidenschaft. Nur weil ich zufällig mit einer Behinderung lebe, heißt es noch lange nicht, dass ich einen Behinderten im Film authentisch darstellen könnte.

Weil mein Brieflein aber nicht nur dazu dienen soll, Hirnrissigkeiten aufzudecken, habe ich einen Vorschlag, die euren löchrigen Plan halbwegs kitten könnte. Österreichische Politiker haben in jahrzehntelangem Training die Kunst perfektioniert, sich selbst zu spielen. Als Reaktion auf die aktuelle Debatte sind nun einige von ihnen bereit, Hauptrollen in spannenden Remakes zu übernehmen, mit denen ihr in den kommenden Jahren den Kinokarren wieder flottmachen könnt.

Unsere Außenministerin ist derzeit in so vielen Seitenblicke-Rubriken zu finden, dass als nächster Karriereschritt fast zwingend die Teilnahme an einer internationalen Kinoproduktion erfolgen muss. Besonders anbieten würde sich der Spionagethriller Liebesgrüße nach Moskau, in dem Karin Kneissl von einem russischen Agenten bei ihrer eigenen Hochzeit erst betanzt und dann verführt wird. Ihr dämlicher Gatte kriegt nichts davon mit, und als später das ganze Land um seinen guten Ruf gebracht wird, ist es längst zu spät. In weiteren Rollen: Alfons Mensdorf-Poully als Oligarch, der für jede Bestechung offen ist, Josef Pröll als Verhandler ohne Kompetenz und Sebastian Kurz als Schattenkanzler, der stets im Schatten bleibt.

Die nächsten Filmhits, auf die wir uns freuen dürfen: Ein Mann sieht Rot! mit Christian Kern, der seine Slim-Fit-Anzüge endlich auf großer Leinwand präsentieren darf. Die Glücksritterin mit Eva Glawischnig, über eine Frau, die nach dem Verteilen von Gemeinheiten dem Mammon verfällt und für immer im Bauch eines Einarmigen Banditen verschwindet. Grüne Tomaten (Endlich wieder mehr Zeit für Gartenarbeit!)  mit Maria Vassilakou, die als Protagonistin ein Hochhausprojekt noch vor Baubeginn zum Einsturz bringt und schließlich fern der großen Stadt ein neues Leben anfängt.

Ein weiteres Projekt verspricht prickelnde Spannung, doch es fehlt noch die Unterschrift des Hauptdarstellers. Peter Pilz wurde für den erotischen Psychothriller Fifty Shades of Green (U-Ausschuss einmal anders!) angefragt, aber die Verhandlungen stecken fest; es wird gemunkelt, dass die Produzenten seinem Wunsch, sämtliche weiblichen Darstellerinnen vorab persönlich auf der Besetzungscouch testen zu dürfen, nicht entsprechen wollen. Sie befürchten einen Skandal von Weinsteinschen Dimensionen, womit sich der Kreis schließt.

Als Alternative zu Peter Pilz böte sich Hugh Grant an. Dann verkommt die Story zwar zu einer seichten Liebeskomödie mit Happy-Pop-Soundtrack, aber der Brite brächte die entscheidende Voraussetzung mit: Er ist seit jeher der einzige Schauspieler weltweit, der in jedem Film sich selbst spielt. Und genau das ist ja, was ihr wollt.

Cineastische Grüße, Der Kernölbotschafter

Feder

 

27. August 2018: Lieber Harald Mahrer!

Einen größeren Wunderwuzzi hat es in der Alpenrepublik wohl noch nie gegeben. So viele Jobs! Und immer in leitender Funktion! Wie schaffen Sie das nur? Hat Ihr Tag 48 Stunden im Gegensatz zu den läppischen 24 von uns leider Gottes sterblichen Erdlingen? Oder haben Sie bei einem sauerstofffreien Tauchgang während Ihres letzten Urlaubs die sagenhafte Stadt Atlantis entdeckt, wo in einem alten Freimaurergrab das Rezept für ewige Jugend, Kraft und Schönheit verborgen war?

Alles Hirngespinste. Die Wahrheit ist viel banaler, wie ich in der bunten Sonntagskrone von gestern erkennen musste. Sie sind einfach unglaublich fit. Um das zu beweisen, ließen Sie sich von einem Fotografen des Boulevardblattes auf einem Ihrer Powerläufe ablichten.

Mahrer läuft(Foto: Intersport)

Sie verkörpern perfekt das Motto Österreich neu regieren, das Bundeskanzler Sebastian Kurz ausgegeben hat. Getreu dem Vorhaben, Leistung muss sich wieder lohnen, haben Sie nicht bloß einen Stressjob aufgerissen, auch nicht zwei, drei, vier oder fünf. Nein, ganze sechs Ämter haben Sie übernommen und stehen noch dazu am Hirarchietreppchen immer ganz oben!

Wirtschaftsbund, Wirtschaftskammer, Sporthilfe, Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft, Wirtschaftsforschungsinstitut, und aktuell auch noch die Österreichische Nationalbank. Damit nicht genug: Sie beraten außerdem den Kanzler, führen eine eigene Firma, haben diverse Publikationen vorgelegt und sind auch noch verheiratet. Wie oft (oder eher: wie selten) Sie Ihre Frau zu Gesicht bekommt, wage ich mir gar nicht auszumalen. Von Kindern war noch nirgends zu lesen, aber Gerüchte besagen, Sie möchten irgendwann alle Ämter an geeignete Nachfolger übergeben. Da kann sich die Seitenblicke-Redaktion auf viele gelungene Familienschnappschüsse freuen!

Und jetzt Ihr neuester Coup: Mit der Fotostrecke aus der Sonntagskrone zeigen Sie nicht nur Ihren stählernen Body in aller Öffentlichkeit. Sie präsentieren gleichzeitig die neue Kampagne des Ministeriums für Gesundheit, dem Sie in Sachen Publicity ein bisserl unter die Arme greifen. Verständlich, denn was Beate Hartinger-Klein in letzter Zeit abgeliefert hat, war ein Fettnäpfchenparcours, kein Fitnesslauf.

Als Aushängeschild dieser Kampagne verzichten Sie ab sofort auf Ihren Dienstwagen und legen sämtliche Wege laufend zurück. Als Sponsor für die dafür notwendige Ausrüstung konnte die Firma Intersport gewonnen werden, wie ebenfalls in der Krone zu lesen war. Der Handel erwartet durch Ihre Unterstützung ein deutliches Umsatzplus. Aufgrund Ihrer Omnipräsenz vermuten manche sogar, den Hans-Dampf in allen Gassen, der Sie sind, gibt es ohnehin doppelt. Deshalb führt Intersport Ihre exklusiven Laufshirts, Hosen und Schuhe ausschließlich im 2er-Set.

Dem althergebrachten Vorurteil, Politiker seien faule Leute, die nichts Gescheites gelernt haben, treten Sie sohin laufend entgegen. Den Glaubenssatz der anderen Reichshälfte, Ihr Berufsstand wäre ausschließlich am Sammeln von Ämtern, Reisediäten und Sitzungsgeldern interessiert, entkräften Sie locker damit, dass Sie sämtliche noch im Ausland befindlichen Goldreserven der ÖNB zu Fuß und eigenhändig zurück in die Heimat transportieren werden. Danach holen Sie noch den Hahnenkammtitel auf der Streif mit Streckenrekord, gewinnen das Finale der French Open gegen Roger Federer und den Goldenen Schuh als Europas bester Ligatorschütze.

Von da an wird Ihnen die Welt offenstehen – auch der Papst braucht irgendwann einen Nachfolger.

Mit allergrößter Huldigung, Der Kernölbotschafter

Feder

 

24. August 2018: Liebe ÖBB!

Wenn ihr in die Schlagzeilen geratet, so meist wegen hoher Kosten, hoher Preise oder hoher Erwartungen, die ein ehemaliger Chef von euch an ein superleiwandes Leben als strahlend lächelnder Bundeskanzler hatte. Die Geschichte ging bekanntlich nach hinten los, aber heute geht es eh um etwas ganz anderes. Ein im wahrsten Wortsinne echt hohes Tier wollte in einem eurer Züge mitfahren, doch das haben eure Angestellten zweimal resolut verhindert.

Der erste Versuch von Haflingerstute Frida, im obersteirischen Bad Mitterndorf den Waggon eines Regionalzuges zu erklimmen, endete noch vor der Tür. Der Lokführer verwehrte den Zutritt mit dem Rat an ihren Besitzer Benjamin, eine schräge Mischung aus Naturbursch und Almöhi, er möge lieber reiten.

Beim wenig später haltenden Railjet hatten die beiden mehr Glück. Der Vierbeiner und sein Herrchen gelangten in einen Waggon, posierten dort vor den verdutzten Zweibeinern für ein paar schnuckelige Selfies, wurden letztlich aber doch von einer sehr amtlich aussehenden Person wieder hinauskomplimentiert. Frida nahm ein glückseliges Kind auf ihren Rücken, legte den Rückwärtsgang ein und sagte wiehernd tschüss mit ü.

Über die Gründe, warum ihr die friedliche Frida von deinem Beförderungsdienst ausgeschlossen habt, gehen die Meinungen auseinander. In eurer offiziellen Stellungnahme heißt es, nur die Mitnahme von kleinen Tieren in verschlossenen Behältnissen sowie Hunden mit Maulkorb, wenn diese ein Ticket hätten, sei erlaubt. Ein Pferd „würde die Sicherheit aller anderen Passagiere gefährden, etwa bei einem Bremsmanöver.“

In meiner Eigenschaft als investigativ-satirischer Journalist habe ich eine alternative Wahrheit, wie Donald Trump twittern würde, recherchiert. Der Ticketautomat am Bahnhof Mitterndorf ist noch nicht von neuester Bauart. Verkehrsminister Norbert Hofer hatte bei Amtsantritt versprochen, auch die hohen Tiere der Regierung würden von nun an öfter mit der Bahn fahren und dafür ein Ticket lösen. Das hat der gute Benjamin wörtlich genommen und unterzog die Frage, ob auch Frida, sein hohes Tier, einen Fahrschein erwerben könnte, einem Praxistest. Als die Haflingerdame dabei scheiterte, probierten sie es getreu dem Motto Schwarzfahrer sind nur jene, die dabei erwischt werden auf die althergebrachte Weise.

Im Exklusivinterview mit der Kernölbotschafter-Redaktion forderte Benjamin nach seiner medienwirksamen Aktion den Verkehrsminister auf, nach „140 km/h auf Autobahnen“ und „Rechtsabbiegen bei Rot“ eine weitere Gesetzesnovelle in Angriff zu nehmen. „Freie Bahnfahrt für freie Pferde“ würde den Transport heimischer Voll-, Warm- und Kaltblüter revolutionieren. Eine Reservierung der halben Kapazitäten eurer Züge für gesattelte und beschlagene Vierbeiner würde zudem die Auslastung mit einem Schlag in noch nie da gewesene Höhen treiben.

Sohin reiche ich eine Kopie dieser Forderung an das Innenministerium weiter. Herbert Kickl ist dem Vernehmen nach Feuer und Flamme für den Vorschlag. Bei einer kurzfristigen Umsetzung könnte er seine berittene Polizeieinheit schneller von Wien nach Bregenz verlegen, als er es sich als blauer Sprücheklopfer jemals erträumt hatte. Das erste Sujet ist schon in Druck gegangen und soll demnächst auf all euren Intercitys zwischen Wien und Bregenz aufgezogen werden.

Besser hoch zu Ross am Pfänder als tatenlos am Donaugeländer!

Mit von so viel Kreativität fast erschlagenen Grüßen, Der Kernölbotschafter

Feder

 

23. August 2018: Liebe Herzlichkeit!

Vielleicht wunderst du dich darüber, einen Brief von mir zu bekommen, weil du meist ein Leben im Verborgenen führst. Das jedenfalls möchte man glauben, wenn man durch den Tag wandert: verbitterte, harte, traurige Gesichter, wohin man schaut.

In Wirklichkeit bist du überall! Es braucht nur ein bisschen Achtsamkeit, dich zu entdecken. Dabei hilft auch, mit deiner kleinen Schwester, der Herzensbildung, befreundet zu sein. Und noch etwas ist wichtig: die Erkenntnis, dass du nur in den Menschen steckst, niemals in den Dingen.

Heute schreibe ich dir aber nicht um zu philosophieren. Vielmehr möchte ich mich bedanken. Du hast dich in den letzten Tagen aus der Deckung gewagt und mir zweimal ganz offen deine Aufwartung gemacht, auf völlig verschiedene, wunderbare Art und Weise. Ich bin noch immer voll davon geflasht, wie es im modernen Begeisterungssprech so schön heißt.

In der ersten Begegnung warst du mit einem kleinen Buben unterwegs. Gemeinsam wanderten wir über eine Almwiese. Wie selbstverständlich bewegte sich das Kind meiner Geschwindigkeit angepasst und beobachtete mich dabei genau. Als wir zu einer abschüssigen Stelle kamen, sagte der etwa Achtjährige: „Hier kann es rutschig sein. Soll ich dir helfen?“

Jenes reine, kindliche Angebot durchflutete mich so wohltuend, dass ich für Sekunden keine Antwort fand. Seine 25, vielleicht 30 Kilo würden niemals ausreichen, um mich im Fall meines sprichwörtlichen Falles vor einer ungewollten Landung im Gras zu bewahren. Und doch war seine Hilfsbereitschaft ernst gemeint – das Kind würde zweifellos eingreifen und am Ende über sein Scheitern bitter enttäuscht sein.

„Sehr lieb von dir, aber ich schaffe das schon“, gab ich zurück, als ich sicher sein konnte, meine Stimme würde nicht mehr zittern vor Rührung. Wir gingen weiter einträchtig nebeneinander her bis zu unserem Ziel, einer Holzbank. Der Bub, gegenwärtig wie es nur Kinder sein können, erzählte von seinen Ferienerlebnissen. Und ich erfreute mich mit dir, die du mit uns auf der Bank Platz genommen hattest, an diesem beständigen Strom von Glück.

Ein paar Tage später betrat ich unweit meines Heimatortes ein kleines Geschäft, um eine Reparatur in Auftrag zu geben. Die Angestellte ist wohl eng mit dir verbandelt, denn kaum jemand sonst beschenkt meine Gegenwart stets mit einem derart offenen und anziehenden Wesen.

Als sie sich nach einem fröhlichen „Sekunde, ich hab’s gleich!“ mir zuwandte, sah ich ein großes weißes Pflaster an ihrer linken Wange; die Haut rundum war gerötet. Gleich darauf bemerkte ich noch etwas anderes, das ich ohne die Entstellung bestenfalls zur Kenntnis genommen hätte: Du bist neben ihr gestanden und hast ihre ganze Gestalt erleuchtet – am meisten ihr Gesicht.

Positive, meine Seele nährende Energie, wie ich sie lange nicht erleben durfte, erfüllte den Raum. Sie begann bei den strahlenden Augen der jungen Frau und ging in ein das ganze Leben umarmendes Lächeln über, als sie mich begrüßte und wir in aller Kürze das Geschäftliche erledigten. Ein Gefühl, als sei ich in diesem Moment der wichtigste Mensch für sie, ließ Erinnerungen an wertvollste Momente in meinem Leben auferstehen. Mit einem Mal war alles leicht, richtig und gut. Ausreden, verschämte Blicke, falsches Mitleid – nichts davon kam auch nur in die Nähe eines konkreten Gedankens.

„Was ist dir passiert?“, fragte ich deshalb ohne jede Angst, einen Fehler zu machen.

„Ein Abszess“, erwiderte sie leichthin; Freundlichkeit und Lebensliebe verminderten sich dabei um keinen Deut. „Aber eigentlich ist es der Ausdruck von etwas, das ich noch nicht annehmen kann.“

In diesem Augenblick hast du mir eine der wichtigsten Lektionen erteilt. Du bist nur in Menschen, die ohne jede Einschränkung ehrlich sind – zu anderen, aber vor allem zu sich selbst. Diese Ehrlichkeit braucht kein Versteck, auch keine Masken aus Stolz oder Arroganz. Durch dich konnte die junge Frau klar und ohne Scham auf einen Teil ihres Seins schauen, der noch Heilung nötig hat.

Für all das möchte ich dir danken. Ich freue mich schon sehr auf unsere nächste Begegnung.

Von ganzem Herzen, Der Kernölbotschafter

Feder

 

17. August 2018: Liebes Pärchen beim Spar!

Ihr zwei wart für mich ein derart aufregender Hingucker, dass ich euch einfach schreiben muss! Am 7. August schlurfte ich auf der Suche nach kurzfristiger Kalorienzufuhr durch die Gänge des rotgrünen Nahrungsmitteldealers in Anger. Die Fleischtheke bereits in Sichtweite und kurz davor, dem ungesündesten Tagesangebot – latscherte Semmel, heißer Leberkäse, scharfer Senf – zu verfallen, kreuztet ihr meinen Weg, irgendwo zwischen Knäckebrot und Fertigsugo.

Euer Foto steht im Lexikon neben dem Begriff Junges Pärchen beim Einkaufen 2018, keine Frage. Mit euren verspiegelten Sonnenbrillen, der perfekt zur Schau getragenen weiblichen Angefressenheit und des deutlich sichtbaren männlichen Unglücks, trotz ultracooler Schirmkappe zum bloßen Korbträger degradiert worden zu sein, könnte es keine besseren Prototypen dafür geben, wie der an sich banale Vorgang des Einkaufens heutzutage beziehungstechnisch abläuft.

Ich bin so frei und nenne euch bei passenden Vornamen. Deine Gedanken, Henrik, konnte ich  förmlich hören: Tu endlich weiter! Verständlich, denn jeder Typ würde kribbelig werden, müsste er dabei zusehen, wie seine angeblich bessere Hälfte jedes in den Einkaufswagen gelegte Stück in einem rosa Bändchen vom Typ Mein erstes Tagebuch abhakt. Ein heftiges Augenverdrehen ist wohl das Mindeste, dank der undurchsichtigen Gläser auch gut geschützt vor einem bissigen Kommentar.

Doch es half alles nichts. Sabrina, du hattest die Ruhe weg. Nach langem Hin- und Herdrehen diverser Packungen landete ein Leichtbrot im Wagerl, dann kam ein Häkchen ins Büchlein. Die Szene faszinierte mich dermaßen, dass ich meinen Heißhunger gänzlich vergaß. Und ich wurde sogar noch mit einer Steigerung belohnt: Offenbar unfähig, das Drama länger mitanzusehen, wandtest du, Henrik, dich mit Grausen ab und damit deine Vorderseite mir zu. Meine Augen weiteten sich vor ungläubigem Entsetzen, als ich die Beschriftung deines T-Shirts lesen musste.

Geilsten Arsch

Wo bist du angrennt, Henrik?! Ich hoffe sehr für dich, dass du Sabrina liebst, aber bei aller Liebe: Mit dem Teil in die Öffentlichkeit zu gehen, das hat echt was von Masochismus! Sie kann es dir zu Weihnachten, zum Geburtstag oder an eurem Jahrestag geschenkt haben; vielleicht hat Sabrina das unsägliche Stück auch als süßes Osterhaserl unter eurem Bett versteckt. Trotzdem hättest du nach dem Auspacken eindeutige Worte sprechen müssen: „SO ETWAS ZIEHE ICH NICHT AN!“

Ich will nicht moralisieren, aber der nachfolgende Tipp ist gratis und kann möglicherweise eure Beziehung retten: Geh so schnell wie möglich zur Typberatung und danach zu C&A, H&M oder zu irgendeinem anderen Gewandtandler, der momentan für deinen Geschmack angesagt ist. Dort investierst du die nächsten paar Lehrlingsentschädigungen oder Studienbeihilfen.

Falls deine holde Sabrina danach bei deinem Anblick auch ohne Gläserverspiegelung die Augen verdreht, räumst du am besten sofort ihren Kleiderschrank aus. Das schafft Platz für die nächsten passenden Stücke, die dein Leben und vor allem deinen Selbstwert pimpen werden. Versprochen!

Hoffnungsvolle Grüße, Der Kernölbotschafter

Feder

 

10. August 2018: Liebe Hera Lind!

Am vergangenen Samstag, dem 4. August 2018, haben Sie mit Ihrem Mann die Freiluftübertragung von Mozarts Zauberflöte auf dem Salzburger Kapitelplatz besucht. Ich weiß das, weil der Tisch meiner Wenigkeit direkt hinter Ihrem stand; gemeinsam mit meinen Eltern hatte ich deshalb beste Sicht – sowohl auf den Großbildschirm als auch auf Sie und Ihren charmanten Begleiter.

Mein Brief hat nichts mit der Aufführung zu tun. Diese würde ich am liebsten aus meinem Gedächtnis löschen wie eine jahrealte, nie beendete Geschichte von meinem PC. Doch leider hat sich die krude Fantasie der mental wohl fehlgeleiteten Regisseurin zu tief in mein Hirn gebrannt. Für diese Verhunzung meiner Lieblingsoper gehört sie mit dem nassen Fetzen nach Trumpistan zurückgejagt, da sind auch alle huldvoll in die Kamera gesülzten Bewunderungen von Barbara Rett vergebene Liebesmühe.

Schon nach wenigen Minuten hatte ich für die Inszenierung den passenden Namen gefunden: Rocky Horror Picture Show in der Zuckerlwerkstatt. Einziger Lichtblick war Emma Posmann, die junge Einspringerin als Königin der Nacht. Nach dieser famosen Leistung wird sie in ihrem Fach mit aller Berechtigung Karriere machen.

Trotz jenes visuellen Alptraums, der den Begriff Kunst ad absurdum führt, erlebte ich einen wunderbaren Abend – und der Grund dafür waren Sie, Frau Lind. Wie bei populären Opern üblich, muss, wer am Beginn der Übertragung einen der aufgestellten Sessel am Kapitelplatz be-sitzen will, etwa eine Stunde früher vor Ort sein. Naturgemäß schaffen das nicht alle Kulturliebhaber; sohin gehen viele der Überpünktlichen links und rechts der Reihen auf und ab, angestrengt nach einem irgendwo frei gebliebenen Plätzchen Ausschau haltend.

So auch eine alte, äußerst beleibte Dame im schwarzen Kleid, die noch dazu durch die Verwendung  zweier Krücken sehr in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt war. Die große Mühe stand ihr ins Gesicht geschrieben und war an ihrem Schnaufen bis zu unserem Platz zu hören. Mehrmals blieb sie stehen und drehte suchend den Kopf in alle möglichen Richtungen, wurde jedoch nicht fündig. Von den bereits sitzenden Zuschauern besaß niemand den Anstand, der betagten Frau den eigenen Stuhl anzubieten.

Ich kann nicht sagen, Frau Lind, ob es die Gefühllosigkeit dieser egoistisch-ignoranten Bagage war oder doch Ihr Mitgefühl für die arme Frau. Jedenfalls erwiesen Sie sich als spontan tatkräftig: Nach wenigen Sekunden hatten Sie im Restaurantbereich einen freien Polstersessel entdeckt, hoben diesen eigenhändig über zwei Tischreihen und brachten ihn der Frau in den mit Klappstühlen bestückten Zuschauerbereich. Leider konnte ich bei eurem kurzen Gespräch das Gesicht der alten Dame nicht sehen. Bestimmt war sie außerordentlich dankbar für Ihre Geste der Achtsamkeit. Später beobachtete ich immer wieder, wie sie regungslos die Vorstellung verfolgte.

Die Zauberflöte erklingt in den kleinen Momenten, Frau Lind. An diesem Abend waren Sie es, die ihr Spiel zum Leben erweckt hat. Dagegen hatte der grandiose Schwachsinn auf der Bühne des Großen Salzburger Festspielhauses nicht die geringste Chance.

Verzauberte Grüße, Der Kernölbotschafter

Feder

 

1. August 2018: Sehr geehrter Martin Winterkorn!

Das Leben kann aber schon garstig sein. 2011 waren Sie noch der am besten bezahlte Manager Deutschlands – 17,456.000,00 Euro Jahresgage muss man erst einmal ausgeben. Und keine vier Jahre später waren Sie der Buhmann für alle und mussten wegen der Diesel-Abgasaffäre von Ihren vielen Ämtern zurücktreten. Was Sie mit getürkten Dieseln bis dahin verdient haben, durften Sie meines Wissens aber behalten. Trotzdem, Shit happens.

In weiser Voraussicht hatten Sie schon vor Auffliegen des Skandals (man weiß ja nicht, was neidigen Richtern, proletarischen Staatsanwälten und vor allem den verrückten Amerikanern alles einfällt) Teile Ihres Vermögens an Ihre Frau übertragen. Diesen „Einem Nackerten kann man ja nichts ausziehen!“-Trick kennen wir auch aus Österreich zur Genüge. Beliebt bei allen Ex-Amtsträgern, die aufgrund irgendwelcher Schwindligkeiten in der Vergangenheit fürchten müssen, dass eines Tages naiv-blöde Gerechtigkeitsfanatiker auf ihren wohlbestallten Busch klopfen.

Und noch eine Gefahr ist nicht zu unterschätzen. Den vielen Ex-Titeln könnte bei mangelndem Wohlverhalten mir nichts, dir nichts auch der Ex-Mann hinzugefügt werden. Das geht schnell: Wenn zum Beispiel die von VW bezahlte, 60.000,00 Euro teure Heizanlage für Ihren Koi-Karpfenteich ausfällt, die Fischlein mit dem Bauch nach oben im Wasser treiben und Ihre Gattin ob des Anblicks einen Nervenzusammenbruch erleidet, für den sie wiederum Ihnen die Schuld zuschiebt, stehen Sie schwuppdiwupp zum zweiten Mal vor dem Scheidungsrichter.

Also hatten Sie eine Idee, die jedem finanziell wenigstens halbgebildeten Menschen gut ansteht: die Rücklage eines Notgroschens. Bei manchen findet sich dieser in der Keksdose, bei den nächsten im Geheimfach oberhalb der Feuerstelle im Kamin, bei wieder anderen klassisch unter der Matratze. Ihnen kamen jedoch Zweifel, ob an solchen Orten die von Ihnen angedachten 10,000.000,00 Euro ausreichend Platz fänden; immerhin sind das 20.000 Fünfhunderter, die es noch dazu bald nicht mehr geben wird, also doch eher 50.000 Zweihunderter. Ein ganz schöner Berg; Donald Duck würde darin ein herrliches Bad nehmen.

Also doch lieber die Alternative für alle Alt-, Neu- und sonstigen Reichen: Das verlässliche und anonymisierte Konto in der Schweiz, wo man noch weiß, dass Diskretion für die gehobene Klientel alles ist, und zweifellos gut damit verdient. Über ein Treuhandkonto Ihres Steuerberaters – ganz persönlich wollten Sie dann doch nicht auf dem Beleg aufscheinen – sollen die zehn Mille letztendlich bei einer Züricher Bankdepot Ihrer Frau gelandet sein.

Blöd ist jetzt nur, dass Ihnen die Staatsanwaltschaft Braunschweig irgendwie auf die Schliche gekommen ist und Sie wegen Steuerhinterziehung drankriegen will. Rein rechtlich handelt es sich nämlich um eine Schenkung, für die – erraten! – die gleichnamige Steuer fällig gewesen wäre.

Doch Sie wären kaum der toughe „Ich habe von den Abgasmanipulationen ehrlich nichts gewusst!“-Manager, würden Sie Ihren bitter vom Mund abgesparten Notgroschen nicht mit Zähnen und Klauen verteidigen. Ihr findiger Anwalt will jetzt die Staatsanwaltschaft wegen Verrats von Dienstgeheimnissen verklagen, weil in der Bild, bekanntlich das Magen-und-Darm-Medium der deutschen Zeitungslandschaft, bereits von den Verdächtigungen gegen Sie zu lesen war.

Herr Winterkorn, Sie sind wie ein Dieb, den die Polente beim Klauen erwischt hat. Weil Ihnen und Ihrem Winkeladvokaten nichts anderes einfällt, wollen Sie nun den Leuten, die das von Rechts wegen überprüfen, die Schuld dafür in die Schuhe schieben. Nach dem Motto: „Wenn niemand da wäre, der mir auf die Langfinger schaut, bräuchte ich gar nicht zu betrügen.“

Im Sinne der bei unseren Lieblingsnachbarn halbwegs funktionierenden Gerichtsbarkeit hoffe ich, dass Sie ein paar Milliönchen für Strafe und nachträgliche Schenkungssteuer abdrücken müssen, auch wenn dadurch ihr Notgroschen ein bisschen kleiner wird. Ich bin jedoch sicher, dass in Ihrer günstig angemieteten 400m²-Villa noch irgendwo ein paar Bündel Fünfhunderter herumliegen. Sie dürfen halt nicht darauf vergessen, diese vor Gültigkeitsablauf auf ein Schweizer Nummernkonto einzuzahlen. Oder auf das Ihrer Frau – was aber, wie oben bereits vermerkt, gefährlich sein kann.

Geldige Grüße, Der Kernölbotschafter

Feder

 

27. Juli 2018: Sehr geehrter Hermann Nitsch!

Mich hat ein Wink des Schicksals ereilt! Aus diesem Grunde wende ich mich an Sie, den größten und einzigartigsten Künstler auf Ihrem Gebiet.

Ich muss gestehen, dass ich bisher mit Ihren Arbeiten kaum in Berührung gekommen bin. Ihr beeindruckendes Antlitz, eine gelungene Mischung aus Almöhi und Rübezahl, taucht zwar regelmäßig in den gesellschaftsrelevanten Medien auf, doch zu mehr als ein paar Seitenblicke-Ausschnitten habe ich es leider noch nicht geschafft. Das wird sich jetzt entscheidend ändern, da mir gestern etwas Außerordentliches gelungen ist: mein erstes Schüttbild!

Apfelcreme Elefant

Beeindruckend, nicht wahr? Ich nenne es Büffel kurz vor dem Angriff, mit Exkrementen. Die Entstehungsgeschichte ist von derart ungewöhnlicher Zufälligkeit, dass die eingangs von mir erwähnte Vorsehung außer Frage steht.

Ich hatte den Hauptgang meines Mittagessens beendet und war gerade im Begriff, die Nachspeise, eine formidable Apfelcreme, in eine für den Verzehr geeignete Position vor mich zu ziehen. Plötzlich und ohne die geringste Vorwarnung kippte der Kelch in meine Richtung! Es ergoss sich ein Schwall Creme auf das rote Tischset. Nachdem ich mich von dem Schock erholt und darüber gefreut hatte, nicht auf meine graue Hose gekleckert zu haben, betrachtete ich das ockerfarbene Häufchen. Dieses wäre für sich schon ein Kunstwerk gewesen, das wohl unter dem Titel Beweis einer drohenden Durchfallerkrankung Furore gemacht hätte.

Da es mir jedoch zuwider ist, Lebensmittel zu verschwenden, habe ich das Häufchen mittels eines kleinen Löffels seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt. Und ich muss sagen: Es wäre wirklich zu schade gewesen, auch nur die kleinste Kleinigkeit der Apfelcreme zu vergeuden.

Mein nachhaltiges Tun verschaffte mir sodann ein noch viel größeres Wunder. Nach dem letzten Genussmoment sah ich auf etwas vor mir, das einfache Gemüter wohl nur ratlos zurücklässt. Mir jedoch fiel es wie Schuppen von den Augen! Der Absturz meiner Apfelcreme war gar keine Ungeschicklichkeit, sondern ein Augenblick höchster, innigst empfundener Kunst! Sie ist gleichsam aus mir durch den Glaskelch auf das Tischset geflossen. Und wie es eben ist, wenn alles fließt, war auch der Titel schon nach einer weiteren Sekunde klar. Der Büffel senkt angriffslustig sein edles Haupt, er entledigt sich noch schnell überflüssiger Verdauungsendprodukte und ist im Begriff, sich seinen allerschlimmsten Feinden im Kampfe zu stellen – siegreich oder bis in den Tod!

Sie werden die Qualität dieser Arbeit auf den ersten Blick erkennen, werter Herr Nitsch. Deshalb biete ich Ihnen das Schüttbild Büffel kurz vor dem Angriff, mit Exkrementen (Creme aus Frühäpfeln und Schlagobers auf rotem Stoff) zum Vorzugspreis von 100.000,-- Euro für Ihr weltberühmtes Museum in Mistelbach an. Ein Rechnungsbeleg ist nicht erforderlich; mir kam zu Ohren, dass Sie schon in der Vergangenheit nicht viel Aufhebens um eine doppelte Buchführung gemacht haben.

Sollten Sie mein Angebot aus unerfindlichen Gründen ausschlagen, biete ich das Bild, sobald die Creme konserviert ist, als Originalportrait des großen Indianerhäuptlings Raging Bull auf eBay an. Die Preise für derartige Exponate erleben unter Freunden von Donald Trump, die wie der US-Präsident viel Wert auf gedankenlos Herausgeschütteltes legen, einen ungeahnten Höhenflug. Ich freue mich darauf, von Ihnen zu hören, Herr Nitsch!

Künstlerische Grüße, Der Kernölbotschafter

Feder

 

25. Juli 2018: Sehr geehrter Wiener Krankenanstaltenverbund!

Hiermit bewerbe ich mich offiziell bei Ihnen als Bauzaunwärter. Zwar weiß ich weder, ob das ein anerkannter Ausbildungsberuf ist, noch wo die Bauzaunwärter-Akademie ihren Sitz hat, die man als Voraussetzung für die Stelle sicher besucht und abgeschlossen haben muss. Fest steht aber jedenfalls, dass Sie jemanden brauchen, der den Bauzaun um die Baustelle des noch immer im Bau befindlichen Krankenhauses Wien Nord bewacht.

Wieso ich das weiß? Aufgrund einer logischen Schlussfolgerung. Wenn Sie für die Wartung Ihres Bauzauns 839.000,-- Euro ausgeben und noch einmal 95.000,-- Euro, damit ein Energetiker einen Schutzring um die gesamte Baustelle samt Bauzaun zaubert, muss dieser Zaun ungeheuer wertvoll sein, ergo strengstens im Auge behalten werden.

Wobei: Richtet man sein Auge auf die aktuell veranschlagten Gesamtkosten für das Vorzeigeprojekt der Stadt Wien, ist diese doppelte Hochsicherheitsumzäunung geradezu ein Schnäppchen. Sie macht nicht einmal 6,22 % der eineinhalb Milliarden Euro aus, die das Schmuckkästchen am Ende kosten soll. Sohin hat der Wiener Altbürgermeister den letzten Anstieg bei den Schätzungen auch völlig richtig eingeschätzt: „400 Millionen? Das sind halt technische Probleme, nichts Ernstes.“

Apropos Technik: Das Areal dieser Goldgrube, mit der Sie, sehr geehrter KAV, sich zweifellos die Krösus-Krone aufsetzen werden, ist entsprechend weitläufig nicht wahr? Deshalb ersuche ich Sie, vor dem Einstellungsgespräch Ihr Anlagenverzeichnis zu durchforsten. Irgendwo wird sicher ein altes, aber noch funktionstüchtiges Golfcar herumstehen (vielleicht vom letzten Charity-Turnier für verarmte Ex-KAV-Funktionäre?), auf dem ich meine nächtlichen Runden um den Bauzaun ziehen kann. Als Dienstwaffe schlage ich mit flüssigem Valium gefüllte Spritzpistolen vor; klarerweise das Spitzenmodell in Gold, eine Sonderanfertigung der Firma Glock, zum Sonderpreis von 25.000,-- Euro pro Stück. Damit lege ich Bauzaunräubern, die nur auf den günstigsten Moment für einen großen Coup warten, im Handumdrehen das schändliche Handwerk.

Meine Gehaltsvorstellung orientiert sich selbstredend am Wert des zu bewachenden Objektes. Mehr als die Kosten für eine schnöde Glock sollte schon drin sein, also schlage ich schlanke 50.000,-- Euro netto vor, 16mal im Jahr, zuzüglich Nacht-, Wetter- und Golfcarwartugnszulage. In diesem Gehalt ist selbstverständlich die lückenlose Dokumentation über jede gefundene Zaunlücke enthalten.

Sollten Sie wider Erwarten dieses lukrative Angebot nicht annehmen, habe ich noch einen Alternativvorschlag: Ich montiere den Bauzaun ab, stelle ihn irgendwo im Wiener Umland auf eine Wiese und bewache dort alle Politiker, Funktionäre und sonstigen Verantwortlichen, die vom kürzlich zur Bürgernotwehr hochgerüsteten Bund der Steuerzahler dort eingesperrt werden. Und zwar so lange, bis auch der letzte von den Delinquenten kapiert hat, dass man fremdes Geld viel sorgsamer zu verwalten hat als eigenes. Die frei gewordenen Stellen könnten in der Zwischenzeit mit federführend am Bau beteiligten Personen des neuen Flughafens Berlin besetzt werden. Ich bin sicher, das steigert die Chancen auf eine baldige Eröffnung Ihrer protzigen Hütte beträchtlich!

In diesem Sinne hoffe ich, ein ausbau- sowie tragfähiges Angebot gelegt zu haben und sehe Ihrer Antwort mit großen Interesse entgegen.

Mit professionellen Grüßen, Der Kernölbotschafter

Feder

 

24. Juli 2018: Lieber Mesut Özil!

Was ist nur los mit deutschen Sportlern, wenn sie einen Hauch von Kritik verspüren? Vor knapp einem Monat musste der Kernölbotschafter den früheren Tennishelden Boris Becker rügen, weil er sich mit der schnöden Hilfe eines Diplomatenpasses der Zentralafrikanischen Republik vor einem britischen Insolvenzantrag drücken wollte. Und jetzt kommst du daher und drückst dich wie eine beleidigte Leberwurst vor den Folgen deiner eigenen Blödheiten.

Du hast ein begnadetes Füßchen, Mesut. Das beweist allein schon die Liste der Vereine, deren offensiven Mittelfeldrasen du als A-Spieler bislang beackert hast. Schalke 04, Werder Bremen, Real Madrid. Seit fünf Jahren kickst du bei Arsenal in London. By the way, bist du dort vielleicht einmal von Boris Becker um ein Packerl Tschick und ein großes Bier angeschnorrt worden? Falls ja, hast du ihm sicher ein paar Drinks ausgegeben, denn du hast es ja dick, wie ein Großer.

Vielleicht liegt gerade dort das Problem. Dein Konto ist immer gewachsen – und dein Verstand ist gleich geblieben. Oder sogar geschrumpft, angesichts der vielen Nullen vor dem Komma auf deinen Verträgen. Anders können es sich viele Normalos unter deinen Fans nämlich nicht erklären, warum du dein Gesicht neben dem türkischen Sultan in die Kameras hältst. Eine unbedachte Dummheit, wie gesagt. Die hätte es auch bleiben können, denn Medienfuzzis und Öffentlichkeit vergessen eh schnell. Gegen den Skandal von heute ist jener von gestern so interessant wie der Furz eines Eichhörnchens im Schwarzwald. Aber du konntest es nicht bei diesem einen Furz belassen.

Shit happens, ich versteh‘ das schon. Wenn einer wie du Pech beim Denken hat, kommt manchmal auch noch kein Glück dazu. Die WM in Russland war für Die Mannschaft, wie ihr euch selbst ein bisserl hochtrabend nennt, nicht wirklich eine Reise wert. Hättest du den Karren aus dem Dreck gezogen und deine Kollegen mit ein paar Geniestreichen noch ins Achtelfinale oder darüber hinaus geschossen, wäre niemand auf die Idee gekommen, über deine „Ich ehre das Land meiner Ahnen“-Verrücktheit auch nur nachzudenken.

Die Auszeit nach eurer ungeplant frühen Rückkehr aus Putins Zarenreich hättest du dazu nutzen können, in dich zu gehen und ein bisserl Fußballrasen über die Sache wachsen zu lassen. Ersteres hast du laut eigenen Angaben gemacht; herausgekommen ist jedoch weder die Einsicht, dass Schweigen goldiger ist als Twittern, noch die Erkenntnis, mit dem öffentlichkeitsgeilen Leiberltausch niemandem einen Gefallen getan zu haben außer dem türkischen Staatschef. Im Gegenteil: Du hast eine noch viel größere Blödheit draufgesetzt, die bereits jetzt die Wahl zum Eigentor des Jahres todsicher in der Tasche hat.

Der arme Mesut als Rassismus- und Medienopfer? Ich weiß nicht, von welcher Seite du für diese krude Verdrehung der Tatsachen Mitleid erwartest. Da lässt du dich grinsend mit einem der größten Menschenrechtsverletzer der Erdkugel fotografieren und jammerst hinterher, dass kritisch darüber berichtet wird. Du stilisierst dich als Opfer Deutschlands, wo du geboren und aufgewachsen bist und auch deine Ausbildung zum Fußballprofi, immerhin die Basis für deine spätere Weltkarriere, erhalten hast. Und du behauptest frech, das Foto mit Erdogan habe nur mit Sport zu tun, nicht mit Politik. Wenn du das wirklich glaubst, bist du noch dümmer, als deine Aktionen jetzt unter Beweis stellen. Oder du hast das unfähigste Management aller Zeiten.

Nochmal in Großbuchstaben für dich, zum Mitschreiben: EIN GEMEINSAMES FOTO MIT EINEM POLITIKER HAT IMMER MIT POLITIK ZU TUN! Deshalb hättest du dir vorher überlegen sollen, wem dieses hirnbefreite Shooting nützen und wem es schaden könnte. Deine Suderei aber nützt definitiv den Falschen und schadet allen Migrationshintergründigen. Vor allem, weil sich in den Köpfen ein Gedanke festsetzt, den rechte Parteien jetzt Ende nie trommeln werden: Wir haben immer schon gewusst, dass selbst in Deutschland geborene Ausländer nicht integrierbar sind!

Deine Begründung für den Rücktritt aus der Nationalelf ist die letzte einer ganzen Reihe von Schwalben, für die du einen Elfmeter schinden wolltest. Zum Glück hat dich der Videobeweis aufgedeckt: Deine weinerlichen „Ihr seid alle so gemein zu mir!“-Tiraden gegen den DFB und die deutschen Medien sind nichts anderes als der letzte Rundumschlag eines trotzigen Bubis, der es sich mit allen verscherzt hat. Dabei windest du dich verbal wie Neymar nach einem Foul und machst ihm die Goldene Zitrone für die mieseste schauspielerische Leistung streitig.

Schlechte Verlierer mag niemand, Mesut. Weder im Sport noch im Leben. Vielleicht verstehst du das jetzt noch nicht. Aber nun hast du ja viel mehr Zeit zum Nachdenken. Möge dieser Doppelpass mit dir selbst ein paar gute Ideen bringen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Entschuldigung?

Integrative Grüße, Der Kernölbotschafter

Feder

 

22. Juni 2018: Sehr geehrter Innenminister Kickl!

Es ist zum Wiehern! Gestern wurde bekannt, dass sich für Ihre Königsidee, in Wien eine berittene Polizeitruppe zu installieren, erst vier Pferde gemeldet haben. Dem Vernehmen nach hatten Sie felsenfest mit einem heftigen Angalopp auf die zu vergebenden zwölf Plätze gerechnet, um aus der riesigen Herde auf dem Heldenplatz nur die stolzesten, reinrassigsten, heißblütigsten Exemplare wählen zu können.

Die Parade glich alsdann nicht einmal, wie es Ihnen kurz vor Geburt der Idee im Traum erschienen war, den vier Musketieren. Eher hatten interessierte Zaungäste den Eindruck, hier würden die Bremer Stadtmusikanten, Abteilung Equidae, aufmarschieren. Da der vom BVT angeforderte Pferdeflüsterer Robert Redford nicht verfügbar war, wurde der Kernölbotschafter, bekannt für seine investigativen Fragestellungen, damit beauftragt, den Kandidaten aufs Gebiss zu fühlen. Nachstehend das Protokoll der durchgeführten Interviews.

 Frage: Warum haben Sie sich als Polizeipferd beworben?

Antwort Pferd 1: „Ich wollte immer in die Spanische Hofreitschule, aber dort haben sie mich wegen der falschen Parteifarbe nicht genommen. Keine Ahnung, warum die dort nur die Weißen reinlassen. Eleganz tänzeln und arrogant dreinschauen kann doch jedes gerade gewachsene Pferd!“

Antwort Pferd 2: „Die Arbeit als Zuchthengst ging mir auf die Dauer zu stark auf die Psyche. Sie haben keine Ahnung, Herr Botschafter, welche Kommentare man sich von den blöden Stuten anhören muss, wenn man es nicht auf Knopfdruck bringt!“

Antwort Pferd 3: „Weil es schon nach fünf Dienstjahren beste Aufstiegschancen gibt. Ich hörte, an der New Yorker Met suchen sie ständig neue Pferde als Statisten. Schon immer wollte ich mein schauspielerisches Talent beim Einzug der Soldaten in der Aida unter Beweis stellen. Triumphmarsch, ich komme!“

Frage: Wie werden Sie die Arbeit unter Ihrem Chef, Innenminister Herbert Kickl, anlegen?

Antwort Pferd 1: „Von oben herab, genau mein Stil.“

Antwort Pferd 2: „Ich habe länger auf dem Regierungsfoto suchen müssen. Als dann feststand, dass der Kleinste mein neuer Boss ist, war mir eine Sache klar: Am Schwierigsten wird sein, ihn wirkungsvoll am Kinn zu treffen, wenn er mir zu nah am Arsch vorbei geht.“

Antwort Pferd 3: „Meiner Doppelqualifikation wegen wird der Herr Innenminister mich zum Anführer der Truppe ernennen, da fährt der Huf drüber! Ich war bisher nicht nur der Zuchtstolz meines Besitzers, sondern habe stets die Truppe mit coolen Sprüchen auf die Stampede eingeschworen. Dieses Talent werde ich vom ersten Tag an einbringen. Kostprobe gefällig? Reiten statt Hetzen! Ein guter Polizeitag beginnt mit einer aufgelösten Demo! Nieder mit den Linkslinken – Rechts von mir darf kein Sattel frei sein!

Das vierte Pferd konnte von mir nicht befragt werden; es schied aufgrund seiner zu geringen Größe bereits bei der ersten Prüfung aus. Die Anweisung, das ansonsten makellose Tier von der Musterung direkt zur Abschiebung freizugeben, stammt jedoch nicht von mir, sondern Gerüchten zufolge aus dem von Ihnen geführten Innenministerium.

Sie wollen jetzt mit einer internationalen Werbekampagne Pferde aus Deutschland und Ungarn zur Bewerbung einladen? Verständlich: Mit beiden Staaten wiehern Sie im Gleichklang, also sollten genug Interessenten vorhanden sein.

Für Pferd Nummer 4 hätte ich indes eine Alternative zur Abschiebung. Es hat genau die richtige Größe für Sie und könnte schon beim nächsten Nationalfeiertag auf dem Heldenplatz seinen Dienst anzutreten. Ein standesgemäßes Stockerl als Aufstiegshilfe wird sich finden.

Einen knackigen Polizeigruß entbietet Der Kernölbotschafter

Feder

15. Juni 2018: Lieber Boris "Bumm Bumm" Becker!

Was für ein Befreiungsvolley! Ich liege vor dir wie du einst auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon! Du entziehst dich der Strafverfolgung geschickter als so mancher sizilianischer Mafioso. Der muss dafür jahrzehntelang in einem Erdloch hocken und wird am Ende von den Carabinieri doch geschnappt. Wenn dir aber ein Land wegen deiner Schulden mittels Insolvenzantrag ans Bein pinkelt, schreist du erbost: „Diplomatische Immunität!“ Das berichtet der für seine weltbedeutenden Nachrichten weltbekannte Rotweißrot-Staatsfunk heute auf seiner Internetseite.

Als Erstes würde mich interessieren, welcher Winkeladvokat auf die Idee gekommen ist, dich von der Zentralafrikanischen Republik zum Sonderattache für Sport und kulturelle Angelegenheiten in der Europäischen Union ernennen zu lassen. Welche Aufgaben könntest du da wohl erledigen? Falls du Tenniscamps für zentralafrikanische Waisenkinder in deiner (wahrscheinlich schon bald gepfändeten) Villa organisierst, ist das aller Ehren wert. Ich befürchte jedoch, dass dein doch recht abrupter Wechsel vom Lebemann zum Diplomaten eher eigennützigen Interessen dient.

Du gibst es sogar selbst zu: Weil der Insolvenzantrag „sowohl ungerechtfertigt als auch ungerecht“ sei, machst du deine diplomatische Immunität geltend, um „diese Farce zu einem Ende zu bringen“ und anzufangen, dein „Leben wieder aufzubauen“. Jammern als Lebenseinstellung; das reicht für ein paar Schlagzeilen, wird dir am Ende aber – so hofft der Chronist als aufrechter Steuerzahler – die diplomatische Haut nicht retten.

Und ich befürchte, deine Chancen stehen schlecht. Weil der Insolvenzantrag aus Großbritannien kommt (hast du es in den Inn-Lokalen der Inner City von London zu oft krachen lassen?), wird sich Lady Prime Minister Theresa May auch deinen letzten Euro krallen, bis du alles zurückgezahlt hast. Nach dem Brexit werden die Untertanen der Queen nämlich Devisen nachrennen wie der Jagdhund den Enten am englischen Ufer des Ärmelkanals.

Lieber Boris, hier ein wohlgemeinter Rat: Es ist ehrenhafter, für eigene Fehler einzustehen und, falls nötig, sein letztes weißes Hemd zu geben, als sich feig (und undiplomatisch!) auf den Schwarzen Kontinent zu vertschüssen, noch dazu nur durch den Besitz eines druckfrischen Diplomatenpasses. Denn Hand aufs Herz: Wie oft bist du seit deiner Ernennung schon in der Zentralafrikanischen Republik gewesen?

Sportliche Grüße, Der Kernölbotschafter

Feder

 

Satiren des Tages - März 2018

 

30. März 2018: Lachend lange leben

Bregenz beheimatet nicht nur eine der besten Physiotherapeutinnen, eine Reihe feiner Hotels und ein Seeufer, an dem es sich wunderbar träumend sitzen oder auch trainierend schwitzen lässt. In der Hauptstadt Vorarlbergs und im Ländle rundum erscheinen außerdem die Vorarlberger Nachrichten, die mir bei meinem letzten Aufenthalt vor ein paar Wochen eine sprichwörtlich lebenslange Erkenntnis schenkten.

Die VN sind eine durchaus den Erwartungen entsprechende Bundesländerzeitung mit einem großen Herz für die Heimat, ob es um die Schülerlandesliga-Ergebnisse der Turnerinnen geht oder um Bürgerproteste gegen eine Baubewilligung, wie wir sie auch aus allen anderen Ecken Österreichs kennen. Auf einigen Seiten unterscheiden sie sich jedoch grundlegend von vergleichbaren Blättern, etwa von der steirischen Kleinen Zeitung: Hier werden (aus Gründen, die wir innerhalb der Kernölbotschafter-Redaktion bisher nicht erforschen konnten) jeden Tag viel mehr Traueranzeigen abgedruckt als sonst wo.

Jetzt ist das per se noch keine Erkenntnis. Als ich jedoch zuletzt in Ermangelung anderen Lesestoffs genau diese Anzeigen genauer studierte, fiel mir bei jenen, die mit einem Bild des/der Verblichenen behübscht waren, eine erstaunliche Verbindung zwischen Gesichtsausdruck und Lebensdauer auf. Ob Sie dieser bahnbrechenden Theorie des Kernölbotschafters Glauben schenken oder nicht: Wer mit freundlichem Lächeln oder einer anderen Art Heiterkeit das schwarz umrandete Kastl veredelte, war zuvor meist deutlich länger auf der Erde gewandelt als jene bereits über den Styx Gegangenen, die selbst auf dem bestmöglichen Bild dreinschauen, als wäre der griechische Höllenhund Kerberos noch immer hinter ihnen her.

Die Moral liegt auf der Hand: Humorvoll lebt es sich nicht nur besser, sondern auch länger. Und irgendwie würde es mich selbst nach Abholung durch den Sensenmann wurmen, wenn mein letztes öffentliches Antlitz eines mit bis zu den altersbedingten Hautfalten am Hals hängenden Mundwinkeln wäre. Bei meiner Beerdigung soll jemand Don’t worry, be happy singen – meinetwegen auch Bobby McFerrin vom Band. Das passt dann auch hervorragend zum Foto in der Zeitung, das ich vorab persönlich aussuchen werde, unter der Androhung, alle Erbinnen und Erben posthum aus meinem Testament zu schmeißen, sollten sie es wagen, ein anderes drucken zu lassen.

Bis dahin wird aber noch eine lange, heitere Zeit vergehen. Eine schöne Erkenntnis für den Karfreitag, wie ich finde. Frohe Ostern!

Feder

 

27. März 2018: Eine Viertelstunde mit Ö3

Weil ich auf der gestrigen Fahrt zur Physiotherapie nach Gnas mein Hörbuch nicht dabei hatte, verfiel mein manchmal unberechenbarer Optimismus der Hoffnung anheim, jener sich selbst gerne als Hitradio bezeichnende Sender könnte zur Abwechslung und nur für mich etwas Hörbares aus den 80ern spielen. Falls mein Glück beinahe grenzenlos wäre, ginge sich auch noch ein Verzicht auf platte Witzchen der Marke Kommt ein Ritter in die Apotheke aus. Bitte – danke.

Doch erstens kam es anders, zweitens schlimmer als ich befürchtet hatte. Erst quälte ein unsägliches DJ-Mix aus der Dose meine Ohren, das noch nie ein mit zwei Händen zu spielendes Musikinstrument auch nur aus der Ferne gesehen hatte. Und danach ließ Philipp Hansa nicht etwa einen humorbefreiten Gag vom Stapel. Nein, er packte gleich den großen Hammer aus: eine Umfrage zum Thema Beziehungen.

Ich griff das Lenkrad fester, wappnete mich so für die erste der beiden Haarnadelkurven ins Gnaser Tal und zugleich für den Blödsinn, der unvermeidbar aus der akustischen Beschallungsmaschine kommen würde. Und ich wurde nicht enttäuscht: Die Meinungsforscher verlauten Bahnbrechendes!

Bub und Mädchen schätzen beinahe das Gleiche am jeweils anderen Geschlecht. Lesen und staunen Sie: Beide sollen humorvoll, gebildet und reisefreudig sein. Aber geh! Er findet Sie perfekt, wenn Sie auch noch ein bisserl Sportlichkeit mitbringt. Sie mag Ihn am liebsten, wenn Er mit Ihr auch noch ins Theater und Museum geht.

Irgendwie gelang es mir, den Lachanfall bis nach der zweiten Haarnadel zu unterdrücken. Dabei half mir die Erinnerung an die politische Zeit eines Jörg Haider, als niemand öffentlich zugeben wollte, FPÖ zu wählen, die Blauen aber trotzdem bei 27 % landeten. Hier ist es ähnlich. Auf die Frage, was man in Beziehungen gut findet, verlassen nicht eigene Gedanken und Überzeugungen den Mund, sondern halt irgendetwas Nettes, das sich gut anhört.

Woher ich das weiß? Aus gut zwanzig Jahren intensiver Feldforschung. Ich bin quasi mein eigenes Forschungsobjekt und fasse hier und jetzt für meine Leserschaft das Ergebnis dieses rigorosen Selbstversuches zusammen. Meine Bildung liegt über dem Durchschnitt, ich bin gerne unterwegs und versorge die Nation als Kernölbotschafter seit mehr als zwei Jahrzehnten mit gediegenem Humor. Zahl der Anträge, die ich in dieser Zeit bekommen habe? 0.

Daraus lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen. Wenn derartige Umfragen auch nur einen Gramm Wahrheit enthalten sollen, müssen sie künftig geheim und unter Eid erstellt werden. Oder man verzichtet ganz darauf und gibt sich stattdessen mit den Witzen auf Ö3-Niveau zufrieden. Kommt ein Ritter in die Apotheke und fragt: Hast du ein Mittel, Alter?

Über die Umfrage habe ich mehr gelacht.

Feder

 

26. März 2018: Nur a bisserl Hirn

Letzten Freitag Abend an der Bar des von mir frequentierten Grazer Pokerklubs, kurz vor dem Turnier. Beim Warten auf mein Standardgetränk (warum es ausgerechnet hier Ananassaft gibt, im Gegensatz zu den meisten besser sortierten Lokalen, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben) werde ich Ohrenzeuge eines bemerkenswerten Kurzmonologes.

„Bei mir is jo olles dahin. Kreuz, Leber, Lunge, Knia, olles in irgendana Oart defekt. Nur a bisserl Hirn is ma no bliebn, des reicht grod fias Pokern.“

Der Mann, nach vorsichtiger Schätzung zwischen fünfzig und sechzig, nimmt einen kräftigen Schluck von seinem Krügerl Puntigamer und zieht dann tief an seiner Marlboro. Und wieder wird von dem, was seine Lunge und Leber noch leisten können, a bisserl weniger.

Auf dem Weg zum mir zugelosten Spieltisch beschäftigt mich ein existenzielles Rätsel der Menschheit. Warum reicht a bisserl Hirn für ein komplexes Spiel wie Poker, aber nicht dafür, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern?

Könnte ich dem lieben Gott diese Frage stellen, würde er wahrscheinlich antworten: „Gehirn und Körper sind Geschenke von mir. Beides ordentlich benützen – das müsst ihr schon selbst, Leute!“ Eine atheistische (man könnte auch formulieren, österreichische) Theorie vom Kernölbotschafter: Hätte die Bundesregierung das schon beschlossene Rauchverbot in Lokalen nicht gekippt, wäre der blauen Stammwählerschaft wohl noch immer zu viel Hirn geblieben. Keine Zigaretten mehr in den Tschecherln hätten nämlich zwangsläufig weniger Krügerl und Stamperl zur Folge gehabt.

Das Risiko von zu viel Erkenntnis unter seinen Anhängern bezüglich der grandiosen Unsinnigkeiten, die seine Leute in gerade einmal 100 Tagen Regierungsbeteiligung von sich gegeben und angerichtet haben – die Rede von Gesundheitsministerin Hartinger-Klein zum neuen Raucherschutzgesetz im Parlament gehört schon jetzt zu den Klassikern im Fach Unfreiwillige Komödie –, kann HC Strache verständlicherweise nicht eingehen. Dafür verzichtet er lieber auf einen Lungenflügel und einen Teil seiner Leber.

Feder

 

6. März 2018: Beste aussichten

Jetzt hauen alle auf die arme Eva Glawischnig hin. Dabei hat sie nur konsequent nach einer Möglichkeit gesucht, a) ihre finanzielle Zukunft abzusichern und b) gleichzeitig allen, die in der Vergangenheit garstig zu ihr waren, den sprichwörtlichen Finger zu zeigen. Dabei hat die ehemalige Chefin der Grünen zumindest einen ihrer Werte beibehalten, wie sie nach der schon jetzt als legendär geltenden Antrittspressekonferenz bei Novomatic einer Freundin anvertraute: „Ich war und bin immer für die Energiegewinnung aus Wasserkraft eingetreten – also nach mir die Sintflut!“

Hinter vorgehaltener Hand wird Glawischnig für Ihren mutigen Schritt von den anderen Parteigranden bewundert. Viele planen schon jetzt für ihre Zeit nach der Politik. Aus gut informierten Kreisen erfuhr die Kernölbotschafter-Redaktion von ersten, durchaus spannenden Vorhaben. Alle nachstehend genannten Herren haben beste Aussichten.

Sebastian Kurz: Der Kanzler wird auch nach seiner Zeit als Regierungschef in der Politik bleiben, aber nur noch beratend tätig sein. Sämtliche Parteien sind an seinen Diensten als Ausreden-Schreiber interessiert, wenn es darum geht, unklare, unlogische und beim Volk unerwünschte Gesetze zu begründen.

Christian Kern: Dressman bei Dressmann. In der Faschingszeit verkleidet sich der Ex-Kanzler zusätzlich als beleidigte Leberwurst und verbreitet überall dort, wo die Leute zu gut drauf sind, schlechte Stimmung.

HC Strache: Der aktuelle Vizekanzler wir seine eigene Brillenkollektion auf den Markt bringen. Seine Verkaufsnische wird von älteren Männern besetzt sein, die in Kombination mit tief im Mundwinkel hängender Zigarette besonders cool wirken wollen. Straches Top-Modell „warm&klar“ wird zudem mit beheizbaren Nasenflügelstützen ausgestattet sein, um die Gefahr von Lungenentzündungen zu minimieren, wenn das Rauchverbot in der Gastronomie doch irgendwann von ignoranten und die heimische Gastfreundschaft mit Füßen tretenden Bürokraten eingeführt wird. In seiner Freizeit gibt Strache Kindern ohne Migrationshintergrund Nachhilfe in Geografie, Schwerpunkt Südosteuropa.

Matthias Strolz: Der Neos-Chef ist noch unentschlossen. Es wird aber auf alle Fälle eine Tätigkeit sein, für die man so richtig Cojones braucht.

Peter Pilz: Der Namensgeber der Liste Pilz ist bereits auf der Suche. Angebote gibt es zuhauf, doch eine Einigung ist bisher stets an einer Vorbedingung von Pilz gescheitert. Er möchte sich eine Mindestanzahl von Assistentinnen und Hostessen vertraglich zusichern lassen.

Feder

 

3. März 2018: Das Wochenende ist gelaufen

Nachdem mich heftige Rückenschmerzen aus einem unruhigen Schlaf auf dem schlechtesten Hotelbett seit Erfindung der Matratze geweckt haben, bin ich überzeugt, der Tag kann nur noch besser werden. Doch weit gefehlt.

Weil die Hocker in der Hotelbar allem Anschein nach ein enges Verwandtschaftsverhältnis mit dem Bett haben, beschließe ich, das Frühstück auf der Heimfahrt einzunehmen. Kaum habe ich den Zündschlüssel gedreht und meine Hände auf das eiskalte Lenkrad gelegt, sudert mich Max Giesinger aus dem Radio an, der „sie“ (vermutlich seine Ex) noch immer nicht vom Tanzen abhalten kann. Meine Hände frieren augenblicklich fest, als der Moderator nach dem Song auch noch verkündet: „Wir holen Max Giesinger für dich nach Österreich! Komm zum Winterabschluss-Open Air …“ Der Ort geht in meinem zum Glück erfolgreichen Versuch unter, der roten Nissan Micra Mouse auf der Querstraße vor dem Hotel nicht die Vorfahrt zu nehmen – irgendein Tiroler Dorf mit Ober- am Anfang und -schgl am Schluss. Mein Tritt aufs Gaspedal fällt ein bisserl heftig aus, als müsste ich mich unverzüglich so weit wie möglich von dort entfernen.

Im Lokal meines Vertrauens trifft mich in Form der Schlagzeile des Standard der nächste Stein am Schädel. Ex-Grünen-Chefin Eva Glawischnig beteuert, ihr Wechsel von der linken Gutmenschenpartei zum bösen Glücksspielkonzern Novomatic sei „nicht des Gehalts wegen“ erfolgt. Also ging es doch darum, den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen so richtig eine reinzuwürgen, passenderweise zwei Tage vor einer Landtagswahl. Aber wenigstens wissen wir jetzt, dass heiße Luft nicht nur um saubere Windräder strömt, sondern auch aus dem Mund  jener Frau, deren Überzeugungen biegsamer sind als ein in sich verknoteter Yogi.

Dass auch die famosen und heftig ersehnten Schoko-Croissants ausgerechnet am Samstag nicht feilgeboten werden, entlockt mir nur noch einen bitteren Seufzer. Mehr Beweise brauche ich nicht – das Wochenende ist gelaufen. Ich schlürfe einen Kaffee, schlurfe in die Kälte hinaus und fahre nach Hause.

Hoffentlich ist mein eigenes Bett noch da.

Feder

Satiren des Tages - Februar 2018

 

28. Februar 2018: Rüge vom Seifenspender

Gestern brachte das abendliche Journal Panorama einen Beitrag über das Internet der Dinge, das schon bald in unser aller Alltäglichkeit Einzug halten soll. Kühlschränke kaufen ein, wenn die Milch sauer wird, Staubsauger werfen ärgerlich laut ihre Bürsten an, wenn der Göttergatte wieder einmal vergessen hat, seine Schuhe vor dem Haus abzuputzen, und so weiter.

Eine Besonderheit auf diesem Gebiet hat das neu errichtete Allianz-Stadion zu bieten, Heimstätte der grünweißen Ersatzreligion namens Rapid Wien. Dort funken die Seifenspender in den Toiletten ein Signal an den Facility Manager (auf gut österreichisch: Hausmeister), wenn sie nachgefüllt werden wollen. Der macht sich dann ganz analog auf zwei Beinen auf den Weg und waltet seines Amtes.

Und auch die nächste Generation dieser schlauen Geräte ist schon in Planung. Dabei wird die aktive Mitarbeit der Fans ganz entscheidende Bedeutung zukommen. Betritt ein grünweißer Schal samt Träger ein Klo, messen Sensoren automatisch Herzschlag und Schweißabsonderung. Bleibt beides unter einen gewissen Niveau, gibt’s weder Wasser noch Seife – wer den Verein seines Herzens nicht gescheit anfeuert, braucht sich auch nicht waschen. Gleiches gilt für die Abgabe von Käsekrainern und Ottakringer.

Die anderen österreichischen Fußballklubs beobachten diese Entwicklung höchst interessiert und planen, sie für ihre Zwecke zu nutzen. Bei Sturm Graz wird an einem Superkürbiskernöl geforscht, das bei mangelnder Spielintelligenz (verhaute Doppelpässe, laxes Zweikampfverhalten etc.) den Spielern durch Direktinjektion aus den Stoppeln einen Energieschub verleiht.

Bei der Wiener Austria setzt man auf Schwarmintelligenz. Dort erhalten nur Fans Zugang zum WC, die vorher in eine Spendenbox einen Zettel mit mindestens zwei Namen für den nächsten Trainerwechsel einwerfen. Für die Nennung von Spielern, die auf dem Transfermarkt verfügbar und auch leistbar sind, spuckt der Spender automatisch ein zweites Papierhandtuch mit zartem Veilchenduft aus und spielt die Austria-Hymne.

Die radikalsten Änderungen sind bei Red Bull Salzburg zu erwarten. Da dank Dosen-Doping das Geld längst abgeschafft ist, plant Gründer und Eigentümer Dietrich Mateschitz, Fußballschuhe mit künstlicher Intelligenz entwickeln und diese dann auch spielen zu lassen. Spieler werden dann nicht mehr nötig sein. Für die Cristiano-Ronaldo-Pose vor einem Freistoß müssen die Zuschauer halt ein bisschen Fantasie entwickeln.

Mit diesem Masterplan hofft er, Salzburg irgendwann doch in die Champions League zu führen. Eine saubere Lösung, sogar ohne intelligenten Seifenspender.

Feder

 

27. Februar 2018: Gescheiter werden, bitte!

An manchen Tagen sollte man besser gar nicht aufstehen. Draußen hat es gefühlte 50 Grad unter Null, der Wind pfeift ums Haus. Folgerichtig bestehen die ersten Gedanken aus stichhaltigen Argumenten dafür, nicht einmal die linke kleine Zehe aus dem sicheren, warmen Platz unter der Decke zu verstoßen.

Dann springt automatisch das Radio an – ein Fehler, denn Ministerin Elisabeth Köstinger ist zum Interview ins Morgenjournal auf Ö1 geladen. Mangels Alternativen (für ein anderes Programm müsste ich aufstehen, wozu ich definitiv noch nicht bereit bin) höre ich halt zu und staune mit jedem Satz der Ministerin mehr darüber, wie perfekt sie eine Disziplin beherrscht, die leider nicht olympisch ist: Im Sich-Winden, um eine klare Antwort Herumreden hat Köstinger es zur wahren Meisterin gebracht. Das war schon durch die leidige Diskussion vor einigen Monaten bekannt, als sie nicht explizit sagen wollte, ob sie nun Ministerin oder doch Nationalratspräsidentin werden möchte. Aber diese Frage hatte die Wertigkeit eines akademischen Streits um der Kaiserin Bart.

Beim Rauchverbot in der Gastronomie verhält es sich völlig anders. Sämtliche Ärzte fordern, den bereits gefassten Beschluss umzusetzen, rund 400.000 Bürgerinnen und Bürger haben dafür unterschrieben. Und was sagt die gute Frau? Sie fühle sich an einen Koalitionspakt gebunden, der jeder Logik und jedem gesunden Menschenverstand widerspricht. Zur Erinnerung: Das war eine Gefälligkeitszusage des jungen Kanzlers an HC Strache, die nicht nur den Volkswillen, sondern auch das Amt Köstingers (immerhin firmiert sie als Nachhaltigkeitsministerin!) ad absurdum führt. Oder will sie den Beweis antreten, dass auch politische Dummheit nachhaltig sein kann?

Wer ohne Not eine Kleinigkeit zur Staatsaffäre aufbläst, die sich bei ein bisschen Willen mir nichts, dir nichts erledigen lässt (Fehler eingestehen, Antrag zurücknehmen, fertig), trägt den eigenen Anspruch Neu Regieren auf den Lippen, aber nicht im Herzen. Und schon gar nicht im Kopf, wo es am Wichtigsten wäre. Dem konsternierten Bürgerlein bleibt die Erkenntnis, dass er auch mit dieser Regierung offensichtlich eine Niete gezogen hat.

Ich seufze und will mir die Decke mindestens bis zum Ende dieser Legislaturperiode über den Kopf ziehen. Mit einem noch tieferen Seufzer stehe ich dann doch auf, um nicht auch noch Köstingers Ausführungen zur Umsatzsteueränderung in der Hotellerie ertragen zu müssen.

Jedoch gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer. Innenminister Herbert Kickl ließ mit einer Aussage aufhorchen, die ihm nur wenige zugetraut hatten: „Ich glaube, dass es nix Verbotenes ist, gescheiter zu werden.“

Also, jetzt alle zusammen, mit Inbrunst und im Chor: „DANN MACHT DOCH, BITTE!“

Feder

 

23. Februar 2018: Gottes bitteres Lachen

Wenn man über Dinge nicht weinen kann, soll man über sie lachen, heißt es im Volksmund. Irgendwann jedoch kommt der Moment, wo dieses Lachen im Hals stecken bleibt. Alle Wege, etwas mit dem Herzen zu erspüren, sind versperrt, und nicht einmal die Tränen bringen Erlösung. Sie schmecken nur noch bitter.

Es ist schwierig genug, die menschlichen Grausamkeiten zu ertragen, die jeden Tag auf der Welt geschehen. Tiefer noch trifft mich die augenscheinliche Unfähigkeit zur Läuterung, wie sie nach dem Amoklauf eines 19jährigen an einer Schule in Florida im Regionalparlament offenbar wurde.

Da beginnen Abgeordnete die Sitzung mit einem Gebet für die 17 Opfer, um danach mit 71 zu 36 Stimmen eine Verschärfung des Waffenrechts abzulehnen! Diese Ambivalenz (Falschheit ist der korrektere Ausdruck) ist mit dem menschlichen Verstand nicht zu erfassen.

Wer Gottes Wort im Mund führt, jedoch dagegen handelt, für den hat der Herr wohl nur bitteres Lachen übrig.

Feder

 

22. Februar 2018: Aus der Grauzone, Teil 2

Vor etwa einem Monat wurde an dieser Stelle über eine Kolumne von Gerti Senger in der Sonntags-Krone berichtet, die der Chronist nicht so recht einzuordnen wusste. Es ging um Grauzonensex; das klang recht mystisch und geheimnisvoll, etwa wie 50 Shades of Grey auf österreichisch, blieb aber, was die wirkliche Bedeutung anging, im dichten Nebel der Unklarheiten verborgen. Vielleicht von der Redaktion gewollt? Falls nicht, war es mir als Textunterlage fürs Sonntagsfrühstück eindeutig zu hoch.

Gestern Abend hatte ich endlich die Gelegenheit, den aktuellen James-Bond-Film Spectre anzuschauen. Ich mag Daniel Craig, und Christoph Waltz als Böser wie auch die österreichischen Drehorte verhießen einiges. Fazit nach einer halben Stunde: na ja … Die Action war gediegen, aber Figuren und auch Handlung blieben irgendwie ungreifbar.

Später sitzt James mit einer ätherischen Blondine, der ständig die Angst in den Rehäuglein steht, beim eleganten Abendessen im Speisewagon einer Art Orient Express für Arme, er im weißen Smoking, sie im Traum aus Silber. Die zwei wollen gerade ihre Vodka-Martini-Gläser klingen lassen, als der ihnen von der obergeheimsten Geheimorganisation nachgeschickte Mann fürs Grobe so mir nichts dir nichts hereinplatzt, die traute Zweisamkeit unterbricht und mit Bond eine Keilerei anfängt, die sich gewaschen hat. Sie zerlegen das fahrende Restaurant zu Kleinholz, watschen sich durch Küche (seltsamerweise frei von Personal) und Lagerraum, bis es 007 und der Ätherischen endlich gelingt, den finsteren Gesellen mittels an einem Bierfass befestigten Stricks um den Hals aus dem Zug zu befördern. Schnitt.

In der nächsten Szene beobachtet das erstaunte Auge eine Keilerei der anderen Art. James und die Blondine schaffen es nicht einmal mehr bis in ihr Abteil. Sie rütteln heftiger aneinander als die Schienen an den Rädern des Zuges. Jeder normale Mensch würde nach den eingesteckten Hieben einen Monat im Streckverband liegen und danach mindestens ein halbes Jahr auf Kur gehen. Nicht so Bond, aber der werkt ja auch deshalb im Geheimdienst Ihrer Majestät. Kaum ist eine Sache erledigt, fokusiert er sich sogleich auf die nächste.

Plötzlich öffnet sich in mir eine Erkenntnis, schneller als ein Spezialfallschirm von Q: Genau das ist Grauzonensex! Entweder man liegt für alle Zeiten darnieder, oder das Adrenalin und die Hormone reißen einen derart heftig in die Höhe, dass man gleich von selbst wieder aufrecht steht, bestes Stück inklusive. Keine Frage, wofür sich Bond entscheidet; sein Pluspunkt ist allerdings, dass er immer irgendwas (oder besser: irgendwen) zur Hand hat, was die Entscheidung enorm erleichtert.

Wenn ich mich also das nächste Mal wie erschlagen fühle, versuche ich diese Methode zur Rettung aus der Grauzone. Sie könnte zwar in Ermangelung des erwähnten Pluspunkts scheitern, aber darum kümmere ich mich nach der Keilerei.

Nachbemerkung: Heute berichtet die Kronenzeitung auf Seite 17, den Österreichern sei ihr Smartphone bereits wichtiger als Sex. Jetzt ist klar, warum James Bond nie ein Handy dabei hat.

Feder

 

21. Februar 2018: Stürmische Zeiten

Leicht hat es Donald Trump, seines Zeichens seit 13 Monaten amtseingeführter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, derzeit nicht wirklich. Entweder wird über ihn geschimpft (Steuerreform, Waffengesetze) oder gelacht (Frisur, Selbstverständnis). Und wäre das nicht genug, wird auch noch gegen ihn ermittelt: Irgendein garstiger Sonderermittler behauptet, er hätte den Wahlkampf um das mächtigste Amt der Welt mit unlauteren Mitteln (manche sagen auch: mit russischer Hilfe) zu seinen Gunsten beeinflusst oder zumindest davon gewusst. Kein Wunder, dass sich Donald bei so viel Bösartigkeit gegen ihn schon am frühen Abend in sein Schlafzimmer verzieht, ein paar Cheeseburger futtert und Serien auf seinem Riesen-Flatscreen schaut.

Gerade als Trump glaubte, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, wurde seine persönliche Wetterlage erst so richtig stürmisch. Eine Schauspielerin aus der Sparte Erwachsenenunterhaltung mit dem Künstlernamen Stormy Daniels, der den Ansprüchen dieser Bezeichnung durchaus gerecht wird (für die Wahrheitsfindung ist dem Kernölbotschafter keine Recherche zu … äh … mühsam), hatte kurzerhand beschlossen, den Begriff Schweigegeld nicht allzu wörtlich zu nehmen. Also plauderte sie aus dem Nähkästchen über eine kleine Affäre vor zehn Jahren mit dem damaligen Immobilienhai und heutigen Präsidenten. An die Auflage, für satte 130.000,-- Dollar nicht zu plaudern, fühle die Stürmische sich nicht mehr gebunden, weil es eh schon jeder wisse. Es dauerte auch nicht lange, bis ein weiteres Techtelmechtel aus jener Zeit publik wurde, diesmal mit einem Playboy-Model, als Trump zufällig in der Villa von Hugh Hefner vorbeigeschaut hatte und offenbar dem reichhaltigen Häschen-Angebot nicht widerstehen konnte.

Auch wenn Trumps Anwalt mit besten Absichten gehandelt hatte – auch er scheiterte mit dem Versuch, die Ereignisse unter den Teppich zu kehren. Das funktioniert nämlich nur, so lange der Teppich interessanter ist als seine Unterlage. Es ist anzunehmen, dass Stormy durch ihr offenherziges Geständnis ihren Marktwert steigern wird, wohl über die kassierte Summe hinaus.

Geschwiegen hätte auch besser Frau Dagmar Belakovitsch von der FPÖ. Da trommeln die Blauen seit Jahrzehnten für mehr direkte Demokratie, doch wenn ein Volksbegehren gegen ihre eigenen Ideen geht, ist es plötzlich  „politisch motiviert“ und daher abzulehnen, wie die Dame trotzig behauptet hat. Eine Gesundheitssprecherin, die gegen mehr Raucherschutz wettert – das allein verursacht einen Logikknoten im Gehirn. Alles nur, weil Parteichef Strache trotz seiner neuerdings zur Schau gestellten Staatsmännlichkeit nicht auf die Zigarette zum Espresso im Stammbeisl verzichten will. Und weil Kanzler Kurz geglaubt hat, ihm diesem kleinen Gefallen erweisen zu müssen. Aber wer Wind sät (siehe oben), wird Sturm ernten. Im Falle von Don’t Smoke hat der Sturm sogar kurzzeitig die Server im Innenministerium lahmgelegt, was die Schlangen auf den Gemeindeämtern verlängert und den Volkszorn noch weiter angefacht hat.

Stürmisch geht es auch über den Wolken zu. In einem holländischen Flugzeug hat ein Mann so heftig und anhaltend gepubst (eine geradezu nestroysche Wortwahl auf orf.at), dass er mit anderen Passagieren in Streit geriet und die Maschine deshalb in Wien zwischenlanden musste. Auch eine Möglichkeit, von luftiger Höhe auf dem harten Boden der Tatsachen zu landen.

Dies könnte auch den beiden anderen Protagonisten dieser kleinen Episode drohen – durchaus im Sinne der kritisch-aufmerksamen Allgemeinheit.

Feder

 

13. Februar 2018: Mein Goldberger-Effekt

Während ich bei der Kosmetikerin meines Vertrauens auf die Behandlung warte, knallt mir eine Titelschlagzeile auf dem Cover des Society-Magazins Steirerin entgegen: 50 ist das neue 30! Attraktiv, selbstbewusst, topfit: So cool geht 50+

Nicht mehr lange, und ich bin genau in der Zielgruppe, ist mein erster, nicht unbedingt schmeichelhafter Gedanke. Bei den Attributen kehrt jedoch rasch meine Zufriedenheit zurück, gewürzt mit einem Haucherl Stolz. Zwei von drei treffen absolut zu; ich überlasse die Wahl an dieser Stelle selbstverständlich meiner Leserschaft, im vollsten Vertrauen, sie werde je ein Kreuzerl beim richtigen Wort setzen.

Meine Überzeugung rührt auch von einem Kompliment her, das mir Freundin Christine vor kurzem bei einem Treffen angedeihen ließ. „Bei dir schlägt voll der Goldberger-Effekt durch“, meinte sie mit hörbarer Anerkennung in der Stimme.

„Und das ist?“, fragte ich ein wenig ratlos, weil mir ad hoc nichts einfiel, was ich mit dem ehemaligen Schispringer und Lieblingsschwiegersohn Österreichs gemein haben konnte.

„Na, jedes Mal, wenn ich dich sehe, schaust du jünger aus!“, rief Christine lachend. „Keiner kommt bei dir auf die Idee, du wärst Mitte 40.“

„Danke ergebenst“, erwiderte ich verschämt und spürte meine Ohren heiß werden. „Auch dafür, dass du das erste Grau an meinen Schläfen so geflissentlich übersiehst.“

„Komplimente sind dazu da, um angenommen zu werden“, wies sie mich mit leichtem Tadel zurecht und blinzelte bedeutsam. „Das gilt auch für Männer.“

Ja, richtig. Was außerdem für Männer gilt: Widersprich niemals einer Frau, schon gar nicht einer hübschen, die ehrlich meint, was sie sagt. Also prostete ich Christine zu und sagte: „Auf alle Komplimente!“, was sie mit dem typischen Blitzen in ihren Augen erwiderte.

Ich brauche also die Steirerin gar nicht, um offiziell bestätigt zu bekommen, dass ich auch noch mit 50- ein toller Hecht bin. (An topfit arbeite ich noch.) Wer jedoch glaubt, ich ginge zur Kosmetikerin, um meinem Goldberger-Effekt mittels schnöder Mittelchen und anderer Methoden der verschönernden Industrie nachzuhelfen, den muss ich leider enttäuschen. Priska und ihre Kolleginnen legen nur Hand an meine Zehennägel, die leider hin und wieder der unguten Art des schmerzhaften Einwachsens fröhnen. Das berührt meine Coolness nur insofern, als dass die Damen manchmal das Wasser für das Fußbad zu heiß einlassen.

Meine Attraktivität leidet nicht darunter. Nicht im Geringsten.

Feder

 

12. Februar 2018: 50% Rabatt auf Blödheit

Mit der durchaus praktischen Erfindung von E-Mails, die alsbald die schriftliche Post weltweit überflügelten, wurde huckepack eine weniger praktische Unterkategorie geliefert: die Spam-Mails. Zu Werbezwecken erfunden, verstopfen sie durch ihre schiere Menge sämtliche Posteingänge und erzeugen so ärgerlichen, weil unnötigen Mehraufwand für jeden Benutzer.

Hin und wieder sorgen Spams aber auch für Erheiterung. Manche Versender haben neben ihrer kriminellen eine ungewollt komische Ader und setzen sie unbewusst dafür ein, alles mögliche Zeug zu verkaufen, von riesigen Werkzeugkoffern um 50 Euro bis zu winzigen Pillen, die mannhafte Größe zum halben Preis vom Original versprechen. Sohin werde ich im Handumdrehen zum Heimwerkerkönig, und in der Nacht liegt das abgebildete, selbstredend superscharfe Model angesichts meiner befriedigenden Fähigkeiten erwartungsvoll in meinem selbstgehobelten Bett.

Aus dieser verlockenden Träumerei wecken mich zuverlässig die Finanzdienstleister unter den Spamern. Todsichere Investitionen an allen Ecken und Enden: Nigerianische Witwen, die das immense Vermögen ihres kürzlich verblichenen Gatten mit Hilfe meines Bankkontos außer Landes schaffen wollen und dafür Prozente weit jenseits der ortsüblichen Bankzinsen versprechen; sagenhafte Lottogewinne, für die ich nie ein Los gekauft habe; nicht zuletzt Kryptowährungen, die den persönlichen Geldspeicher schneller füllen, als es Dagobert Duck es jemals schaffen würde.

Aus der Gedankenwerkstatt Entenhausens stammt wohl auch  eine Mail, die vor wenigen Tagen eintrudelte. Der Text ließ mich erst stutzig werden und verursachte wenig später einen kaum zu entwirrenden Knoten in meinen mathematischen Ganglien.

Hallo! Einmalige Möglichkeit! NUR FÜR 24 STUNDEN! 50% Rabatt auf Bitcoin! Verdoppeln Sie Ihr Geld SOFORT!

Ich gebe zu, das System von Finanzwerten, die quasi aus sich selbst generiert werden, nie richtig verstanden zu haben. Aber der Verkauf eines Produkts zum halben Preis, das keine handfeste Ware ist, sondern nur eine von stark schwankenden Kursen beeinflusste Zahl? Das riecht doch zu sehr nach Beschiss. Da könnte ich auch gleich in mein Stammcafé gehen und zu meiner Lieblingskellnerin sagen: „Hallo Lisa, ich brauche dringend Kleingeld. Hier ist ein Zehner. Gib mir bitte zwei Zwanziger heraus.“ Schlagfertig, wie sie ist, würde sie antworten: „Täte ich gerne, Hannes, aber mir sind gerade die Münzen ausgegangen.“

Oder ist alles ganz anders? Könnte es sein, dass der künftige Verlust in diesem Angebot schon eingepreist ist? In Anbetracht des derzeit rasanten Wertverlusts der Kryptowährungen eine realistische Möglichkeit. Mir schwant, da will mich jemand abzocken. Jedenfalls lasse ich die Finger davon, sofortige Verdopplung meines Einsatzes hin oder her.

Wo war doch gleich die Mail mit den winzigen Pillen? Vielleicht bringt mir das superscharfe Model dieses Husch-pfusch-Viagra persönlich zum Testen vorbei, wenn ich genug davon bestelle. Man wird ja noch träumen dürfen.

Feder

 

2. Februar 2018: Die kürzeste Satire des Jahres

Jetzt haben wir gerade einmal ein Zwölftel von 2018 hinter uns gebracht, doch eine Meldung, die gestern aus Bildschirmen und Zeitungen gesprungen ist, hat tatsächlich schon jetzt das Zeug, zur kürzesten Satire des Jahres gewählt zu werden: Der US-amerikanische Präsident Donald Trump wurde für den Friedensnobelpreis nominiert.

Nach dem ersten Schock ist es nicht einfach, klaren Kopf zu bewahren. Der Chronist versucht es dennoch und listet die plausibelsten Gründe dafür auf, warum diese Nominierung Sinn macht, nach dem in Amerika so beliebten Hitparadenschema. Hier sind sie also, meine Top Five:

Platz 5: Donald Trump schafft Steuergerechtigkeit. Erst einmal nur für sich, aber das ist ein guter Anfang. Steuererklärung gibt er schon lange keine mehr ab. Wozu auch? Wenn irgendwann die Unternehmenssteuern auf Null gesenkt sind, kräht kein Hahn mehr danach, wie oft er mit seinen Firmen Pleite gemacht hat.

Platz 4: Donald Trump wirkt völkerverbindend. Die tiefen Gräben zwischen Weißen und Schwarzen in seinem Land sind schon lange ein Dorn im Auge des Präsidenten. Also lässt er weiße Polizisten so lange auf Schwarze schießen, bis das Problem nach der Mengenlehre gelöst ist und kein Politiker aus Dreckslochstaaten länger einen Grund hat, ihn als Rassisten zu beschimpfen.

Platz 3: Donald Trump liebt die Frauen. Er ist der mächtigste Mann der Welt, hat ein Topmodel an seiner Seite und noch dazu den allergrößten … Atomknopf. Kein Wunder also, dass sich die gesamte Damenwelt von einem so tollen Hecht liebend gerne betatschen lässt. Bei Trump ist das übrigens keine Belästigung, sondern der Beweis dafür, dass er Frauen noch mehr liebt als sie ihn.

Platz 2: Donald Trump rettet den Weltfrieden. Wer über ihn lästert, versteht ihn nicht. Sein Gezwitscher gegen Araber, Afrikaner, Europäer, Demokraten, Umweltschützer, Menschenrechtler und Nordkorea hat nur den Sinn, von den echten Gefahren der Welt abzulenken. Wer nicht daran denkt, fürchtet sich nicht. Und was Kim Jong Un angeht: Der hat ohnehin den Kleineren.

Platz 1: Donald Trump wird die beste Nobelpreisrede aller Zeiten halten. „Ladies and Gentlemen! Norwegen hat, im Gegensatz zu Europa, erkannt, dass ich der größte, tollste, stärkste Präsident of all time bin. Deshalb schlage ich vor, jede Menge Flüchtlinge von dort aufzunehmen. Unter einer Bedingung: Wenn ihr nächstes Jahr den Preis an Crazy Kim, den verrückten Koreaner, vergebt, müsst ihr mir versprechen, dass er kleiner ist als meiner. God save the Queen, God bless America!“

Dann bin ich aufgewacht und hoffte kurz, alles möge nur ein böser Traum gewesen sein. Doch weit gefehlt. Donald Trump wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, bereits zum dritten Mal hintereinander. Nicht die kürzeste Satire des Jahres, sondern traurige Realität.

 Feder

Satiren des Tages - Jänner 2018

 

25. Jänner 2018: Nur die Burger sind gleich geblieben

Ein wohlbekanntes Bild bei der amerikanischen Fleischlaberlversorgungsstation des Vertrauens am Wochenende: Der Familienvater schleppt ein mit Juniormenüs schwer beladenes Tablett zu einem freien Platz, während ein, zwei oder mehr gerade noch nicht oder seit kurzem schon schulpflichtige Nachwüchsige aufgeregt neben ihm herhüpfen, aufgeregt plappernd, was sie sich für den zweiten Gang wünschen.

Diese Szene beobachtete ich auch vor wenigen Tagen höchstselbst, doch nahm sie, zumindest in meinem persönlichen Kopfkino, eine völlig überraschende Wendung. Als ich mich nämlich mit meinem Standardmenü Spicy Filet Wrap & Stilles Mineralwasser zwecks Verzehr desselben niederließ, fiel mein Blick auf die Rückenansicht eines solchen Familienvaters, dessen beide Töchter bereits selig kauend beschäftigt waren. Genauer gesagt, auf sein T-Shirt.

I AM DEATH! I AM ETERNAL DARKNESS!

In krakeligem Silber auf schwarzem Grund. Darüber fand sich ein runenähnliches Zeichen, wie es Rumms- und Schepper-Bands jeglicher Provenienz gerne auf ihre Tonträger malen, um das Böse ihres Auftritts noch einmal um ein paar Grad ins Dunkelböse zu steigern.

Diese Botschaft, die gar nicht der glücklichen Eintracht jener kleinen Familie entsprechen wollte, brachte mein Fantasiekarussell ordentlich in Fahrt. Gut möglich, dass der Mann früher Sommers auf diversen Heavy Metal-Festivals zwischen Nordkap und Süditalien heimisch war wie der landläufige Schlagerfan heute bei Helene Fischer oder Andi Gabalier. Von manchen brachte er eine textile Erinnerung mit nach Hause.

Doch irgendwann waren die wilden Zeiten vorbei. Headbanging wurde von Kuscheltanz abgelöst, Heavy Metal von Babygeschrei, Bier im Plastikbecher von Mineralwasser. Nur die Burger sind gleich geblieben. Und heute, als kein sauberes Oberhemd zur Hand war, fiel es ihm wieder in die Hände, das T-Shirt einer anderen Ära. Die Erinnerung sorgte für einen warmen Nachhall.

Und so schließt sich ein Kreis. Ich bezweifle aber, dass der Mann vor vielen Jahren seinen Imbiss nach einer durchrockten und durchzechten Nacht mit ähnlichem Glück verzehrt hat wie jetzt, wenn er auf seine beiden Engel schaut. Mir scheint, er ist dankbar dafür.

Feder

 

23. Jänner 2018: Wenn Männer Kaffee machen

Es ist nicht mehr als ein weit verbreitetes Gerücht ohne jeden Wahrheitsgehalt, dass Männer keine guten Gastgeber seien. Die Einladung gestern bei meinem Freund Martin zum Kaffee bewies wieder einmal eindrucksvoll: Alles nur eine Frage der geraden Kommunikation unter Männern.

Martin: „Magst du deinen Kaffee mit Milch und Zucker?“

Ich: „Nur Milch bitte.“

Martin: „Milch muss ich erst organisieren.“

Ich: „Dann trinke ich meinen Kaffee schwarz.“

Ganz anders Frauen: „Magst du einen Kaffee?“ – „Schon, aber extra für mich brauchst du keinen machen.“ Alles klar? Zum Glück wurde Nespresso erfunden. Eine Kapsel einwerfen, eine Taste drücken, fertig. Und mit ein bisschen Glück taucht George Clooney im Shop auf. What else?

Feder

 

21. Jänner 2018: Aus der Grauzone

Seit ewigen Zeiten schon hat in der kunterbunten Sonntagsbeilage der Kronenzeitung, die ihren Namen sohin mit allem Recht trägt, das Evangelium dieses Tages seinen Fixplatz. Und ebenso lange (zumindest gefühlt) interpretiert gleich daneben der katholische Oberhirte des Landes, Kardinal Christoph Schönborn, die Bibelstelle in gelehrter Art und Weise.

Wer aber heute nach erfolgtem Textstudium noch immer auf Erleuchtungssuche ist, dem wird diese nur wenige Seiten weiter zuteil. Das wahre Wort zum Sonntag findet sich diesmal in der Lust&Liebe-Kolumne von Frau Professor Doktor Gerti Senger. Es lautet – darauf würden Sie nie im Leben kommen – Grauzonensex.

Worum es dabei geht, mögen Interessierte selbst nachlesen; ich bin sicher, dass in der näheren Umgebung noch einige Zeitungsständer gut gefüllt sind und man sich nach einem kurzen Rundumblick ein Exemplar angeln kann. Den Euro, der gerade nicht in der Jackentasche vorrätig ist, kann man ja beim nächsten Mal guten Gewissens drauflegen.

Zweifellos sorgt jedoch schon allein das Wort für ausreichend Kopfkino und damit Stoff für spannende mediale Gefechte. Da ich an dieser Stelle nicht vorhabe, mich um Kopf und Kragen zu schreiben, behalte ich meine eigenen Interpretationen für mich. So verschieden Männlein und Weiblein nun einmal sind – manche Kommentare vermitteln derzeit den Eindruck, als hätte es diese Unterschiede bisher gar nicht gegeben –, wird die Bandbreite der Reaktionen von A wie Aufschrei bis Z wie Zustimmung reichen.

Jedenfalls ist zu hoffen, dass Frau Senger aus der Grauzone ein bisschen Farbe in die Diskussion bringt, wie es sich für ihr Medium gehört. In der Zwischenzeit warte ich auf den nächsten dichten Bodennebel und schaue, was passiert.

Feder

 

19. Jänner 2018: Prozentrechnen mit dem KAV

Wer ein gutes Beispiel dafür braucht, warum Österreich Milliarden für sein Gesundheitswesen ausgibt, aber die Gangbetten in den Spitälern trotzdem mehr statt weniger werden, findet dieses im Wirtschaftsteil der gestrigen Ausgabe der „Presse“. Der KAV (Wiener Krankenanstaltenverbund) hat 2006 eine Maschine zur automatischen Medikamentendosierung bestellt. Fetter Preis: eine Million Euro. Damit sollte alles schneller und somit billiger verteilt werden, hieß es damals – die Kosten wären also schwuppdiwupp wieder eingespielt.

Erstens kam es anders, zweitens teurer, als die Damen und Herren dachten. Das System funktionierte nämlich nie. Nochmals zum Mitschreiben: nicht zur Hälfte, nicht zu drei Viertel, nein, gar nie. Deshalb wurde das Projekt 2014 wieder eingestellt. Die Dauer dieser Farce rechnen Sie bitte selbst aus, mein Frustpotential ist längst aufgebraucht.

Doch es kommt noch schlechter. Im Zeitungsbericht stand weiters zu lesen, dass die Maschine, die (sagte ich das schon?) nie funktioniert hat, zuletzt an den Hersteller zurückverkauft wurde. Schlanker Preis: zehntausend Euro. Das bedeutet, der KAV hat dem Staat und damit jeder Steuerzahlerin und jedem Steuerzahler einen Verlust von knackigen 99 Prozent beschert. Mit allen Nebengeräuschen wie Wartung, Serviceverträgen und sinnlosen Reparaturen betrugen die Gesamtkosten laut Stadtrechnungshof sogar satte 1,63 Mille. Auf den Kaufpreis für einen Schrotthaufen wurden also noch einmal mit lockerer Hand knappe zwei Drittel draufgelegt.

Meine Tastatur ist schon so heiß vor Wut, dass ich mir gleich die Finger verbrennen werde. Also noch drei kurze Fragen an den KAV: 1. Wer schließt Verträge, die Zahlungen nicht mit der Funktionsfähigkeit des Kaufgegenstandes verknüpfen? 2. Wer prüft solche Verträge und gibt sie frei? Und 3., am Allerwichtigsten: Wer steht dafür gerade? Da die Geschichte nicht in Schilda, sondern ganz real in unserem schönen Lande spielt, dürften die Antworten bekannt sein – sie lauten für alle drei Fragen gleich: die anderen!

Bekannterweise handelt es sich nicht um einen bedauerlichen Einzelfall – das Chaos rund um den Neubau des Krankenhauses Wien Nord sei Interessierten zur Recherche empfohlen. Also muss sich sohin der gelernte Homo Austriacus nicht über Gangbetten wundern, sondern eher über die Tatsache, dass unser Gesundheitswesen überhaupt noch funktioniert. Aus dieser Perspektive steht jedes einzelne Gangbett halt noch immer auf einer Insel der Seligen namens Stadt Wien, die ihren Langzeitbürgermeister demnächst mit allen Ehren in die wohlverdiente Politikerpension entlassen wird.

Tu felix Austria!

Feder

12. Jänner 2018: Gottes Geschenk per Mail

Ein guter Tag beginnt mit einer guten Nachricht. Wenn diese Nachricht außerdem direkt ins persönliche Glückszentrum fährt, kann im Grunde überhaupt nichts mehr schiefgehen, oder?

Grüße, lieber Freund, Wie geht es dir und wie geht es deiner Familie? Mein Name ist Mavis Wanczyk aus den USA, am 24. August 2017, ich gewann $ 758.7 Millionen Powerball Jackpot Lotto. Mein Sieg war Gottes Geschenk an mich. Meine Wohltätigkeitsstiftung hat Sie als unseren glücklichen Begünstigten ausgewählt, die Summe von € 4.000.000,00 zu erhalten. Bitte kontaktieren Sie mich für alle Details …

Ist das nicht der Wahnsinn? Durch die Wohltätigkeit einer wildfremden Amerikanerin, die nichts anderes im Sinn hat als ihr ganz persönliches Glück mit mir zu teilen, ist die Erfüllung meiner (durchaus vorhandenen) materiellen Wünsche nur eine Mail entfernt.

Was mich einzig davon abhält, unverzüglich zu diesem Goldmariechen nach Trump-Land aufzubrechen und mich wie bei Moneymaker unter ihre Gelddusche zu stellen, ist die seltsame Tatsache, dass sie nicht die Erste ist, von der ich so verheißungsvolle elektronische Post erhalte. Würde ich alle Summen zusammenrechnen, die ich auf diesem Weg geschenkt, verdient, zugelost bekommen hätte, wäre ich heute schon zigfacher Mulitrillionär. Bis dahin aber hätten mich jene Summen, die ich vorab als „Bearbeitungsgebühr“ entrichten sollte, finanziell ruiniert.

Sohin wird es mit dem Geldsegen wohl noch ein Weilchen dauern. Als Liebhaber kleiner Geschenke würde ich mich schon über die Verbannung solcher Mails aus meinem Posteingang sehr freuen.

Eine Frage beschäftigt mich aber trotzdem: Wer hat dieser Singdrossel (Mavis, altenglisch) eigentlich gezwitschert, wann ich Geburtstag habe? Vielleicht schreibe ich ihr doch zurück.

Feder

 

10. Jänner 2018: Skandal um Heinzi

Wurde Heinz Christian Strache von Aliens entführt und durch eine Grinsekatze als Doppelgänger ersetzt? Dieser Schluss liegt nahe, wenn man jene Verwandlung betrachtet, die der FPÖ-Chef durchmacht, seit er Vizekanzler auf seinem Büroschild stehen hat.

Am Anfang war die Brille. Strache muss sich bei einem Blick in den Spiegel gedacht haben: „Das einzig Schneidige an mir ist nur noch mein Vornamenskürzel. Die Zeit als junger Oppositionshaudrauf ist wohl endgültig vorbei.“ Also beschloss er, ab sofort auf Staatsmann zu machen. Die Brille ließ ihn nicht nur älter, sondern auch seriöser wirken, was ihm schon bei den Koalitionsverhandlungen zugute kam. Dort war er auch nie der Gefahr verfänglicher Fotos ausgesetzt; statt drei Bier bestellte er nur noch ein stilles Wasser.

HC mäßigte auch seine Sprache. Sein politischer Instinkt machte ihm rasch klar, dass er als väterlicher Freund des juvenilen Kanzlers bei den Medien mehr reißt als durch das bloße Nachplappern einfältiger Kinderreime des Neo-Innenministers. Aus Daham statt Islam wurde sohin im Handumdrehen „Wir finden eine Lösung, die für unser Land am besten ist.“

Letzter Punkt auf der Verwandlungs-to-do-Liste: Der Vizekanzler nahm sich vor, sein Allgemeinwissen einige Stufen nach oben zu fahren. Unter dem Motto pimp my general knowledge surfte HC nächtelang durch Wikipedia-Seiten von A wie Alpenüberquerung Hannibals 218 v Chr. bis Z wie Zombiefilme. Bald danach war wieder ein Pressegespräch angesetzt, bei dem er mit seinem neu aufgeziegelten Hirnlexikon brillieren wollte. Kaum bekam der Vize vom Bundeskanzler das Wort zugeteilt, legte er schon los: „Wir machen es ab sofort in der Regierung wie die Spider Murphy Gang“, postulierte HC im Brustton der Überzeugung und setzte zitierend fort: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.“

Ein paar ältere Journalistenhasen, die in deutscher Popgeschichte sattelfest waren, blickten einander irritiert an. Diese Zeile hatte doch eine andere Combo berühmt gemacht, aber welche bloß? Ein besonders findiger Schreiberling erinnerte sich gleich an den größten Hit der von Strache genannten Band und konstruierte daraus die halblustige Schlagzeile Skandal um Heinzi!

Filme und Liedtexte sind klassische Zitatfallen, über die man schon einmal stolpern kann; deshalb wird der neue Vizekanzler seinen Fauxpas auch nicht so tragisch nehmen. Viel wichtiger ist, dass die Bundesregierung trotz zahlreicher kerniger Querschüsse ihrem selbst verordneten Höhenflug treu bleibt. Sonst könnte ein kurzer Sturzflug mit nachfolgendem Totalschaden namens Neuwahlen die fatale Folge sein. Sämtliche Geier der Opposition warten nur darauf.

Geier Sturzflug – so heißt die deutsche Band. Danke, Heinzi!

Und hier die beiden Originale:
https://www.youtube.com/watch?v=RUdyqJuJOAs
https://www.youtube.com/watch?v=Qqp4y3mbkJo

 

Feder

 

9. Jänner 2018: Späte Erleuchtung

Der Preis für die Dummheit des Tages wurde heute schon früh vergeben. Um halb elf meldeten die Radionachrichten, eine Salzburgerin (39) hatte beim Abräumen ihres Christbaums drei nicht abgebrannte Wunderkerzen entdeckt. Dies bescherte ihr eine Idee, die in ihren Gedanken als perfekt gemaltes Weihnachtsbild erschien: Noch einmal den Geist von Heiligem Abend und Christkind auferstehen lassen! Sich im hellen Schein der Spritzkerzen etwas wünschen, das 2018 mit absoluter Sicherheit in Erfüllung gehen wird!

Nur Sekunden, nachdem die gute Frau ihren wunderbaren Einfall in die Tat umsetzte, trat tatsächlich Erleuchtung ein. Diese stammte jedoch nicht vom Stern von Betlehem, der sich spontan zu einem Wiederholungsbesuch entschlossen hatte. Vielmehr waren die nach über zwei Wochen doch schon recht trockenen Zweige des Nadelbaums aufgrund des unerwartet plötzlichen Temperaturanstiegs in unmittelbarer Nähe Feuer und Flamme, im wahrsten Sinne der Worte.

Was dagegen gesprochen hätte, die Wunderkerzen fürs nächste Weihnachtsfest aufzuheben oder einfach zu entsorgen, war dem Radiobericht nicht zu entnehmen. Nachdem die Entflammte durch die rasche Reaktion eines Nachbarn zum Glück nur leicht verletzt und auch ihr Haus gerettet wurde, lassen sich immerhin zwei interessante Schlussfolgerungen ziehen: 1. Wer vor Ideen nur so sprüht, möge die Gefahr ungewollten Funkenfluges ernst nehmen. 2. Wenn späte Erleuchtungen zu Feuer und Flamme werden, sollte ein Kübel Wasser stets in Griffweite sein.

Feder

 

4. Jänner 2018: Wenn zwei schwindeln

„Einen Schilling für jedes Mal, wenn du mich anschwindelst.“ Das Sprichwort aus meiner Kindheit kam mir gestern in den Sinn, als ich zwei Meldungen im Internet las, deren Verbindung sich erst auf den zweiten Gedanken offenbart. 1. Google hat 2016 durch Steuerschlupflöcher 6,1 Milliarden Dollar gespart. 2. US-Präsident Donald Trump hat seit seinem Amtsantritt genau 1.950 Unwahrheiten verbreitet. Er nennt das alternative Fakten, weil sein Intelligenzquotient offenbar nicht dafür ausreicht zu erkennen, dass sich diese beiden Begriffe gegenseitig ausschließen.

Ganz egal, denn für beide funktioniert es. Der Internetkonzern kommentierte lapidar, man halte sich in jedem Land an die geltenden Steuergesetze. Und Trump interessiert sich ohnehin nicht für Fakten, solange er den Größeren hat (Siehe die Tagessatire von gestern).

Zeit für eine kleine Milchmädchenrechnung: Für jede Lüge des mächtigsten Mannes der Welt sackt einer der mächtigsten Konzerne der Welt 3,128.205,13 Dollar an nicht bezahlter Steuer ein – Geld, das für Sozialausgaben fehlt. Fazit: Die Mächtigen erklären nicht nur die Lüge zur Wahrheit, wenn ihnen danach ist, sie verdienen noch dazu blendend damit. Auch ein Steuerschlupfloch ist nichts anderes als ein alternatives Faktum.

Schlechte Zukunftsaussichten für die Menschheit, wenn es 2018 und die Jahre danach so weitergeht. Es gibt aber Lösungen für das Schlamassel, das wir uns selbst aus purer Obrigkeitsgläubigkeit eingebrockt haben: 1. Weltweite Steuergesetze schaffen, die den Namen verdienen. 2. Beim nächsten Mal einen amerikanischen Präsidenten wählen, den das Amt verdient.

Feder

 

3. Jänner 2018: "Ich hab' den Größeren!"

Ich kenne kaum jemanden, der sich nicht gern an seine Kindergartenzeit zurückerinnert. Unbeschwerte Tage voll Lachen und Glückseligkeit, für die nur ein Glas Apfelsaft oder ein Tüteneis nötig war. Dazu das Entstehen eines Gefühls, das nicht benannt werden konnte und doch die Basis für ein gelingendes Leben legte: Freundschaft.

In der Sandkiste aber, da hörte die Freundschaft auf. Knallhart ging es darum, wer mit dem größeren knallroten Küberl mehr Sand aufhäufen und diesen danach mit dem größeren knallgrünen Schauferl plattklopfen konnte. Bei der Kampfausrüstung war ich durchaus ebenbürtig, nicht aber bei der Geschwindigkeit. Als die anderen Buben schon uneinnehmbare Trutzburgen errichtet hatten, lag vor mir noch immer ein unförmiger Sandberg.

Im Laufe der Jahre reifte in mir glücklicherweise die Erkenntnis, dass weder Küberlgröße noch Arbeitsgeschwindigkeit entscheidende Faktoren für Lebenserfolge darstellen. Vielmehr kommt es auf das Wie und das Was an – wofür setze ich meine Möglichkeiten am besten ein.

Nicht allen jedoch, und damit komme ich zum Punkt dieser Tagessatire, ist diese Entwicklung vergönnt. Das ist schade, denn außer dem Fokus auf das Wesentliche schenkt sie auch ein großes Maß an Gelassenheit. Und genau die fehlt dem mächtigsten Mann des Planeten.

US-Präsident Donald Trump wusste nichts Besseres, als auf die kindische Drohung von Babygesicht-Diktator Kim Jong Un aus Nordkorea („Der rote Knopf für die Atombomben ist immer auf meinem Schreibtisch!“) in gleicher Kindergartensprache zu antworten: „Dafür ist mein Knopf größer und auch viel mächtiger als deiner!“

Das Machogeplänkel zweier Egomanen, die einander wie stolze Pfauen ihre bunten Federn ins Gesicht halten, wäre amüsant, würde es sich nicht um zwei Militärführer von zumindest zweifelhafter geistiger Stabilität handeln. Wessen politischer Horizont nur dafür ausreicht, auf eine große Bombe mit einer noch größeren zu reagieren, dem sollte man wohl so rasch wie möglich die Codes für sein Lieblingsspielzeug wegnehmen. Ansonsten ist irgendwann alles Denken mit dieser einen Lösung ausgefüllt – und sie kommt zur Anwendung.

Ein Vorschlag zur Güte: Sämtliche Staatenlenker mit Atomwaffen vereinbaren einen gemeinsamen Termin in der Herrensauna. Dort wird unter notarieller Aufsicht überprüft, wer den Größten, Längsten, Dicksten hat. Eine weltweite Live-Übertragung des Events, in Deutschland moderiert von Florian Silbereisen und Helene Fischer, bringt bestimmt höhere Einschaltquoten als der Silvesterstadl und die Herrenabfahrt in Kitzbühel zusammen. Der Sieger darf sich obendrein mit Recht mächtigster Mann des Planeten nennen.

Dann ist vielleicht Ruhe – bis zur nächsten Wahl.

Feder

 

2. Jänner 2018: Déjà-vu für Aug' und Ohr

Wieder ein Jahr vergangen! Und noch dazu so schnell, dass ich meine Überzeugung, die erste Satire des Jahres 2017 könnte doch höchstens einen Monat alt sein, erst nach mehrmaliger Konsultation des aktuellen Datums als falsch akzeptierte.

Höchst bemerkenswert fand ich beim Stöbern in meiner satirischen Datenbank den Ort, an dem sich meine Eröffnungsgeschichte des vergangenen Jahres zugetragen hatte: beim McDonald’s in Feldbach. Vor allem deshalb, weil sich dort auch heute etwas beobachten ließ, das den Chronisten in die Tasten greifen lässt. Zudem weisen beide Episoden durchaus ähnliche Züge auf.

Zur Erinnerung: Vor einem Jahr beschwerte sich ein Pärchen im breitesten Südoststeirisch darüber, keine Ausgabe von Österreich im Zeitschriftenstand vorzufinden, einheimisches Zeugnis höchster Journalismus-Kunst. Heuer ging es ebenfalls um das Wort, jedoch um das gesprochene – sozusagen ein Déjà-vu für die Ohren.

Ich hatte gerade die formidable Schokosauce vom meinen Cappuccino krönenden Milchschaum gelöffelt, als drei Jungmänner um die Zwanzig mit ihren hoch beladenen Tabletts den Nebentisch anvisierten. Offensichtlich hatten sie mit mir – meine Ehrlichkeit zwingt mich zu dieser ironischen Spitze – nicht mehr gemeinsam als die Zugehörigkeit zur gleichen Spezies. Jeder einen beachtlichen Burgerfriedhof vor sich her schiebend, ließen sie ihre von Fastfood gestählten Luxuskörper auf den glücklicherweise stabilen Sitzmöbeln nieder, wickelten den erstandenen Kaloriennachschub geräuschvoll aus und begannen zu mampfen.

Der geneigte Leser mag an dieser Stelle zurecht einwenden, dass es sich bei der beschriebenen Szene um eine für den McDonald’s typische Alltäglichkeit handelt. Meiner deutschen Tastatur entweicht keinerlei Widerspruch; ich füge jedoch an, dass sich die Besonderheit schon wenige Sekunden später zu entwickeln begann. Kaum schlugen sich nämlich sechs Kiefer mahlend in von weitem als latschert erkennbare Weißbrothälften, fingen die drei zugehörigen Münder zeitgleich an, sich zu unterhalten.

Ich konnte es nicht glauben und noch weniger – in doppeltem Wortsinn! – verstehen. Sie redeten mampfend, antworteten mampfend, verneinten wortreich mampfend oder stimmten ebenso mampfend zu. Eine Sprache, die aus tiefstem Südoststeirisch und dem gleichzeitigen Genuss amerikanischen Schnellrestaurantfutters gebildet wird, hat bestimmt noch keinen Namen. (Vorschläge bitte an die Redaktion.) Und sie wurde bis heute, da bin ich mir absolut sicher, von keinem seriösen Wissenschaftler untersucht.

Meine Faszination endete in dem Moment, als der Anführer der eindrucksvollen Truppe (er versteckte den größten Bauch unter seinem knallroten Trainingsanzug, was ihm die Position des Alpha-Tiers verschaffte) in die kleine Runde blickte und verlauten ließ: „Üernoanaunanöra?“ Das Warten auf Antwort verbrachte er mit dem Verschlingen des letzten Bissens, dessen Größe zweifellos jedem Kuchenstück meiner Salzburger Lieblingskonditorei Tomaselli Konkurrenz machte. Beide Befragten stimmten zu; sohin erhob sich Knallrot schwerfällig und schritt breitbeinig zum Bestellterminal, um alsbald an der Budel die zweite Runde in Empfang zu nehmen.

Beinahe wehmütig erinnerte ich mich an das Pärchen von 2017, als ich Die Presse vor mir zuschlug, in wenigen Schlucken meine Kaffeetasse leerte und nach meiner Jacke griff. Auf der Tragödie zweiten Akt hatte ich keinen Appetit. Mir wurde klar, dass von nun an McDonald’s-Besuche akustisch sowie visuell von mampfenden Urlauten und ihren Verursachern begleitet sein würden. Jede Bestellung trug ab sofort ein grell leuchtendes Warnschild: „Hier geht’s zum Burgerfriedhof!“

Auch eine Form von Diät. Vielleicht die effizienteste aller Zeiten.

 

Feder

Butler

Begegnung auf Augenhöhe

Einer der Grundsätze, die mir das Leben mit meiner Krankheit erleichtern, lautet: Entweder erledige ich notwendige Dinge selbst, oder ich organisiere, dass sie passieren. Ein schönes Beispiel dafür war der Besuch eines Restaurants mit Selbstbedienung in Niederösterreich.

Da ich es für wenig sinnvoll halte, ein Tablett mit Teller, Besteck, Glas und Mineralwasserflasche selbst mühsam an die Kasse und dann an einen Tisch tragen zu wollen, nur um irgendwann doch das Gleichgewicht zu verlieren oder durch einen ungewollten Rempler einen ungewollten Aufruhr zu verursachen, bitte ich stets gleich am Anfang eine Angestellte, mir zu helfen. Die erfahrene Kellnerin, die ich ansprach, tat das ohne zu fragen, weil ihr ein Blick auf meine Beine wohl die Notwendigkeit dafür verdeutlichte. An der Kasse übergab sie das Tablett einer Kollegin, weil sie weggerufen wurde: „Trag das für den Herrn an einen Tisch.“

Sie schaute fragend drein, stellte sich jedoch ohne ein Wort mit mir in die Schlange. Da ertönte hinter uns eine weibliche Stimme: „Und nicht vergessen: Sie müssen für den Herrn auch das Fleisch schneiden!“

Bevor ich darauf antworten konnte, war ich schon an der Reihe. Ich bezahlte und hielt dabei nach einem freien Tisch am Fenster Ausschau. Gleich darauf ging die junge Dame wie angewiesen neben mir her. Ich setzte mich, sie stellte das Tablett vor mich hin und fragte: „Soll ich Ihnen das Fleisch schneiden?“

Ich war erstaunt – am meisten über den Klang ihrer Worte, in dem weder Arroganz noch ein Das kannst du nicht? mitschwang, sondern reine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

„Nein, die Frau hat vorhin nur einen Witz gemacht. Aber vielen Dank für das Angebot.“

Diese wunderschöne Begegnung auf Augenhöhe machte das Essen zu einem wahren Genuss.

Kernoel

Rede des Parteigründers der ÖKP

Ein Weinkeller irgendwo im Schilcherland. Vor großen Eichenfässern ist ein schlichtes Pult platziert, ein Mikrofon steckt in einem Zierkürbis. Der angekündigte Redner verspätet sich beträchtlich, doch die Wartezeit wird den Zuhörern mit großzügigen Kostproben der flüssigen Art verkürzt. Schließlich öffnet sich zwischen den Fässern eine Tür. Allgemeines Raunen erhebt sich, dann kehrt Ruhe ein.

Sehr geehrte Damen und Herren, werte Vertreter der Medien und der Lügenpresse, liebe Ahnungslose vor den gebührenfinanzierten Sendungsempfangsgeräten des rotschwarzen Monopolfunks!

Hiermit erkläre ich nach langen Jahren erfolgreicher Tätigkeit als Kernölbotschafter fern meiner steirischen Heimat, dass die Zeit reif ist. Reif für eine neue Politik. Nein, für einen Neustart auf allen Ebenen. Nein, für eine neue Revolution! Deshalb gebe ich hier und jetzt die Gründung einer neuen Partei bekannt, die bei den kommenden Nationalratswahlen antreten wird. Der Name dieser Partei steht für alles, was in diesem Land seit ewigen Zeiten schmerzlich vermisst wird: Ehrlichkeit, Heimatverbundenheit, Fleiß und Zuversicht. Für all das tritt sie ein, die ÖKP: die Österreichische Kernölpartei!

Danke für den kräftigen Applaus, liebe Freunde. Ich sehe, Sie verspüren dieselbe Sehnsucht wie ich, die Sehnsucht nach Veränderung. Und genau diese Veränderung werde ich in meinem Parteiprogramm fordern. Als erstes starte ich ein steiermarkweites Volksbegehren gegen die schändliche Tatsache, dass nördlich des Semmering bereits mehr Kürbiskerne geerntet werden als bei uns, in der wahren Heimat des Schwarzen Goldes. Das geht gar nicht! Ich fordere hohe Einfuhrzölle gegen niederösterreichische Kürbiskerne. Ohne entsprechenden und bindenden Regierungsbeschluss darf der fesche Ex-ÖBBler weder TTIP noch CETA unterschreiben! Und sein Koalitionspartner kann bei dieser Gelegenheit gleich beweisen, wer bei den Schwarzen wirklich die Hosen anhat. Wenn Django Mitterlehner diesen für mich unverhandelbaren Beschluss nicht mitträgt, ist sofort klar wie Rindsuppe mit steirischem Wurzelgemüse, dass der Wind aus dem St. Pöltener Landhaus her weht.

Weitere Punkte des ÖKP-Parteiprogrammes werde ich rechtzeitig bis zu den Wahlen ausarbeiten und bekanntgeben. Es ist nicht anzunehmen, dass andere Parteigründer der letzten Wochen schneller sein werden. Nur Parteifarbe, Parteisymbol und Parteimotto stehen schon fest. Man wird die ÖKP an einem satten Schwarzgrün erkennen, an einem reifen Kürbis mit einem in die Zukunft weisenden Stängel und am Leitspruch, den ich wie das Licht der Erkenntnis vor mir her tragen werde: Salat ohne Kernöl ist wie ein Wiener Schnitzel ohne Panier. Und jetzt erheben Sie mit mir das Glas auf die neue Partei des Fortschritts, auf die ÖKP!

Zwei Stunden und noch mehr Gläser später ...

No zwa Sochn, die erschte an die Leit vu da Zeitung: Bittschei vawexlts mi net mit da KPÖ. Dei woan kuaz erfulgreich in Graz, owa nua duat. I wer alla in da Steiamoak a Grundmandat eifoahn, des is fix, sobold da Andi Gabaliä die Pateihymne eigsungan hot. Werds segn, die schiaßt vu null auf ans in die Tschards: Steiamoak, du stoakes Laund, rinnt as Wossa duach dei Haund wia des Kernöl in dei Maul, ba uns is kaner fia wos z'faul. Den Refrö hot a ma scho varrotn, da Andi.

Und as zweite geht an olle do: I suachat no a poa Leit fia vaschiedene Parteipostn. Bsunders da Finanzminister is no frei. I hob dreimol bam Frenk augfrog, oba sei Tochter, die Belinda, hot gmant, seit er as letzte Mol bam Settele im Auto gfoan is, traut er si in ka Vakehrsmittl mehr eisteign, net amol in sein Privatfliaga. A Übaweisung wiad er sicha mochn, oba des hot er scho friara vasprochn. Holt, des hot si jetzt greimt.

Draußn gibts no a Kernölblindvakostung. Wer darot, wölches Öl vu meim Sponsor is, kriagt fia a Untastützungserklärung an gaunzn Lita mit ham. Oiso pfiat eich, baba, untaschreibts und follts net!

Sudoku

Rätselhaftes beim Schachtelwirt

Im McDonald's beim Flughafen Graz, an einem Freitag knapp vor 18 Uhr. Es herrscht reger Betrieb, was auch daran abzulesen ist, dass alle lesbaren Tagesdruckerzeugnisse in Verwendung sind. Einzig fünf Österreich-Ausgaben stecken unberührt im Wandregal, daneben eine offensichtlich schon mehrmals gelesene, einsame KronenZeitung. Mit einem ergebenen Seufzer greife ich nach derselben, um wenigstens meine Schultermuskulatur mit zügigem Umblättern zu beschäftigen.

Mein Crispy Chicken Wrap hat schon zur Gänze den Weg seiner zerkauten Bestimmung gefunden, und ich will mich gerade dem Gartensalat zuwenden, als ich mitten in der für mich bisweilen diffizilen Aufgabe, das Balsamico-Dressing mehrheitlich auf dem Salat anstatt auf meiner Hose zu verteilen, abrupt innehalte. Auf genau der Anzeigenseite, wo neben automobilen, hellseherischen und horizontalen Angeboten auch die beiden Sudoku-Rätsel untergebracht sind, ist kein einziges der Kästchen durch eine Zahl entjungfert, nicht einmal durch einen senkrechten Strich, der den Versuch eines Anfangs andeuten könnte. Und das, obwohl fettige Burger- und Chicken-McNuggets-Finger überaus deutliche Spuren in der gesamten Zeitung hinterlassen haben. Das Sudoku wurde von niemandem angerührt.

Meine Irritation rührt von der Erfahrung her, zu so fortgeschrittener Stunde meist vollständig ausgefüllte Quadrate in der Krone vorzufinden. Zumindest der Schwierigkeitsgrad Amateur (den meine Mutter aufgrund der nicht vorhandenen Herausforderung stets verweigert, Anm.d.Chr.) ist fast immer gelöst, weil die Hürde selbst für die durchschnittlichen Rätselfans unter den durchschnittlichen Krone-Lesern nur die Höhe einer unterdimensionierten Treppenstufe aufweist und sohin unfallfrei zu überwinden ist.

Warum also hatte sich heute noch niemand dem Zahlen-Zeitvertreib gewidmet? Nachdem die Krone (traurig, aber leider nicht zu ändern) die auflagenstärkste Zeitung des Landes ist und gleichzeitig McDonald's der flächendeckendste Schnellimbiss, müsste logischerweise in jedem Lokal immer ein Leser des beliebten Kleinformats anwesend sein. Nimmt man nun auch noch alle Sudoku-Freunde in die Gleichung auf, ist die Chance, dass um 18 Uhr noch keines der quadratischen Rätsel gelöst ist, wohl verschwindend gering.

Während ich meinen Gartensalat samt Balsamico-Dressing gut durchschüttle (empfehlenswert ist hier die penible Prüfung, ob der Deckel fest auf der Plastikschale sitzt; sonst passiert das zuvor mühsam vermiedene Hosen-Malheur doch noch), schweift mein Blick durch das Lokal, auf der Suche nach einer visuellen Lösung für das knifflige Sudoku-Krone-McDonald's-Rätsel. Ich will schon aufgeben und mit Hilfe der kackbraunen Plastikgabel nach der einsamen Kirschtomate im Salat suchen, als ich der neuerdings eingeführten Bestellterminals angesichtig werde, die aussehen wie Smartphones aus dem Lande Brobdingnag, wo Gulliver den Riesen begegnet.

Auch ich war anfangs irritiert, als ich meine Bestellung nicht mehr einer hübschen Studentin diktieren durfte, die ihr karges Stipendium mit einem Nebenjob aufbessert. Die routinierte Bedienung dieses überdimensionalen Touchscreens bedarf einiges an Übung, wenn man nicht den falschen Burger, das falsche Wasser und das falsche Salatdressing an der ebenfalls neuen Ausgabetheke (jetzt steht die hübsche Studentin hier, wenigstens etwas) entgegennehmen will.

Angesichts der vielen schweren Entscheidungen, die man – angefangen von Hier essen oder Mitnehmen bis Mit Karte zahlen oder An der Kasse zahlen – treffen muss, erkenne ich im Bruchteil einer Sekunde, warum das Sudoku noch immer auf einen Zahlenkästchen-Kämpfer wartet. Für die durchschnittlichen Rätselfans unter den durchschnittlichen Krone-Lesern ist der Bestellvorgang am Riesentouchscreen eine spannende intellektuelle Herausforderung. Nach erfolgreicher Meisterung derselben ("Schatzi, heute hab' ich echt einmal bekommen, was ich gedrückt habe! Du auch?") sind die Grauen Zellen müde und müssen sich eine Weile ausruhen. Da reichen die Reserven nur noch für das Verarbeiten der Schlagzeile "Schlechte Noten für unser Bildungssystem!" und ein bisschen aktives Schultermuskeltraining.

War das jetzt höchste Satire oder tiefster Zynismus? Jede Meinung erkenne ich kritiklos an, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass noch Hoffnung besteht. Erinnern Sie sich an meine zu Beginn erwähnte Beobachtung von den unberührten Österreich-Ausgaben? Die KronenZeitung gehört beileibe nicht zu den höchsten Insignien journalistischer Schöpfung, doch erst wenn alle Exemplare jener blamablen Schundpostille, die mit ihrem Auftauchen vor zehn Jahren den ohnehin schon tiefen Boden des Niveaufasses mühelos durchschlagen hat, beim Schachtelwirt in Verwendung sind, sollten wir wirklich langsam nervös werden.

Versuch einer Einladung

Sonntag Nachmittag im Café Sacher. Nach einem intensiven Schreibwochenende gönne  ich mir wieder einmal meine kulinarische Lieblingssünde, ein kleines Savarin, bevor ich den Tag mit einer Komödie im Kino ausklingen lasse. Es herrscht viel Betrieb, doch am Fenster gegenüber der Kuchenvitrine wartet ein freier Tisch auf mich. Mein Seufzer schließt Erleichterung, Zufriedenheit und Vorfreude zu gleichen Teilen ein.

Am Nebentisch sitzt eine alte weißhaarige Dame, gebeugt von wohl mehr als achtzig Jahren. Die Aura ihres Begleiters, Großneffe oder Enkel dürfte ganz gut hinkommen, verströmt so viel Wohlstand, als wurde erst kürzlich ein neues, extra penetrantes Parfum dafür auf den Markt geworfen: hellblaue Wildlederslipper,  Maßsakko und eine Breitling, die kaum nach einem Mitbringsel vom letzten Strandspaziergang in Caorle aussieht. Seine Solariumbräune schafft es nicht ganz, die Langeweile in seinem Gesicht zu kaschieren.

Eine Kellnerin serviert den beiden Kaffee. Plötzlich zieht der junge Mann ein ultraflaches Mobiltelefon aus der Tasche und sagt: „Damit ich den Kleinen Braunen mit dir in Ruhe genießen kann, muss ich vorher noch eine Überweisung machen.“ Die alte Dame schaut ein wenig verwirrt, deshalb setzt er hinzu: „Der Reifenschaden, du weißt eh.“

Er beginnt hektisch, auf seinem Display zu wischen. Die Dame greift nach ihrer Tasse, zieht die Hand jedoch wieder zurück. Offensichtlich will sie nicht unhöflich sein.

„Nein, fang ruhig an“, meint  ihr Gegenüber, ohne sie dabei anzusehen. Im nächsten Moment springt er auf und sagt: „Der TAN-Code wird auf mein anderes Handy geschickt. Das muss ich schnell im Auto holen.“ Ohne ein weiteres Wort wendet er sich ab und verlässt eiligen Schrittes das Café.

„Die moderne Technik“, sage ich laut, weil mir die alte Frau leid tut. Sie reagiert nicht, ob aus mangelndem Hörvermögen oder aus Trauer, von diesem Flegel so rüde sitzen gelassen zu werden.

Als er nach mehr als zehn Minuten wieder erscheint (Ist das Auto jenseits des Kapuzinerbergs geparkt?, denke ich zynisch), hat die Dame ihre Tasse zur Hälfte geleert.

„So, alles erledigt“, sagt der Schnösel. „Jetzt können wir Kaffee trinken.“

Die alte Dame weist ihn auf einen Buben hin, der mit großen Augen vor der Vitrine steht und dann hektisch seinem Vater zuwinkt. „Schau, wie nett der Kleine ist.“

Der blöde Kerl hat aber schon wieder sein Handy in der Hand und wischt darauf herum. Da gibt die alte Dame es auf und seufzt. „Du solltest zahlen. Hast du die Kellnerin schon gerufen?“

„Nein, aber ich mache es gleich.“ Er hat keinen Blick für sie, nur für sein Telefon. „Du kannst vorausfahren, wenn du willst.“

„Wie meinst du das?“ Sie schaut ihn fragend an.

„Es war der Versuch eines Witzes.“

„Dann werde ich versuchen, darüber zu lachen“, kommentiert die noble Dame trocken, schüttelt leicht den Kopf und erhebt sich mühsam. Er findet es nicht der Mühe wert, ihr den Arm zu reichen.

Das war wohl der Versuch einer Einladung. Ich schaue der alten Frau nach, wie sie langsam und auf ihren Stock gestützt zum Ausgang geht.

Wie klein und flach Mobiltelefone in Zukunft auch sein mögen: Die Ignoranz, sich dahinter zu verstecken, ist immer groß genug.

Wenn Festspielgäste leiden

Von den furchtbaren Leiden der Festspielgäste berichten die Salzburger Nachrichten am 1.9.2015 auf Seite 9 ihrer Regionalbeilage. Das italienische Ehepaar Matilde und Fulvio Galleano, beide seit fünfzehn Jahren treue Besucher des Festivals, war unterwegs zu Beethovens Missa Solemnis in Großen Festspielhaus, als es einen Parkschaden verursachte. (Der Artikel gibt nicht an, wer von den beiden hinter dem Steuer saß, doch gehen wir einmal ganz logisch davon aus, es war die Frau.) Die Diskussion mit dem Unfallgegner, so heißt es in dem Artikel weiter, führte zu keinem Ergebnis – wohl auch wegen der Sprachbarriere.

Und schon befinden sich alle Fantasierädchen in meinem Kopf in wilder Rotation. So oder so ähnlich hat sich der verbale Länderkampf nach dem Bums abgespielt:

„Scusi!“

„Nix Bussi, Gnädigste. An Busara habenS‘ ma in mein neuen Lack einig’macht.“

„Ma non è un problema. Quanta costa?“

„Von welcher problematischen Küste Sie kummen, is mir gleich. Hier geht’s auch net um Flüchtlinge, sondern um mei‘ Auto! Los, gemma Unfallbericht schreib’n.“

Das italienische Paar starrt völlig verständnislos auf das Versicherungsformular. Das bringt die Gegenseite noch mehr in Rage.

„Guat, wenn's mit eich net anders geht, ruf‘ i jetzt die Polizei!“

„Polizia? No, non abbiamo tempo!“

„Jo, i find‘ die G’schicht a zum Wana. Leider hob i grod ka Tempo eing’steckt!“

Herr und Frau Galleano stecken kurz die Köpfe zusammen, entscheiden sich schließlich für die Freiheit zur Kunst und gegen den Zwang zur Kontrolle. Sie winken zum Abschied mit den zwei Konzertkarten um 290 Euro und fahren davon.

Der Rest der Episode ist kurz, aber für die italienischen Kulturfreunde finanziell schmerzhaft. Obwohl sie am nächsten Tag bei der Polizei alles zugeben, was der Unfallgegner selbstredend angezeigt hat, setzt es eine Strafe von 250 Euro – wegen Fahrerflucht.

„In Italien wird die Polizei wegen eines kleinen Parkschadens nicht tätig“, zitiert die Zeitung den Versuch einer schwachen südländischen Ausrede. Klar, die Exekutive unserer Nachbarn ist einzig mit den fiskalen Kollateralschäden beschäftigt, die ein gewisser Silvio B. hinterlassen hat.

Fulvio und Matilde reagierten verärgert, schließt der Bericht. Sie stornierten ihre Buchungen für 2016 und informierten davon die Spitzen des Landes, der Stadt und der Festspiele. Am meisten freuen dürfte das jedoch all jene, die im nächsten Jahr rund um die Aufführungsorte ihre Autos sicher parken möchten.

Es ist wohl dem alljährlich grassierenden Festspielfieber zuzuschreiben, dass der ungenannte Journalist der SN hier aus Tätern Opfer macht, ohne mit der Feder zu zucken. Mir beschert der Vorfall eine spontane Geschäftsidee: Sollte ich im kommenden Sommer Geld brauchen – was ziemlich sicher der Fall sein wird –, überfalle ich einfach eine Bank. Wenn ich geschnappt werde, ziehe ich ganz locker eine Eintrittskarte aus der Tasche und rufe: „Tut mir leid, keine Zeit für die Polizei. Ich muss zum Fidelio!“

(Foto: Gmachl.com)

"Mozart? Nie gehört!"

„Ach, Sie haben ein Buch geschrieben? Worüber?“

Je öfter mir diese Worte entgegenwehen, desto heftiger verspüre ich den Wunsch, meine Lieblingsantwort würde der Wahrheit entsprechen: Von meinem letzten Roman wurden mehr als hunderttausend Stück verkauft, und das Buch davor wird gerade mit Tom Cruise, Gwyneth Paltrow und Arnold Schwarzenegger (ein Kernöl-Bezug muss sein)in den Hauptrollen verfilmt.

Kaum ist dieser sekundenlange Tagtraum zu Ende, sage ich brav: „Es gibt zehn Bücher, darunter drei Romane, Satiren und Gedichtbände.“ Wenn ich es noch schaffe, meine Karte an den Mann oder die Frau zu bringen, folgt meist ein rhetorisch-höfliches „Ich schau‘ mir alles auf Ihrer Homepage an, ok?“ – und dann der Themenwechsel.

Episoden wie diese beweisen schon seit langem, welchen Bekanntheitsgrad meine Bücher haben. Positiv formuliert, sind sie der geheimste aller möglichen Geheimtipps. Trotzdem werde ich in wenigen Wochen bei Hinz und Kunz bekannt sein, Schriftsteller-Status hin oder her. Was heißt bekannt: Ich werde ein Weltstar sein!

Vor wenigen Tagen ging ich wie so oft durch die Salzburger Getreidegasse. Am Brennpunkt von Sommer-, Ferien- und Festspielzeit, am Kreuzungspunkt gewaltiger Horden von Italienern, Japanern, Russen und Amerikanern wurde der eigentlich kurze Weg vom Schatz-Durchhaus bis zur Fluchttreppe hinauf ins Café Mozart zu einem Hindernislauf. In dem Bemühen, die perfekten Urlaubserinnerungen der Salzburgbesucher nicht zu ruinieren, weil ich etwa durch das Foto vor Mozarts Geburtshaus latsche, duckte ich mich unter Kameras, wich Gruppen aus, die wie blind der erhobenen Fahne ihres Fremdenführers nachrannten und umrundete einen Marionettenspieler samt staunendem Publikum. Nicht anders verlief der Rückweg durch die Schmuckpassage, über den Universitätsplatz und entlang der Philharmonikergasse.

Eine neue Mode macht seit kurzem selbst die kreativsten Störvermeidungsverrenkungen zunichte: Fotografieren mit dem Selfie-Stick. Wegen dieser Ego-boost-Erfindung gerät der ahnungslose Spaziergänger plötzlich nicht mehr nur ungewollt auf ein Bild, wenn er sich im falschen Moment zwischen Fotofinger und Zielobjekt befindet, sondern auch hinter einer Person, die gerade auf ihre Teleskop-Fernbedienung drückt.

All diesen Fotos auszuweichen ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Also beschloss ich kurzerhand, mich nicht mehr zu ducken, zu verrenken und keine Haken mehr zu schlagen. Nur den Marionettenspieler werde ich auch weiterhin verschonen, wenn er eine gute Performance liefert.

Weil ich mindestens einmal wöchentlich in der Altstadt unterwegs bin, werde ich bis zum Ende dieses Festspielsommers auf zahllosen Handyfotos, Tabletfilmen und Digitalkameraspeichern verewigt sein. Wenn Sie also einen Bald-Mittvierziger durchs Bild huschen sehen, der zielstrebig auf das Café Glockenspiel zugeht, haben Sie eine bleibende Erinnerung von mir.

Und vielleicht fragt einmal Ihr Enkel beim Betrachten der alten Bilder: „Opa, wer ist dieser grüne Mann hinter dem Kernölbotschafter? Mozart? Nie gehört!“

Festspielzeit ist

Festspielzeit ist, wenn mir trotz Hochbetriebs das Glück eines im genau richtigen Moment frei werdenden Tisches auf der Terrasse des Café Tomaselli zuteil wird. Wenn mindestens drei schwer beladene Kellner mir im Vorbeigehen zurufen: „Der Kollege kommt gleich!“ Und wenn mir das nichts ausmacht, weil es Vorfreude und Schau-Genuss gleichermaßen verlängert.

Festspielzeit ist, wenn sich auf den ersten Blick klärt, wer zur nächsten Matinee gehen wird, wer von der letzten Premiere gekommen ist und wer nur sehnsüchtig auf das Mittagessen wartet. Wenn der Ehemann zwecks Kauf eines Anzugs zum Dantendorfer geschleppt werden muss. Und wenn trotz dieses Erfolges alle weiblichen Überredungskünste nicht dazu führen, dass er auch seine ausgetretenen schwarzen Halbschuhe, die noch aus dem letzten Jahrtausend stammen, zugunsten eines neuen Paares der Altkleidersammlung überantwortet.

Festspielzeit ist, wenn Japaner die luftigsten Sommerhüte tragen, Italiener die coolsten Sonnenbrillen und Musliminnen die buntesten Kopftücher. Wenn sogar die Tauben auf dem Alten Markt wie nach einer einstudierten Choreographie umherstolzieren. Und wenn auch der Glasmusiker hintereinander ein Stück von Mozart, von Haydn und von Händel zum Besten gibt.

Festspielzeit ist, wenn die Buhlschaft mit dem Tod vor dem Triangel sitzt. Wenn Frau Präsidentin zwischen zwei Melange Stammgäste begrüßt, Intendanten verabschiedet und der Presse ein Interview gibt. Und wenn sich drohende Gewitterwolken aus purem Anstand rechtzeitig vor dem Jedermann auflösen.

So komm' ich nie ins OSC

Meine Profession als Schließanlagenfachverkäufer kombiniert auf geniale Weise die Tätigkeit eines Kummerkastenonkels für verlorene Schlüssel, des Vertrösters auf einen leider doch späteren Liefertermin und eines Schuldeneintreibers in der Art des frühen Rocky Balboa. Anstatt jedoch verzagte Damen wie ein Gentleman alter Schule persönlich zu beruhigen, aufgebrachten Händler am anderen Ende des Landes persönlich eine Zwischenlösung in Form einer Bauschließanlage vorbeizubringen oder säumigen Zahlern persönlich den kleinen Finger zu brechen, wie Rocky es getan hätte, erledige ich das heutzutage alles modern und bequem per Telefon.

Nun ja, modern – vielleicht; bequem – eindeutig nein. Besonders in der Urlaubszeit steigert sich die ohnehin schon hohe Anruferzahl bisweilen um das Doppelte. Während ich also versuche, eine Dame nach erfolgter Beruhigung abzuwimmeln, bevor sie mir ihre herzzerreißende Geschichte ein drittes Mal erzählt, warten zwei weitere Anrufer in der Leitung. Dazwischen höre ich das hässlich-vertraute Ping! der Mailbox und stelle fest, dass wieder drei neue Nachrichten eingegangen sind. Meist werde ich darin ultimativ zum Rückruf aufgefordert, weil „i net scho wieda mit eirer depperten Maschin reden wü“.

Interessanterweise beschränkt sich dieser hektische Arbeitsalltag auf den österreichischen Markt. Die beiden Kollegen Markus und Stefan vom Export nebenan werkeln ruhig und gelassen vor sich hin, führen hin und wieder kurze Gespräche mit Kunden oder Außendienstkollegen in Kroatien oder Bulgarien und blockieren dann und wann eine Lieferung, wenn die griechischen Banken wieder einmal kein Geld herausrücken.

Während einer unerwarteten, jedoch höchst willkommenen Telefonpause – vermutlich hatte irgendein Schaufelbagger die Hauptglasfaserleitung zwischen Salzburg und dem Rest des Landes durchtrennt – fiel mir auf, wie ruhig es im Nebenbüro war.

„Bei euch läutet nie das Telefon“, nutzte ich sogleich diese Chance zur Beschwerde. „Bei mir dagegen ununterbrochen.“

Markus, nie um eine Antwort verlegen, schickte postwendend eine Begründung durch die offene Verbindungstür: „Das kommt daher, weil wir nur zufriedene Kunden haben.“

Ich wollte etwas zurückschießen, doch das Telefon kam mir dazwischen; für die beiden Kollegen nur ein weiterer Beweis ihrer These. Somit war bald ein neuer Begriff geboren: Wer etwas auf sich hält, sitzt im Office of Satisfied Customers, kurz OSC.

„Und wie komme ich ins OSC?“, fragte ich wenig später vor Ort, um mir ein bisschen die Beine zu vertreten und das rechte Ohr abzukühlen. Das beständige Klingeln ignorierte ich – es gibt ohnehin eine Mailbox.

„Du musst einfach an deiner Kundenzufriedenheit arbeiten“, sagte Markus von oben herab, obwohl er saß und ich stand. Stefan nickte nur dazu, mit einem wissenden Lächeln.

Und ich mühte mich nach Kräften, dieses hehre Ziel zu erreichen. Ich wurde noch freundlicher, noch kompetenter, noch verständnisvoller. Die mannigfaltigen Beschwerdeanrufe wurden aber nicht weniger; das Gegenteil trat ein.

Vor einigen Tagen erlebten meine Ambitionen auf eine OSC-Mitgliedschaft einen schweren Dämpfer. Ein Kunde von mir hatte die Zahlungsfrist um zwei Monate überzogen und sich dann auch noch drei Prozent Skonto abgezogen. Buchhalterin Pia schickte deshalb eine Nachforderung; als sich auf dem Kundenkonto kein Eingang zeigte, schickte sie die fälligen Mahnungen hinterher.

Es war mein letztes Telefonat vor dem Wochenende. Erst stellte sich der Mann dumm („Ich hab’ eh bezahlt!“ – „Aber zu wenig!“), dann vertröstete er mich („Rufen’S am Nachmittag an, wenn die Frau da ist!“ – „Da bin ich nicht mehr da!“). Als ich ihm freundlich, aber bestimmt mitteilte, dass sein Konto bis zur Begleichung der offenen Summe gesperrt bleibe, blaffte er: „Leckt’s mi am Oasch!“

Noch bevor ich meinen Kollegen im Nebenbüro von dieser kleinen, aber feinen Episode berichtete, kannte ich schon ihren Kommentar dazu. Und der war für mich so bitter wie berechtigt.

„Es tut uns echt leid, Hannes. So kommst du nie ins OSC!“

Werbung, Saisonal

Nach einem wunderbaren Sonntag Vormittag in meinem zweiten Salzburger Wohnzimmer – die Terrasse des Café Tomaselli am Alten Markt – entdeckte ich das Bild des Tages auf der Heimfahrt in der Alpenstraße. Dort bog ein Stadtbus der Salzburg AG aus einer Haltebucht, den ich liebend gerne im Vorbeifahren abgelichtet hätte. Das ist aber leider a) polizeilich verboten, b) mir mangels eines dafür notwendigen Smartphones ohnehin nicht möglich, und außerdem c) würde ich, wenn ich c1) ein Smartphone hätte und c2) es auch noch schaffte, rechtzeitig zu knipsen, das Foto sicher bis zur Unendlichkeit verwackeln, Stabilisator in den modernen Kameras hin oder her.

Unter den Chronisten gehöre ich jedoch ohnehin zur Schreibenden Zunft; sohin erfahren Sie nachfolgend schwarz auf weiß, was meine Augen gesehen und Sekundenbruchteile später in meinem Gehirn ausgelöst haben.

Am Heck des Busses, über die ganze Breite gezogen, stand in geschwungener, gelb-weißer Schrift: Skibus Werfenweng. Einem Instinkt folgend, schaute ich sogleich auf die Außentemperaturanzeige meines GolfPlus: 31,5 Grad Celsius über Null. Als ich wieder hochsah, befand ich mich bereits auf der linken Fahrspur, also neben dem Stadtbus. Die Seitenbeklebung setzte noch eines drauf: Mit Erdgas-Drive zum Pistenspaß!

Die verschiedensten Fragen liefen auf einmal in meinem Gehirn um die Wette: Will uns diese Werbung vom Jammern über die Hitze abhalten, indem sie uns mahnend daran erinnert, dass es in knapp fünf Monaten wieder 40 Grad kälter sein wird? Ist es ratsam, den Fahrer dieses Busses nach einem kühlen Plätzchen in der Stadt zu fragen? Sollen vorausschauende Winterurlauber bei den Bergbahnen Werfenweng anfragen, wieviel Rabatt sie kriegen, wenn sie schon im Juli den Skibus buchen, oder haben sie dafür noch Alle Zeit der Welt? (siehe oben.)

Ich jedenfalls hatte es plötzlich sehr eilig, in meine kühle Wohnung zu kommen. Dort würde ich mir einen noch kühleren Drink mixen und darauf hoffen, dass es noch möglichst lange schön und vor allem schneefrei bleibt.

Skifahren ist ohnehin nicht so meins.

Rasend auf probe zum Traktorschein

Am 7.7.2015 berichtete das Internetportal unseres rotweißroten Staatsfunks von einer exekutiven Amtshandlung, die erst auf den zweiten Blick bemerkenswert ist. Die Polizei stoppte irgendwo in der oberösterreichischen Pampa einen 17jährigen, der mit knackigen 168 km/h unterwegs war.

So weit, so normal. Doch als der Probeführerschein eingezogen und sämtliche Papiere ausgestellt waren, staunten die Beamten nicht schlecht über die Begründung des Jünglings für seine Eile. Er müsse – Obacht, darauf würden Sie niemals kommen – zur Traktorführerscheinprüfung und sei schon reichlich spät dran.

Erst vermuteten die Beamten dahinter die schlechteste aller Ausreden, die ihnen jemals zu Ohren gekommen waren. Tatsächlich tauchte jedoch wenig später der Traktorführerscheinfahrlehrer mitsamt der Traktorführerscheinprüferin auf. Sie packten ihren Schüler ein und chauffierten ihn zur Traktorführerscheinprüfungskommission. Sohin konnte der junge Mann seinen Test doch noch ablegen – ob er das erfolgreich tat, ist nicht überliefert.

Für die Wiedererlangung des B-Scheines werden wohlmeinende Helfershelfer nicht ausreichen; Nachschulung und Nachzahlung sind unausweichlich. Angesichts der kreativen Entstehungsgeschichte bietet sich eine kreative Zusatzstrafe an: Der junge Mann muss mit dem Traktor – falls er die Berechtigung zum Steuern desselben erlangt hat – zur Wiederholungsprüfung anreisen. Blöderweise werden am Vorladungstag nur in Bregenz oder Bad Radkersburg Termine frei sein. Da bleibt ihm unterwegs reichlich Zeit für Hörbuchlektüre.

Ich empfehle wärmstens einen Bestseller von Stan Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit.

Damit etwas wird aus mir

Ein Sommerurlaub bei den Eltern hat viele Vorzüge. Einer davon ist die kulinarische Zeitreise in die eigene Kindheit in komprimierter Form – als würden die zwei Wochen aus einer abwechselnden Folge von Geburts- und Namenstagen bestehen, an denen ich mir das Mittagessen aussuchen konnte. Seit ich allein lebe, klingt kaum ein Satz süßer in meinen Ohren als die mütterliche Frage „Was soll ich heute kochen?“

Ist diese kurze, glückselige Zeit wieder vorbei, muss ich mich das jeden Tag selbst fragen. Meist in einen Seufzer verpackt, weil es nach einem langen Arbeitstag lustigere Momente gibt als jene allseits bekannte Erkenntnis, die einem müden Blick in den Kühlschrank folgt: Genau das, worauf ich mich gefreut habe, ist ausgegangen / schlecht geworden / beim Hetzen durch den Billa knapp vor Ladenschluss aus meinem Gedächtnis gefallen. Also doch wieder Nudeln.

Am ersten Tag nach dem Urlaub zog es mich wie so oft in meine geliebte Salzburger Altstadt. Ich erledigte die Kleinigkeit, die ich als Grund für die Fahrt hinein vorgeschoben hatte und sog bald danach das Flair der Getreidegasse in mich auf, die schon voll auf Sommer-Touristen-Modus geschaltet hatte. Hier wird sich um diese Jahreszeit wohl auf immer und ewig die ganze Welt treffen. Zumindest so lange, bis die Sonne zum Roten Riesen wird und alles verschluckt.

Neu sind heuer die Selfie-Sticks. Das sind Teleskopstangen, die Weitwinkelselbstaufnahmen mit dem eigenen Smartphone möglich machen. Je krampfhafter diese Hobbyfotografen versuchen, ihre Stangen gerade zu halten, desto schräger schauen sie dabei aus. Und es gibt wieder ein Hindernis mehr, dem ich in diesem Beinen-, Armen-, Kinderwagen- und Einkaufstaschengewirr ausweichen muss.

Doch ich kenne eine Insel der Ruhe, und genau die steuerte ich an: das Cafè Mozart. Gutes Essen, eine passable Auswahl an tagesaktuellen Printmedien und lange Tische, um selbige adäquat auszubreiten. Einer ausgedehnten Verschnaufpause steht dort nichts im Wege außer hin und wieder zwei Amerikanerinnen, die vor der Tortenvitrine gleich neben dem Eingang Kalorien zählen.

Zu meiner Freude war das Tagesgericht eine Lasagne. Kaum hatte ich mich nach erfolgter Bestellung in eine Zeitung vertieft, stand die Kellnerin auch schon mit dem Teller da – auf dem sich eine riesige Portion türmte.

„Für wie viele Leute ist das?“, fragte ich sie heiter, meinte es aber durchaus ernst.

„Für Sie allein“, gab sie ohne Umschweife zurück. „Damit was wird aus Ihnen.“

Dieser Satz warf mich innerhalb von Sekundenbruchteilen in die Kindheit zurück. So etwas hatte ich vermutlich seit den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr gesagt bekommen. Mit einem Lächeln nahm ich den Ratschlag wörtlich und begann genussvoll zu schaufeln, bis der Teller tatsächlich leer war. Darüber freute sich auch die Servierdame, denn sie kommentierte meine Leistung mit den lobenden Worten: „Brav haben Sie gegessen!“

Danke, Mama … äh … mein Kind!

Heiliger Geist, menschlich

Pfingstmontag in der wunderschönen Barockkirche St. Vitus von Kufstein. Die Messe wird zügig und herzlich von einem Pfarrer des Typs gutmütiger Brummbär samt dazu passender Stimme zelebriert.

Als ich mit der Gemeinde auf den abschließenden Segen warte und – ich beichte es freimütig – in Gedanken schon bei Kaffee und Kuchen irgendwo in der Altstadt sitze, blickt der Priester plötzlich hoch und ruft volltönend durchs ganze Kirchenschiff: „Anni? Der Heilige Geist hat etwas gefunden, das du schon lange suchst!“

Nach einer Sekunde des Erstaunens über dieses ungewohnte Intermezzo erklingt die Antwort zwei Bankreihen hinter mir: „Ja, was denn?“

„Das sag‘ ich dir nicht“, setzt der Pfarrer geheimnisvoll fort. „Manchmal verschwinden Sachen. Und manchmal sorgt der Heilige Geist dafür, dass sie wieder auftauchen. Du kannst es im Pfarrheim abholen.“

Als sei überhaupt nichts Besonderes gewesen, erteilt der Geistliche den Pfingstsegen, der aus allen Richtungen von nachdenklichem Raunen untermalt wird.

Das Rätseln darüber, was der Heilige Geist da wohl zum Vorschein gebracht habe, begleitet auch mich auf meinem Weg von der Kirche in Richtung Inn-Ufer. Eine Kuchenform vom letzten Pfarrfest? Frau Annis bestes Fensterputztuch, das sie bei der letzten Kirchenreinigung so tatkräftig geschwungen hat? Ich komme nicht drauf, erfreue mich aber an meiner in Bewegung geratenen Fantasie. Und an der seelenvollen Menschlichkeit, deren kirchliches Auftauchen der Heilige Geist heutzutage leider viel zu selten bewirkt.

Im Inn-Cafe, wo mich bereits ein Fensterplatz und eine hübsche, übers ganze Gesicht strahlende Kellnerin erwarten, hängt ein Schild über der Theke: „Kaffee und Apfelstrudel, mit Allem 5,80“.

Ich bestelle ohne Nachdenken, weil ich der Neugier, was bei mit Allem inkludiert ist, ohnehin nicht entkomme. Bestimmt ist auch ein Portion Heiliger Geist dabei.

Essen, nur für pokerspieler

Während der Pause eines Poker-Turniers, bei dem ein kleines Buffet inkludiert ist, bediene ich mich an der Hauptspeise. Weil die einzige Servierdame leichte Überforderungstendenzen zeigt, bitte ich sie diesmal nicht um Hilfe, sondern trage meinen Teller vorsichtig zu einem Tisch. Ich schaffe es, ohne den Teppich mit Sauce zu verschönern und gehe zwecks Beilagenversorgung zum Buffet zurück. Das Schälchen erstarrt samt Gabel in meiner Hand, als ich erkenne, was sich in der einzig vorhandenen Schüssel befindet.

Weil mein Gehirn in der Kürze keine Lösung ausspuckt und sohin Gefahr läuft, in eine Endlosschleife der Verwirrung zu stürzen, wende ich mich nun doch an die Frau mit dem großen Schöpflöffel: „Wurstsalat? Zum Schweinsbraten?!“

Sie lächelt mich freundlich an und erwidert: „Das ist für die Spieler, die kein Fleisch essen!“

Die Welt der 52 Karten sieht manchmal doch sehr beschränkt aus …

FC Hollywood goes Austria

FC Hollywood – diesem Beinamen wurde Bayern München, der größte und erfolgreichste Fußballverein Deutschlands, in den letzten Jahren immer wieder gerecht. Es gab spektakuläre Siege, dramatische Niederlagen und dazu noch jede Menge Skandale rund ums runde Leder. Sportfaktor 1, Promifaktor 1: Das ergibt zusammen Glamourfaktor 1 plus.

Die neueste Entwicklung aber hatten selbst eingefleischte Bayern-Kenner nicht erwartet: Wie nach dem letzten Spiel der Saison bekannt wurde, übernimmt der austro-kanadische Milliardär Frank Stronach den Fußballklub! Am 1. Juli dieses Jahres wird aus dem FC der TS (Turn- und Spielverein) Bayern München. Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe, ein Erdbeben der Stärke 10 erschütterte die Fußballwelt!

Und auch in der sportlichen Leitung bleibt kein Stein auf dem anderen. Der Vertrag mit Pep Guardiola wurde aufgrund chronischer Erfolglosigkeit nicht verlängert – nur der nationale Meistertitel ist schlicht und einfach unter aller Sau. An seine Stelle tritt der charismatische Wiener Peter Stöger, der nicht nur den FC Köln in der Liga gehalten hat, sondern auch in Sachen Mode um vieles beschlagener ist; anschaulich dargestellt durch Stögers bunte Brillenkollektion im Vergleich zu den mausgrauen Altherren-Anzügen des Spaniers.

Als Sportdirektor fungiert ab Juli eine österreichische Fußballlegende: Hans Krankl, wahlweise auch bekannt als Johann K., Hanseburli, Goleador und Held von Cordoba, wird den Verein vor allem nach außen vertreten und managen. Sein Hochdeutsch ist zwar ähnlich schlecht wie das von Frank Stronach, aber trotzdem verstehen die Zuhörer meist, was er sagt. Das liegt wohl an den Anfangsworten seiner Statements: „Huach zua!“

Bei einer spontan einberufenen Pressekonferenz stellte das neue Führungstrio erste Pläne für die nächste Saison vor. Die schwächelnde Abwehr – Sargnagel in der ChampionsLeague wie auch im Cup – wird gänzlich auf rotweißrote und damit endlich stabile Beine gestellt. Neben dem bewährten linken Außendecker David Alaba besteht die Viererkette künftig aus Kevin Wimmer (kommt mit Stöger aus Köln), Aleksandar Dragovic (steht schon lange auf diversen bayrischen Einkaufszetteln) und Christian Fuchs (Schalke, wird von links auf rechts umgeschult). Und weil für einen Branchenleader nur das Beste gut genug ist, hat man gleich noch zwei Edelreservisten verpflichtet: Sebastian Prödl (saß schon im Flieger nach Istanbul, doch als er Kebab auf der Menükarte las, war ihm Weißwurscht doch lieber) und Martin Hinteregger (wollte nicht wie eine RedBull-Dose von Salzburg nach Leipzig verscherbelt werden, ist aber froh, weiterhin einen Audi fahren zu dürfen). Damit ist klar, dass Trainer Stöger wie in den vergangenen Jahren beim FC Köln auf eine stabile Verteidigung setzen wird. Auf die frischen Akzente in Mittelfeld und Angriff warten wir nach diesem Paukenschlag mit vor Spannung angehaltenem Atem!

Sportdirektor Krankl legte die Erfolgslatte jedenfalls schon sehr hoch: „Huacht‘s zua! Wir wer‘n mit‘n TSBM nicht nur de Meisterschaft dominieren, sondern auch CL und Cup. Alles andere is‘ primär!“

Präsident Frank Stronach sprach von einem Traum, der ihm weder mit Austria Wien noch mit dem FKÖNA (Fußballklub der österreichischen Nationalratsabgeordneten) vergönnt war: „Spätestens 2020 wird das Team Stronach … äh … der TS Bayern München Weltmeister sein!“ Den leisen Hinweis eines Journalisten, dass es in fünf Jahren keine Weltmeisterschaft gebe und zudem nur Nationalmannschaften teilnehmen dürfen, tat Stronach als unwichtig ab: „Das is‘ hier ka Betriebsratssitzung! Dann müss‘ ma halt die Statuten ändern, nicht?“

Zum Abschluss erinnerte Trainer Stöger an eine Anekdote, die belegt, dass schon der Spitzname FC Hollywood aus Österreich stammt: „Als Ernst Happel österreichischer Teamtrainer war, hat er der Mannschaft vor jedem Spiel die genaue Taktik mitgegeben. Und er fügte an: Wenn die nicht funktioniert, spiel‘ ma Hollywood!

(Foto: news.at)

Geben Sie mir ein Ping, Vasili!

Sind Gleichgesinnte unter sich, so reden sie häufig von genau jenem Gleichen, nach dem ihnen der Sinn steht. Die geneigte Leserschaft kennt das: Hundefreunde reden von Hunden, Malfreunde von der Malerei und Filmfreunde – in Weiterführung dieser Logik – von Filmen. Dennoch stelle ich hier und jetzt die These auf, dass Letztgenannte mit einem kleinen Heiterkeitsvorsprung beschenkt sind, der sie um eine Spur leichter durchs Leben wandeln lässt.

Der Grund dafür: Ein Gemälde bleibt per Definition wortlos. Es steht nicht zu erwarten, dass die honorigen Bischöfe, die viele Wände in der Alten Residenz in Salzburg zieren, in den nächsten Jahren zum Leben erwachen und aus ihren Rahmen steigen. Somit bleibt auch das Gespräch im Rahmen – über sie und über die Kunst. Bei Hunden ist die Sache diffiziler, denn fraglos ist es möglich, mit ihnen zu reden. Was zurückkommt, kann mit viel Phantasie und Kenntnis in nonverbaler Tier-Mensch-Kommunikation sogar als Antwort interpretiert werden, doch das erste wörtliche Zitat eines Vierbeiners ist noch nicht überliefert.

Filmfreunde aber reden nicht nur über Filme. Sie haben eine eigene Form der Sprache entwickelt, die sich nur Eingeweihten offenbart, nach jahrelangem, intensivem Studium zahlloser Beispiele, vom Klassiker bis zum Schund. Allein wer durch diese harte Schule gegangen ist, bringt es zum Meister in der Königsdisziplin: der Unterhaltung in Filmzitaten.

„Ich schau dir in die Augen, Kleines.“ Wo das hingehört, muss ich hoffentlich niemandem erklären. Viele sehnsuchtsvolle Liebeserklärungen sind nach dieser Herzensoffenbarung wohl den Bach hinuntergegangen. Sohin ist es von großer Bedeutung, ein Zitat im richtigen Moment anzubringen. Im besten Fall erntet man Bewunderung oder sogar die unerwartete - weil passende - Antwort eines Eingeweihten. Die verwirrten Blicke der Unwissenden dienen im schlechtesten Fall der eigenen Erheiterung.

Neulich erhielt meine Kollegin Claudia am Platz gegenüber eine SMS auf ihr Handy. Der Ton, mit dem die Nachricht als eingegangen vermerkt wurde, war ein helles, reines PING, was mich laut auflachen ließ. Claudia schaute mich fragend an, also verwertete ich die Vorlage: „Geben Sie mir ein Ping, Vasili.“

Der Kollegin Verwirrung war augenscheinlich. Deshalb verzichtete ich auf die klassische Fortsetzung, musste sie aber zeitnah anbringen, um mich zu erfreuen. Wozu hat man Filmfreunde? Ich rief Alexander an, einen wahren Meister der Filmzitate, mir selbst haushoch überlegen. In kurzen Worten schilderte ich ihm die SMS-Szene von vorhin und schloss wieder mit den Worten: „Geben Sie mir ein Ping, Vasili.“

Und Alexander enttäuschte mich nicht: „Aber bitte nur ein einziges Ping!“ Unser doppelter Lachanfall eine Sekunde später war für mich das absolute Highlight des Tages.

Mein Lieblingszitat? Ich verrate es Ihnen. Der Gedanke daran ist wie ein Zwanzig-Sekunden-Urlaub, den ich mir hin und wieder von ganzem Herzen gönne.

„Es war einmal, an der Nordküste von Long Island, nicht weit von New York. Dort stand ein sehr, sehr großes Haus – beinah ein Schloss. Auf diesem Anwesen lebte ein kleines Mädchen. Das Leben war angenehm dort und wunderbar einfach.“

Kennen Sie den Titel dieser Liebeskomödie? Meine immerwährende Hochachtung wird Ihnen gewiss sein. Falls nicht, muss ich sofort Alexander anrufen!

Offizielle Protestnote Seiner Exzellenz, des Botschafters

An die Einbrecher von Riegersburg!

Mit aller gebotenen Schärfe protestiert der Kernölbotschafter gegen die Vorgehensweise, mit der Sie die Spuren Ihres letzten Raubzuges verwischt haben. Wie den am Botschaftssitz gelesenen Salzburger Nachrichten vom 21.4.2015 auf Seite 11 zu entnehmen ist, haben Sie in einem Hotel fünf Liter Kürbiskernöl verschüttet, um Fingerabdrücke und sonstige Spuren für die Kriminalpolizei unbrauchbar zu machen.

Um es in der Gemeinsprache zu formulieren, die vielleicht auch Sie verstehen: Das geht gar nicht! Abgesehen vom angerichteten Schaden empfinde ich es als unerträglich, wie perfide Sie durch Ihre Tat meine nun schon Jahrzehnte andauernden Bemühungen torpedieren, unserem kulinarischem Kulturgut jenseits der Kernölgrenzen zu dem ihm zustehenden Durchbruch zu verhelfen. Ich halte täglich die Fahne unseres Schwarzen Goldes hoch, indem ich es nicht nur für Salat, sondern auch für die klassische Eierspeis wie für moderne Eiskreationen in höchsten Tönen anpreise. Und was bekommen die Leute jetzt mit? Wie schwer die Schmierage wegzuputzen ist, kruzzetürken!

Mit einem Fünkchen Anstand in Ihren verrotteten Seelen hätten Sie das Kernöl, dem Vernehmen nach durchaus hochwertige Ware, mitgenommen und verkauft. Bestimmt liegt der Wert höher als die paar erbeuteten Zigaretten. Und wer weiß, wie viel Bares Sie in dem aus der Verankerung gerissenen Tresor finden – falls Sie ihn überhaupt aufkriegen. Sie hätten das Öl auch anonym vor einer Kirche oder Armenküche deponieren und so einer sinnvollen Verwendung zuführen können.

Kürbiskernöl klebt an Ihren Händen. Den Geruch, so edel er aus einer frisch geöffneten Flasche in die Nase desjenigen steigt, der diesen Luxus zu schätzen weiß, werden Sie nicht mehr aus Ihrem schwarzen Herzen bekommen. Ebensowenig die Flecken von Ihren Kleidern.

Seien Sie gewiss: Der Kernölbotschafter wird nicht ruhen, bis der immaterielle Schaden an seiner Mission gesühnt und der Ruf des echten steirischen Kürbiskernöls wieder reingewaschen ist.

Gezeichnet von Seiner Exzellenz Hannes dem I., Salzburg, April 2015, A.D.

        

Sensation: Putin im Gemeinderat!

Am Karsamstag sitzt die ganze Familie nach Monaten wieder einmal vereint in der Heimat beisammen. Nicht nur der feine Osterschinken wird genüsslich verzehrt, es gibt auch einen regen Austausch wichtiger Neuigkeiten. Nach Dutzenden gepeckten Eiern kommt die Rede auf die kürzlich in der Steiermark geschlagene Gemeinderatswahl. Hier die unvollständige Wiedergabe einer Unterhaltung, deren weltpolitische Bedeutsamkeit wohl erst in vielen Jahren von Historikern ins wahre Licht gerückt werden wird.

"Wie ist es in Bad Gleichenberg ausgegangen?"

"Klarer ÖVP-Sieg. Sie haben die Absolute nur um vier Stimmen verpasst."

"Der Putin soll zuletzt auch in Gleichenberg gewesen sein."

"Wegen der Wahl?"

"Nein, zum Jagen. Der Wolf hat ihn eingeladen."

"Seit wann lädt der Wolf seinen Jäger ein, bevor er von ihm erschossen wird?"

"Nicht der schwarze Wolf. Der Siegfried Wolf."

"Aber der Siegfried Wolf ist doch eh bei den Schwarzen."

"Ich rede vom Tier, nicht von den Schwarzen im Gemeinderat."

"Die Schwarzen haben Putin in den Gemeinderat eingeladen? Wen soll er dort jagen?"

"In Gleichenberg gibt's schon lange keinen Wolf mehr."

"Nicht in Gleichenberg. In Trautmannsdorf."

"In der Nachbargemeinde gibt's noch Wölfe?"

"Nein, der Putin war in Trautmannsdorf."

"Weil dort ein Wolf gesichtet wurde?"

"Nein, weil er zum Jagen eingeladen war. Von Siegfried Wolf, einem persönlichen Freund."

"Nach der Gemeindereform gehört Trautmannsdorf jetzt zu Gleichenberg, oder?"

"Richtig."

"Also kommt man über Trautmannsdorf in den Gemeinderat von Gleichenberg."

"Wenn man das will."

"Vielleicht will der Putin das und war deshalb in Trautmannsdorf. Auf der Jagd nach einem Mandat."

"Was der Putin will, ist mir herzlich egal. Wer will eine Ostertorte?"

Allgemeine Zustimmung ertönt. Das Thema löst sich in Kaffee- und Mehlspeisduft so rasch und geheimnisvoll auf, wie es gekommen war.

Einen Tag später, am Ostersonntag, bringt die Krone bunt auf Seite 14 einen Bericht über das neue Luxusflugzeug von Wladimir Putin. Die Kernölbotschafter-Redaktion weiß aus Insiderkreisen, dass der hypermoderne Flieger gerade rechtzeitig für die Anreise zur konstituierenden Sitzung des Bad Gleichenberger Gemeinderates fertiggestellt wurde. Der Auftritt des russischen Präsidenten dort wird in vielen Familien zu interessanten Diskussionen führen. Mit und ohne Wolf.

Think Before You Think

Im geschäftlichen Mailverkehr ist es Mode geworden, am Ende eines elektronischen Briefes nicht mehr nur den Disclaimer anzuführen. So nennt sich ein Rechtehinweis, der falsche Empfänger vor missbräuchlicher Verwendung einer nicht für sie gedachten Nachricht warnen soll ("bitte nicht auf Facebook stellen und vor einer allfälligen Weiterleitung an die NSA zumindest Edward Snowden informieren").

Neuerdings glauben viele Konzerne, ihre grüne Verantwortung betonen zu müssen. Deshalb fügen sie am Ende eines Mails den Satz "Think before you print" hinzu. Im Business-Englisch klingt das natürlich besser als "Denk bevor du druckst", was sich ein bisschen wie die Aufforderung des Dorflehrers an den Klassentrottel anhört. Der geneigte Empfänger möge also kurz in sich gehen, bevor er die Mail ausdruckt. Vielleicht reicht es, sie elektronisch zu archivieren? Oder ist gleich Löschen die beste Option? Nach Abschluss des Denkprozesses, so suggeriert der Hinweis, habe der Empfänger selbstverständlich alle Freiheiten, nach seinem Gutdünken zu handeln.

Das Ansinnen mag durchaus ehrenwert sein, doch wie die Kernölbotschafter-Redaktion schon bei ähnlichen Aktionen feststellen musste, torpediert auch hier die mangelnde Ausführung den guten Willen. Eine österreichische Supermarktkette, die passenderweise ein grünes Bäumchen im Logo führt, beendet alle Mails mit jenem "Think before you print". So auch Bestellungen, die ich im Zuge meiner Profession als Verkäufer von Schlüsseln und Zylindern aus der Konzernzentrale erhalte. Die Mails strotzen nur so vor Leerzeilen zwischen dem Text, dass sie sich über zwei, drei und manchmal sogar vier Seiten hinziehen. "Denk nach, bevor du das ausdruckst", klingt als erhobener Zeigefinger sohin wie blanker Zynismus, dem ich mehr als einmal die Gegenfrage "Warum sollte ich, wenn du nicht einmal vor dem Schreiben nachgedacht hast?" volley retournieren wollte.

Den Vogel – oder besser den Storch – schoss in dieser Kategorie kürzlich ein Hotel am Neusiedlersee ab. Dessen Mailbestellung zog sich allein deshalb über zwei Seiten, weil am Ende lang und breit verkündet wurde: "Wir sind Gewinner des Goldenen Flipcharts 2011 – bestes Seminarhotel im Burgenland!" Die Darstellung der Trophäe durfte ebenso wenig fehlen wie die wortreiche Aufforderung, sich von den diesbezüglichen Qualitäten des Hauses doch bitte persönlich zu überzeugen.

Werbung ist wichtig, keine Frage. Wenn jedoch goldene Kochlöffel, Stamperl und Flipcharts als Aufmerksamkeitsvehikel wie goldene Schwammerl aus dem Boden sprießen, muss die Frage erlaubt sein, ob die zuständigen Marketingabteilungen überhaupt von der Blässe eines Gedankens angekränkelt wurden, ehe solch krude Ideen das Licht der Welt erblickten.

Als Chronist dieser und aller anderen Lebenskuriositäten, die mir noch begegnen werden, schließe ich diesmal selbst mit einer Aufforderung an alle, die voll Begeisterung über einen guten Einfall sogleich zur guten Tat schreiten wollen. Kurz und bündig, damit sich dieser Blog beim Ausdruck nicht über zwei Seiten zieht.

"Think before you think!"

Helmut, Hüter der Moral

Vermutlich bin ich der einzige Steirer, der in Salzburg lebt und bereits von zwei Vorarlberger Physiotherapeutinnen betreut wurde. Birgitt arbeitete vor einigen Jahren nahe der Mozartstadt, Judith lernte ich bei einem Aufenthalt in einer Spezialpraxis nahe Freiburg im Breisgau kennen. Beide Damen leben mittlerweile wieder im Ländle; Judith besuche ich immer noch jährlich für eine intensive Trainingswoche, und meist geht sich dabei auch ein gemeinsamer Kaffee mit Birgitt aus.

Für die Dauer meines Aufenthalts in Bregenz quartiere ich mich stets im Gasthof Lamm ein. Das kleine, gemütliche Landhotel mit ausgezeichneter Küche liegt sowohl in der Nähe von Judiths Praxis als auch unweit vom Bodensee; weil ich meine täglichen Therapieeinheiten immer mit einem Spaziergang entlang des Ufers abschließe, eine perfekte Kombination. Mittlerweile darf ich mich Stammgast nennen, der sowohl von der Eigentümerfamilie Schenk als auch den Beschäftigten des Hauses sehr herzlich aufgenommen und bestens betreut wird.

Gleich nach meiner allerersten Ankunft an einem Sonntag im Frühling 2012 lud ich Judith zu einem gemeinsamen Abendessen im Lamm ein. Sie sagte zu, und bald saßen wir an einem kleinen Tisch im Restaurant. Am Stammtisch gegenüber saß Seniorchef Helmut, ein rundlicher Mann mit dröhnender Stimme, Almöhi-Vollbart und stets fröhlich blitzenden Augen. Diesen Augen entging nichts, wie ich bald erfahren sollte.

 Die Woche verging rasch wie alle Wochen in Deutschland zuvor. Wenn der Fokus auf Trainieren liegt, bleibt neben Essen und Schlafen kein Platz übrig. Entsprechend schnell war der Freitag da, und ich verabschiedete mich aus Judiths Praxis bis zum nächsten Jahr. Wieder konnte ich ein paar kleine Fortschritte verbuchen, über die ich mich ebenso freute wie über ein Treffen mit Birgitt, die ich zu meinem letzten Frühstück ins Hotel eingeladen hatte.

Kaum hatte die zierliche Frau am folgenden Morgen neben mir Platz genommen und ihren Kaffee bestellt, bemerkte uns Seniorchef Helmut vom Stammtisch aus. Er hob grüßend den Arm, dröhnte ein "Guten Morgen!" und hielt dann inne, um genauer hinzuschauen. Was er sah, irritierte ihn augenscheinlich so sehr, dass er der Sachlage sogleich auf den Grund gehen musste. Helmut kam an unseren Tisch, beugte sich zu Birgitt und sagte mit einer Stimme, die in der fragwürdigen Mitte zwischen Verschlagenheit und Flüstern lag: "Sie sind aber nicht die Gleiche wie am Sonntag."

Mein Gehirn verwandelte sich von einer Sekunde auf die nächste in eine wortfreie Zone, so perplex war ich. Nicht einmal das naheliegende "Ich wüsste nicht, was Sie das angeht", fiel mir ein. Birgitt aber hatte einen unfehlbaren Sinn für die Situation. Sie strahlte Helmut mit dem süßesten Lächeln an und erwiderte: "Ich bin die andere Physiotherapeutin von Herrn Glanz." Diese Antwort schien für den alten Mann nachvollziehbar; er wünschte Birgitt einen guten Appetit und ging wieder an seinen Platz zurück.

 Als ich mich später von Helmut verabschiedete, konnte ich mir eine Frage beim besten Willen nicht verkneifen: "Haben Sie schon früher einmal jemanden so direkt angeredet wie vorher? Das könnte doch peinlich enden, oder?"

"Ist eh schon passiert", antwortete er mit einem verschmitzten Lachen. An seinen Augen sah ich, dass es der Spaß in jedem Fall wert gewesen sein musste.

Auf meiner Heimfahrt zog ich in Gedanken meinen Hut vor diesem wahren Hüter der Moral. Wer austeilt, muss auch einstecken können – Helmut weiß das.

Mimi und Doktor Frankenstein retten Salzburg und die Welt

Während ganz Salzburg aufatmet, weil Mimi gerettet wurde, hält der Kernölbotschafter den Atem an, weil die Weltrettung nur noch schlappe zwei Jahre entfernt ist. Genug Neuigkeiten für eine Woche, doch am Ende folgt noch eine dritte, versprochen.

Mimi, bislang eine glückliche und wenig beachtete Graugans am Leopoldskroner Weiher, hatte sich vor zwei Wochen mit ihrem Schnabel in einer silberblauen Getränkedose verkeilt. Dies behinderte sie beim Fressen und beim Fliegen – von wegen RedBull verleiht Flügel –, erhöhte jedoch so schlagartig wie ungewollt ihre Prominenz in der Bevölkerung. Viele kamen, um zu schauen und zu bemitleiden, andere wollten helfen. Doch nicht einmal von angerückten Berufsfeuerwehrleuten mit viel Energydrink intus ließ sich Mimi einfangen. Erst zwei Tierpflegern gelang dieses Kunststück; sie befreiten die Gans von ihrem ungewollten Ballast und päppeln sie jetzt im Salzburger Zoo auf. Das ganze Bundesland ist erleichtert und wieder bereit, sich weniger wichtigen Dingen zuzuwenden - etwa der Frage, in welchem Interview Mimi den Journalisten vom ORF Salzburg ihren Namen verraten hat. Fast wünscht man sich alle vierzehn Tage ein solches Drama. Dann würde sich niemand mehr für die stark zunehmende Abwanderung aus dem Innergebirg, die neuen peinlichen Fakten zum Finanzskandal und das endlose Verkehrschaos in der Landeshauptstadt interessieren.

Aber wie eingangs erwähnt, Rettung naht. Am 27.2.2015 war auf www.science.orf.at, dem Wissenschaftsportal unseres Staatsfunks, zu lesen, dass in spätestens zwei Jahren die erste Transplantation möglich sein wird, die wirklich Sinn macht: jene des Kopfes. Das behauptet jedenfalls der italienische Neurochirurg Sergio Canavero.

Halten wir an dieser Stelle gemeinsam kurz inne. Wenn der – zugegeben intensive – Moment des Ekels überwunden ist, eröffnen sich ungeahnte Aussichten. Diese gehen weit über die Vision des Arztes hinaus, nach der „Patienten, die unter schweren Krankheiten wie fortgeschrittenem Krebs leiden, einen neuen Körper erhalten sollen, um wieder normal leben zu können.“ Fein für alle, die es betrifft, aber es geht um mehr. Mit der Kopftransplantation steht die Schaffung des Weltfriedens nicht länger in den Sternen, sondern ist plötzlich greifbar nah.

Vielleicht stammt die Idee gar nicht von Canavero selbst. Gut vorstellbar, dass sein um nichts weniger umtriebiger Landsmann Silvio B. nach einem Weg gesucht hatte, sich mit seinem Dauergrinser in der italienischen Politik zu verewigen und während einer Bunga-Bunga-Pause auf  diesen abstrusen Einfall gekommen war. In der Zwischenzeit wurde der Ex-Cavaliere aber zu ein paar Monaten Sozialdienst verknackt. Ein jüngerer Körper brächte ihm also nur die Aussicht, flinker über die Gänge des Altersheims zu huschen, wo er zur Betreuung alter Männer – welch herrlicher Gegensatz zu seinen kaum volljährigen Haremsdamen – eingesetzt ist.

Trotzdem bieten sich genug andere Kandidaten an. Wladimir Putins Kopf könnte probeweise auf den Hals eines ostukrainischen Flüchtlingskindes versetzt werden – damit er spürt, wie sich die von ihm verbreitete Angst anfühlt. Börsenspekulanten auf Grundnahrungsmittel schlage ich ein paar Tage auf ausgemergelten afrikanischen Körpern vor, weil Mais und Weizen, falls überhaupt vorhanden, längst zu teuer geworden sind. Allen Konzernchefs, die das Projekt Biosprit abgesegnet haben, wird die gleiche Kur verordnet. Und wenn zu guter Letzt alle Kriegstreiber dieser Welt die Leiden der Opfer ihrer Autobomben, unbemannten Raketendrohnen und Granatsplitter zumindest so lange durchmachen müssen, bis sie die gröbsten Schmerzen überwunden und sich die dunkelsten Seelenfenster geschlossen haben, sind wir dem Weltfrieden einen großen Schritt näher gekommen. Also, lieber Doktor Frankenstein Canavero, bleiben Sie dran!

Neuigkeit Nummer drei verbindet die Schlagzeilen der Woche auf geniale Weise. Unterhalb der Meldung von Mimis Rettung (Titelseite des Lokalteils der Salzburger Nachrichten vom 28.2.2015) bietet die Firma Cutani ein „Facelift ohne OP“ zum Aktionspreis von 87,-- Euro an. Der Werbetext lautet: „Cutani Impulslicht wirkt dort, wo andere kosmetische Präparate nicht hinkommen.“

Wer sohin nicht zwei Jahre warten will, kann sich schon jetzt in Wals bei Salzburg erleuchten lassen. Angesichts der krassen Unterbelichtung vieler von mir genannter Individuen steht aber zu befürchten, dass nicht einmal reines Impulslicht da noch etwas ausrichten kann.

Verkehrsstrafe für intellektuelle

Neulich war ich zu einem Konzert von Mnozil Brass in der Nähe von Steyr eingeladen. Der Jänner hatte vor einer Woche dem Februar Platz gemacht, und sohin auch der Pflicht zum Aufkleben der diesjährigen Autobahnvignette, von den Designern in Azur getaucht. Tatsächlich ist es ein undefinierbares Mittelblau, das mit den Dressen der italienischen Squadra Azzurra, meiner Lieblingsfußballnationalmannschaft nach der eigenen, nichts gemein hat. Aber das wollte ich gar nicht erzählen.

Als kleinen Ausgleich für die mir unzumutbare Benützung öffentlicher Verkehrsmittel – so die behördensprachliche Umschreibung meines  fußmaroden Zustandes – erhalte ich die Vignette jedes Jahr kostenlos. Ein feiner Zug vom Sozialministerium, zumal es mich auch noch per Brief daran erinnert, sie zeitgerecht anzufordern. Ich faxe das unterschriebene Formular samt Zulassungsschein retour, und spätestens Mitte Jänner liegt das Pickerl in meinem Briefkasten. So auch in diesem Jahr.

Meine Vorfreude auf den Wochenendausflug, Kulturgenuss und Übernachtung inklusive, war groß. Das lästige Gedankenintermezzo beim Zusperren meiner Wohnung, ob ich den Herd ausgeschaltet hätte, verscheuchte ich daher mühelos mit „Du drehst ihn zum Frühstück doch gar nicht auf!“ Flugs die Tasche auf den Rücksitz geschmissen, und schon war ich unterwegs zur Autobahnauffahrt Salzburg Süd in Richtung Wien.

Alles an der Einladung, die ich einem alten Freund verdankte, war perfekt. Ich genoss die Unterbringung in dem feinen Stadthotel Mader, ein famoses Konzert und danach einen Drink in der Hotelbar, dessen Name Die Gurke nicht glücklich gewählt, dessen Geschmack jedoch superb ist. Beim Frühstück fragte ich mich, warum ein Tag im Büro nicht ebenso rasch vorbeiziehen kann wie die vergangenen Stunden. Wahrscheinlich deshalb, weil ich dort nur Wasser und Tee drinke.

War gestern der Himmel in ein trübes Schneegrau getaucht, so strahlte die Sonne bei der Heimfahrt von einem stahlbauen Himmel. Passend zum Wetter trugen mich die heitersten Gedanken und Erinnerungen über die Westautobahn gen Salzburg.

Als ich die zwei mausgrauen Busse der Asfinag am Ende der Autobahnausfahrt Salzburg Süd erkannte, fiel mein Blick auf die linke obere Ecke meiner Windschutzscheibe – und ich stellte mit heißem Entsetzen fest, dass dort Limettengelb prangte, nicht aber Azurblau. Still verwünschte ich alle Farben und alle Namen dafür, ärgerte mich aber am meisten über mich selbst. Da kriegst du die Vignette gratis, egal in welcher Farbe, und bist dann zu deppert, sie rechtzeitig aufzupicken.

Was folgte, darf ich bei allen österreichischen Autofahrern als bekannt voraussetzen. Ich wurde angehalten und freundlich gefragt, ob ich nicht wisse, dass ab 1. Februar … bla, bla, bla. Natürlich bejahte ich nickend und zückte als kleinen Ablenkungsversuch meinen §29b-Ausweis, verbunden mit dem Hinweis auf meinen Gratisanspruch zum Erhalt des Pickerls.

„Haben Sie es dabei?“, fragte der Mann. Sein Ton war noch immer freundlich, was mir die Hoffnung auf eine allerletzte Chance gab. Wenn ich das verdammte Ding in meine Tasche geschmissen hatte, bevor ich diese auf den Rücksitz – Gedankenblablabla, um meinen Ärger ein wenig zu drosseln –, würde ich vielleicht noch einmal völlig unverdienterweise davonkommen.

Bevor meine Suche in den vielen Abteilungen und Seitenfächern peinlich wurde und meine Wut auf mich dazu führte, dass ich alles einfach herausschüttelte, gab ich sie auf. Unfassbare 120 Euro wurden gegen eine Quittung getauscht („Die gilt jetzt für zwei Tage.“ – Super, vielen Dank!), und ich fuhr nach Hause, ungläubig darüber lachend, dass ich soeben die dämlichste aller Verkehrsstrafen kassiert hatte. Schnellfahren oder Falschparken kann doch jeder; bei mir musste es da schon intellektueller zugehen.

Sollte ich jemals wieder zweifeln, ob der Herd ausgeschaltet ist, gehe ich sofort nachschauen. Denn als ich meine Wohnküche betrat, sah ich auf dem Esstisch etwas Kleines, Rechteckiges. In Azurblau. Wirklich blöd, diese Farbnamen!

Sex-Empfehlungen, amtlich

Wie haben Sie den Valentinstag verbracht? Ich hoffe doch, in trauter Zweisamkeit. Vielleicht waren Sie mit ihrer/ihrem Liebsten in Fifty Shades of Grey und werden sich am Montag spontan freinehmen, um gemeinsam im Baumarkt das Angebot an Kabelbindern, Seilen und Klebebändern zu sichten. Diese Utensilien sollen ja, schenkt man den Meldungen der vergangenen Tage Glaube, eine besonders anregend-inspirierende Wirkung haben.

In Thailand hat man ganz andere Sorgen. Dort riefen das Gesundheitsministerium und das Amt zur Förderung der moralischen Werte (keine Erfindung des Chronisten, das gibt es wirklich!) dazu auf, den Feiertag für Verliebte nicht zum einvernehmlichen Beischlaf zu nutzen. Stattdessen sollten die Pärchen „etwas Schönes kochen oder einen Tempel besuchen.“ Grund seien die vielen ungewollten Teenager-Schwangerschaften und die steigende Anzahl von Geschlechtskrankheiten. Diese Meldung rauschte durch den weltweiten Medienwald und landete sohin auch in der Kernölbotschafter-Redaktion.

Wie so oft ist das Ansinnen ehrenwert, wenn es amtlich zugeht; die Mittel führen jedoch nicht immer zum gewünschten Ergebnis. In diesem Fall könnte der Schuss sogar geradewegs nach hinten losgehen: Die vorgeschlagenen Alternativen zum Sex am Valentinstag dünken bei genauerer Betrachtung noch anregender als das Angebot vonObi, Baumax und Hornbach zusammen.

Vor langer Zeit (das klingt ein bisschen weniger schlimm als das ehrliche „vor mehr als zwei Jahrzehnten“) saß ich mit einer von mir damals Angebeteten in einer leeren Kirche. Die halbschattige Stille um uns, ihr Parfüm, das wie in Stein gemeißelte Profil – alles empfand der Jüngling in hohem Maße anregend. Wenn ich damals nicht schon in die Guter-Freund-Falle getappt wäre … wer weiß, wohin uns der Weg nach dem Kirchenbesuch geführt hätte.

„Etwas Schönes kochen“: Von wem stammt dieser Vorschlag, bitteschön? Von einem asketischen Mönch mit Altersdemenz? Klar, wenn eine Schale ungesalzener Reis mit Grünem Tee den höchsten Genuss bedeutet und dazu die eigene Jugend längst vom Nebel des Vergessens verschluckt wurde, kann die Fantasie schon einen Knick bekommen. 99,9 Prozent der liebesfähigen Weltbevölkerung wissen hingegen, dass gemeinsames Kochen per Definition etwas Sinnliches und deshalb zur Koitusanbahnung überaus geeignet ist. Geschichten darüber, wie jemand vom anderen Geschlecht eingekocht wurde oder dieses selbst eingekocht hat, sind sowohl Legende als auch Legion. Wie soll man denn eine Stunde in einer kleinen Küche Schulter an Schulter stehen, eine weitere Stunde Schenkel an Schenkel sitzen und ein feines Valentinstagspapperl verspeisen, ohne dabei scharf wie eine Chilischote zu werden? Wer jetzt noch ein Aphrodisiakum braucht, der möge seinen Weg lieber in der Nachfolge des Mönchs suchen.

In gut neun Monaten wird die Welt wissen, ob die Anregungen des Amtes zur Förderung der moralischen Werte (ich musste es noch einmal anbringen!) gewirkt haben. Ich verdanke ihnen jedenfalls die Idee, einen Kochkurs zu machen. Mein mangelndes Können auf diesem Gebiet zwang mich bislang zu Restauranteinladungen, wo die Sache mit der Anbahnung noch nicht wirklich ideal gelaufen ist.

Vermutlich wegen der großen Küchen.

 

Fifty Shades of Gabalier

In der beliebten Reihe Die Wöd steht nimma laung bringt die Kernölbotschafter-Redaktion zwei Meldungen, die am 10.2.2015 auf der Homepage des rot-weiß-roten Staatsfunks zu lesen waren. Bei beiden handelt es sich unglücklicherweise nicht um einen vorgezogenen Faschingsscherz.

In der Rubrik Lifestyle: „Britische Baumärkte rechnen mit Fifty-Shades-Ansturm“

Eine britische Baumarktkette hält ihre Mitarbeiter dazu an, sich mit dem Inhalt der Soft-Sado-Maso-Bibel Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen vertraut zu machen, um „sensible Fragen von Kunden auf höfliche, hilfreiche und respektvolle Art beantworten zu können.“ Grund ist der bevorstehende Kinostart der Romanverfilmung, welchem – dem Vernehmen nach – nicht nur Fans und Besitzer von Lichtspieltheatern entgegenhecheln. Auch Baumärkte haben vorgesorgt und größere Posten von Kabelbindern, Seilen und Klebeband angeschafft, weil „diese Produkte in einer besonderen Szene dafür gedacht seien, Herrn Greys unkonventionelle sexuelle Wünsche zu erfüllen.“

Also Obacht, liebe Frauen: Wenn euer aktueller Lebensabschnittspartner in den nächsten Tagen ohne ersichtlichen Grund den Einkauf übernimmt, dann aber statt eines Billa-Sackerls zwei prall gefüllte Tragtaschen vom Baumax nach Hause bringt, empfiehlt es sich, deren Inhalt genau zu prüfen. Oder zumindest spontan mit der besten Freundin auf ein, zwei Kaffetscherl zu gehen – klarerweise unter der Voraussetzung, dass sie den Film schon gesehen hat und/oder selbst im Baumarkt war.

Wie gesagt, kein Witz. Angesichts einer solch haarsträubenden Realität hilft nur die Flucht in Kindheitsträume. Doch was wartet in der Rubrik Leute?: „Gabalier singt Heidi-Hymne“

Jetzt wird auch noch diese sichere Festung aus Heidi, Wickie, Pinocchio und Biene Maja brutal zerstört. Und ich dachte schon, mit der peinlichen ÖBB-Werbung „Von Wien nach Prag um 19 Euro“, in der zwei halblustige Kabarettisten das Lied „Einmal um die ganze Welt“ grauslich verhunzen und sich der arme Karel Gott auch noch für ein Selfie hergeben muss, wäre der Boden des Fasses erreicht. Jetzt muss ich erkennen: Das Fass hat gar keinen Boden!

Für die Neuauflage der Serie Heidi wurde doch tatsächlich Volksrocknroller Andreas Gabalier engagiert, um das Titellied neu einzusingen. „Es war für mich eine Ehre, angefragt zu werden“, so der Sänger (erst im dritten Versuch gelang es mir, dieses Wort richtig zu schreiben). Meine Frage an den Urheber dieser Idee: Haben Sie sich irgendetwas gefragt, bevor Sie eine lebendig gewordene österreichische Kombination aus Trachtenlederhose, rot-weiß kariertem Hemd und Elvis-Frisur gefragt haben, im Vorspann einer Kinderserie zu jodeln, die in den Schweizer Alpen spielt? Da können Sie auch gleich im nächsten Jahr bei der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen die Kuhglocken verbieten und Gabalier als Draufgabe die eidgenössische Hymne singen lassen! Aber Achtung: Er mag keine modernen Textfassungen.

Ich seh’s schon kommen: In naher Zukunft wird aus Wickie der neue Käpt’n Iglo, und Pinocchios Nase wird im 36. Teil von 50 Shades of Grey – Hölzerne Spiele auf eindeutig unkonventionelle Weise zum Einsatz kommen.  Diese düsteren Aussichten lassen keine andere Wahl: Es gibt nur einen Weg zur Rettung des Planeten.

In einer konzertierten Anti-Terror-Aktion müssen die örtlichen Baumärkte gestürmt und ihres sämtlichen Vorrats an Klebeband, Seilen und Kabelbindern beraubt werden. Danach wälze sich der Mob zum Haus von Andreas Gabalier, um lautstark die Herausgabe aller existierenden Masterbänder der neuen Heidi-Hymne zu fordern. Geschieht das nicht innerhalb einer Stunde, ist das AVVK (Anti-Volksgut-Verhunzer-Kommando) berechtigt, den Delinquenten sowie seine Knopferlharmonika mittels der mitgebrachten Utensilien daran zu hindern, auch nur einen Ton des neuen Liedes zu singen oder zu spielen. Als zusätzliche Buße wird dem Straftäter auferlegt, ein Jahr lang täglich am Hauptplatz einer anderen österreichischen Stadt den derzeit gültigen Text der Bundeshymne durch ein Megaphon aufzusagen. Sollte er den Versuch des Gesangs unternehmen, verlängert sich die Buße automatisch um ein weiteres Jahr.

 

Himmel über Paris (Brief an drei verirrte Seelen)

Im Gedenken an die Opfer der Terroranschläge vom 7.1.2015

Ich weiß nicht, wo ihr gerade seid. Ob ihr, während ich dies schreibe, von einer schier unübersehbaren Schar Jungfrauen becirct werdet. Oder ob ihr euch ganz ohne Gesellschaft ungläubig die Augen reibt, angesichts einer riesigen Schale Obst – es wäre ein hübscher Beweis dafür, dass nicht alle Versprechen so gemeint sind, wie sie gerne verstanden werden.

Ich hoffe aber, ihr hattet drei Logenplätze mit bester Sicht auf die zahllosen Menschen, die vor ein paar Wochen in Paris gezeigt haben, wie stark geeint sie stehen gegen eure Schändlichkeiten. In deren Herzen der Samen des Hasses, den ihr mit eurem feigen Anschlag gegen  Zeichenstift und Feder säen wolltet, niemals aufgehen geschweige denn Frucht tragen wird.

Weil wir schon bei Fehleinschätzungen sind: Der Plan, ein Medium auszulöschen, weil es nach eurem Ermessen den Propheten Mohammed beleidigt hat, erwies sich als der größte Rohrkrepierer aller Zeiten. Die Zeitung Charlie Hebdo hatte bis vor kurzen eine Auflage von sechzigtausend Stück; in einem Land mit knapp 66 Millionen Einwohnern nicht der Rede wert. Von der Ausgabe nach eurem vermeintlichen Husarenstück wurden sieben Millionen gedruckt. Und hier ist nur von der ersten Auflage die Rede, wohlgemerkt. Damit hat sich euer Feind, anstatt der Vernichtung anheim zu fallen, mehr als verhundertfacht. So etwas nenne ich eine gelungene Operation!

Darf ich euch zwei Fragen stellen? Wie steht es um den Charakter eines Propheten, der sich von einer Zeichnung – wie provokant sie auch sein mag – beleidigen lässt? Wie schwach ist euer Gott, von dem ihr gleiches sagt? Meinen Gott ficht so etwas nicht an. Er ist beständig in seiner Liebe zu mir, nimmt alles hin, was ich ihm entgegenschleudere. Ich machte ihm Vorwürfe, die meinen besten Freund vertrieben hätten. Mein Gott aber ist bei mir geblieben.

Jetzt verrate ich euch etwas: Gerüchte besagen, wir glauben an den gleichen Gott! Ihr drei, ich, Charb und seine Kollegen bei Charlie Hebdo, Europäer und Araber, Juden, Christen und Moslems, überhaupt alle Menschen auf der Welt! Ist das nicht wunderbar?

Ich sehe ein Stirnrunzeln im Himmel über Paris. Das kann nicht zusammengehen, denkt ihr wohl, wenn euer Gott beleidigt ist und meiner nicht. Nie und nimmer sprechen wir vom gleichen Gott.

Meine Theorie dazu ist vielleicht abwegig, aber ich bringe sie trotzdem: Irgendwann hat jemand – ein Lehrer, ein Imam, ein guter Freund – euch erzählt, euer Gott wäre beleidigt, wenn er diese und jene Dinge sehen muss. Falsche Lebensweisen, kritische Zeichnungen, fremde Religionen. In dem Moment hättet ihr euren Grips anstrengen und euch fragen können: Ist das wirklich so? Doch ihr habt den Worten sofort geglaubt – euer Verstand hatte nicht die geringste Chance herauszufinden, ob ihr selbst auch so denkt. Und nach einer Weile machte es keinen Unterschied mehr, ob euch jemand sagt, Gott sei beleidigt, oder ob es wirklich der Fall ist.

Beleidigungen tun weh, keine Frage; ich habe viele davon erlebt. Sie nahmen nicht den Umweg über Gott, sondern trafen mich direkt. Manche geschahen aus Unachtsamkeit, mit anderen wollte man mich bewusst verletzen.  Ich habe alle ertragen, mit Hilfe meines Gottes und vieler Freunde. Und dank einer Gabe, die jeder Mensch beim Betreten dieser Welt in sich trägt. Auch ihr drei habt sie bekommen: das Lachen.

Ihr habt vergessen, wie man lacht. Als Kinder konntet ihr es, da bin ich sicher. Euer Kinderlachen war hell, durchdringend und befreiend, wie jenes aller anderen Kinder auch. Und wieder hat euch jemand gesagt: Lacht nicht! Seht doch, wie schlecht die Welt ist! Und alle anderen sind schuld daran! Damit war der Samen des Hasses in euch gepflanzt.

Euer Gott ist so groß und so gütig und so liebevoll und so wenig beleidigt wie der meine. Ich befürchte aber, ihr würdet ihn nicht erkennen, selbst wenn er direkt vor euren drei Nasen stünde. Denn der Hass hat eure Augen blind, eure Ohren taub und eure Herzen kalt gemacht. Andere zogen diesen Hass in euch heran, bis seine Schwärze alles zudeckte und er reif war für die Ernte. Sie drückten euch Waffen in die Hand, nannten euch eine Adresse in Paris. Blind, taub und kalt seid ihr losgestürmt.

Waffen können Menschen auslöschen, aber keine Geisteshaltung. Sie können Gliedmaßen, Organe verletzen, aber kein Vertrauen in sich selbst, in den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, in Gott.

Auch wenn die Menge von Paris schweigend marschierte, drang ihr seelenvoller Ruf millionenfach in den Himmel, verstärkt von zahllosen Herzen auf der ganzen Welt. Keine Waffe, keine Hassrede und keine Beleidigung wird ihn jemals verstummen lassen.

Ich bin das Lachen! Ich bin die Freude am Leben! Ich bin Charlie!

 

 

Star Wars in BetleheM

Bei meinem siebenjährigen Neffen Johannes ist die Krieg-der-Sterne-Phase voll ausgebrochen. Das äußert sich in Marzipanverzierungen auf Geburtstagstorten, Plastik-Laserschwertern, um mit dem kleinen Bruder klassische Kampfszenen aus den Filmen in Originallänge nachzuspielen, sowie zahllosen Figuren in Playmobilgröße: Tische, Regale und der Fußboden gehören längst zu einer weit, weit entfernten Galaxis.

Aber auch in diesem Jahr gelang es meiner Schwester Evi, Mutter jener zwei kleinen Jedi-Ritter (die beiden älteren Kinder haben diese und viele anderen Phasen bereits glücklich überwunden), unter Einsatz aller Autorität, einen weihnachtlichen Platz im Wohnzimmer zu erkämpfen. Sohin stand in der Ecke ein festlich geschmückter Christbaum und davor eine moderne Krippe, deren Figurenzahl durch kontinuierliche Erweiterung des Tierbestandes schon beträchtlich ist.

Als sie am Morgen des Christtages zur Krippe schaute, fand sie weder das Jesuskind noch dessen Eltern oder Ochs und Esel an den ihnen seit Jahrtausenden fix zugewiesenen Plätzen vor. Sie lagen zerstreut in alle Richtungen; eine Figur inmitten des Chaos ähnelte sehr verdächtig dem unter Insidern bekannten Luke Skywalker.

„Was ist denn hier los?“, galt Evis erste Frage folgerichtig Johannes, der auf der Couch saß und seelenruhig einen Weihnachtskeks verspeiste.

„Darth Vader hat die Krippe angegriffen!“, gab der Kleine zur Antwort. Er tat dies mit großen Augen, die die Unwissenheit seiner Mutter zugleich tadelten und bedauerten. „Luke Skywalker hat es nicht verhindert. Keine Ahnung warum.“

Wäre meine Schwester mit dem Star-Wars-Universum vertraut, hätte sie einen blitzgescheiten Konter fahren können: Dann wären die Figuren durch das Laserschwert von Darth Vader verdampft, nicht bloß umgefallen. So aber blieb ihr nur die Aufforderung an den Sohn, alles in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen, was dieser nach einem weiteren Wie-kannst-du-eine-so-dumme-Frage-stellen-Mama-Blick auch tat.

Nachdem der letzte Hirte wieder seinen Platz gefunden hatte, gestattete Evi sich den nachträglichen Wunsch ans Christkind, die Krieg-der-Sterne-Phase möge bis zum nächsten 24. Dezember abgeklungen sein. Andernfalls fände sie möglicherweise in knapp einem Jahr unter dem Baum eine Original Star-Wars-Krippe, mit einem Laserstrahl anstatt des Sterns über dem Stall von Betlehem.

Aber dieses Schreckensszenario wird die in Sachen Familienweihnachten erfahrene Mutter zu verhindern wissen – schließlich hat sie es bislang auch geschafft, den Weihnachtsmann aus ihrem Haus fernzuhalten. Möge die Macht mit ihr sein!

Doch kein ausserirdischer

Während eines Spaziergangs entlang einer Gasse in meiner Nachbarschaft, die den schönen Namen Am Spitz trägt, kommt mir ein Mann entgegen, der einen etwa dreijährigen Buben auf einem Bobby Car mit Griff vor sich her schiebt. Kaum bemerkt das Kind meine fremdartige Gehweise, starrt es mich mit riesigen Augen und offenem Mund an. So weit, so normal.

Eine Nanosekunde, nachdem der Mann geschnallt hat, warum der Bub nicht mehr seinen Worten lauscht, beginnt er hektisch, den Kleinen von der offensichtlichen Quelle seiner Faszination abzulenken: „Was für ein schöner Tag heute ist! Hörst du die Vögel, Samuel? Obwohl wir schon November haben, singen sie noch!“

Ob Samuel die Vögel hört, bleibt für mich unergründlich. Sehen tut er sie auf keinen Fall, hat er doch einzig und allein Augen für jenen Mann, der da so komisch daherwackelt. Sohin intensiviert sein erwachsener Begleiter seine Bemühungen, die Aufmerksamkeitshoheit zurückzugewinnen: „Was hat es im Kindergarten zu essen gegeben, Samuel? Hat es dir geschmeckt?“

Es hilft nichts: Das Kind starrt und staunt. Alles ist vergessen – Frühstück, Mittagessen und das noch gar nicht verspeiste Nachtmahl gleich dazu. Als die beiden schon fast auf meiner Höhe sind, ergreift der Mann in dem Irrglauben, eine fürchterliche Peinlichkeit mir gegenüber ausmerzen zu müssen, seine letzte Chance. Wir passieren einander genau neben einem Garten, in dem eine große Blutbuche steht, deren tiefrote Blätter in der Herbstsonne leuchten.

„Schau nur, Samuel! Sind die Blätter an dem Baum da nicht wunderschön?“

Was für eine bizarre Situation: Dieser Mensch steht nur eine Armeslänge von mir entfernt, schaut jedoch so konzentriert von mir weg, als würde ihn mein Anblick innerhalb einer Sekunde blenden oder in immerwährende Verwirrung stürzen. Dabei stellt er sich auch noch dermaßen ungeschickt an, dass es für mich hoch an der Zeit ist, korrigierend einzugreifen.

Ich bleibe stehen, drehe mich zu der Blutbuche und sage laut hörbar: „Der Baum ist wirklich schön!“

Im nächsten Moment zerplatzt der Ballon aus unausgesprochenen Fragen, und der Mann schaut mich mit noch größeren Augen an als das Kind. Auf seiner Stirn steht deutlich geschrieben: Also doch kein Außerirdischer! Das ist ja ein Kerl aus Fleisch und Blut, der ganz normal redet! Unglaublich!

„Kommen Sie aus der Steiermark?“, fragt er staunend. Ich nicke und staune meinerseits darüber, dass ein einfacher Satz genügt, um aus Personen wieder Menschen zu machen, die einander offen begegnen und eine simple Wahrheit erkennen: Eingebildete Ängste vor vermuteten Beleidigungen sind so ziemlich das Unnötigste zwischen Scheibbs und Nebraska. 

Der Mann grinst erleichtert. Das Kind ist glücklich, mich endlich ungehindert anschauen zu können. Nach ein paar weiteren Worten verabschieden wir uns. Alles ist gut.

Heiteren Herzens setze ich meinen Spaziergang fort, höre die Vögel, sehe die strahlenden Herbstfarben um mich herum. Und freue mich auf mein Nachtmahl.

Abkürzen, aber richtig

Was macht ein Manager, der furchtbar gestresst, aber doch hin und wieder einsam ist? Er gibt eine Kontaktanzeige auf. Die dafür mühsam freigeschaufelten fünf Minuten reichen nicht für einen sehnsuchtsvollen literarischen Erguss, also wählt der Mann den Weg der knackige Abkürzung. Zum Beispiel so, wie es in den Salzburger Nachrichten vom 8.11.2014 auf Seite 20 in der Rubrik Partnersuche zu lesen ist:

ER, gut sit., attrakt., su. niveauv., natürl. SIE bis 50 J., mit Foto.

An dieser Stelle lässt der Chronist die Frage, welchen Mengenrabatt es für einen Satz mit sechs abgekürzten Wörtern gegeben haben könnte, lässig beiseite und konzentriert sich aufs Wesentliche. Wie soll sich eine niveauv., natürl. SIE den hoffnungsv. Werber vorst.? Klar, gut sit. klingt nicht schlecht (Cash macht bekanntlich fesch), aber sonst? Es ist zu befürchten, die erste reale Begegnung – falls es nach dem Austausch von drei Kurzmitteilungen via Twitter überhaupt dazu kommt – findet im Stehcafé anstatt im Haubenlokal statt. Und in seiner Hose vibriert nichts außer seinem (nach der dritten Aufforderung ihrerseits) stumm geschalteten Smartphone.

Doch auch für im Megastress gefangene Liebessuchende gibt es Hoffnung. Unser Freund könnte mit seiner Anzeige ins Schwarze treffen und sein Pendant finden: Eine Frau, die genau seinen Wünschen entspricht. Für diesen Fall sendet der Kernölbotschafter eine dringende Bitte an das glückliche Paar: Um Mtlg. w. geb.

Zweite Möglichkeit: Der Mann nimmt sich einen Abend frei und besucht eine Veranstaltung, die für Leute wie ihn erfunden wurde: Speed-Dating. Dort kann er nach Herzenslust alles abkürzen: seine Sprache, seinen Lebenslauf und jeden persönlichen Kontakt mit seinem Gegenüber.

Mein Blick, von derart massiv eingesetzter Interpunktion unscharf geworden, schweift weiter und findet am linken Rand der gleichen Seite eine Announce, die mehr verspricht: Hendlessen. Ich will schon die Nummer daneben wählen, da reihen sich die Buchstaben vor meinen Augen doch noch zu Handlesen um.

Ein schrecklicher Verdacht steigt in mir hoch: Irgendjemand hat auch dafür eine Abkürzung gefunden. Übers Telefon.

Wisch & weg

Ein Anruf meines Außendienstkollegen Franz wird wieder einmal abrupt unterbrochen. Er spricht danach stets von einem Funkloch, ich hege aber den Verdacht, dass ein anderer Anruf wichtiger war. Oder (wenn ich meine boshaften zehn Sekunden habe) dass er, was auch vorkommt, einen technischen Infight mit seinem Smartphone verloren hat.

Sohin lasse ich mit meiner Frage, als Franz sich erneut meldet, alle Optionen offen: „Hast du mich gerade weggewischt?“

„DICH würde ich NIE wegwischen“, erwidert er im Brustton der Überzeugung, was ich angesichts unserer guten Zusammenarbeit beinahe glaube.

Wir sprechen über den Grund seines Anrufs. Als ich selbst einen offenen Fall anreiße, unterbricht er mich.

„Du, ich habe da jemanden in der Leitung. Servus!“ Ein Wisch – und weg war ich.

Wirklich schade, dass ich Franz bei seinem zuvor gemachten Kompliment nicht gegenüber gestanden bin. Ich wette, er bekam ein rotes Gesicht. Oder zumindest eine lange Nase.

Lange nacht der Undankbarkeit

Ein Leserbrief in den Salzburger Nachrichten vom 4.10.2014 auf Seite 30:

Lange Nacht der Museen Diese Veranstaltung wird wochenlang als „besonderes Zuckerl“ für die Bevölkerung in den Medien angekündigt … kostet aber 13 Euro. Wenn man an einem Abend zwei Museen besichtigt, wird man schnell von den beeindruckenden Werken gesättigt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Leute noch um Mitternacht fit sind, um Galerien zu besuchen. Vielleicht sollte sich Österreich vielen anderen EU-Ländern anschließen, die jedes Jahr am dritten Wochenende im September die „Europäischen Tage des Kulturerbes“ feiern. An diesen zwei Tagen (Samstag und Sonntag) sind alle Museen, Schlösser, Monumente, Theater den ganzen Tag gratis – sicher auch besser für die Kinder! Christine (Nachname der Kernölbotschafter-Redaktion bekannt)

Liebe Christine! Beim Lesen Ihrer Suderei fiel mir der Spruch „Allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann“ ein. 13 Euro Eintritt sind wie jeder andere Betrag diskutabel, weil ein Wert schon für zwei Personen eine unterschiedliche Wertigkeit besitzen kann. Bei sachlicher Betrachtung des Gebotenen ist der verlangte Preis jedoch zweifellos eine Okkasion. Dass Sie nur zwei Museen schaffen und um Mitternacht nicht mehr fit sind, ist nicht die Schuld der vielen Menschen, die mit vollem Einsatz für das Gelingen dieser Nacht arbeiten. Auch wenn es österreichisch anmutet, überall ein Haar in der Suppe zu finden, zeugt Ihr Brief für mich von ungesundem Egoismus nach dem Motto „Ich mag es nicht, also ist es schlecht“. Anstatt eine Veranstaltung herunterzumachen, die Jahr für Jahr unzählige Besucher begeistert – und, nebenbei bemerkt, nicht für Kinder konzipiert ist –, sollten Sie öfter die Seite Good News in den SN lesen. Das vertreibt trübe Gedanken und öffnet vielleicht auch die Tür zur Dankbarkeit für das gute Leben, das wir in Österreich führen dürfen.

Noch ein Tipp: Im Salzburger DomQuartier kann man seit Mai dieses Jahres fünf Museen in einem einzigen Rundgang besuchen, und das zum Preis von  12 Euro. Dort könnten Sie nach Lust und Laune trainieren – für die nächste Lange Nacht. Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen, dass Sie im nächsten Jahr drei Ausstellungen schaffen!

 

Andere dumme Kühe

Am Spielplatz vor meinem offenen Fenster sagt eine Vierjährige zu ihrer gleichaltrigen Noch-vor-einer-Minute-besten-Freundin: „Du dumme Kuh!“

Die Mutter, entsetzt: „Laura! Das sagt man doch nicht!“

„Wieso? Papa hat es gestern über Tante …“-

Die Mutter, hektisch: „Der meinte eine andere!“

„Eine andere dumme Kuh?“

Die Mutter, verzweifelt: „Du entschuldigst dich jetzt sofort bei Sarah!“

„Nur wenn du mir sagst, wen Papa gemeint hat.“

Die Mutter, streng: „Später!“

Der weitere Dialog der beiden spielt sich zu meiner Enttäuschung außer Hörweite ab. Ich bin aber guter Hoffnung, dass Laura und Sarah schon bald wieder beste Freundinnen sein werden.Wirklich dumme Kühe werden ihren Lebensweg ohnehin kreuzen. Nicht nur jene, die Papa gemeint hat. Auch andere.

Frau mit Grill sucht

Gefühlvolle Enddreißigerin, hübsch aber schüchtern, sucht IHN mit HHH (Herz, Hirn, Humor) für lange Spaziergänge, bei Sympathie gerne mehr. Bitte mit Foto!

So oder so ähnlich klangen bis vor ein paar Jahren die Kontaktanzeigen in den Wochenendausgaben. Das Gedankenbild vom Mauerblümchens, das sehnsuchtsvoll die tägliche Post erwartet und einen Brief, sobald er tatsächlich gekommen ist, mit zitternden Händen öffnet, wurde quasi frei Haus mitgeliefert.

Dann war plötzlich Wirtschaftskrise, und vieles änderte sich. Aus Hoffnungen wurden Forderungen, nur die Enttäuschungen blieben gleich. Ein neuer Ton hielt Einzug, auch in das Anbahnen zwischenmenschlicher Beziehungen. Wer mutig ist, sagt offen, was er oder sie will; wer die Macht hat, nimmt es sich sofort.

Frau mit Grill sucht Mann mit Kohle! Wenn du auch etwas erreicht hast, melde dich! So steht es auf Seite 29 der Salzburger Nachrichten vom 26.7.2014 – klipp und klar, keine offenen Fragen.

Früher war nicht alles besser. Trotzdem würde ich lieber dem Mauerblümchen schreiben. Aufs Grillen stehe ich ohnehin nicht besonders.

Unzulässige Verkürzung

Originale Wiedergabe eines kürzlich geführten Telefongesprächs.

Kunde: „Was ist die kürzeste Länge Ihrer Zylinder?“

Ich: „ 27/27.“

K: „Und wie lang ist der Nächstkürzere?“

I (leicht verwirrt): „Sie haben gerade nach dem kürzesten Zylinder gefragt.“

K: „Es gibt also keinen kürzeren?“

I: „Nein.“

K: „Wie ist also die kürzeste Länge?“ …

Ob dieser Kunde einen Zylinder bestellt hat, weiß ich nicht mehr. Sollte er jedoch wieder anrufen, mache ich ihm ein besonderes Angebot: einen Doppelknaufzylinder ohne Knauf. Dieser wurde am gleichen Tag angefragt.

Segway-Sorgen

Am Sontagvormittag steht eine Gruppe von behelmten Segway-Fahrern am Alten Markt in Salzburg auf ihren Paralellrädern seltsam unentschlossen herum. Sie drehen sich im Kreis, wippen nach vor und zurück, wechseln knappe Worte untereinander.

Da sagt ein junger Mann, der rechts von mir auf der Terrasse des Cafè Tomaselli sitzt, zu seiner Begleiterin: „Warten die auf den Einen, der es nicht mehr um die letzte Ecke geschafft hat?“

Gendern, missglückt

In den Salzburger Nachrichten vom 19.7.2014 ist die Stiegl Brauwelt auf Seite 28 mit folgendem Text auf Mitarbeitersuche: „Schankbursche (m/w)“

Ob Conchita Wurst vor ihrem Song-Contest-Triumph Interesse an der Stelle gehabt hätte, wird ein ungelöstes Rätsel bleiben. Fest steht jedoch: Das Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit ist in dieser Anounce gründlich in die Hose gegangen. Da hilft nicht einmal mehr das Binnen-I.

 

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