Satiren des Tages - September 2017

6. September 2017: Konkursantrag, unversehrt

Heute ist es soweit. Ich habe mich immer vor diesem Tag gefürchtet, wiewohl ich wusste, dass er irgendwann kommen würde. Jetzt ist der da. In wenigen Minuten, knapp vor Dienstschluss, werde ich für meine Profession als satirischer Chronist und Kommentator im Lande Österreich, die ich seit vielen Jahren unter dem Namen Der Kernölbotschafter betreibe, Konkurs anmelden. Die Umstände zwingen mich dazu.

Lange Zeit war ich mit meiner Tätigkeit zufrieden und erfolgreich. Politik, Wirtschaft, Sport, gesellschaftliches Leben – alles enthielt immer genug Anregungen, um die satirische Spitze an den treffendsten Stellen anzusetzen. Zwischen Bodensee und Neusiedlersee hatte man immer so viel Freude an der komischen Selbstverletzung, dass es ein Leichtes war, ironisches Salz in die weit geöffneten Wunden zu streuen. Und in Wahlkampfzeiten kamen für mich sowieso Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Vom Pizza ausliefernden Kanzler bis hin zur grünen Spitzenfrau, die mir meine Männlichkeit abspricht, wenn ich sie nicht wähle, war alles und noch mehr dabei. Das Tröstliche an diesen Zeiten kalkulierten Irrsinns: Ihr Ende war stets absehbar. Irgendwann kam die Wahl, und selbst wenn sie wiederholt wurde, gab es letztendlich ein Ergebnis.

Doch seit gestern finde ich keinen Trost mehr. Was ich auf der Homepage des heimischen Fast-Monopolisten für elektronische Neuigkeiten lesen musste, machte mir klar, dass der Ernst – oder was dafür gehalten wird – dem tiefsten satirischen Fass endgültig den Boden ausgeschlagen hat, unwiderruflich und irreparabel.

Ein perfider Doppelschlag aus zwei Meldungen setzte mich k.o. Immer war ich so stolz auf meine blühende Phantasie, aber ich werde zweifellos nie in der Lage sein, etwas derart Abstruses zu erfinden, geschweige denn in Worten auszudrücken.

Im salzburgischen Bergheim gibt es ein großes Messezentrum, wo von Essen über Klamotten bis hin zu Sexartikeln alles ausgestellt wird, was irgendwie interessierte Besucher anzuziehen glaubt. Selbiges glaubten auch die Ausrichter der Tabakfachmesse am vergangenen Wochenende. Und sie lagen goldrichtig damit – der Andrang war rege. Was sie jedoch nicht bedachten, war das Rauchverbot bei öffentlichen Veranstaltungen.

Geht’s noch? Auf der Tabakfachmesse darf nicht geraucht werden? Stellen Sie sich die Gamlitzer Weintage mit Alkoholverbot vor oder ein Streetfoot-Festival, bei dem Fett und Zucker nicht erlaubt sind. Einen Badesee mit Schwimmverbot. Selbst bei Erotikmessen gibt es Vorführungen, weshalb der Eintritt für unter 18jährige verboten ist. Aber die hängen ohnehin lieber vor den einschlägigen Pornoseiten im Internet.

Ich bin kein Jurist, der die vor Ort durchgeführte Strafaktion der Bezirkshauptmannschaft Flachgau als nicht rechtens brandmarken könnte; Veranstalter und Verkoster der Tabakwaren wurden in der Tag von Kontrolleuren samt und sonders abgemahnt und angezeigt. Jedoch hänge ich der altmodischen Meinung an, dass man alles vorher vereinbaren kann, wenn man will. Die österreichische Lösung? Jemand schreit: „Vurschrift!“, und schon wird jede Logik und Kompromissbereitschaft derart weit über Bord geworfen, dass sich der denkende Mensch nur noch mit Grausen abwenden kann.

Aber vielleicht sind die Beamten von der BH Flachgau nur besonders rigoros in ihrem Bestreben, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen – Rauchen kann bekanntlich tödlich sein.

Tödlich wäre möglicherweise auch eine Ausfahrt mit der Wiener Bestattung. Dies wird jedoch dadurch verhindert, dass die meisten Passagiere den Zustand der letalen Gefährdung bereits hinter sich haben. Meldung Nummer zwei, die mir gestern satirisch endgültig den Garaus machte, berichtete von der Verselbstständigung eines Sarges aus einem firmeneigenen Transporter, während es steil bergauf ging.

"Die Tür war leider defekt", jammerte der Sprecher der hauptstädtischen Pompfüneberer, "dafür kann man den Fahrer nicht verantwortlich machen."

Schon wahr. Wohl aber den Schreiberling auf orf.at, dem die quasi unsterbliche Pointe "Der oder die Tote blieb unversehrt" aus den Fingern rutschte. Das hätte – angesichts der verblichenen Tatsachen – nur noch durch den Ausruf "Wos fia a schene Leich'!" getoppt werden können.

Nun werden Sie verstehen, warum der Kernölbotschafter seine Gewerbeberechtigung zurücklegen muss. Was in diesem Land abgeht, ist Satire pur, weit jenseits aller Erfindungskunst. Und dabei hatte ich gehofft, mit der Wahl Donald Trumps zum besten Präsidenten aller Zeiten wäre der Höhepunkt erreicht gewesen. Weit gefehlt – für die echten Höhepunkte sorgen wir schon noch selbst.

Da fällt mir ein: Herrscht bei der nächsten Erotikmesse in Bergheim eigentlich Sexverbot? Ich werde nachfragen. Vielleicht gelingt es mir auf diese Weise, den Konkurs in einen Ausgleich mit satirischer Eigenverwaltung umzuwandeln.

Sollte ich aber vorher abtreten, hoffe ich doch sehr, unversehrt zu bleiben. Bitte danke.

Feder

 

3. September 2017: Ein Krokodil vor dem Kaffeehaus

Kurz vor Beginn der Festmesse zur Segnung des neu renovierten Feldbacher Kirchturms marschieren sämtliche Honoratioren der Stadt vom Pfarrheim zum Haupteingang des Gotteshauses. Angeführt werden sie von den Priestern und der Jungsteirerkapelle, danach folgen Vereine, Feuerwehr etc. Froh darüber, dem kalten Nieselregen entkommen zu sein, verfolge ich gemeinsam mit anderen, die wie ich in der Frühmesse waren, durch ein Fenster des Café Castello den Einzug. 
Plötzlich sagt ein älterer Herr mit eindrucksvollem grauem Schnauzbart, nachdem er versonnen einen Schluck von seinem Rumtee genommen hat: "Da geht ein Krokodil mit 80 Haxen und 4 Zähnen vorbei."
"Was soll das bitte sein?", wundert sich sein Begleiter etwa gleichen Jahrgangs.
"Na, siehst du's nicht?", beharrt der Schnauzer und deutet mit der linken Hand nach draußen. "Der Kameradschaftsbund!"

Feder

 

 

Satiren des Tages - Juli 2017

26. Juli 2017: Wenn Spamer auf Urlaub sind

Schon lange frage ich mich, woher der Big Brother unserer Zeit – auch Internet genannt – weiß, dass ich Single bin. Ich hänge es nicht an die große Glocke des WWW; einzig meine amorösen Fehlschläge finden ihren Niederschlag in manch bissiger Satire.

Woher ich weiß, dass das Internet weiß, dass ich Single bin? (Es gibt durchaus schönere Formulierungen, aber Sie wissen, was ich damit sagen will.) Nun, das regelmäßige Eintrudeln von eMails windiger Provenienz und ebensolchen Inhalts deutet schwer darauf hin. Meist ist noch ein pixeliges Foto einer typischen Oststaaten-C-bis-D-Schönheit angehängt: hohe Wangenknochen samt übermäßiger Verwendung gesichtskosmetischer Produkte. Der Text riecht so sehr nach Google Translator, dass es schlicht unmöglich ist, diese literarische Perle satirisch zu übertreffen.

Inhaltlich ist das weite Feld der Liebe erstaunlich eng gesteckt. Die Damen sind alle Mitte 30, kinderlos, waren noch nie verheiratet und sehnen sich – no na – nach der großen Liebe. Nach vielen Enttäuschungen haben sie sich an eine Partneragentur gewandt und von dort meine Mailadresse bekommen – womit sich der Kreis zum Big Brother wieder schließt. Der Prinz soll hehre innere Werte haben, es ehrlich meinen und die Prinzessin um alles bitten, nur nicht um Nacktfotos. Das würde die Kommunikation leider Gottes sofort und für alle Zeiten beenden.

Abgesehen davon, dass ich gar nicht zu kommunizieren beginne: Ist es sinnvoll, Fotos zu versenden, die augenscheinlich direkt aus der Casting-Datenbank eines Softporno-Produzenten stammen und durchaus das Potential haben, den Mann nach mehr als einem hübschen Gesicht zu verlocken – nur um sich dann dieses Mehr zu verbitten? Würde ich diese Frage auf Facebook posten, hätte dies eine längere philosophische Diskussion zur Folge als über die Entscheidung von Peter Pilz, nun doch mit einer eigenen Liste bei der Nationalratswahl im Herbst anzutreten.

Aber ich schweife ab. Anlass zu dieser Geschichte ist eine bemerkenswerte Änderung in den hoffnungsvollen elektronischen Liebesofferten. Sie verstopfen auch in den Sommermonaten regelmäßig meine Mailbox, sind jedoch in einer Weise verknappt, die nur einen Schluss zulässt: Der (oder die) für weltweite Spam-Mails zuständige Büroangestellte ist auf Urlaub, jetzt muss die Dame selbst in die Tasten hauen. Und ich vermute, ihre Fingernägel sind zu lang, als dass sie eine längere Botschaft als die folgende zuließen:

Hallo. My name Ludmila. Ich bin froh, dich. Bis dann.

Das Bild einer Blondine (eher Anfang zwanzig, aber das ist eh kein Nachteil) ziert den Anhang. Und auch der Textanfang ist verständlich. Aber Ich bin froh, dich lässt dann doch einigen Raum für Spekulationen: ... zu treffen? ... zu heiraten? ... zu ärgern? ... aufzuhalten? Irgendeine Erwartung wird die Holde wohl haben, schließt sie ihre kurzbündige Botschaft doch mit dem selbstbewusst-erwartungsvollen Bis dann.

Ein paar Stunden später dürften der Liebeswerberin – wohl auf Grund meiner nicht erfolgten Antwort – irgendwie Zweifel an der Klarheit ihrer Botschaft gekommen sein. Also setzt sie eine zweite Nachricht mit gleichem Foto ab: Hello. My name Ludmila. Mein das Foto zu gefallen, ist fertig, mich besser zu erkennen? Bis dann.

Ja, das Foto gefällt mir noch immer. Und ich bin auch fertig – mit dieser Geschichte. Bis dann.

Feder

 

13. Juli 2017: Der Herr Karl, gefunden mit der Stecknadel

Weil ich meinen Auftritt bei den Feldbacher Sommerspielen nächste Woche nicht gefährden und deshalb bei Stimme bleiben will, verzichte ich angesichts des Gewitterregens auf die  Freiluft-Premiere des Brandluckner Huab'ntheaters, setze meine Eltern bei selbigem ab und begebe mich, als der heftige, aber kurze Regenguss vorüber ist, in einen nahe gelegenen Gasthof.
Dass das zugleich mit Speis und Trank bestellte tagesaktuelle Druckerzeugnis verspätet geliefert wird ("Die Zeitung liest gerade der Chef", Auskunft der Kellnerin), ist dank der wunderbaren Schwarzwälder Kirschtorte und des herrlich fruchtigen Muskatellers leicht zu verschmerzen. Als mir das freundliche, hübsche Wesen die Krone auf den Tisch legt, interessiert sie mich gar nicht mehr, hat meine Aufmerksamkeit doch ein ungleich lohnenderes Objekt für sich entdeckt: den Herrn Karl.
Eine äußerliche Beschreibung des Helden dieser Geschichte muss leider unterbleiben, da ich ihn niemals zu Gesicht bekomme. Das ist der eher selten anzutreffenden Abtrennung der Schank von der Gaststube mittels einer Tür geschuldet, was wiederum am Alter des Hauses, vom Wirt nach abgeschlossenem Zeitungsstudium mit 250 Jahren angegeben, liegen mag. Dadurch komme ich jedoch in den intensiven Genuss eines Hörerlebnisses, weil die genannte Schank quasi als Verbindung zweier Räume dient. Herr Karl hält sich vor der Tür zur Gaststube an seinem Glas Wein fest, ich lausche dahinter gespannt seinen Worten. Und Worte hat er viele, zu jedem nur denkbaren Thema. Hier eine kleine Auswahl, quasi ein Best Of. Die Niederschrift in Dialektform unterlässt der Chronist, da schon der bloße Versuch einer Beleidigung jenes einzigartigen Idioms gleichkäme.
Herr Karl über den Euro: "Eine Tante von mir hat endlich damit aufgehört, die Euro in Schilling umzurechnen. Nur wenn am 1. die Pension kommt, macht sie es immer noch: Schaut gleich mehr aus!"
Über die Gefahren eines Bauernlebens: "Ich habe keine Angst vor einem Zeckenbiss. Wenn mich ein Zeck beißt, ist der mehr geimpft als ich, haha! Wirt, noch ein Achterl vom Weißen!"
Über ein bekanntes Mittel zur Luststeigerung: "Ich brauch' kein Viagra. Meine Blutdrucktabletten haben eine ähnliche Nebenwirkung!"
Über die aktuellen Hausgäste: "Die Teilnehmer eines Aquarellmalkurses sind bei dir einquartiert? Wenn die nur einen Pinsel und kein Glaserl halten können, verdienst du aber nicht viel dabei, haha!"
Über wahre Freundschaft: "Ich habe einen Freund, der ist ein echt klasser Bursch. So etwas musst du heute mit der Stecknadel suchen."
Weil es bei diesem Stakkato an Perlen steirisch-ländlicher Alltagskunst furchtbar wäre, auch nur eine davon zu vergessen, mache ich mir eilig Stichwortnotizen auf meinem Mobiltelefon, zur späteren satirischen Verwertung. Herr Karl bremst sich aber unvermutet plötzlich ein, zahlt und verlässt den Gasthof. Ein wenig betrübt darüber, dass mein ganz persönliches Live-Hörspiel schon zu Ende ist, arbeite ich mich durch das vom Wirt freundlicherweise für mich unberührt gelassene Sudoku - und scheitere kläglich an der Profi-Version.
Es bleibt die einzige Niederlage des Abends. Nachdem alle übrigen Gäste gegangen sind, setzt sich der Wirt zum Plaudern an meinen Tisch. Wir sind in ein herzliches Gespräch vertieft, und ich will ihn gerade über den Herrn Karl befragen, als meine Eltern nach über drei Stunden bestens gelaunt von Peter Roseggers Lustiger Wallfahrt zurückkommen.
Als ich beim Verlassen des Gasthofes an der Schank vorbeigehe, umweht mich plötzlich ein Hauch österreichischer Literaturgeschichte. Wer weiß, vielleicht sind Helmut Qualtinger und Carl Merz einst hier gesessen, haben zugehört und danach ihre berühmte Version vom Herrn Karl geschrieben. Leute wie ihn gab es, gibt es und wird es immer geben, auf der ganzen Welt und beim Wirt auf der Brandlucken.
Wo kämen sonst all die Geschichten her?

Feder

 

6. Juli 2017: Häupl schafft den Schuldenabbau

Noch nicht einmal Mittag, und schon war der Tag des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl verhaut. Als wären die Diskussionen um Mindestsicherung, islamische Kindergärten und darüber, welcher von den samt und sonders unfähigen Kandidaten sich beim Hahnenkampf um seine Nachfolge durchsetzt, nicht schon Stress genug für den Stadt- und Landesvater, klopften ihm jetzt auch noch die obergescheiten Fortschrittsverweigerer von der UNESCO auf die Finger: Wegen eines geplanten 66m-Wohnturms am Heumarkt wurde das bisher als Weltkulturerbe geltende historische Zentrum der Bundeshauptstadt auf die sogenannte Rote Liste gesetzt. Für eine Korrektur oder Schubladisierung des Bauvorhabens ließen die gestrengen Hüter der Homo-Sapiens-Kultur ein knappes Jahr Zeit, sonst ist der prestigeträchtige Titel futsch.
Michael Häupl erreichte die Nachricht genau in dem Moment, als er zu seinem Lieblings-Heurigen zwecks Einnahme eines kleinen Imbisses aufbrechen wollte: Schweinsstelze mit Sauerkraut und Knödel, dazu ein paar Sommerspritzer. Kaum hatte er jedoch das Urteil gelesen, waren schlagartig seine gute Laune und selbstredend sein Appetit futsch. Laut die Urheber seines Ärgers beschimpfen - meist ein probates Mittel zum Frustabbau, etwa: "Könnt ihr Trottel nicht wenigstens Schwarze Liste dazu sagen?" - war im Augenblick undurchführbar: Die UNESCO-Kommission hatte ihr Urteil in Krakau gefällt; sohin konnte keiner von denen unmittelbar am Krawattl gepackt und zur Rede gestellt werden.
"Der Berg an Problemen war schon vorher höher, als dieser bescheuerte Luxusturm je werden könnte", murmelte er frustriert vor sich hin und dachte an die jahrelangen Gefechte, die er Seite an Seite mit seiner Vizebürgermeisterin, der grünen Griechin, zur Durchsetzung des Projektes bereits ausgetragen hatte. Der Gedanke an die nächste Besprechung mit ihr ließ Häupl beinahe fluchtartig sein Büro verlassen. Jetzt brauchte er eindeutig etwas Stärkeres als ein paar Sommerspritzer.
Nach den ersten zwei Vierteln Welschriesling im Schatten einer alten Kastanie atmete Häupl tief durch. Jetzt fühlte er sich ein bisschen besser und fand sogar Muße, eine Zeitung durchzublättern. Auch wenn sich die Krone zum Poltern am besten eignete, bevorzugte er privat das Großformat. Die Presse war ihm zu bürgerlich, der Standard zu intellektuell. Also blieb der Kurier - heute ein echter Glücksbote für den Bürgermeister. Sein dank einheimischer Winzerkunst wieder geschärftes Auge entdeckte die  Meldung, dass jene 120.000,-- Euro, die vor 18 Monaten in der Donau gefunden worden waren, mangels des Auftauchens eines rechtmäßigen Besitzers nun ins Budget der Stadt Wien fließen würden.
Gedankenverloren nippte Häupl am dritten Viertel Welsch und schaute dabei auf die genannte Summe, sinnierte, rechnete, überschlug die Zahlen mehrfach im Kopf und schlug dann zufrieden mit der flachen Hand auf den Heurigentisch. "Das ist es!", rief er hocherfreut aus. "Bei der nächsten Landeshauptleute-Konferenz wird der Ländle-Markus nichts mehr zu grinsen haben, haha!"
Seit langem schon schmerzte es Häupl bis tief in seine Wiener Seele, dass ihn jeder dahergelaufene Provinzpolitiker aufgrund der hohen Verschuldung seiner geliebten Stadt schief anschaute. Was sollte er denn bitteschön machen, wenn alle Syrer, Afghanen und Nigerianer aufgrund der tollen Arbeit seiner Tourismusexperten nach Wien wollten statt ins Montafon? Mehr Leute brauchten schließlich auch mehr Geld. Gut, knapp 7 Milliarden waren kein Lapperl, aber angesichts der Verdreifachung der Schulden innerhalb von 8 Jahren gleich von einer Explosion zu sprechen, hielt der Bürgermeister bis heute für eine schamlose Übertreibung.
Aber damit war jetzt ein für allemal Schluss. Gleich nach seiner Rückkehr ins Büro würde er die Aktion Der Schatz im Blauen Fluss ins Leben rufen (Karl May war schon seit jeher sein Lieblingsschriftsteller gewesen), eine groß angelegte Suchaktion von Feuerwehr, Pionieren des Bundesheeres und der Wasserpolizei. Wenn sich jeden Monat mindestens 120.000,-- Euro in der Donau fänden, würden die Schulden Wiens in gut 400 Jahren getilgt sein. Und Michael Häupl hätte seinen Ehrenplatz im Buch der Stadtgeschichte als Urheber des größten Schuldenabbaus aller Zeiten bombensicher.
Der Wiener Bürgermeister, jetzt bestens gelaunt, leerte sein Weinkrügerl in einem Zug. Dann winkte er dem Kellner. "Noch eines, wenn es keine Mühe macht", bestellte er. "Und der Küchenchef möge einen großen Bauernschmaus kredenzen. Ich bin nämlich hungrig wie ein Schatzsucher!"

Feder

Satiren des Tages - Juni 2017

23. Juni 2017; Sudoku - das Geheimnis ist gelüftet!

Mein satirischer Kollege Martin Kosch zieht in seinem höchst sehenswerten aktuellen Kabarettsolo einen interessanten Vergleich: Eine Stunde Fensterputzen verbrennt im Körper 110 Kalorien, eine Stunde Sex dagegen ganze 550, also eine Steigerung um den Faktor fünf. Wenn die Fenster sauber sein sollen, so führt Martin aus, verringere sich der Faktor ein wenig; die weitaus interessantere Frage nach den mathematischen Auswirkungen von gutem oder schlechtem Sex lässt er aber unbeantwortet.

Die schönste Nebensache der Welt, wie der Volksmund sagt, regt aber nicht nur den Kreislauf an und verbrennt Energie, sie macht auch schlau. Davon berichtet das Internet-Wissenschaftsportal des österreichischen Rundfunks, dessen Abkürzung von manchen Facebook-Usern gemeinerweise mit Ohne Richtige Fakten verunglimpft wird. Die Schlagzeile wird alle Liebhaber diverser Denksportarten aufhorchen lassen: Sex trainiert Gehirn wie Sudoku.

Den an dieser Stelle zweifellos wie Popcorn aufpoppenden Fragen widmet sich der Chronist später. Zuerst will er die Tragweite dieser Erkenntnis deutlich machen: Endlich ist klar, warum das simple Einsetzen der Zahlen von 1 bis 9 einen derartigen Siegeszug rund um die ganze Welt antreten konnte! Sudokuzeitungen, Sudokuklubs und Sudokuweltmeisterschaften erscheinen plötzlich in einem ganz anderen Licht!

Früher war alles einfacher. Wenn der holde Ehegatte kundtat: „Ich gehe noch mit meinen Kumpels auf ein Bier“, hielt seine bessere Hälfte für den Fall, er überschritt die Sperrstunde allzu deutlich, den Besen oder (Vorlieben sind hier ganz unterschiedlich) die Bratpfanne bereit. Wenn er heute aber den Zusatz „Wenn keiner meiner Kumpels Zeit hat, löse ich halt ein paar Sudokus“ anfügt, sollte die Frau im Internet nach guten Scheidungsanwälten googeln oder – wenn sie ihn doch nicht gleich loswerden will – zwei Tage später seinen Kontoauszug auf erklärungsbedürftige Rahmensprengungen checken. Nun zu den Fragen.

Darf man als Mann eine Einladung zum Sudokuabend annehmen? Sicher, aber auf Rasur, ansprechende Kleidung und mitteleuropäische Hygienestandards achten!

Wie reagiere ich, wenn sich meine Frau abends nicht von ihrer Sudokuzeitung losreißen kann? Schwierig … in drei Monaten könnte ihr gehirnakrobatischer Vorsprung uneinholbar sein. Viagra könnte helfen. Und dazu der Spruch „Ich bin erfüllender als jedes Zahlenkastl!“

Was sage ich auf den weiblichen Vorwurf „Du bist ja selbst für Sudoku zu blöd!“? Bringen Sie folgenden Konter an: „Falsch, Schatz. Ich hatte in meinem Leben schon so viel Sex, dass alle Datenspeicher bis an den Rand gefüllt sind. Komm ins Bett, ich gebe dir Nachhilfe!“

Feder

 

13. Juni 2017; Immer auf dem Laufenden

Die Satire dieses Tages beweist wieder einmal, dass der Kernölbotschafter nicht nur auf der ganzen Welt nach Berichtenswertem forscht, sondern auch stets auf dem Laufenden ist. Für die heutige Geschichte ist diese Redensart sprichwörtlich zu nehmen.

Auf dem Internetportal des heimischen Staatsfunks, kurz ORF, waren gestern zwei interessante Kurzmeldungen zu lesen. Die erste: Im Burgenland hatte ein Lehrer im Krankenstand einen Duathlon bestritten (bekanntlich eine Kombination aus Radfahren und Laufen) und diesen sogar gewonnen. Anstatt ihm dafür das Goldene Ehrenzeichen für besondere Freizeitleistungen zu verleihen, brummte ihm die Landesschulbehörde ein Disziplinarverfahren auf und schmiss ihn anschließend hochkant raus. So weit, so normal.

Jetzt kommt die österreichische Komponente. Bei der Berufung gegen den Rausschmiss argumentierte der gewerkschaftliche Vertreter des Lehrers, dass es bei dem Duathlon ja nicht um dessen körperliche Gesundheit gegangen wäre, sondern um seine Psyche. Und die sei durch den Wettkampf und noch mehr durch den Sieg unglaublich gestärkt worden. Spätestens an dieser Stelle muss der oder die Vorsitzende der Kommission geistig ausgestiegen sein, denn die Kündigung wurde doch tatsächlich aufgehoben, eine endgültige Entscheidung auf später vertagt.

Ich kann mich an einen Jahre zurückliegenden Fall erinnern, wo eine im Krankenstand weilende Angestellte gekündigt wurde, weil sie bei einer Kontrolle durch die Sozialversicherung nicht zuhause anzutreffen war. Sie schwitzte jedoch nicht bei einem Duathlon (diese Sportart hatte es damals offiziell wohl noch nicht gegeben) oder bei einer anderen aushäusigen Verpflichtung, sondern befand sich für eine halbe Stunde im Nachbarhaus – bei ihrer Mutter zum Essen. Die Kündigung blieb jedoch aufrecht.

Wenn es heißt, dass die große Welt im Kleinen ihre Probe hält, haben wir hier den Beweis dafür: Schnell gelesen, mag diese Geschichte skurril anmuten, vielleicht von manch anerkennenden Gedanken begleitet wie: Also ich würde mich das nie trauen! Einmal überschlafen, ist sie jedoch trauriger Beleg für die Befürchtung, dass in Österreich keine grundlegenden Reformen passieren werden. Notwendig wären sie, ohne Frage. Aber solange es nicht – um bei dem Beispiel zu bleiben – um die besten Lehrer geht, sondern um die beste politische Vertretung derselben, werden selbst die Berufsoptimisten unter den Hoffnungsvollen bald ihre Haltung zu überdenken beginnen.

Die zweite Meldung ist – auch wenn es seltsam dünkt – noch kurioser, stimmt jedoch optimistisch. Bei einer Laufveranstaltung in einem US-amerikanischen Naturpark nahe Colorado Springs wartete ein Schwarzbär geduldig darauf, bis sich zwischen den Teilnehmern ein Loch auftat und Meister Petz in aller Ruhe die Straße überqueren konnte. Nach einem kurzen Schock setzten die Läuferinnen und Läufer das Rennen fort.

Bär läuft mit

Hoffen lässt der Umstand, dass im schießwütigen Amerika nicht sofort eine Spezialeinheit alarmiert wurde, die das wohl selbst erschrockene Tier mittels auf Dauerfeuer geschalteter Automatikwaffen ins Nirwana schickte. Präsident Donald Trump hätte daraufhin getwittert: Mexikanischer Agent unschädlich gemacht, der nach illegalem Grenzübertritt unserer amerikanischen Sporttradition schaden wollte! Never, I promise!

Alles läuft also weiter – die Bären, die Lehrer, die Sportler. Nur in Österreich läuft’s nicht so rund. Das stört jedoch niemanden, denn bei uns heißt die gemütliche Devise ohnehin: Geht eh!

Feder

 

12. Juni 2017; Ein (fast) glücklicher Montagmorgen

Wie an jedem Wochentag, lauschte der Chronist auch heute dem Morgenjournal auf Ö1. Die nach den unsäglichen Streitereien beinahe als Wunder der Demokratie zu bezeichnende Einigung unserer Regierung auf ein Bildungspaket, Wahlsieg der Partei des feschen neuen französischen Präsidenten, der wieder einmal nur beinahe gelungene Sieg unserer Fußballnationalmannschaft gegen Irland, Kunst im öffentlichen Raum … die Themen plätscherten so an meinen halb offenen Ohren vorbei.

Erst als die Sprecherin nach den Kurzmeldungen wieder zur klassischen Frühmusik zurückgab, fiel es mir wie Schuppen von meinen Lauschern: Keine einzige Meldung über Donald Trump war dabei! Twitter-Beschimpfungen ehemaliger Mitarbeiter? Beleidigungen europäischer Staatsoberhäupter? Pseudowissenschaftliche Leugnungen anerkannter Tatsachen wie des Klimawandels? Alles Fehlanzeige! Ich hatte schon Sorge, dass mein Internetradio aus Selbstschutz einen Trump-Filter aktiviert hat.

Wie friedlich das Leben auf einmal dünkt, wenn einer nicht mit Ansichten durch Gehirne trampelt, die selbst oft so wenig durchdacht sind, dass sie für jeden denkenden Menschen einem Terroranschlag auf den gesunden Menschenverstand gleichkommen. Und die verbal so oft auf den roten Knopf schlagen, dass es schon verwundern muss, wie besonnen Menschen in ähnlichen Positionen darauf reagieren.

Ich schaltete auf Ö3 – eine Fehlentscheidung. Dort erfuhr ich nämlich, dass des Präsidenten Frau und First Lady Melania mit dem gemeinsamen Sohn Baron ins Weiße Haus gezogen ist, nachdem der Zehnjährige sein Schuljahr in New York abgeschlossen hat.

Ganz ohne Trump geht es also doch nicht. Uns bleibt aber die Hoffnung, dass diese bahnbrechende Neuigkeit nicht gleich die nächste internationale Krise auslösen wird.

Feder

 

1. Juni 2017: Unvergessen!

Heute in der Früh hielt vor mir an der ersten Ampel auf meinem Weg zur Arbeit ein Lastwagen mit am Heck montiertem Kran. Auf der Stoßstange befand sich ein Aufkleber, der sogleich meine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte: Stoakogler Trio Open Air – 13. Juli 1994 – Unvergessen!

Es mag in den vergangenen knapp 23 Jahren prägendere Momente in der Menschheitsgeschichte gegeben haben, aber der Auftritt war wohl so legendär, dass a) eigene Aufkleber als Erinnerung produziert wurden und b) zumindest ein Konzertbesucher diese Erinnerung bei seiner Tätigkeit als Lastwagenfahrer in der Nähe haben will.

Grundsätzlich bin ich gegen jede Verunstaltung meines Autos mit Aufklebern, doch die Beobachtung erweckte in mir doch die Frage, welchen Schriftzug ich auf meine Stoßstange picken würde. Ich bin kein Stoanis-Fan, und auch Helene Fischer oder Andreas Gabalier liegen mir nicht sonderlich. Sehr wohl durfte ich beeindruckende Konzerte erleben – etwa Bruce Springsteen in Mailand oder Bon Jovi in München –, doch keines wäre mir einen Stoßstangensticker wert.

Legendär … das sind für mich einfache, stille Momente, die doch eine große Auswirkung auf mein Leben hatten. Deren Bedeutung niemand bewerten kann außer ich selbst. Meine ersten Schritte. Mein erstes Gedicht. Die Erkenntnis, im Schreiben eine lebenslange Heimat mit gleichzeitiger Verbindung zur ganzen Welt gefunden zu haben.

Diese Erinnerungen füllen meine Seele so sehr aus, dass keine jemals produzierte Stoßstange groß genug wäre, um mit dem passenden Sticker verziert zu werden. Dafür bleiben sie unvergessen. Für immer.

Feder

Satiren des Tages - Mai 2017

21. Mai 2017: Meinem Vater zum 80. Geburtstag

 

Mein Vater ist ein Arbeiter

 Seine Arbeit ist nie getan

 Man kann ihn überall finden

 Er lächelt die Leute an

 

Einst baute er einen Laden

 Werkte tagaus und tagein

 Nahm sich frei einen Sonntag

 Und schlief mit der Zeitung ein

 

 Einmal, am Ende des Tages

 Ist jede Arbeit getan

 Den Menschen bleiben die Taten

 Er weiß es und freut sich daran

 

Danke für alles, Papa - ich liebe dich sehr!

 Feder

 

19. Mai 2017: Andere Mütter, andere Sorgen

Vor 15 Jahren konnte eine geplante Demonstration der ÖVP Wien-Meidling nicht stattfinden. Die Ursache: Der Bezirksparteiobmann hatte Grippe, und sein einziges Mitglied wollte nicht allein demonstrieren gehen.

Diesen leicht abgewandelten Witz kennen Sie vielleicht von Otto Waalkes. Er kam mir gestern in den Sinn, als Sebastian Kurz, Außenminister und seit kurzem mit 30 jüngster Ex-ÖVP-Obmann in spe aller Zeiten, in Leitersdorf zum Talk, wie es auf südoststeirisch original heißt, geladen war. Launig und entspannt erzählte er in einer übervollen Halle von seinen politischen Anfängen, beantwortete von einer eher gekünstelt wirkenden Moderatorin gestellte Fragen und stand zum Abschluss – warum auch immer – für Selfies zur Verfügung.

Kurz‘ Bestellung zum Parteichef fiel bekanntlich mit dem Muttertag zusammen. Er hatte als wohlgeratener Sohn selbstredend einen Blumenstrauß zuhause vorbeigebracht, verbunden mit der Entschuldigung, das versprochene gemeinsame Mittagessen leider verschieben zu müssen. Nachsatz: „Meine Mutter sagte darauf, sie könne jetzt ohnehin nichts essen, weil sie sich viel zu viele Sorgen um mich macht.“

Wenige Stunden zuvor hatte sich meine Mutter, wie an dieser Stelle berichtet, um meine Frisur gesorgt, mit der ich den vielfältigen Herausforderungen der Welt gegenüber trete. Nicht auszudenken, wenn ich an der Stelle von Sebastian Kurz gewesen wäre und geantwortet hätte: „Keine Zeit mehr! Heute werde ich Parteichef und am 15. Oktober Bundeskanzler!“

Meine Mutter hätte wohl bis zur Nationalratswahl kaum etwas gegessen, geschweige denn eine Nacht durchgeschlafen.

Feder

 

18. Mai 2017: Worauf ein Geschäftsführer nicht vergessen darf

Termine mit Kunden und Steuerberatern, in einem WC ist die Spülung defekt, zwei durch die letzte Frostnacht verdorrte Büsche trüben die Gestaltung beim Eingang, aber ich habe eh schon ein Sonderangebot für Kirschlorbeersträucher auf dem Schreibtisch. Zudem ist die Verzierung meines eigenen Autos mit Taubenverdauungsendprodukten nicht gerade präsentabel, was mich (manchmal nimmt mein Gehirn die seltsamsten Abzweigungen) an die Urlaubsplanung meiner Mitarbeiter denken lässt.

Diese und andere Themen kreisten in meinem Kopf, während die abgerundeten Borsten meiner Braun-Zahnbürste (Schleichwerbung, aber ich stehe dazu – sie ist die beste am Markt) über meine schiefen Schneidezähne kreisten.

Gleich danach war die Morgentoilette beendet. Ich verabschiedete mich von meiner Mutter und hatte schon die Hand an der Haustür, als sie mit nachrief: „Frisiert hast du dich heute aber nicht!“

Hier hat der Sohn, Mann und Geschäftsführer in Personalunion viele Reaktionsmöglichkeiten. Weil a) der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind und diese sich auch noch b) durch die Trennung in weibliches und männliches Universum verdoppeln, verweile ich in der Wirklichkeit und erzähle einfach die Geschichte weiter. Mit einem tief empfundenen Seufzer der Dankbarkeit, dass Kurzhaarfrisuren bei Männern immer Saison haben (die bei einigen Bartträgern als modern missverstandene optische Umweltverschmutzung wird, so Gott und die Macher von einschlägigen Magazinen wollen, hoffentlich bald wieder verschwinden), fuhr ich mir mit beiden Händen durch meinen Kopfbewuchs, wodurch ich diesen als geordnet ansah, und schloss ein urösterreichisches „Passt!“ an. Meine Mutter schüttelte nur den Kopf.

Wenn man zuhause wohnt, ändern sich manche Dinge nie. Es hilft nur, sich mit ihnen zu arrangieren und die Agenda, worauf ein Geschäftsführer nicht vergessen darf, von Zeit zu Zeit zu ergänzen – wenn nötig, mit einem Post-It am Badezimmerspiegel.

Feder

11. Mai 2017: Mitterlehner und die Giraffe (oder: Von der Kunst, Nein zu sagen)

Kennen Sie den Witz von der Giraffe und dem Warzenschwein? Die Giraffe schwärmt: „Ach, es ist so herrlich, einen langen Hals zu haben. Wenn ich von den höchsten Baumwipfeln die leckersten Blätter pflücke und ihren feinen Geschmack bis hinunter in meinen Magen genieße. Oder wenn ich aus einer Quelle trinke und das kühle Wasser durch meinen Hals rinnt. Ein Hochgefühl, das du, liebes Warzenschwein, leider nie erleben wirst!“

An dieser Stelle muss der Kernölbotschafter aus aktuellem Anlass unterbrechen. Kaum ist er ein paar Tage außer Dienst, gerät die Welt aus den Fugen. Beinahe zeitgleich werden der FBI-Chef und der ÖVP-Chef in die Wüste geschickt.

Was sagen Sie? Reinhold Mitterlehner ist selbst zurückgetreten? Wie lange leben Sie schon in Österreich? Oder hat Ihnen eine bewusstseinserweiternde Droge namens ORF zu dieser Überzeugung verholfen?

Gut, die Abschiedsrede des x-ten schwarzen Ex-Parteiobmannes war schon beeindruckend. Offensichtlich stand sie unter dem Motto Noch bin ich der Chef, also müsst ihr mir wenigstens einmal zuhören! Sich am Ende eines Weges frustriert Luft zu machen mag der eigenen Seelenhygiene guttun, ist aber nur ein schwacher Trost für alle Reden, die Mitterlehner leider nicht gehalten hat, als er noch in der Lage und Position dazu war.

Der Übergang zwischen ÖVP-Chef und Regierungsmitglied war immer schon ein fließendes Konzept. Mitterlehner – oder einer seiner Spin-Doktoren – hätte aber die Erleuchtung haben können, dass es eine Rede gibt, die an beiden Seiten dieses vor zahllosen Stromschnellen und mit kannibalischen Eingeborenen bewohnten Inseln – auch Landeshauptleute genannt – nur so strotzenden Flusses passt und wirkt. Diese Rede besteht aus genau einem Wort: „NEIN!“

Ein auf Sacharbeit und Lösungsorientierung ausgerichteter Politiker hätte laut „Nein!“ gesagt, als Scharfmacher Lopatka am ersten Tag nach Christian Kerns Amtsantritt den neuen Bundeskanzler auf Übelste anpatzte. Noch lauter hätte dieses „Nein!“ ausfallen müssen, als die schwarzen Besserwisser auf die Idee kamen, ihm eine in Fachfragen eher unbedarfte Statistikerin als Familienministerin ins Nest zu setzen. Und ein laut geschrienes „Nein!“ wäre wohl die letzte Rettung gewesen, um sich vor dem Königsmörder Sobotka in Sicherheit zu bringen, als dieser vom Intriganten Nummer eins – damaliger Dienstort: Landhaus St. Pölten – ohne Widerrede im Bund installiert wurde.

Reinhold Mitterlehner ignorierte das Messerwetzen so lange, bis ihm die Klingen von allen möglichen Seiten in den Märtyrerleib gerammt worden. So muss es als symbolischer Akt vom Freudschen Dimensionen gelten, dass er als Ort für seinen letzten öffentlichen Auftritt den Tiergarten Schönbrunn wählte und sich dort mit einer großen Plüschgiraffe fotografieren ließ – ein herrlicher Aufmacher für die Kronenzeitung nach dem Rücktritt!

Kronenzeitung 11.5.16.

Vielleicht hat der Ex-alles-Mögliche-das-du-dir-in-Österreich-vorstellen-Kannst heute bei einem Fluchtachterl in der Parlamentskantine dieses Bild gesehen und dabei an den Witz von der Giraffe und dem Warzenschwein gedacht. Das antwortet nämlich nach den Hals-Lobpreisungen des eleganten Tieres mit einer einfachen Frage: „Hast du schon einmal gekotzt?“

(Foto: Kronenzeitung)

Feder

Satiren des Tages - April 2017

28. April 2017: Rede des Präsidenten

Liebe Landsleute, sehr geehrte Damen und Herren!

Wie Sie in den letzten Wochen und Monaten aus den Medien erfahren haben, hat sich auf der anderen Seite der Erde eine furchtbare Katastrophe ereignet. Experten prüfen noch, ob der Ausbruch natürlich oder vom Menschen verursacht war. Jedenfalls hatte er einen totalen Ernteausfall beim gemeinen Ölkürbis zur Folge, der über das gesamte Land mit dem für unsere Sprache äußerst fremd klingenden Namen Steiermark angebaut wird.

Da die Wirtschaft der Steiermark zur Gänze auf den Produkten dieses Ölkürbis basiert, wird ein massenhafter Exodus der Steirerinnen und Steirer aus ihrem Land folgen. Gemeinsam mit dem Staatsrat habe ich daher beschlossen, diesen bedauernswerten Menschen eine Enklave in unserem Land zur Verfügung zu stellen.

An dieser Stelle rufe ich Sie alle auf, liebe Landsleute: Helfen Sie mit, dass die Integration der Steirerinnen und Steirer gelingen kann. In einem kleinen Büchlein haben wir die wichtigsten Sitten und Gebräuche unserer neuen Mitbürger zusammengestellt. Sie essen, trinken und rauchen alles, was mit Kürbiskernen zusammenhängt. Es ist uns gelungen, große Mengen aus anderen Anbaugebieten der Erde aufzukaufen, was der Präsident der Steiermark, ein beeindruckender Mann namens Arnold der Starke, jedoch mit den Worten quittierte: „Was der Steirer net kennt, frisst er net!“ Hier wird noch viel an Überzeugungsarbeit zu leisten sein.

Ihr Musikgeschmack ist wie ihre Essgewohnheiten etwas eigen, aber da sie bald ihre eigenen Radio- und Fernsehstationen aufbauen werden, können wir die ihnen zugestandenen Sendezeiten für Schlager bald wieder einschränken. Nur die Volkstümliche Hitparade muss im Programm bleiben, das schreibt unser Volksgruppengesetz vor, so leid es mir tut. Aber ich werde in den sauren Apfel beißen und demnächst einen ihrer Frühschoppen besuchen, wo landestypische Riten des Trinkens, Tanzens und Anbratens (ich weiß selbst noch nicht, was das ist, aber ich lerne gerne dazu) vollzogen werden.

Noch ein letzter Punkt, liebe Landsleute: Lacht nicht über die seltsamen Kleider der Steirerinnen und Steirer. Ich weiß, besonders der Hut schaut in unseren Augen komisch aus, doch bedenkt, in deren Land herrschte ein viel raueres Klima als bei uns. Und so ist der Steirerhut, den es für beiderlei Geschlecht gibt, auch etwas, das Heimat und Identität vermittelt.

Vielleicht sollte sich jede Bürgerin und jeder Bürger unseres Landes einen solchen Steirerhut zulegen. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass damit ein wertvoller Schritt zur Integration getan und diese zu unserer aller Zufriedenheit erfolgreich sein wird!

Feder

26. April 2017: Traumhaftes Frühstück

Träume, so heißt es, dienen der Verarbeitung realer Situationen. Das kann so nicht ganz stimmen, denn in der vergangenen Nacht träumte ich eine Szene, die in keinerlei Zusammenhang mit meiner persönlichen Realität steht.

Eine Dame in meinem Bett – damit beginnt schon der abgrundtiefe Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit – wartete darauf, dass ich ihr Frühstück ans Bett bringe. Ganz Kavalier, machte ich mich an die Zubereitung desselben, nur um bestürzt festzustellen, dass kein einziges der benötigten Utensilien im Haus war. Ich fand weder Brot noch Kaffee oder Milch. Von Butter und Marmelade ganz zu schweigen.

Eilig machte ich mich im Traum in die Stadt auf, um das versprochene Frühstück – andere Versprechen gab es nicht, das hätte mich schon stutzig machen sollen – trotzdem auf die Beine zu stellen. Doch alle Läden waren ausverkauft! Ich stand vor leeren Regalen, Körben und Vitrinen – und nach meiner Rückkehr vor einem leeren Bett. Dann bin ich aufgewacht.

Im wirklichen Leben stellte mir Lisa später im Café Castello zum ersten Mal ohne zu fragen meinen Cappuccino mit Milchschaum hin. Das Lächeln gab es gratis dazu – ganz ohne Traum.

Feder

 

25. April 2017: Wenn der Kanzler zweimal klingelt

Die Welt ist in Bewegung, das wurde an dieser Stelle bereits mehrfach angemerkt. Donald Trump fährt einen isolationistischen Kurs, Marine Le Pen einen nationalistischen, Martin Schulz sucht in seinem europäisch-deutschen Navigationssystem noch nach einem sozialistischen. Und was macht der österreichische Kanzler? Der fährt Pizza aus.

Das ganze Land amüsiert sich über ein Video, in dem Christian Kern als motorisierter Pizzabote unterwegs ist. In einer roten Jacke, auf der das SPÖ-Logo offenbar mit PIZZA übermalt wurde, lacht unser Regierungschef in die Kamera und meint: „Ich komme einfach zu euch nach Hause. Das wird sicher ein großer Spaß. Deshalb habe ich mich entschieden, euch Pizza zu liefern. Weltklassepizza!“

In der nächsten Einstellung geht Kern kernigen Schritts auf eine Gemeindebausiedlung zu und liefert eine Pizzatasche ab. „Ich hoffe, es schmeckt!“, sagt er dazu. Dann wird ein bisschen mit den Empfängern über Politik geplaudert, was der Kanzler mit einem launigen „Das war ein guter Abend für mich!“, kommentiert, als er wieder auf den mittlerweile nachtdunklen Gehsteigen Wiens unterwegs ist.

Seitdem diskutiert die Öffentlichkeit angeregt über den Film. Einfache Gemüter sagen entspannt: „Wenigstens liefert der Kanzler. Ob nun Ideen oder Lösungen, Bier oder Pizza, das ist auch schon wurscht.“ Werbeexperten in der Nähe des roten Parteispektrums rühmen die Volksnähe und den Ideenreichtum des feschen Ex-ÖBB-Generals, der nicht nur auf dem Opernball gute Figur macht, sondern, schenkt man den Augenzeugen Glauben, auch auf dem Pizzamoped. Bald, so frohlocken sie, wird nicht nur der Plan A des Kanzlers zum Ruhm und Wohle des Landes umgesetzt, sondern jeder weitere, den er noch ausgraben wird, von B bis Z: Von der Wiederansiedlung der Bären im Wienerwald bis zum Zuckerwattedrehen beim Zeltfest der Freiwilligen Feuerwehr von Hinterleitenbirkenbach.

Andere, die Kern nicht so mögen, siedeln die Aktion irgendwo zwischen plump und lächerlich an. Was kommt noch?, denken sie angstvoll. Außenminister Kurz, der den Pandabären in Schönbrunn in Begleitung des ORF leckere Bambussprossen vorbeibringt und mit ihnen über die komische chinesische Namensgebung diskutiert? HC Strache als Betreiber einer Dönerbude am Schwedenplatz, der vor Kameras die Qualität seines Lammfleisches preist und Doppelpasstürken dazu auffordert, Erdogan zu wählen? Maria Vassilakou als Hochbaumeistern im zweiten Bildungsweg, die in einem Video erklärt, warum die Fundamente eines Hochhauses doch besser in Stahlbeton gegossen werden als in grüner Basisdemokratie?

Die nächsten Videotagebücher unser Politikerinnen und Politiker kommen bestimmt. Der Chronist wartet gespannt darauf und wird berichten.

Feder

 

23. April 2017: Des Fischers Vorfreude

Hans-Jörg, männliche Hälfte eines mit meinen Eltern befreundeten Ehepaares, rief gestern so um 16 Uhr in seiner Eigenschaft als passionierter Fischer bei uns an.

„Seid ihr zuhause?“, fragte er meine Mutter mit kaum bezähmbarer Begeisterung in der Stimme. „Ich möchte gerne in eurem Kuchlgarten ein paar Fische ausnehmen und gefrierfertig machen.“

Meine Mutter stimmte sofort zu; dieser Freundschaftsdienst der Verwendung einer Freifläche samt Warmwasserleitung ging stets mit der Überlassung einiger fetter Karpfen einher, die ein hervorragendes Sonntagsessen abgaben.

Es wurde 17 Uhr, dann 18 Uhr, dann begann es zu dämmern – Hans-Jörg tauchte nicht auf. Er rief auch nicht an, was uns doch sorgenvolle Gedanken ins humanoide Rechenzentrum trieb. War der rüstige Pensionist gar von einem erstmals in der Geschichte bis in die Raab vorgedrungenen Weißen Hai für Fast Food gehalten worden und mit ihm samt seiner Angel bereits auf dem Weg nach Ungarn? Oder bissen die Karpfen heute so gut, dass erst ein zweites Transportmittel herangeschafft werden musste, um den grandiosen Fang sicher in unseren Garten zu karren?

Schließlich rief mein Vater an und fragte beim Freund nach, ob er den noch komme. Hans-Jörg verneinte, hörbar zerknirrscht: „Kein einziger Fisch hat angebissen.“

Fangen kann eh jeder – aber des wahren Fischers Vorfreude ist halt doch die schönste Freude!

Feder

 

20. April 2017: Rindsschnitzel, eine Herzensangelegenheit

Durch den Wintereinbruch im April – passend nach dem Frühsommer im März – freut sich der Mensch auf ein warmes, deftiges Mittagessen. Bei uns in der Südoststeier häufen sich zwar keine meterhohen Schneewehen wie in Mariazell, aber der Wind pfeift um die Ohren, dass dir Hören und Sehen vergehen und so mancher Friseurbesuch aufgrund von Zwecklosigkeit bis zur eintreffenden Wetterbesserung am Wochenende verschoben wird.

Beim Hödl-Kaplan, einem bodenständigen Wirtshaus in der hiesigen Grazer Straße, stand neulich Rindsschnitzel mit Rotkraut und Serviettenknödel auf dem Menüplan. Mit der schon üblichen Order „Dazu zwei kleine Bier“ bestellten mein Vater und ich selbiges und harrten vorfreudig des Genusses.

Als ich auf meinen Teller hinunterschaute, von dem es verheißungsvoll in meine Nasenlöcher duftete, stellte ich erstaunt fest, dass mein Schnitzel exakt die Form eines Herzens hatte. Verstohlen sah ich mich um, ob irgendwo Anzeichen einer Versteckten Kamera zu entdecken wären. Würde ein Schmerzensschrei ertönen, sobald ich das Fleisch anschneide? Waren die feinen Adern von Rotkrautsaft durchzogen oder doch von echtem Blut? Oder hatte der Koch heute nur seinen besonders lustigen Tag?

„Was schaust du so?“, fragte mein Vater, der bereits herzhaft kaute.

„Ach, nichts.“ Insgeheim tat es mir leid, noch nicht auf der Horoskopseite der Kleinen Zeitung nachgelesen zu haben, was das Schicksal heute für mich bereithielt. Den Wirt nach der aktuellen Ausgabe zu fragen traute ich mich nicht, das hätte doch zu sehr nach Überprüfung der Allergene oder gegebenenfalls der Notrufnummern ausgesehen. Aber meine Fantasie arbeitete horoskoptechnisch ohnehin schon auf Hochtouren.

Heute werden Sie auf unerwartete, aber sehr authentische Weise verführt. Öffnen Sie ihr Herz einem anderen, auch wenn Sie seine Qualitäten in Liebesdingen nicht auf den ersten Blick erkennen.

„Es wird langsam kalt“, kam es von rechts und berechtigterweise. Also besann ich mich, dachte ein entschuldigendes Tut mir leid, wir passen nicht zusammen und tat einen entschlossenen Schnitt. Das Ergebnis war ein zufriedenes Grunzen und Wärme, die sich äußerst angenehm in meinem ganzen Körper ausbreitete.

Die kleine Episode bestärkt den Chronisten wieder einmal in drei Überzeugungen: a) Herzensdinge sind eine sehr persönliche Sache, b) man soll nicht alles glauben, was man sieht, und c) Horoskope sind auch nicht mehr das, was sie nie waren.

Das sage ich überall und jederzeit – auf Wunsch auch in die Versteckte Kamera.

Feder

 

19. April 2017: Man könnte Bücher schreiben

In dem kleinen Café neben meinem Büro, von dem in dieser Kolumne schon mehrmals die Rede war, wird getrunken, gespielt, miteinander geredet und allein sinniert. Des Öfteren kommt es vor, dass nur bei einem Sinnierer ein Platz frei ist. Der ahnungslose Besucher freut sich, denn der Mann am Tisch scheint friedlich und murmelt nur leise in sein halbvolles Weinglas.

Kaum hat er sich jedoch niedergelassen und bei Elvira einen kleinen Schwarzen bestellt, erwacht der Sinnierer aus seiner Lethargie. Die folgende Unterhaltung ist exemplarisch, jedoch weit davon entfernt, erfunden zu sein.

S(innierer): „Heute is‘ es wieder voll da.“

G(ast): „Mhm.“

S: „Die Leut‘ reden alle so gescheit, vor allem in der heutigen Zeit.“

G: „Wenigstens interessant zum Zuhören, oder?“

S: „Aber die Leut‘ kennen sich net aus – im Gegensatz zu mir.“

G: „Wie das?“

S: „Ich hab‘ so viel erlebt, ich war überall, ich könnt‘ Bücher schreiben.“

G: „Worüber würden Sie schreiben?“

S: „Über jeden, der Dreck am Stecken hat, der krumme Dinger dreht, ich weiß alles darüber.“

G: „Und wie soll Ihr Buch heißen?“

S, nach langem Sinnieren: „Das sage ich Ihnen, wenn es fertig ist.“

G: „Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg.“

S: „Wenn ich meinen Bausparer rauskrieg‘, fang‘ ich an.“

Der Gast zieht irritiert die Stirn kraus, weil sich ihm dieser letzte Zusammenhang nicht gleich erschließt. Der erwartete Geldsegen wird, so vermutet er, wohl in andere Flüssigkeiten als Tinte investiert werden. Ach, man könnte Bücher schreiben!

Feder

 

18. April 2017: Flotter Dreier an der Tankstelle

Ostern ist als Familienfest bekannt, was für anhanglose Singles – je nach Sichtweise – den Vor- oder Nachteil hat, drei bis vier Tage selbst gestalten zu müssen. Manche gehen stoisch ins Büro, dankbar für die Ablenkung und zugleich für die Möglichkeit, ohne Ablenkung so manch liegen Gebliebenes aufarbeiten zu können. Andere schmeißen sich furchtlos in den Stau auf der Tauernautobahn oder der Fernpassbundesstraße, um zwei bis drei unruhige Übernachtungen an der oberen Adria später Gleiches in die Gegenrichtung zu tun – aber Chianti und Ristretto schmecken halt nirgends so wie in Italien.

Für alle Daheim- und Alleingebliebenen, die es dann doch für zu kindisch halten, sich selbst ein Osternest zu verstecken und es dann suchen zu gehen, gibt es heutzutage viele Möglichkeiten, sich zu verlustieren. Jeder kann ohne besonderen Aufwand einen Parcours aus Kultur und Natur in Angriff nehmen, auch wenn es dieser Satz nur des Reimes wegen in diese Satire geschafft hat.

Ein besonderes Angebot macht Spar express (so nennen sich die kleinen Filialen des großen heimischen Lebensmittelhändlers, die in manchen Benzinausgabestellen das Angebot um Ess-, Trink- und Lesbares gegen viel Bares erweitern) am Ostersonntag. Dabei dachten die Macher des Plakates vielleicht an die Tatsache, dass manche seiner (männlichen) Kunden beim Besuch vielleicht gar nicht an Treibstoffe denken, sondern ihnen der Sinn nach etwas ganz anderem steht.

Flotter3er

 

Ich stelle folgende These auf: Wenn eine spontane Umfrage unter den Leserinnen und vor allem Lesern dieser Kolumne nicht ergibt, dass die Mehrheit im Angesicht der Überschrift (nein, nicht Spar express!) an das Augenscheinliche denkt, könnte auch diese Umfrage von einem Handlanger des selbst ernannten Bosporus-Kaisers manipuliert sein.

Weiters möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die drei Punkte lenken, mit denen der Zielgruppe das Angebot schmackhaft gemacht werden soll:

Da läuft einem doch schon bei ready to go das Wasser im Mund zusammen, nicht wahr? Und das Schöne daran: Jeder Punkt passt wie die Über-schrift und die Faust aufs Auge zum Augenschein-lichen. Mein Favorit ist aber das verführerische jeden Monat neu kombiniert. Durchaus möglich, dass ich jetzt öfter an dieser Tankstelle vorbei-schaue um zu checken, welche Kombinationen da so angeboten werden. Hell / dunkel, rot / schwarz, oder gar das heftige kurz / kernig? Selbstredend ist alles, was im Dreier günstiger angeboten wird, eine Sünde wert.

Da kommen doch gleich in weitem Umkreis echte Frühlingsgefühle auf. Ich bin überzeugt, dass der Flotte Dreier in der gesamten Südoststeiermark und darüber hinaus zum absoluten Renner wird.

Eine kleine Kritik muss ich jedoch anbringen. Die Lila Pause für den süßen Abschluss hätte meiner bescheidenen Meinung nach einer näheren Erklärung bedurft. Nun weiß niemand, wo genau … und nur die wenigsten Interessierten werden zu fragen wagen. Ein Pfeil, verbunden mit dem kleinen Hinweis Bei der lila Lampe läuten! hätte schon gereicht.

Feder

 

14. April 2017: Bildungsauftrag, ganz privat

Immer wieder wird unser auf dem Wiener Küniglberg beheimatetes Monopolrundfunkunternehmen kritisiert, weil es seinem nationalem Bildungsauftrag angeblich nur mangelhaft nachkommt. Das ist in Zeiten zweier formidabel auf diesem Gebiet werkender Sender namens 3Sat und ORF3 nicht nur unrichtig. Es blendet auch die Tatsache aus, dass die vielerorts als Alternative gepriesenen Privatsender diesen Auftrag gar nicht erfüllen können, weil manchen Mitarbeitern dort die kognitive Grundausstattung fehlt – oder wie man heute so schön auf denglisch sagen würde: die Bildungsbasics.

Gestern pries eine vermutlich durch fremde Hilfe erblondete Dame nach der Live-Übertragung eines Fußballspiels die demnächst startende neue Show des Senders an, für die noch Kandidaten gesucht würden. Dabei handelt es sich dem Trailer zufolge um eine machohafte Kombination aus Kraft und Geschicklichkeit; das verdeutlicht auch der martialische Titel Ninja Warrior.

„Vierhundert Kandidaten haben sich bereits gemeldet“, sülzte die leider nur äußerlich Erhellte mit künstlicher Begeisterung in die Kamera. „Trotzdem wünschen wir uns mehr Bewerbungen aus Westösterreich.“

Und jetzt kommt’s: „Also liebe Vorarlberger, Kärntner und Steirer: Zeigt, was ihr draufhabt und räumt das Preisgeld ab!“

Vorarlberg verorte ich durchaus im Westen der Alpenrepublik, aber Kärnten und die Steiermark??? Das kann nur einer Wiener Tussi einfallen, deren Näschen noch nie jenseits des Wechsels und der Ausläufer des Wienerwaldes Frischluft geschnuppert hat.

Damit wird auch verständlich, warum der Sender einen Muskelprotz-Wettbewerb für die Zuschauer ins Leben ruft und nicht – sagen wir einmal – ein Geografie-Quiz für die eigenen Angestellten. Letzteres hätte ich mir bestimmt angeschaut. Schon allein wegen der spannenden Antworten auf die erste Frage: Wie lautet der Name der Hauptstadt des Bundeslandes Wien?

Feder

 

12. April 2017: Heimatgefühle, falsch verdrahtet

Der Kernölbotschafter nimmt dank seiner humanistischen Grundstimmung von jedem Menschen erst einmal das Beste an. Weiters ist er bemüht, nicht gleich jeden emotionalen Ausbruch in die Waagschale zu legen, die sich allzu leicht auf die Seite des Angerührt-Seins neigt, was, wie die eigene Vergangenheit oft gezeigt hat, die eigene Stimmung durchs Kellerloch rasseln lässt.

Was jedoch in der gestrigen Ausgabe des Standard als Kurzmeldung abgedruckt ist, weckt durchaus konkrete Zweifel am Gesundheitszustand mancher Mitmenschen, auch wenn man diesen nicht persönlich vorgestellt wurde. Eine Gruppe Schifahrer aus Deutschland hat sich am Salzburger Untersberg fotografieren lassen, blöderweise mit zum Hitlergruß gerecktem rechtem Arm. Damit nicht genug, waren vor der Talfahrt aus der Gruppe laut und deutlich „Sieg Heil!“-Rufe zu vernehmen. All das wird, weil zufällig anders gesinnte Personen anwesend waren, seinen bei uns üblichen, gerichtlichen Lauf nehmen.

Ich habe keine Ahnung, wie schnell aus einem blöden Scherz ein gedankenloses Nachplappern und daraus eine Straftat wird. Es ist jedoch erstaunlich, dass sich erhabene Gefühle an einem mit dunkler Geschichte beladenen Ort ganz ohne weiteres zu Allmachtsfantasien wandeln, die das wohl geplante Rauf auf’n Berg, runter ins Tal zu einem sehnsüchtigen Heim ins Reich! kanalisieren. Sohin sind nicht nur Zweifel an der Geisteshaltung angebracht, sondern auch Erschrecken darüber, wie offen sie bei diesen Individuen zutage tritt. Da muss etwas von grundauf falsch verdrahtet sein, ob aus Gründen der Erziehung, Geschichtsverweigerung oder schlichter Dummheit.

Heimatgefühle sind nichts Schlechtes. Das begreifen auch die meisten Menschen, wenn sie an gleicher Stelle herzlich ausrufen: „Schön ist es bei uns!“

Feder

 

10. April 2017: Ruf der Bahnsteigkante

Der Chronist berichtet nicht nur über sein eigenes satirisches Leben, er erfährt auch gerne, was sich bei anderen zuträgt und macht es, wenn Wunsch und Inhalt ein satirisch-kritisches Maß erreichen, seiner Leserschaft bekannt.

Freund Gregor, der vor Jahren der Liebe wegen das beschauliche Salzburg mit dem hektischen Wien getauscht hat, trat kürzlich mit einer solchen Geschichte an mich heran. Wie ich ist Gregor literarisch affin und der geschliffenen Sprache mächtig, verbal als auch in schriftlicher Form. Dementsprechend launig kommentierte er ein Erlebnis vom letzten Freitag.

Memo an die Dame vor mir: Morgens bei Ströck in der U-Bahn ein Gespräch mit den Verkäuferinnen anfangen zu wollen – so mit Smalltalk à la "Wie geht’s denn so?" und "Nein, der Regen heute wieder ..." oder "Ihre Frisur ..." –, kommt nicht so gut an bei den 16 Kunden, die hinter Ihnen in der Schlange stehen und darauf warten, dass ihnen die U-Bahn vor der Nase wegfährt. Und könnte weiter hinten durchaus allergische Reaktionen hervorrufen ...

Hier ein paar Tipps, wie man solche Akutsituationen bewältigen könnte:

  • Kontemplativ: Man denke an ein Lieblingslied und imaginiere dazu die Textzeile Es geht mir gut, es geht mir gut, es geht mir gut, weil irgendwann die nächste U-Bahn fahren tut, schubidu …
  • Esoterisch: Folgende Überlegung macht Sinn: Das ist ein Zeichen meiner Seelenverwandten Allariana jenseits des Andromeda-Nebels! Nach drei Butter-Marmelade-Broten soll ich heute vielleicht auf das zweite Frühstück mit Topfenschnitte und Milchkaffee verzichten.
  • Verbal-konkret: Man trete nah an die betreffende Dame heran und raune ihr mit der Stimme von Don Vito Corleone ins Ohr: „Gnädigste, wenn Sie nicht bald weitertun, versäume ich meinen ersten Kaffee im Büro. Das macht mich aggressiv, und ich sage meinem Chef endlich unzensiert, was in seinem Scheißladen falsch läuft. Dafür wird er mich leider kündigen, und dann kann ich für nichts mehr garantieren, weder für mich noch für den Weltfrieden. Also bestellen Sie endlich Ihr rechtsdrehendes Sesamweckerl mit Käse von glücklichen Hühnern. Und folgen Sie schleunigst dem Ruf der Bahnsteigkante!“

Feder

 

7. April 2017: Mein geniales Scheitern

Navigationsgeräte sind schon fein. Sie bringen dich sicher an einen gewünschten Ort, schlagen verschiedene Routen vor, zeigen Kurven, Verkehrsbeschränkungen und Fahrtdauer an. Ihr Nachteil besteht in einer nicht zu leugnenden Förderung der Faulheit. Nutzer dieser kleinen Technikwunder verlassen sich in einer Weise auf sie, dass der Begriff blind passend, jedoch bei bildhafter Vorstellung trotzdem irgendwie ein wenig unglücklich erscheint.

Meinem Ansinnen, dieser Faulheit, für die ich selbst durchaus anfällig bin, entgegenzuwirken, folgte vor einigen Tagen der Entschluss, einen Ort im Bezirk aufzusuchen, der mich schon lange interessiert, bisher aber noch nie Ziel meiner Streifzüge war. Pirching am Traubenberg klingt für südoststeirische Ohren fern, befindet sich jedoch geschätzt auf halbem Weg zwischen Feldbach und Graz. Dort wollte ich die Kirche besuchen, einen Kaffee trinken, in die Gegend eintauchen – kurz, geliebten Gewohnheiten nachgehen. Und hinfinden wollte ich ohne Navi.

Weil ich mich nach knapp 45 Jahren, davon 22 Jahre als aktiver Autofahrer, doch recht gut kenne und sohin ein Scheitern durchaus im möglichen Bereich lag, traf ich eine wichtige Vorbereitung. Was weiland die vorsorgliche Betrachtung einer Strecke auf einer Straßenkarte war, wird heute mittels Google Maps erledigt. Ich konsultierte den Internet-Routenplaner, prägte mir die wichtigen Abzweigungen ein und machte mich auf den Weg.

Bis Petersdorf II ging alles gut. Dann kam ich aber an etwas, das guten Gewissens als grausamste Erfindung des modernen Straßenbaus bezeichnet werden kann: eine unbeschilderte Weggabelung. Rechts oder links? Vor dieser Entscheidung stehen nicht nur Wähler oder Aspiranten einer Karriere als Berufsverbrecher. Wenn man den Zeitfaktor als Vergleichsgröße dieser drei doch sehr unterschiedlichen Handlungsfelder heranzieht, hat man als Autolenker im Akuteinsatz eindeutig am wenigsten davon für eine Entscheidungsfindung. Ich versuchte, mir die Google-Maps-Karte ins Gedächtnis zu rufen (erfolglos), dann bemühte ich die Himmelsrichtungen (kein Sonnenlicht, daher zwecklos), und zuletzt kramte ich den gesunden Hausverstand hervor. Dieser entschied sich für das Abbiegen nach rechts, gestand aber nach wenigen Minuten, dass er heimlich mit dem befreundeten Zufall die Plätze getauscht hat, weil er nicht damit rechnete, heute noch gebraucht zu werden.

Die Straße wurde immer schmaler, führte in einen Wald hinein, danach stetig bergauf. Vielleicht der Hinweis auf einen Berg, dachte ich hoffnungsvoll, doch von Pirching oder einer Traube war weit und breit kein Schild zu sehen. Dafür eröffnete sich mir nach dem Wald jedoch ein herrlicher Blick auf das oststeirische Hügelland. Mein grandioses Scheitern, ans anvisierte Ziel zu gelangen, deutete ich sogleich heiter in ein viel gütigeres Soll so sein um und folgte weiter der Straße. Bald kam ich nach Krumegg und an eine weitere Kreuzung, diesmal beschildert. Und genau diesmal hätte ich das Schild gar nicht gebraucht, denn ich erkannte mit einem Schlag, wo ich war: kurz vor der Autobahnauffahrt Graz-Laßnitzhöhe.

Was ich äußerst kurios finde und deshalb in der nächsten Zeit satirisch beforschen werde: Die Kuchentheke in einem Kaffeehaus finde ich immer ohne Navigationsgerät. So stand ich wenig später – unverdient, aber trotzdem – vor einer ansehnlichen Süßspeisenauswahl und entschied mich für eine klassische Schokotorte. Die Kellnerin bot Schlag dazu an, was ich aufgrund der ohnehin schon negativen Bilanz des Tages, die nicht auch noch auf dem Kaloriensektor tiefrot werden sollte, dankend verneinte. Die Strafe für diesen großmütigen Verzicht folgte auf den Fuß: Der Schlag hätte wohl dazu dienen sollen, die wüstengleiche Trockenheit der Torte zu kaschieren. So verfehlte auch der als krönender Abschluss gedachte Kaffeehausbesuch sein Ziel. Die Tasse schmutzig, der Tee geschmacklos, ich wollte überhaupt nicht nach Laßnitzhöhe und überhaupt …!

Auf dem Rückweg – irgendwo muss dieses Pirching oder wenigstens der Traubenberg doch sein! – bog ich noch einmal falsch ab und landete in Kirchbach, von wo ich nach einer dringend notwendigen Meditation in der Kirche (mein Groll verringerte sich auf ein leises Grummeln) anstandslos nach Hause fand. Mein Navi lag übrigens die ganze Zeit im Handschuhfach – der Stolz hatte wie immer darauf bestanden, den Ausflug mitzumachen.

Feder

 

6. April 2017: Adam Riese, Wolfgang Ambros und der Bürgermeister

Hiermit offenbart der Chronist eine gewaltige Bildungslücke: Er hat keine Ahnung, wo Adam Riese wohnt. Hingegen ist ihm seit gestern bekannt, wo er nicht wohnt: im Gemeindeamt von Straßwalchen, einer Salzburger Marktgemeinde. Wie er zu dieser Erkenntnis ist, möge Leserinnen und Leser erheitern und zugleich die erwähnte Lücke beim Chronisten verkleinern helfen.

Eine heimische Handelskette, die auch in Deutschland groß im Geschäft ist – man kennt sie bei uns unter dem Namen eines von Wolfgang Ambros vor Jahrzehnten ersonnenen Gewalttäters aus dem Zwanz’ger Haus –, suchte beim für derlei Dinge zuständigen Bürgermeister um die Aufstellung einer neuen Werbesäule direkt bei der Ortseinfahrt von Straßwalchen an. Die entsprechenden Pläne waren dem Wunsch beigefügt und wurden in der nächsten Sitzung des Bauausschusses behandelt. Hier das unvollständige Gedankenprotokoll eines Zeugen:

Bürgermeister: „Wer zahlt?“

Sekretär: „Der Antragsteller.“

Bürgermeister: „Und die Maße?“

Sekretär: „17.000 mal 4.000 Millimeter.“

„Gar nicht so arg“, murmelte der Ortschef, der jedoch (was niemand wusste) von einer SMS abgelenkt war und nur das Wort Millimeter bewusst mitbekommen hatte. „Ist genehmigt“, sagte er und fügte an: „Achte drauf, dass wir genug Stunden für die Gemeindearbeiter zusammenbringen.“

Kaum war das Werk in die Wirklichkeit überführt, trauten die Straßwalchener ihren Augen nicht – zumindest jene, die es gewohnt waren, noch vor der Ortstafel ihren schönen Kirchturm zu erblicken. Dieser wurde jetzt nämlich von einem Monstrum verdeckt, exakt 17 Meter hoch und 4 Meter breit. Erst wurde der in jeder Himmelsrichtung offensichtliche Skandal bei mehreren Bieren besprochen. Dann marschierten einige engagierte Bürger zu ihrem Meister und erhielten folgende Auskunft (Zitat): „Da ist man vermutlich darüber gestolpert. 17.000 Millimeter ist eine sehr schöne Zahl. Wenn man das umgelegt hätte auf 17 Meter, wären wir vielleicht draufgekommen.“

Nachfragen bei der Handelskette, ob es denn möglich sei, sowohl Millimeter- als auch Meteranzahl der Werbesäule zu reduzieren, blieben vorerst erfolglos. Dort berief man sich verständlicherweise auf die Genehmigung. Ein Kompromiss soll gefunden werden.

Und so landet der gelernte Österreicher am – vorläufigen – Ende dieser Geschichte wieder bei Wolferl Ambros. Auch in seinem Lied entpuppt sich die Hauptfigur nicht als Täter; dieser bleibt unbekannt. Der Verdacht fällt nun auf den Bürgermeister und seinen Bauausschuss. Der Vorwurf: Keiner hat sich bei Adam Riese nach dem Umrechnungsfaktor von Millimeter auf Meter erkundigt.

Egal, wo er wohnt.

Feder

 

4. April 2017: Kurz und bündig

Die heutige Geschichte ist äußerst kurz und könnte auch Hoffnungen zerstören. Doch manchmal macht es Sinn, alles in einem einzigen Satz zu sagen. Schon eine Verdopplung der Menge könnte – Sie werden mir zustimmen – das zarte Informationspflänzchen auf immer unrettbar in den Boden treten.

Auf einer einschlägigen Plattform für einsame Herzen (da muss ich bei Google wohl versehentlich den falschen Link angeklickt haben) stand zu lesen: „Suche eine frau die was Deutsch kann für kennenlernen.“ Daneben war ein Gesicht abgebildet, dessen halb geschlossene Augen von einer anstrengenden Nacht zeugten, an deren Ende als letzte Tätigkeit ein Selfie stand, verbunden mit dem felsenfesten Entschluss, jetzt aber wirklich etwas am unbefriedigenden Beziehungsstatus auf Facebook zu ändern.

Glücklicherweise reichte die Energie nicht mehr zur taxativen Aufzählung der Hobbys. So bleibt ein zarter Hoffnungsschimmer, irgendwann doch eine Antwort zu erhalten. Und dann ist im Leben fast alles möglich – vorausgesetzt, der Freier erwartet keine Attribute von seiner in Hinkunft Angebeteten, die er selbst nicht liefern kann. Gutes Deutsch zum Beispiel.

Feder

 

3. April 2017: Neugier + Kaffeedurst = Verspätung

Habe ich einen Termin, so bin ich bemüht, eine Verspätung zu vermeiden. Muss ich nach Graz, gelingt das meistens, weil die Strecke, abhängig vom anvisierten Stadtteil, durch lange Routine gut einzuschätzen ist. Kürzlich stellten sich mir jedoch drei Hindernisse in den Weg – jedes einzelne kurios und natürlich ohne Möglichkeit der Einflussnahme meinerseits.

Bis Kirchberg an der Raab ging alles gut. Genau in der Senke, die auf den Kirch-Berg folgt, bog vor mir ein weißer BMW in die Bundesstraße ein. Die Farbe muss als grobe Schätzung gelten, denn der gesamte hintere Teil des Wagens starrte vor Schmutz. Das hatte einen Menschen mit niedriger Humorschwelle dazu veranlasst, mit dem Finger einen Schriftzug in den Staub der Heckscheibe zu malen. Weil der Wagen in einer keineswegs von seinen Schöpfern angedachten Geschwindigkeit unterwegs war, sondern eher einem Gefährt ähnlich, das in unseren Breiten als Buschenschank-Mercedes bekannt ist, konnte ich problemlos näher auffahren um zu lesen, was da stand.

Die Sonne schien und blendete mich durch die Lichtreflexionen vor mir, doch auf einmal vergaß ich meinen Termin, ganz versessen darauf, die Weisheit des Schreibers zu ergründen. So zuckelte ich eine Weile hinter dem BMW her.

Beim Kreisverkehr in Studenzen war es endlich soweit. Vorausschauend sich vor allen möglichen den Kreisel beanspruchenden Fahrzeugen fürchtend, bremste der Fahrer / die Fahrerin den Wagen fast auf Null, die Sonne verschwand – perfektes Timing! – hinter einer Wolke, und ich pickte für zwei Sekunden nah genug am Heck des Staubtransporters. Dort stand: Leider habe ich heute schon gebadet!!! J Da befielen mich doch Zweifel, ob eine so bahnbrechende Erkenntnis es wert sei, einen Termin zu verpassen. Im letzten Moment gelang es mir, drei Viertel des Kreisverkehrs zu umrunden und so die Strecke über St. Marein nach Graz zu nehmen.

Der zweite Fehler, der zur zweiten Verzögerung führte. Meist ist diese Straßenverbindung, weil kurvenreich und ein lupenreiner Asphaltfleckerlteppich, eher verkehrsarm. Diesmal setzte mir das boshafte Schicksal als gerechte Strafe für meine Schriftzugneugier – hätte ich den Drecks-BMW sofort überholt, wäre ich in der Zwischenzeit längst auf der Autobahn – einen alten Opel Kadett vor die Nase. Auch hier prangte Lesenswertes für alle Nachfahrenden; links neben dem Nummernschild, Rot auf knalligem Gelb: H E L E N E !

Ich hatte keine Ahnung, ob auch in einem altmodischen weiblichen Vornamen eine besondere Philosophie versteckt war, aber der Fahrstil ließ mich gleich an Die Fromme Helene von Wilhelm Busch denken: zögerlich, ängstlich – und deshalb gefährlich. Es ist ein Brauch von Alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör. Vielleicht hatte die Frau – die Zeit für Vorurteile war längst gekommen, also hielt ich mich nicht länger zurück – tatsächlich Sorgen, vielleicht kannte sie die Strecke nicht gut. Der Gedanke an Likör entsprang aber durchaus meiner Beobachtung, denn sie schlenkerte mehrmals bedrohlich in die Straßenmitte, sodass mein Vorhaben eines Überholmanövers nicht einmal in die Planungsphase eintrat. Ich schaute auf die Uhr auf dem Autoradiodisplay und fluchte über den längst nicht mehr wieder gutzumachenden Zeitverlust.

Und man kennt das ja: Wenn einmal Pech im Spiel ist, sind auch die äußeren Umstände äußerst kooperationsfeindlich. Durch die helenistische Blockade wurde ich so müde, dass ich, endlich auf der Autobahn und der freien Fahrt für freie Bürger frönend, einen Zwischenstopp zwecks Koffeinnachschubs einschieben musste, wollte ich die Peinlichkeit des automatischen Augenverschlusses während meines Termins verhindern. Doch beim McCafé in Flughafennähe geht’s eh schnell …

… wenn die Schlange vor der Budel nicht bis halb an die Tür zurückreicht. Die Ursache war, das erkannte ich, nachdem ich laaange zehn Minuten gewartet hatte (jetzt war eh schon alles wurscht) neues Personal hinter der Budel. Der junge Mann musste beinahe jeden Handgriff in einem Anleitungsheft nachlesen, eher er zur Tat schritt.

Die Begrüßung, als ich deutlich zu spät mein Ziel erreichte, war einigermaßen überraschend: „Uns ist leider der Kaffee ausgegangen. Warten Sie noch kurz, die Kollegin kommt gleich …“

Feder

 

1. April 2017: Trump tritt zurück!

Eine sensationelle Meldung erreicht uns heute aus dem Weißen Haus in Washington! Wie aus gut informierten Journalistenkreisen verlautet, wird Donald Trump in Kürze seinen Rücktritt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bekannt geben.

Eine Kette von unglaublichen Ereignissen hat zu einem Schritt geführt, der von manchen erhofft, von anderen befürchtet, von wieder anderen für unmöglich gehalten worden war. Heute morgen fand der persönliche Butler den Präsidenten nicht in seinem Schlafzimmer, als er ihn wecken wollte. Stattdessen kauerte der als so selbstbewusst bekannte Selfmade-Milliardär in einer Ecke des Oval Office und weinte bitterlich.

Auf die Frage, was denn los sei, schluchzte Trump kaum verständlich: „Ich mag nicht mehr! Da bin ich jetzt der Chef des schönsten, wichtigsten und mächtigsten Landes auf der Welt, und plötzlich passiert nichts mehr so, wie ich es haben will!!“

Mit Mühe gelang es dem Butler, Trump zu beruhigen. Er brachte ihm seine Lieblingszeitung Fake News Daily und sein Lieblingsfrühstück, einen Schokodonut und einen Milchkaffe mit einem Schuss russischem Wodka. Als sich der Bedienstete wieder zurückziehen wollte, forderte Trump ihn zum Bleiben auf. Endlich hatte er die Gelegenheit, sich bei jemandem so richtig auszuweinen.

„Sie können sich das vielleicht nicht vorstellen, aber ich war immer ein Macher und erfolgreich dazu. Keines meiner Hotels ist eingestürzt, meine Kinder sind zu schönen, erfolgreichen Staatsbürgern herangewachsen, und meine Frauen waren immer eine Augenweide.“

Der Butler, dessen Definition von gelungener Lebensführung anders aussah, hatte keine Ahnung, was er dazu sagen sollte. Also nickte er stumm.

„Und meine Visionen sollten dieses Land vor dem Niedergang retten. Wenn man es mich doch nur retten lassen würde! Aber der Senat, die Richter, die Behörden, alle sind gegen mich. Sogar meine eigenen Parteifreunde verweigern mir die Gefolgschaft, wenn ich Obamacare abschaffen will! Warum kapiert niemand, dass es in einem freien Land mit freien Bürgern jedem Menschen freigestellt sein muss, ob er seine Zähne verfaulen lassen will oder nicht?“

Donald Trump starrte stumpf in seinen Kaffee. „Aber wissen Sie, was der härteste Schlag war?“ Wieder liefen Tränen über das Gesicht des Präsidenten. „Jetzt bin ich seit mehr als zwei Monaten im Amt, und der Wladimir hat mich noch immer nicht eingeladen!“

Eine Weile ging es noch so weiter. Als Trump das letzte Stück vom Donut verputzt hatte, stand er auf und sagte zu seinem Butler: „Sie haben recht, mein Freund, ich bin ein stolzer Amerikaner. Und als solcher werde ich zurücktreten. Sollen sich andere die Finger verbrennen. Und wer Visionen hat, der möge doch bitte zum Arzt gehen – das hat schon irgendein australischer Politiker gesagt.“

Der Butler wollte noch vor einem unüberlegten Schritt warnen, doch da war Trump schon aus der Tür und ließ seinen Sprecher Sean Spicer kommen, der die Entscheidung verkünden sollte.

Beim Wegräumen entschied sich der Hausangestellte, es sei an der Zeit, selbst zu Wort zu kommen. Er rief bei der New York Times an und berichtete, was eben vorgefallen war. Sofort bekamen er und all seine Kinder und Kindeskinder ein Gratis-Abonnement auf Lebenszeit.

Seitdem laufen in den USA und weltweit die Telefone heiß, die Internetleitungen brennen durch. Was passiert als nächstes? Sagt der türkische Präsident Erdogan das Verfassungsreferendum ab und tritt der Gülen-Bewegung bei? Veranstaltet der ungarische Präsident Orban für alle Flüchtlinge persönliche Führungen zu den Budapester Sehenswürdigkeiten? Wird Marine Le Pen unter dem nächsten französischen Präsidenten Beauftragte für Völkerverständigung und muss in dieser Funktion wöchentliche Multikulti-Abende in den Pariser Vorstädten organisieren?

Die Welt ist in Bewegung, aber der Kernölbotschafter ist ihr auf den Fersen. Stay tuned!

Feder

Butler

Begegnung auf Augenhöhe

Einer der Grundsätze, die mir das Leben mit meiner Krankheit erleichtern, lautet: Entweder erledige ich notwendige Dinge selbst, oder ich organisiere, dass sie passieren. Ein schönes Beispiel dafür war der Besuch eines Restaurants mit Selbstbedienung in Niederösterreich.

Da ich es für wenig sinnvoll halte, ein Tablett mit Teller, Besteck, Glas und Mineralwasserflasche selbst mühsam an die Kasse und dann an einen Tisch tragen zu wollen, nur um irgendwann doch das Gleichgewicht zu verlieren oder durch einen ungewollten Rempler einen ungewollten Aufruhr zu verursachen, bitte ich stets gleich am Anfang eine Angestellte, mir zu helfen. Die erfahrene Kellnerin, die ich ansprach, tat das ohne zu fragen, weil ihr ein Blick auf meine Beine wohl die Notwendigkeit dafür verdeutlichte. An der Kasse übergab sie das Tablett einer Kollegin, weil sie weggerufen wurde: „Trag das für den Herrn an einen Tisch.“

Sie schaute fragend drein, stellte sich jedoch ohne ein Wort mit mir in die Schlange. Da ertönte hinter uns eine weibliche Stimme: „Und nicht vergessen: Sie müssen für den Herrn auch das Fleisch schneiden!“

Bevor ich darauf antworten konnte, war ich schon an der Reihe. Ich bezahlte und hielt dabei nach einem freien Tisch am Fenster Ausschau. Gleich darauf ging die junge Dame wie angewiesen neben mir her. Ich setzte mich, sie stellte das Tablett vor mich hin und fragte: „Soll ich Ihnen das Fleisch schneiden?“

Ich war erstaunt – am meisten über den Klang ihrer Worte, in dem weder Arroganz noch ein Das kannst du nicht? mitschwang, sondern reine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

„Nein, die Frau hat vorhin nur einen Witz gemacht. Aber vielen Dank für das Angebot.“

Diese wunderschöne Begegnung auf Augenhöhe machte das Essen zu einem wahren Genuss.

Kernoel

Rede des Parteigründers der ÖKP

Ein Weinkeller irgendwo im Schilcherland. Vor großen Eichenfässern ist ein schlichtes Pult platziert, ein Mikrofon steckt in einem Zierkürbis. Der angekündigte Redner verspätet sich beträchtlich, doch die Wartezeit wird den Zuhörern mit großzügigen Kostproben der flüssigen Art verkürzt. Schließlich öffnet sich zwischen den Fässern eine Tür. Allgemeines Raunen erhebt sich, dann kehrt Ruhe ein.

Sehr geehrte Damen und Herren, werte Vertreter der Medien und der Lügenpresse, liebe Ahnungslose vor den gebührenfinanzierten Sendungsempfangsgeräten des rotschwarzen Monopolfunks!

Hiermit erkläre ich nach langen Jahren erfolgreicher Tätigkeit als Kernölbotschafter fern meiner steirischen Heimat, dass die Zeit reif ist. Reif für eine neue Politik. Nein, für einen Neustart auf allen Ebenen. Nein, für eine neue Revolution! Deshalb gebe ich hier und jetzt die Gründung einer neuen Partei bekannt, die bei den kommenden Nationalratswahlen antreten wird. Der Name dieser Partei steht für alles, was in diesem Land seit ewigen Zeiten schmerzlich vermisst wird: Ehrlichkeit, Heimatverbundenheit, Fleiß und Zuversicht. Für all das tritt sie ein, die ÖKP: die Österreichische Kernölpartei!

Danke für den kräftigen Applaus, liebe Freunde. Ich sehe, Sie verspüren dieselbe Sehnsucht wie ich, die Sehnsucht nach Veränderung. Und genau diese Veränderung werde ich in meinem Parteiprogramm fordern. Als erstes starte ich ein steiermarkweites Volksbegehren gegen die schändliche Tatsache, dass nördlich des Semmering bereits mehr Kürbiskerne geerntet werden als bei uns, in der wahren Heimat des Schwarzen Goldes. Das geht gar nicht! Ich fordere hohe Einfuhrzölle gegen niederösterreichische Kürbiskerne. Ohne entsprechenden und bindenden Regierungsbeschluss darf der fesche Ex-ÖBBler weder TTIP noch CETA unterschreiben! Und sein Koalitionspartner kann bei dieser Gelegenheit gleich beweisen, wer bei den Schwarzen wirklich die Hosen anhat. Wenn Django Mitterlehner diesen für mich unverhandelbaren Beschluss nicht mitträgt, ist sofort klar wie Rindsuppe mit steirischem Wurzelgemüse, dass der Wind aus dem St. Pöltener Landhaus her weht.

Weitere Punkte des ÖKP-Parteiprogrammes werde ich rechtzeitig bis zu den Wahlen ausarbeiten und bekanntgeben. Es ist nicht anzunehmen, dass andere Parteigründer der letzten Wochen schneller sein werden. Nur Parteifarbe, Parteisymbol und Parteimotto stehen schon fest. Man wird die ÖKP an einem satten Schwarzgrün erkennen, an einem reifen Kürbis mit einem in die Zukunft weisenden Stängel und am Leitspruch, den ich wie das Licht der Erkenntnis vor mir her tragen werde: Salat ohne Kernöl ist wie ein Wiener Schnitzel ohne Panier. Und jetzt erheben Sie mit mir das Glas auf die neue Partei des Fortschritts, auf die ÖKP!

Zwei Stunden und noch mehr Gläser später ...

No zwa Sochn, die erschte an die Leit vu da Zeitung: Bittschei vawexlts mi net mit da KPÖ. Dei woan kuaz erfulgreich in Graz, owa nua duat. I wer alla in da Steiamoak a Grundmandat eifoahn, des is fix, sobold da Andi Gabaliä die Pateihymne eigsungan hot. Werds segn, die schiaßt vu null auf ans in die Tschards: Steiamoak, du stoakes Laund, rinnt as Wossa duach dei Haund wia des Kernöl in dei Maul, ba uns is kaner fia wos z'faul. Den Refrö hot a ma scho varrotn, da Andi.

Und as zweite geht an olle do: I suachat no a poa Leit fia vaschiedene Parteipostn. Bsunders da Finanzminister is no frei. I hob dreimol bam Frenk augfrog, oba sei Tochter, die Belinda, hot gmant, seit er as letzte Mol bam Settele im Auto gfoan is, traut er si in ka Vakehrsmittl mehr eisteign, net amol in sein Privatfliaga. A Übaweisung wiad er sicha mochn, oba des hot er scho friara vasprochn. Holt, des hot si jetzt greimt.

Draußn gibts no a Kernölblindvakostung. Wer darot, wölches Öl vu meim Sponsor is, kriagt fia a Untastützungserklärung an gaunzn Lita mit ham. Oiso pfiat eich, baba, untaschreibts und follts net!

Sudoku

Rätselhaftes beim Schachtelwirt

Im McDonald's beim Flughafen Graz, an einem Freitag knapp vor 18 Uhr. Es herrscht reger Betrieb, was auch daran abzulesen ist, dass alle lesbaren Tagesdruckerzeugnisse in Verwendung sind. Einzig fünf Österreich-Ausgaben stecken unberührt im Wandregal, daneben eine offensichtlich schon mehrmals gelesene, einsame KronenZeitung. Mit einem ergebenen Seufzer greife ich nach derselben, um wenigstens meine Schultermuskulatur mit zügigem Umblättern zu beschäftigen.

Mein Crispy Chicken Wrap hat schon zur Gänze den Weg seiner zerkauten Bestimmung gefunden, und ich will mich gerade dem Gartensalat zuwenden, als ich mitten in der für mich bisweilen diffizilen Aufgabe, das Balsamico-Dressing mehrheitlich auf dem Salat anstatt auf meiner Hose zu verteilen, abrupt innehalte. Auf genau der Anzeigenseite, wo neben automobilen, hellseherischen und horizontalen Angeboten auch die beiden Sudoku-Rätsel untergebracht sind, ist kein einziges der Kästchen durch eine Zahl entjungfert, nicht einmal durch einen senkrechten Strich, der den Versuch eines Anfangs andeuten könnte. Und das, obwohl fettige Burger- und Chicken-McNuggets-Finger überaus deutliche Spuren in der gesamten Zeitung hinterlassen haben. Das Sudoku wurde von niemandem angerührt.

Meine Irritation rührt von der Erfahrung her, zu so fortgeschrittener Stunde meist vollständig ausgefüllte Quadrate in der Krone vorzufinden. Zumindest der Schwierigkeitsgrad Amateur (den meine Mutter aufgrund der nicht vorhandenen Herausforderung stets verweigert, Anm.d.Chr.) ist fast immer gelöst, weil die Hürde selbst für die durchschnittlichen Rätselfans unter den durchschnittlichen Krone-Lesern nur die Höhe einer unterdimensionierten Treppenstufe aufweist und sohin unfallfrei zu überwinden ist.

Warum also hatte sich heute noch niemand dem Zahlen-Zeitvertreib gewidmet? Nachdem die Krone (traurig, aber leider nicht zu ändern) die auflagenstärkste Zeitung des Landes ist und gleichzeitig McDonald's der flächendeckendste Schnellimbiss, müsste logischerweise in jedem Lokal immer ein Leser des beliebten Kleinformats anwesend sein. Nimmt man nun auch noch alle Sudoku-Freunde in die Gleichung auf, ist die Chance, dass um 18 Uhr noch keines der quadratischen Rätsel gelöst ist, wohl verschwindend gering.

Während ich meinen Gartensalat samt Balsamico-Dressing gut durchschüttle (empfehlenswert ist hier die penible Prüfung, ob der Deckel fest auf der Plastikschale sitzt; sonst passiert das zuvor mühsam vermiedene Hosen-Malheur doch noch), schweift mein Blick durch das Lokal, auf der Suche nach einer visuellen Lösung für das knifflige Sudoku-Krone-McDonald's-Rätsel. Ich will schon aufgeben und mit Hilfe der kackbraunen Plastikgabel nach der einsamen Kirschtomate im Salat suchen, als ich der neuerdings eingeführten Bestellterminals angesichtig werde, die aussehen wie Smartphones aus dem Lande Brobdingnag, wo Gulliver den Riesen begegnet.

Auch ich war anfangs irritiert, als ich meine Bestellung nicht mehr einer hübschen Studentin diktieren durfte, die ihr karges Stipendium mit einem Nebenjob aufbessert. Die routinierte Bedienung dieses überdimensionalen Touchscreens bedarf einiges an Übung, wenn man nicht den falschen Burger, das falsche Wasser und das falsche Salatdressing an der ebenfalls neuen Ausgabetheke (jetzt steht die hübsche Studentin hier, wenigstens etwas) entgegennehmen will.

Angesichts der vielen schweren Entscheidungen, die man – angefangen von Hier essen oder Mitnehmen bis Mit Karte zahlen oder An der Kasse zahlen – treffen muss, erkenne ich im Bruchteil einer Sekunde, warum das Sudoku noch immer auf einen Zahlenkästchen-Kämpfer wartet. Für die durchschnittlichen Rätselfans unter den durchschnittlichen Krone-Lesern ist der Bestellvorgang am Riesentouchscreen eine spannende intellektuelle Herausforderung. Nach erfolgreicher Meisterung derselben ("Schatzi, heute hab' ich echt einmal bekommen, was ich gedrückt habe! Du auch?") sind die Grauen Zellen müde und müssen sich eine Weile ausruhen. Da reichen die Reserven nur noch für das Verarbeiten der Schlagzeile "Schlechte Noten für unser Bildungssystem!" und ein bisschen aktives Schultermuskeltraining.

War das jetzt höchste Satire oder tiefster Zynismus? Jede Meinung erkenne ich kritiklos an, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass noch Hoffnung besteht. Erinnern Sie sich an meine zu Beginn erwähnte Beobachtung von den unberührten Österreich-Ausgaben? Die KronenZeitung gehört beileibe nicht zu den höchsten Insignien journalistischer Schöpfung, doch erst wenn alle Exemplare jener blamablen Schundpostille, die mit ihrem Auftauchen vor zehn Jahren den ohnehin schon tiefen Boden des Niveaufasses mühelos durchschlagen hat, beim Schachtelwirt in Verwendung sind, sollten wir wirklich langsam nervös werden.

Versuch einer Einladung

Sonntag Nachmittag im Café Sacher. Nach einem intensiven Schreibwochenende gönne  ich mir wieder einmal meine kulinarische Lieblingssünde, ein kleines Savarin, bevor ich den Tag mit einer Komödie im Kino ausklingen lasse. Es herrscht viel Betrieb, doch am Fenster gegenüber der Kuchenvitrine wartet ein freier Tisch auf mich. Mein Seufzer schließt Erleichterung, Zufriedenheit und Vorfreude zu gleichen Teilen ein.

Am Nebentisch sitzt eine alte weißhaarige Dame, gebeugt von wohl mehr als achtzig Jahren. Die Aura ihres Begleiters, Großneffe oder Enkel dürfte ganz gut hinkommen, verströmt so viel Wohlstand, als wurde erst kürzlich ein neues, extra penetrantes Parfum dafür auf den Markt geworfen: hellblaue Wildlederslipper,  Maßsakko und eine Breitling, die kaum nach einem Mitbringsel vom letzten Strandspaziergang in Caorle aussieht. Seine Solariumbräune schafft es nicht ganz, die Langeweile in seinem Gesicht zu kaschieren.

Eine Kellnerin serviert den beiden Kaffee. Plötzlich zieht der junge Mann ein ultraflaches Mobiltelefon aus der Tasche und sagt: „Damit ich den Kleinen Braunen mit dir in Ruhe genießen kann, muss ich vorher noch eine Überweisung machen.“ Die alte Dame schaut ein wenig verwirrt, deshalb setzt er hinzu: „Der Reifenschaden, du weißt eh.“

Er beginnt hektisch, auf seinem Display zu wischen. Die Dame greift nach ihrer Tasse, zieht die Hand jedoch wieder zurück. Offensichtlich will sie nicht unhöflich sein.

„Nein, fang ruhig an“, meint  ihr Gegenüber, ohne sie dabei anzusehen. Im nächsten Moment springt er auf und sagt: „Der TAN-Code wird auf mein anderes Handy geschickt. Das muss ich schnell im Auto holen.“ Ohne ein weiteres Wort wendet er sich ab und verlässt eiligen Schrittes das Café.

„Die moderne Technik“, sage ich laut, weil mir die alte Frau leid tut. Sie reagiert nicht, ob aus mangelndem Hörvermögen oder aus Trauer, von diesem Flegel so rüde sitzen gelassen zu werden.

Als er nach mehr als zehn Minuten wieder erscheint (Ist das Auto jenseits des Kapuzinerbergs geparkt?, denke ich zynisch), hat die Dame ihre Tasse zur Hälfte geleert.

„So, alles erledigt“, sagt der Schnösel. „Jetzt können wir Kaffee trinken.“

Die alte Dame weist ihn auf einen Buben hin, der mit großen Augen vor der Vitrine steht und dann hektisch seinem Vater zuwinkt. „Schau, wie nett der Kleine ist.“

Der blöde Kerl hat aber schon wieder sein Handy in der Hand und wischt darauf herum. Da gibt die alte Dame es auf und seufzt. „Du solltest zahlen. Hast du die Kellnerin schon gerufen?“

„Nein, aber ich mache es gleich.“ Er hat keinen Blick für sie, nur für sein Telefon. „Du kannst vorausfahren, wenn du willst.“

„Wie meinst du das?“ Sie schaut ihn fragend an.

„Es war der Versuch eines Witzes.“

„Dann werde ich versuchen, darüber zu lachen“, kommentiert die noble Dame trocken, schüttelt leicht den Kopf und erhebt sich mühsam. Er findet es nicht der Mühe wert, ihr den Arm zu reichen.

Das war wohl der Versuch einer Einladung. Ich schaue der alten Frau nach, wie sie langsam und auf ihren Stock gestützt zum Ausgang geht.

Wie klein und flach Mobiltelefone in Zukunft auch sein mögen: Die Ignoranz, sich dahinter zu verstecken, ist immer groß genug.

Wenn Festspielgäste leiden

Von den furchtbaren Leiden der Festspielgäste berichten die Salzburger Nachrichten am 1.9.2015 auf Seite 9 ihrer Regionalbeilage. Das italienische Ehepaar Matilde und Fulvio Galleano, beide seit fünfzehn Jahren treue Besucher des Festivals, war unterwegs zu Beethovens Missa Solemnis in Großen Festspielhaus, als es einen Parkschaden verursachte. (Der Artikel gibt nicht an, wer von den beiden hinter dem Steuer saß, doch gehen wir einmal ganz logisch davon aus, es war die Frau.) Die Diskussion mit dem Unfallgegner, so heißt es in dem Artikel weiter, führte zu keinem Ergebnis – wohl auch wegen der Sprachbarriere.

Und schon befinden sich alle Fantasierädchen in meinem Kopf in wilder Rotation. So oder so ähnlich hat sich der verbale Länderkampf nach dem Bums abgespielt:

„Scusi!“

„Nix Bussi, Gnädigste. An Busara habenS‘ ma in mein neuen Lack einig’macht.“

„Ma non è un problema. Quanta costa?“

„Von welcher problematischen Küste Sie kummen, is mir gleich. Hier geht’s auch net um Flüchtlinge, sondern um mei‘ Auto! Los, gemma Unfallbericht schreib’n.“

Das italienische Paar starrt völlig verständnislos auf das Versicherungsformular. Das bringt die Gegenseite noch mehr in Rage.

„Guat, wenn's mit eich net anders geht, ruf‘ i jetzt die Polizei!“

„Polizia? No, non abbiamo tempo!“

„Jo, i find‘ die G’schicht a zum Wana. Leider hob i grod ka Tempo eing’steckt!“

Herr und Frau Galleano stecken kurz die Köpfe zusammen, entscheiden sich schließlich für die Freiheit zur Kunst und gegen den Zwang zur Kontrolle. Sie winken zum Abschied mit den zwei Konzertkarten um 290 Euro und fahren davon.

Der Rest der Episode ist kurz, aber für die italienischen Kulturfreunde finanziell schmerzhaft. Obwohl sie am nächsten Tag bei der Polizei alles zugeben, was der Unfallgegner selbstredend angezeigt hat, setzt es eine Strafe von 250 Euro – wegen Fahrerflucht.

„In Italien wird die Polizei wegen eines kleinen Parkschadens nicht tätig“, zitiert die Zeitung den Versuch einer schwachen südländischen Ausrede. Klar, die Exekutive unserer Nachbarn ist einzig mit den fiskalen Kollateralschäden beschäftigt, die ein gewisser Silvio B. hinterlassen hat.

Fulvio und Matilde reagierten verärgert, schließt der Bericht. Sie stornierten ihre Buchungen für 2016 und informierten davon die Spitzen des Landes, der Stadt und der Festspiele. Am meisten freuen dürfte das jedoch all jene, die im nächsten Jahr rund um die Aufführungsorte ihre Autos sicher parken möchten.

Es ist wohl dem alljährlich grassierenden Festspielfieber zuzuschreiben, dass der ungenannte Journalist der SN hier aus Tätern Opfer macht, ohne mit der Feder zu zucken. Mir beschert der Vorfall eine spontane Geschäftsidee: Sollte ich im kommenden Sommer Geld brauchen – was ziemlich sicher der Fall sein wird –, überfalle ich einfach eine Bank. Wenn ich geschnappt werde, ziehe ich ganz locker eine Eintrittskarte aus der Tasche und rufe: „Tut mir leid, keine Zeit für die Polizei. Ich muss zum Fidelio!“

(Foto: Gmachl.com)

"Mozart? Nie gehört!"

„Ach, Sie haben ein Buch geschrieben? Worüber?“

Je öfter mir diese Worte entgegenwehen, desto heftiger verspüre ich den Wunsch, meine Lieblingsantwort würde der Wahrheit entsprechen: Von meinem letzten Roman wurden mehr als hunderttausend Stück verkauft, und das Buch davor wird gerade mit Tom Cruise, Gwyneth Paltrow und Arnold Schwarzenegger (ein Kernöl-Bezug muss sein)in den Hauptrollen verfilmt.

Kaum ist dieser sekundenlange Tagtraum zu Ende, sage ich brav: „Es gibt zehn Bücher, darunter drei Romane, Satiren und Gedichtbände.“ Wenn ich es noch schaffe, meine Karte an den Mann oder die Frau zu bringen, folgt meist ein rhetorisch-höfliches „Ich schau‘ mir alles auf Ihrer Homepage an, ok?“ – und dann der Themenwechsel.

Episoden wie diese beweisen schon seit langem, welchen Bekanntheitsgrad meine Bücher haben. Positiv formuliert, sind sie der geheimste aller möglichen Geheimtipps. Trotzdem werde ich in wenigen Wochen bei Hinz und Kunz bekannt sein, Schriftsteller-Status hin oder her. Was heißt bekannt: Ich werde ein Weltstar sein!

Vor wenigen Tagen ging ich wie so oft durch die Salzburger Getreidegasse. Am Brennpunkt von Sommer-, Ferien- und Festspielzeit, am Kreuzungspunkt gewaltiger Horden von Italienern, Japanern, Russen und Amerikanern wurde der eigentlich kurze Weg vom Schatz-Durchhaus bis zur Fluchttreppe hinauf ins Café Mozart zu einem Hindernislauf. In dem Bemühen, die perfekten Urlaubserinnerungen der Salzburgbesucher nicht zu ruinieren, weil ich etwa durch das Foto vor Mozarts Geburtshaus latsche, duckte ich mich unter Kameras, wich Gruppen aus, die wie blind der erhobenen Fahne ihres Fremdenführers nachrannten und umrundete einen Marionettenspieler samt staunendem Publikum. Nicht anders verlief der Rückweg durch die Schmuckpassage, über den Universitätsplatz und entlang der Philharmonikergasse.

Eine neue Mode macht seit kurzem selbst die kreativsten Störvermeidungsverrenkungen zunichte: Fotografieren mit dem Selfie-Stick. Wegen dieser Ego-boost-Erfindung gerät der ahnungslose Spaziergänger plötzlich nicht mehr nur ungewollt auf ein Bild, wenn er sich im falschen Moment zwischen Fotofinger und Zielobjekt befindet, sondern auch hinter einer Person, die gerade auf ihre Teleskop-Fernbedienung drückt.

All diesen Fotos auszuweichen ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Also beschloss ich kurzerhand, mich nicht mehr zu ducken, zu verrenken und keine Haken mehr zu schlagen. Nur den Marionettenspieler werde ich auch weiterhin verschonen, wenn er eine gute Performance liefert.

Weil ich mindestens einmal wöchentlich in der Altstadt unterwegs bin, werde ich bis zum Ende dieses Festspielsommers auf zahllosen Handyfotos, Tabletfilmen und Digitalkameraspeichern verewigt sein. Wenn Sie also einen Bald-Mittvierziger durchs Bild huschen sehen, der zielstrebig auf das Café Glockenspiel zugeht, haben Sie eine bleibende Erinnerung von mir.

Und vielleicht fragt einmal Ihr Enkel beim Betrachten der alten Bilder: „Opa, wer ist dieser grüne Mann hinter dem Kernölbotschafter? Mozart? Nie gehört!“

Festspielzeit ist

Festspielzeit ist, wenn mir trotz Hochbetriebs das Glück eines im genau richtigen Moment frei werdenden Tisches auf der Terrasse des Café Tomaselli zuteil wird. Wenn mindestens drei schwer beladene Kellner mir im Vorbeigehen zurufen: „Der Kollege kommt gleich!“ Und wenn mir das nichts ausmacht, weil es Vorfreude und Schau-Genuss gleichermaßen verlängert.

Festspielzeit ist, wenn sich auf den ersten Blick klärt, wer zur nächsten Matinee gehen wird, wer von der letzten Premiere gekommen ist und wer nur sehnsüchtig auf das Mittagessen wartet. Wenn der Ehemann zwecks Kauf eines Anzugs zum Dantendorfer geschleppt werden muss. Und wenn trotz dieses Erfolges alle weiblichen Überredungskünste nicht dazu führen, dass er auch seine ausgetretenen schwarzen Halbschuhe, die noch aus dem letzten Jahrtausend stammen, zugunsten eines neuen Paares der Altkleidersammlung überantwortet.

Festspielzeit ist, wenn Japaner die luftigsten Sommerhüte tragen, Italiener die coolsten Sonnenbrillen und Musliminnen die buntesten Kopftücher. Wenn sogar die Tauben auf dem Alten Markt wie nach einer einstudierten Choreographie umherstolzieren. Und wenn auch der Glasmusiker hintereinander ein Stück von Mozart, von Haydn und von Händel zum Besten gibt.

Festspielzeit ist, wenn die Buhlschaft mit dem Tod vor dem Triangel sitzt. Wenn Frau Präsidentin zwischen zwei Melange Stammgäste begrüßt, Intendanten verabschiedet und der Presse ein Interview gibt. Und wenn sich drohende Gewitterwolken aus purem Anstand rechtzeitig vor dem Jedermann auflösen.

So komm' ich nie ins OSC

Meine Profession als Schließanlagenfachverkäufer kombiniert auf geniale Weise die Tätigkeit eines Kummerkastenonkels für verlorene Schlüssel, des Vertrösters auf einen leider doch späteren Liefertermin und eines Schuldeneintreibers in der Art des frühen Rocky Balboa. Anstatt jedoch verzagte Damen wie ein Gentleman alter Schule persönlich zu beruhigen, aufgebrachten Händler am anderen Ende des Landes persönlich eine Zwischenlösung in Form einer Bauschließanlage vorbeizubringen oder säumigen Zahlern persönlich den kleinen Finger zu brechen, wie Rocky es getan hätte, erledige ich das heutzutage alles modern und bequem per Telefon.

Nun ja, modern – vielleicht; bequem – eindeutig nein. Besonders in der Urlaubszeit steigert sich die ohnehin schon hohe Anruferzahl bisweilen um das Doppelte. Während ich also versuche, eine Dame nach erfolgter Beruhigung abzuwimmeln, bevor sie mir ihre herzzerreißende Geschichte ein drittes Mal erzählt, warten zwei weitere Anrufer in der Leitung. Dazwischen höre ich das hässlich-vertraute Ping! der Mailbox und stelle fest, dass wieder drei neue Nachrichten eingegangen sind. Meist werde ich darin ultimativ zum Rückruf aufgefordert, weil „i net scho wieda mit eirer depperten Maschin reden wü“.

Interessanterweise beschränkt sich dieser hektische Arbeitsalltag auf den österreichischen Markt. Die beiden Kollegen Markus und Stefan vom Export nebenan werkeln ruhig und gelassen vor sich hin, führen hin und wieder kurze Gespräche mit Kunden oder Außendienstkollegen in Kroatien oder Bulgarien und blockieren dann und wann eine Lieferung, wenn die griechischen Banken wieder einmal kein Geld herausrücken.

Während einer unerwarteten, jedoch höchst willkommenen Telefonpause – vermutlich hatte irgendein Schaufelbagger die Hauptglasfaserleitung zwischen Salzburg und dem Rest des Landes durchtrennt – fiel mir auf, wie ruhig es im Nebenbüro war.

„Bei euch läutet nie das Telefon“, nutzte ich sogleich diese Chance zur Beschwerde. „Bei mir dagegen ununterbrochen.“

Markus, nie um eine Antwort verlegen, schickte postwendend eine Begründung durch die offene Verbindungstür: „Das kommt daher, weil wir nur zufriedene Kunden haben.“

Ich wollte etwas zurückschießen, doch das Telefon kam mir dazwischen; für die beiden Kollegen nur ein weiterer Beweis ihrer These. Somit war bald ein neuer Begriff geboren: Wer etwas auf sich hält, sitzt im Office of Satisfied Customers, kurz OSC.

„Und wie komme ich ins OSC?“, fragte ich wenig später vor Ort, um mir ein bisschen die Beine zu vertreten und das rechte Ohr abzukühlen. Das beständige Klingeln ignorierte ich – es gibt ohnehin eine Mailbox.

„Du musst einfach an deiner Kundenzufriedenheit arbeiten“, sagte Markus von oben herab, obwohl er saß und ich stand. Stefan nickte nur dazu, mit einem wissenden Lächeln.

Und ich mühte mich nach Kräften, dieses hehre Ziel zu erreichen. Ich wurde noch freundlicher, noch kompetenter, noch verständnisvoller. Die mannigfaltigen Beschwerdeanrufe wurden aber nicht weniger; das Gegenteil trat ein.

Vor einigen Tagen erlebten meine Ambitionen auf eine OSC-Mitgliedschaft einen schweren Dämpfer. Ein Kunde von mir hatte die Zahlungsfrist um zwei Monate überzogen und sich dann auch noch drei Prozent Skonto abgezogen. Buchhalterin Pia schickte deshalb eine Nachforderung; als sich auf dem Kundenkonto kein Eingang zeigte, schickte sie die fälligen Mahnungen hinterher.

Es war mein letztes Telefonat vor dem Wochenende. Erst stellte sich der Mann dumm („Ich hab’ eh bezahlt!“ – „Aber zu wenig!“), dann vertröstete er mich („Rufen’S am Nachmittag an, wenn die Frau da ist!“ – „Da bin ich nicht mehr da!“). Als ich ihm freundlich, aber bestimmt mitteilte, dass sein Konto bis zur Begleichung der offenen Summe gesperrt bleibe, blaffte er: „Leckt’s mi am Oasch!“

Noch bevor ich meinen Kollegen im Nebenbüro von dieser kleinen, aber feinen Episode berichtete, kannte ich schon ihren Kommentar dazu. Und der war für mich so bitter wie berechtigt.

„Es tut uns echt leid, Hannes. So kommst du nie ins OSC!“

Werbung, Saisonal

Nach einem wunderbaren Sonntag Vormittag in meinem zweiten Salzburger Wohnzimmer – die Terrasse des Café Tomaselli am Alten Markt – entdeckte ich das Bild des Tages auf der Heimfahrt in der Alpenstraße. Dort bog ein Stadtbus der Salzburg AG aus einer Haltebucht, den ich liebend gerne im Vorbeifahren abgelichtet hätte. Das ist aber leider a) polizeilich verboten, b) mir mangels eines dafür notwendigen Smartphones ohnehin nicht möglich, und außerdem c) würde ich, wenn ich c1) ein Smartphone hätte und c2) es auch noch schaffte, rechtzeitig zu knipsen, das Foto sicher bis zur Unendlichkeit verwackeln, Stabilisator in den modernen Kameras hin oder her.

Unter den Chronisten gehöre ich jedoch ohnehin zur Schreibenden Zunft; sohin erfahren Sie nachfolgend schwarz auf weiß, was meine Augen gesehen und Sekundenbruchteile später in meinem Gehirn ausgelöst haben.

Am Heck des Busses, über die ganze Breite gezogen, stand in geschwungener, gelb-weißer Schrift: Skibus Werfenweng. Einem Instinkt folgend, schaute ich sogleich auf die Außentemperaturanzeige meines GolfPlus: 31,5 Grad Celsius über Null. Als ich wieder hochsah, befand ich mich bereits auf der linken Fahrspur, also neben dem Stadtbus. Die Seitenbeklebung setzte noch eines drauf: Mit Erdgas-Drive zum Pistenspaß!

Die verschiedensten Fragen liefen auf einmal in meinem Gehirn um die Wette: Will uns diese Werbung vom Jammern über die Hitze abhalten, indem sie uns mahnend daran erinnert, dass es in knapp fünf Monaten wieder 40 Grad kälter sein wird? Ist es ratsam, den Fahrer dieses Busses nach einem kühlen Plätzchen in der Stadt zu fragen? Sollen vorausschauende Winterurlauber bei den Bergbahnen Werfenweng anfragen, wieviel Rabatt sie kriegen, wenn sie schon im Juli den Skibus buchen, oder haben sie dafür noch Alle Zeit der Welt? (siehe oben.)

Ich jedenfalls hatte es plötzlich sehr eilig, in meine kühle Wohnung zu kommen. Dort würde ich mir einen noch kühleren Drink mixen und darauf hoffen, dass es noch möglichst lange schön und vor allem schneefrei bleibt.

Skifahren ist ohnehin nicht so meins.

Rasend auf probe zum Traktorschein

Am 7.7.2015 berichtete das Internetportal unseres rotweißroten Staatsfunks von einer exekutiven Amtshandlung, die erst auf den zweiten Blick bemerkenswert ist. Die Polizei stoppte irgendwo in der oberösterreichischen Pampa einen 17jährigen, der mit knackigen 168 km/h unterwegs war.

So weit, so normal. Doch als der Probeführerschein eingezogen und sämtliche Papiere ausgestellt waren, staunten die Beamten nicht schlecht über die Begründung des Jünglings für seine Eile. Er müsse – Obacht, darauf würden Sie niemals kommen – zur Traktorführerscheinprüfung und sei schon reichlich spät dran.

Erst vermuteten die Beamten dahinter die schlechteste aller Ausreden, die ihnen jemals zu Ohren gekommen waren. Tatsächlich tauchte jedoch wenig später der Traktorführerscheinfahrlehrer mitsamt der Traktorführerscheinprüferin auf. Sie packten ihren Schüler ein und chauffierten ihn zur Traktorführerscheinprüfungskommission. Sohin konnte der junge Mann seinen Test doch noch ablegen – ob er das erfolgreich tat, ist nicht überliefert.

Für die Wiedererlangung des B-Scheines werden wohlmeinende Helfershelfer nicht ausreichen; Nachschulung und Nachzahlung sind unausweichlich. Angesichts der kreativen Entstehungsgeschichte bietet sich eine kreative Zusatzstrafe an: Der junge Mann muss mit dem Traktor – falls er die Berechtigung zum Steuern desselben erlangt hat – zur Wiederholungsprüfung anreisen. Blöderweise werden am Vorladungstag nur in Bregenz oder Bad Radkersburg Termine frei sein. Da bleibt ihm unterwegs reichlich Zeit für Hörbuchlektüre.

Ich empfehle wärmstens einen Bestseller von Stan Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit.

Damit etwas wird aus mir

Ein Sommerurlaub bei den Eltern hat viele Vorzüge. Einer davon ist die kulinarische Zeitreise in die eigene Kindheit in komprimierter Form – als würden die zwei Wochen aus einer abwechselnden Folge von Geburts- und Namenstagen bestehen, an denen ich mir das Mittagessen aussuchen konnte. Seit ich allein lebe, klingt kaum ein Satz süßer in meinen Ohren als die mütterliche Frage „Was soll ich heute kochen?“

Ist diese kurze, glückselige Zeit wieder vorbei, muss ich mich das jeden Tag selbst fragen. Meist in einen Seufzer verpackt, weil es nach einem langen Arbeitstag lustigere Momente gibt als jene allseits bekannte Erkenntnis, die einem müden Blick in den Kühlschrank folgt: Genau das, worauf ich mich gefreut habe, ist ausgegangen / schlecht geworden / beim Hetzen durch den Billa knapp vor Ladenschluss aus meinem Gedächtnis gefallen. Also doch wieder Nudeln.

Am ersten Tag nach dem Urlaub zog es mich wie so oft in meine geliebte Salzburger Altstadt. Ich erledigte die Kleinigkeit, die ich als Grund für die Fahrt hinein vorgeschoben hatte und sog bald danach das Flair der Getreidegasse in mich auf, die schon voll auf Sommer-Touristen-Modus geschaltet hatte. Hier wird sich um diese Jahreszeit wohl auf immer und ewig die ganze Welt treffen. Zumindest so lange, bis die Sonne zum Roten Riesen wird und alles verschluckt.

Neu sind heuer die Selfie-Sticks. Das sind Teleskopstangen, die Weitwinkelselbstaufnahmen mit dem eigenen Smartphone möglich machen. Je krampfhafter diese Hobbyfotografen versuchen, ihre Stangen gerade zu halten, desto schräger schauen sie dabei aus. Und es gibt wieder ein Hindernis mehr, dem ich in diesem Beinen-, Armen-, Kinderwagen- und Einkaufstaschengewirr ausweichen muss.

Doch ich kenne eine Insel der Ruhe, und genau die steuerte ich an: das Cafè Mozart. Gutes Essen, eine passable Auswahl an tagesaktuellen Printmedien und lange Tische, um selbige adäquat auszubreiten. Einer ausgedehnten Verschnaufpause steht dort nichts im Wege außer hin und wieder zwei Amerikanerinnen, die vor der Tortenvitrine gleich neben dem Eingang Kalorien zählen.

Zu meiner Freude war das Tagesgericht eine Lasagne. Kaum hatte ich mich nach erfolgter Bestellung in eine Zeitung vertieft, stand die Kellnerin auch schon mit dem Teller da – auf dem sich eine riesige Portion türmte.

„Für wie viele Leute ist das?“, fragte ich sie heiter, meinte es aber durchaus ernst.

„Für Sie allein“, gab sie ohne Umschweife zurück. „Damit was wird aus Ihnen.“

Dieser Satz warf mich innerhalb von Sekundenbruchteilen in die Kindheit zurück. So etwas hatte ich vermutlich seit den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr gesagt bekommen. Mit einem Lächeln nahm ich den Ratschlag wörtlich und begann genussvoll zu schaufeln, bis der Teller tatsächlich leer war. Darüber freute sich auch die Servierdame, denn sie kommentierte meine Leistung mit den lobenden Worten: „Brav haben Sie gegessen!“

Danke, Mama … äh … mein Kind!

Heiliger Geist, menschlich

Pfingstmontag in der wunderschönen Barockkirche St. Vitus von Kufstein. Die Messe wird zügig und herzlich von einem Pfarrer des Typs gutmütiger Brummbär samt dazu passender Stimme zelebriert.

Als ich mit der Gemeinde auf den abschließenden Segen warte und – ich beichte es freimütig – in Gedanken schon bei Kaffee und Kuchen irgendwo in der Altstadt sitze, blickt der Priester plötzlich hoch und ruft volltönend durchs ganze Kirchenschiff: „Anni? Der Heilige Geist hat etwas gefunden, das du schon lange suchst!“

Nach einer Sekunde des Erstaunens über dieses ungewohnte Intermezzo erklingt die Antwort zwei Bankreihen hinter mir: „Ja, was denn?“

„Das sag‘ ich dir nicht“, setzt der Pfarrer geheimnisvoll fort. „Manchmal verschwinden Sachen. Und manchmal sorgt der Heilige Geist dafür, dass sie wieder auftauchen. Du kannst es im Pfarrheim abholen.“

Als sei überhaupt nichts Besonderes gewesen, erteilt der Geistliche den Pfingstsegen, der aus allen Richtungen von nachdenklichem Raunen untermalt wird.

Das Rätseln darüber, was der Heilige Geist da wohl zum Vorschein gebracht habe, begleitet auch mich auf meinem Weg von der Kirche in Richtung Inn-Ufer. Eine Kuchenform vom letzten Pfarrfest? Frau Annis bestes Fensterputztuch, das sie bei der letzten Kirchenreinigung so tatkräftig geschwungen hat? Ich komme nicht drauf, erfreue mich aber an meiner in Bewegung geratenen Fantasie. Und an der seelenvollen Menschlichkeit, deren kirchliches Auftauchen der Heilige Geist heutzutage leider viel zu selten bewirkt.

Im Inn-Cafe, wo mich bereits ein Fensterplatz und eine hübsche, übers ganze Gesicht strahlende Kellnerin erwarten, hängt ein Schild über der Theke: „Kaffee und Apfelstrudel, mit Allem 5,80“.

Ich bestelle ohne Nachdenken, weil ich der Neugier, was bei mit Allem inkludiert ist, ohnehin nicht entkomme. Bestimmt ist auch ein Portion Heiliger Geist dabei.

Essen, nur für pokerspieler

Während der Pause eines Poker-Turniers, bei dem ein kleines Buffet inkludiert ist, bediene ich mich an der Hauptspeise. Weil die einzige Servierdame leichte Überforderungstendenzen zeigt, bitte ich sie diesmal nicht um Hilfe, sondern trage meinen Teller vorsichtig zu einem Tisch. Ich schaffe es, ohne den Teppich mit Sauce zu verschönern und gehe zwecks Beilagenversorgung zum Buffet zurück. Das Schälchen erstarrt samt Gabel in meiner Hand, als ich erkenne, was sich in der einzig vorhandenen Schüssel befindet.

Weil mein Gehirn in der Kürze keine Lösung ausspuckt und sohin Gefahr läuft, in eine Endlosschleife der Verwirrung zu stürzen, wende ich mich nun doch an die Frau mit dem großen Schöpflöffel: „Wurstsalat? Zum Schweinsbraten?!“

Sie lächelt mich freundlich an und erwidert: „Das ist für die Spieler, die kein Fleisch essen!“

Die Welt der 52 Karten sieht manchmal doch sehr beschränkt aus …

FC Hollywood goes Austria

FC Hollywood – diesem Beinamen wurde Bayern München, der größte und erfolgreichste Fußballverein Deutschlands, in den letzten Jahren immer wieder gerecht. Es gab spektakuläre Siege, dramatische Niederlagen und dazu noch jede Menge Skandale rund ums runde Leder. Sportfaktor 1, Promifaktor 1: Das ergibt zusammen Glamourfaktor 1 plus.

Die neueste Entwicklung aber hatten selbst eingefleischte Bayern-Kenner nicht erwartet: Wie nach dem letzten Spiel der Saison bekannt wurde, übernimmt der austro-kanadische Milliardär Frank Stronach den Fußballklub! Am 1. Juli dieses Jahres wird aus dem FC der TS (Turn- und Spielverein) Bayern München. Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe, ein Erdbeben der Stärke 10 erschütterte die Fußballwelt!

Und auch in der sportlichen Leitung bleibt kein Stein auf dem anderen. Der Vertrag mit Pep Guardiola wurde aufgrund chronischer Erfolglosigkeit nicht verlängert – nur der nationale Meistertitel ist schlicht und einfach unter aller Sau. An seine Stelle tritt der charismatische Wiener Peter Stöger, der nicht nur den FC Köln in der Liga gehalten hat, sondern auch in Sachen Mode um vieles beschlagener ist; anschaulich dargestellt durch Stögers bunte Brillenkollektion im Vergleich zu den mausgrauen Altherren-Anzügen des Spaniers.

Als Sportdirektor fungiert ab Juli eine österreichische Fußballlegende: Hans Krankl, wahlweise auch bekannt als Johann K., Hanseburli, Goleador und Held von Cordoba, wird den Verein vor allem nach außen vertreten und managen. Sein Hochdeutsch ist zwar ähnlich schlecht wie das von Frank Stronach, aber trotzdem verstehen die Zuhörer meist, was er sagt. Das liegt wohl an den Anfangsworten seiner Statements: „Huach zua!“

Bei einer spontan einberufenen Pressekonferenz stellte das neue Führungstrio erste Pläne für die nächste Saison vor. Die schwächelnde Abwehr – Sargnagel in der ChampionsLeague wie auch im Cup – wird gänzlich auf rotweißrote und damit endlich stabile Beine gestellt. Neben dem bewährten linken Außendecker David Alaba besteht die Viererkette künftig aus Kevin Wimmer (kommt mit Stöger aus Köln), Aleksandar Dragovic (steht schon lange auf diversen bayrischen Einkaufszetteln) und Christian Fuchs (Schalke, wird von links auf rechts umgeschult). Und weil für einen Branchenleader nur das Beste gut genug ist, hat man gleich noch zwei Edelreservisten verpflichtet: Sebastian Prödl (saß schon im Flieger nach Istanbul, doch als er Kebab auf der Menükarte las, war ihm Weißwurscht doch lieber) und Martin Hinteregger (wollte nicht wie eine RedBull-Dose von Salzburg nach Leipzig verscherbelt werden, ist aber froh, weiterhin einen Audi fahren zu dürfen). Damit ist klar, dass Trainer Stöger wie in den vergangenen Jahren beim FC Köln auf eine stabile Verteidigung setzen wird. Auf die frischen Akzente in Mittelfeld und Angriff warten wir nach diesem Paukenschlag mit vor Spannung angehaltenem Atem!

Sportdirektor Krankl legte die Erfolgslatte jedenfalls schon sehr hoch: „Huacht‘s zua! Wir wer‘n mit‘n TSBM nicht nur de Meisterschaft dominieren, sondern auch CL und Cup. Alles andere is‘ primär!“

Präsident Frank Stronach sprach von einem Traum, der ihm weder mit Austria Wien noch mit dem FKÖNA (Fußballklub der österreichischen Nationalratsabgeordneten) vergönnt war: „Spätestens 2020 wird das Team Stronach … äh … der TS Bayern München Weltmeister sein!“ Den leisen Hinweis eines Journalisten, dass es in fünf Jahren keine Weltmeisterschaft gebe und zudem nur Nationalmannschaften teilnehmen dürfen, tat Stronach als unwichtig ab: „Das is‘ hier ka Betriebsratssitzung! Dann müss‘ ma halt die Statuten ändern, nicht?“

Zum Abschluss erinnerte Trainer Stöger an eine Anekdote, die belegt, dass schon der Spitzname FC Hollywood aus Österreich stammt: „Als Ernst Happel österreichischer Teamtrainer war, hat er der Mannschaft vor jedem Spiel die genaue Taktik mitgegeben. Und er fügte an: Wenn die nicht funktioniert, spiel‘ ma Hollywood!

(Foto: news.at)

Geben Sie mir ein Ping, Vasili!

Sind Gleichgesinnte unter sich, so reden sie häufig von genau jenem Gleichen, nach dem ihnen der Sinn steht. Die geneigte Leserschaft kennt das: Hundefreunde reden von Hunden, Malfreunde von der Malerei und Filmfreunde – in Weiterführung dieser Logik – von Filmen. Dennoch stelle ich hier und jetzt die These auf, dass Letztgenannte mit einem kleinen Heiterkeitsvorsprung beschenkt sind, der sie um eine Spur leichter durchs Leben wandeln lässt.

Der Grund dafür: Ein Gemälde bleibt per Definition wortlos. Es steht nicht zu erwarten, dass die honorigen Bischöfe, die viele Wände in der Alten Residenz in Salzburg zieren, in den nächsten Jahren zum Leben erwachen und aus ihren Rahmen steigen. Somit bleibt auch das Gespräch im Rahmen – über sie und über die Kunst. Bei Hunden ist die Sache diffiziler, denn fraglos ist es möglich, mit ihnen zu reden. Was zurückkommt, kann mit viel Phantasie und Kenntnis in nonverbaler Tier-Mensch-Kommunikation sogar als Antwort interpretiert werden, doch das erste wörtliche Zitat eines Vierbeiners ist noch nicht überliefert.

Filmfreunde aber reden nicht nur über Filme. Sie haben eine eigene Form der Sprache entwickelt, die sich nur Eingeweihten offenbart, nach jahrelangem, intensivem Studium zahlloser Beispiele, vom Klassiker bis zum Schund. Allein wer durch diese harte Schule gegangen ist, bringt es zum Meister in der Königsdisziplin: der Unterhaltung in Filmzitaten.

„Ich schau dir in die Augen, Kleines.“ Wo das hingehört, muss ich hoffentlich niemandem erklären. Viele sehnsuchtsvolle Liebeserklärungen sind nach dieser Herzensoffenbarung wohl den Bach hinuntergegangen. Sohin ist es von großer Bedeutung, ein Zitat im richtigen Moment anzubringen. Im besten Fall erntet man Bewunderung oder sogar die unerwartete - weil passende - Antwort eines Eingeweihten. Die verwirrten Blicke der Unwissenden dienen im schlechtesten Fall der eigenen Erheiterung.

Neulich erhielt meine Kollegin Claudia am Platz gegenüber eine SMS auf ihr Handy. Der Ton, mit dem die Nachricht als eingegangen vermerkt wurde, war ein helles, reines PING, was mich laut auflachen ließ. Claudia schaute mich fragend an, also verwertete ich die Vorlage: „Geben Sie mir ein Ping, Vasili.“

Der Kollegin Verwirrung war augenscheinlich. Deshalb verzichtete ich auf die klassische Fortsetzung, musste sie aber zeitnah anbringen, um mich zu erfreuen. Wozu hat man Filmfreunde? Ich rief Alexander an, einen wahren Meister der Filmzitate, mir selbst haushoch überlegen. In kurzen Worten schilderte ich ihm die SMS-Szene von vorhin und schloss wieder mit den Worten: „Geben Sie mir ein Ping, Vasili.“

Und Alexander enttäuschte mich nicht: „Aber bitte nur ein einziges Ping!“ Unser doppelter Lachanfall eine Sekunde später war für mich das absolute Highlight des Tages.

Mein Lieblingszitat? Ich verrate es Ihnen. Der Gedanke daran ist wie ein Zwanzig-Sekunden-Urlaub, den ich mir hin und wieder von ganzem Herzen gönne.

„Es war einmal, an der Nordküste von Long Island, nicht weit von New York. Dort stand ein sehr, sehr großes Haus – beinah ein Schloss. Auf diesem Anwesen lebte ein kleines Mädchen. Das Leben war angenehm dort und wunderbar einfach.“

Kennen Sie den Titel dieser Liebeskomödie? Meine immerwährende Hochachtung wird Ihnen gewiss sein. Falls nicht, muss ich sofort Alexander anrufen!

Offizielle Protestnote Seiner Exzellenz, des Botschafters

An die Einbrecher von Riegersburg!

Mit aller gebotenen Schärfe protestiert der Kernölbotschafter gegen die Vorgehensweise, mit der Sie die Spuren Ihres letzten Raubzuges verwischt haben. Wie den am Botschaftssitz gelesenen Salzburger Nachrichten vom 21.4.2015 auf Seite 11 zu entnehmen ist, haben Sie in einem Hotel fünf Liter Kürbiskernöl verschüttet, um Fingerabdrücke und sonstige Spuren für die Kriminalpolizei unbrauchbar zu machen.

Um es in der Gemeinsprache zu formulieren, die vielleicht auch Sie verstehen: Das geht gar nicht! Abgesehen vom angerichteten Schaden empfinde ich es als unerträglich, wie perfide Sie durch Ihre Tat meine nun schon Jahrzehnte andauernden Bemühungen torpedieren, unserem kulinarischem Kulturgut jenseits der Kernölgrenzen zu dem ihm zustehenden Durchbruch zu verhelfen. Ich halte täglich die Fahne unseres Schwarzen Goldes hoch, indem ich es nicht nur für Salat, sondern auch für die klassische Eierspeis wie für moderne Eiskreationen in höchsten Tönen anpreise. Und was bekommen die Leute jetzt mit? Wie schwer die Schmierage wegzuputzen ist, kruzzetürken!

Mit einem Fünkchen Anstand in Ihren verrotteten Seelen hätten Sie das Kernöl, dem Vernehmen nach durchaus hochwertige Ware, mitgenommen und verkauft. Bestimmt liegt der Wert höher als die paar erbeuteten Zigaretten. Und wer weiß, wie viel Bares Sie in dem aus der Verankerung gerissenen Tresor finden – falls Sie ihn überhaupt aufkriegen. Sie hätten das Öl auch anonym vor einer Kirche oder Armenküche deponieren und so einer sinnvollen Verwendung zuführen können.

Kürbiskernöl klebt an Ihren Händen. Den Geruch, so edel er aus einer frisch geöffneten Flasche in die Nase desjenigen steigt, der diesen Luxus zu schätzen weiß, werden Sie nicht mehr aus Ihrem schwarzen Herzen bekommen. Ebensowenig die Flecken von Ihren Kleidern.

Seien Sie gewiss: Der Kernölbotschafter wird nicht ruhen, bis der immaterielle Schaden an seiner Mission gesühnt und der Ruf des echten steirischen Kürbiskernöls wieder reingewaschen ist.

Gezeichnet von Seiner Exzellenz Hannes dem I., Salzburg, April 2015, A.D.

        

Sensation: Putin im Gemeinderat!

Am Karsamstag sitzt die ganze Familie nach Monaten wieder einmal vereint in der Heimat beisammen. Nicht nur der feine Osterschinken wird genüsslich verzehrt, es gibt auch einen regen Austausch wichtiger Neuigkeiten. Nach Dutzenden gepeckten Eiern kommt die Rede auf die kürzlich in der Steiermark geschlagene Gemeinderatswahl. Hier die unvollständige Wiedergabe einer Unterhaltung, deren weltpolitische Bedeutsamkeit wohl erst in vielen Jahren von Historikern ins wahre Licht gerückt werden wird.

"Wie ist es in Bad Gleichenberg ausgegangen?"

"Klarer ÖVP-Sieg. Sie haben die Absolute nur um vier Stimmen verpasst."

"Der Putin soll zuletzt auch in Gleichenberg gewesen sein."

"Wegen der Wahl?"

"Nein, zum Jagen. Der Wolf hat ihn eingeladen."

"Seit wann lädt der Wolf seinen Jäger ein, bevor er von ihm erschossen wird?"

"Nicht der schwarze Wolf. Der Siegfried Wolf."

"Aber der Siegfried Wolf ist doch eh bei den Schwarzen."

"Ich rede vom Tier, nicht von den Schwarzen im Gemeinderat."

"Die Schwarzen haben Putin in den Gemeinderat eingeladen? Wen soll er dort jagen?"

"In Gleichenberg gibt's schon lange keinen Wolf mehr."

"Nicht in Gleichenberg. In Trautmannsdorf."

"In der Nachbargemeinde gibt's noch Wölfe?"

"Nein, der Putin war in Trautmannsdorf."

"Weil dort ein Wolf gesichtet wurde?"

"Nein, weil er zum Jagen eingeladen war. Von Siegfried Wolf, einem persönlichen Freund."

"Nach der Gemeindereform gehört Trautmannsdorf jetzt zu Gleichenberg, oder?"

"Richtig."

"Also kommt man über Trautmannsdorf in den Gemeinderat von Gleichenberg."

"Wenn man das will."

"Vielleicht will der Putin das und war deshalb in Trautmannsdorf. Auf der Jagd nach einem Mandat."

"Was der Putin will, ist mir herzlich egal. Wer will eine Ostertorte?"

Allgemeine Zustimmung ertönt. Das Thema löst sich in Kaffee- und Mehlspeisduft so rasch und geheimnisvoll auf, wie es gekommen war.

Einen Tag später, am Ostersonntag, bringt die Krone bunt auf Seite 14 einen Bericht über das neue Luxusflugzeug von Wladimir Putin. Die Kernölbotschafter-Redaktion weiß aus Insiderkreisen, dass der hypermoderne Flieger gerade rechtzeitig für die Anreise zur konstituierenden Sitzung des Bad Gleichenberger Gemeinderates fertiggestellt wurde. Der Auftritt des russischen Präsidenten dort wird in vielen Familien zu interessanten Diskussionen führen. Mit und ohne Wolf.

Think Before You Think

Im geschäftlichen Mailverkehr ist es Mode geworden, am Ende eines elektronischen Briefes nicht mehr nur den Disclaimer anzuführen. So nennt sich ein Rechtehinweis, der falsche Empfänger vor missbräuchlicher Verwendung einer nicht für sie gedachten Nachricht warnen soll ("bitte nicht auf Facebook stellen und vor einer allfälligen Weiterleitung an die NSA zumindest Edward Snowden informieren").

Neuerdings glauben viele Konzerne, ihre grüne Verantwortung betonen zu müssen. Deshalb fügen sie am Ende eines Mails den Satz "Think before you print" hinzu. Im Business-Englisch klingt das natürlich besser als "Denk bevor du druckst", was sich ein bisschen wie die Aufforderung des Dorflehrers an den Klassentrottel anhört. Der geneigte Empfänger möge also kurz in sich gehen, bevor er die Mail ausdruckt. Vielleicht reicht es, sie elektronisch zu archivieren? Oder ist gleich Löschen die beste Option? Nach Abschluss des Denkprozesses, so suggeriert der Hinweis, habe der Empfänger selbstverständlich alle Freiheiten, nach seinem Gutdünken zu handeln.

Das Ansinnen mag durchaus ehrenwert sein, doch wie die Kernölbotschafter-Redaktion schon bei ähnlichen Aktionen feststellen musste, torpediert auch hier die mangelnde Ausführung den guten Willen. Eine österreichische Supermarktkette, die passenderweise ein grünes Bäumchen im Logo führt, beendet alle Mails mit jenem "Think before you print". So auch Bestellungen, die ich im Zuge meiner Profession als Verkäufer von Schlüsseln und Zylindern aus der Konzernzentrale erhalte. Die Mails strotzen nur so vor Leerzeilen zwischen dem Text, dass sie sich über zwei, drei und manchmal sogar vier Seiten hinziehen. "Denk nach, bevor du das ausdruckst", klingt als erhobener Zeigefinger sohin wie blanker Zynismus, dem ich mehr als einmal die Gegenfrage "Warum sollte ich, wenn du nicht einmal vor dem Schreiben nachgedacht hast?" volley retournieren wollte.

Den Vogel – oder besser den Storch – schoss in dieser Kategorie kürzlich ein Hotel am Neusiedlersee ab. Dessen Mailbestellung zog sich allein deshalb über zwei Seiten, weil am Ende lang und breit verkündet wurde: "Wir sind Gewinner des Goldenen Flipcharts 2011 – bestes Seminarhotel im Burgenland!" Die Darstellung der Trophäe durfte ebenso wenig fehlen wie die wortreiche Aufforderung, sich von den diesbezüglichen Qualitäten des Hauses doch bitte persönlich zu überzeugen.

Werbung ist wichtig, keine Frage. Wenn jedoch goldene Kochlöffel, Stamperl und Flipcharts als Aufmerksamkeitsvehikel wie goldene Schwammerl aus dem Boden sprießen, muss die Frage erlaubt sein, ob die zuständigen Marketingabteilungen überhaupt von der Blässe eines Gedankens angekränkelt wurden, ehe solch krude Ideen das Licht der Welt erblickten.

Als Chronist dieser und aller anderen Lebenskuriositäten, die mir noch begegnen werden, schließe ich diesmal selbst mit einer Aufforderung an alle, die voll Begeisterung über einen guten Einfall sogleich zur guten Tat schreiten wollen. Kurz und bündig, damit sich dieser Blog beim Ausdruck nicht über zwei Seiten zieht.

"Think before you think!"

Helmut, Hüter der Moral

Vermutlich bin ich der einzige Steirer, der in Salzburg lebt und bereits von zwei Vorarlberger Physiotherapeutinnen betreut wurde. Birgitt arbeitete vor einigen Jahren nahe der Mozartstadt, Judith lernte ich bei einem Aufenthalt in einer Spezialpraxis nahe Freiburg im Breisgau kennen. Beide Damen leben mittlerweile wieder im Ländle; Judith besuche ich immer noch jährlich für eine intensive Trainingswoche, und meist geht sich dabei auch ein gemeinsamer Kaffee mit Birgitt aus.

Für die Dauer meines Aufenthalts in Bregenz quartiere ich mich stets im Gasthof Lamm ein. Das kleine, gemütliche Landhotel mit ausgezeichneter Küche liegt sowohl in der Nähe von Judiths Praxis als auch unweit vom Bodensee; weil ich meine täglichen Therapieeinheiten immer mit einem Spaziergang entlang des Ufers abschließe, eine perfekte Kombination. Mittlerweile darf ich mich Stammgast nennen, der sowohl von der Eigentümerfamilie Schenk als auch den Beschäftigten des Hauses sehr herzlich aufgenommen und bestens betreut wird.

Gleich nach meiner allerersten Ankunft an einem Sonntag im Frühling 2012 lud ich Judith zu einem gemeinsamen Abendessen im Lamm ein. Sie sagte zu, und bald saßen wir an einem kleinen Tisch im Restaurant. Am Stammtisch gegenüber saß Seniorchef Helmut, ein rundlicher Mann mit dröhnender Stimme, Almöhi-Vollbart und stets fröhlich blitzenden Augen. Diesen Augen entging nichts, wie ich bald erfahren sollte.

 Die Woche verging rasch wie alle Wochen in Deutschland zuvor. Wenn der Fokus auf Trainieren liegt, bleibt neben Essen und Schlafen kein Platz übrig. Entsprechend schnell war der Freitag da, und ich verabschiedete mich aus Judiths Praxis bis zum nächsten Jahr. Wieder konnte ich ein paar kleine Fortschritte verbuchen, über die ich mich ebenso freute wie über ein Treffen mit Birgitt, die ich zu meinem letzten Frühstück ins Hotel eingeladen hatte.

Kaum hatte die zierliche Frau am folgenden Morgen neben mir Platz genommen und ihren Kaffee bestellt, bemerkte uns Seniorchef Helmut vom Stammtisch aus. Er hob grüßend den Arm, dröhnte ein "Guten Morgen!" und hielt dann inne, um genauer hinzuschauen. Was er sah, irritierte ihn augenscheinlich so sehr, dass er der Sachlage sogleich auf den Grund gehen musste. Helmut kam an unseren Tisch, beugte sich zu Birgitt und sagte mit einer Stimme, die in der fragwürdigen Mitte zwischen Verschlagenheit und Flüstern lag: "Sie sind aber nicht die Gleiche wie am Sonntag."

Mein Gehirn verwandelte sich von einer Sekunde auf die nächste in eine wortfreie Zone, so perplex war ich. Nicht einmal das naheliegende "Ich wüsste nicht, was Sie das angeht", fiel mir ein. Birgitt aber hatte einen unfehlbaren Sinn für die Situation. Sie strahlte Helmut mit dem süßesten Lächeln an und erwiderte: "Ich bin die andere Physiotherapeutin von Herrn Glanz." Diese Antwort schien für den alten Mann nachvollziehbar; er wünschte Birgitt einen guten Appetit und ging wieder an seinen Platz zurück.

 Als ich mich später von Helmut verabschiedete, konnte ich mir eine Frage beim besten Willen nicht verkneifen: "Haben Sie schon früher einmal jemanden so direkt angeredet wie vorher? Das könnte doch peinlich enden, oder?"

"Ist eh schon passiert", antwortete er mit einem verschmitzten Lachen. An seinen Augen sah ich, dass es der Spaß in jedem Fall wert gewesen sein musste.

Auf meiner Heimfahrt zog ich in Gedanken meinen Hut vor diesem wahren Hüter der Moral. Wer austeilt, muss auch einstecken können – Helmut weiß das.

Mimi und Doktor Frankenstein retten Salzburg und die Welt

Während ganz Salzburg aufatmet, weil Mimi gerettet wurde, hält der Kernölbotschafter den Atem an, weil die Weltrettung nur noch schlappe zwei Jahre entfernt ist. Genug Neuigkeiten für eine Woche, doch am Ende folgt noch eine dritte, versprochen.

Mimi, bislang eine glückliche und wenig beachtete Graugans am Leopoldskroner Weiher, hatte sich vor zwei Wochen mit ihrem Schnabel in einer silberblauen Getränkedose verkeilt. Dies behinderte sie beim Fressen und beim Fliegen – von wegen RedBull verleiht Flügel –, erhöhte jedoch so schlagartig wie ungewollt ihre Prominenz in der Bevölkerung. Viele kamen, um zu schauen und zu bemitleiden, andere wollten helfen. Doch nicht einmal von angerückten Berufsfeuerwehrleuten mit viel Energydrink intus ließ sich Mimi einfangen. Erst zwei Tierpflegern gelang dieses Kunststück; sie befreiten die Gans von ihrem ungewollten Ballast und päppeln sie jetzt im Salzburger Zoo auf. Das ganze Bundesland ist erleichtert und wieder bereit, sich weniger wichtigen Dingen zuzuwenden - etwa der Frage, in welchem Interview Mimi den Journalisten vom ORF Salzburg ihren Namen verraten hat. Fast wünscht man sich alle vierzehn Tage ein solches Drama. Dann würde sich niemand mehr für die stark zunehmende Abwanderung aus dem Innergebirg, die neuen peinlichen Fakten zum Finanzskandal und das endlose Verkehrschaos in der Landeshauptstadt interessieren.

Aber wie eingangs erwähnt, Rettung naht. Am 27.2.2015 war auf www.science.orf.at, dem Wissenschaftsportal unseres Staatsfunks, zu lesen, dass in spätestens zwei Jahren die erste Transplantation möglich sein wird, die wirklich Sinn macht: jene des Kopfes. Das behauptet jedenfalls der italienische Neurochirurg Sergio Canavero.

Halten wir an dieser Stelle gemeinsam kurz inne. Wenn der – zugegeben intensive – Moment des Ekels überwunden ist, eröffnen sich ungeahnte Aussichten. Diese gehen weit über die Vision des Arztes hinaus, nach der „Patienten, die unter schweren Krankheiten wie fortgeschrittenem Krebs leiden, einen neuen Körper erhalten sollen, um wieder normal leben zu können.“ Fein für alle, die es betrifft, aber es geht um mehr. Mit der Kopftransplantation steht die Schaffung des Weltfriedens nicht länger in den Sternen, sondern ist plötzlich greifbar nah.

Vielleicht stammt die Idee gar nicht von Canavero selbst. Gut vorstellbar, dass sein um nichts weniger umtriebiger Landsmann Silvio B. nach einem Weg gesucht hatte, sich mit seinem Dauergrinser in der italienischen Politik zu verewigen und während einer Bunga-Bunga-Pause auf  diesen abstrusen Einfall gekommen war. In der Zwischenzeit wurde der Ex-Cavaliere aber zu ein paar Monaten Sozialdienst verknackt. Ein jüngerer Körper brächte ihm also nur die Aussicht, flinker über die Gänge des Altersheims zu huschen, wo er zur Betreuung alter Männer – welch herrlicher Gegensatz zu seinen kaum volljährigen Haremsdamen – eingesetzt ist.

Trotzdem bieten sich genug andere Kandidaten an. Wladimir Putins Kopf könnte probeweise auf den Hals eines ostukrainischen Flüchtlingskindes versetzt werden – damit er spürt, wie sich die von ihm verbreitete Angst anfühlt. Börsenspekulanten auf Grundnahrungsmittel schlage ich ein paar Tage auf ausgemergelten afrikanischen Körpern vor, weil Mais und Weizen, falls überhaupt vorhanden, längst zu teuer geworden sind. Allen Konzernchefs, die das Projekt Biosprit abgesegnet haben, wird die gleiche Kur verordnet. Und wenn zu guter Letzt alle Kriegstreiber dieser Welt die Leiden der Opfer ihrer Autobomben, unbemannten Raketendrohnen und Granatsplitter zumindest so lange durchmachen müssen, bis sie die gröbsten Schmerzen überwunden und sich die dunkelsten Seelenfenster geschlossen haben, sind wir dem Weltfrieden einen großen Schritt näher gekommen. Also, lieber Doktor Frankenstein Canavero, bleiben Sie dran!

Neuigkeit Nummer drei verbindet die Schlagzeilen der Woche auf geniale Weise. Unterhalb der Meldung von Mimis Rettung (Titelseite des Lokalteils der Salzburger Nachrichten vom 28.2.2015) bietet die Firma Cutani ein „Facelift ohne OP“ zum Aktionspreis von 87,-- Euro an. Der Werbetext lautet: „Cutani Impulslicht wirkt dort, wo andere kosmetische Präparate nicht hinkommen.“

Wer sohin nicht zwei Jahre warten will, kann sich schon jetzt in Wals bei Salzburg erleuchten lassen. Angesichts der krassen Unterbelichtung vieler von mir genannter Individuen steht aber zu befürchten, dass nicht einmal reines Impulslicht da noch etwas ausrichten kann.

Verkehrsstrafe für intellektuelle

Neulich war ich zu einem Konzert von Mnozil Brass in der Nähe von Steyr eingeladen. Der Jänner hatte vor einer Woche dem Februar Platz gemacht, und sohin auch der Pflicht zum Aufkleben der diesjährigen Autobahnvignette, von den Designern in Azur getaucht. Tatsächlich ist es ein undefinierbares Mittelblau, das mit den Dressen der italienischen Squadra Azzurra, meiner Lieblingsfußballnationalmannschaft nach der eigenen, nichts gemein hat. Aber das wollte ich gar nicht erzählen.

Als kleinen Ausgleich für die mir unzumutbare Benützung öffentlicher Verkehrsmittel – so die behördensprachliche Umschreibung meines  fußmaroden Zustandes – erhalte ich die Vignette jedes Jahr kostenlos. Ein feiner Zug vom Sozialministerium, zumal es mich auch noch per Brief daran erinnert, sie zeitgerecht anzufordern. Ich faxe das unterschriebene Formular samt Zulassungsschein retour, und spätestens Mitte Jänner liegt das Pickerl in meinem Briefkasten. So auch in diesem Jahr.

Meine Vorfreude auf den Wochenendausflug, Kulturgenuss und Übernachtung inklusive, war groß. Das lästige Gedankenintermezzo beim Zusperren meiner Wohnung, ob ich den Herd ausgeschaltet hätte, verscheuchte ich daher mühelos mit „Du drehst ihn zum Frühstück doch gar nicht auf!“ Flugs die Tasche auf den Rücksitz geschmissen, und schon war ich unterwegs zur Autobahnauffahrt Salzburg Süd in Richtung Wien.

Alles an der Einladung, die ich einem alten Freund verdankte, war perfekt. Ich genoss die Unterbringung in dem feinen Stadthotel Mader, ein famoses Konzert und danach einen Drink in der Hotelbar, dessen Name Die Gurke nicht glücklich gewählt, dessen Geschmack jedoch superb ist. Beim Frühstück fragte ich mich, warum ein Tag im Büro nicht ebenso rasch vorbeiziehen kann wie die vergangenen Stunden. Wahrscheinlich deshalb, weil ich dort nur Wasser und Tee drinke.

War gestern der Himmel in ein trübes Schneegrau getaucht, so strahlte die Sonne bei der Heimfahrt von einem stahlbauen Himmel. Passend zum Wetter trugen mich die heitersten Gedanken und Erinnerungen über die Westautobahn gen Salzburg.

Als ich die zwei mausgrauen Busse der Asfinag am Ende der Autobahnausfahrt Salzburg Süd erkannte, fiel mein Blick auf die linke obere Ecke meiner Windschutzscheibe – und ich stellte mit heißem Entsetzen fest, dass dort Limettengelb prangte, nicht aber Azurblau. Still verwünschte ich alle Farben und alle Namen dafür, ärgerte mich aber am meisten über mich selbst. Da kriegst du die Vignette gratis, egal in welcher Farbe, und bist dann zu deppert, sie rechtzeitig aufzupicken.

Was folgte, darf ich bei allen österreichischen Autofahrern als bekannt voraussetzen. Ich wurde angehalten und freundlich gefragt, ob ich nicht wisse, dass ab 1. Februar … bla, bla, bla. Natürlich bejahte ich nickend und zückte als kleinen Ablenkungsversuch meinen §29b-Ausweis, verbunden mit dem Hinweis auf meinen Gratisanspruch zum Erhalt des Pickerls.

„Haben Sie es dabei?“, fragte der Mann. Sein Ton war noch immer freundlich, was mir die Hoffnung auf eine allerletzte Chance gab. Wenn ich das verdammte Ding in meine Tasche geschmissen hatte, bevor ich diese auf den Rücksitz – Gedankenblablabla, um meinen Ärger ein wenig zu drosseln –, würde ich vielleicht noch einmal völlig unverdienterweise davonkommen.

Bevor meine Suche in den vielen Abteilungen und Seitenfächern peinlich wurde und meine Wut auf mich dazu führte, dass ich alles einfach herausschüttelte, gab ich sie auf. Unfassbare 120 Euro wurden gegen eine Quittung getauscht („Die gilt jetzt für zwei Tage.“ – Super, vielen Dank!), und ich fuhr nach Hause, ungläubig darüber lachend, dass ich soeben die dämlichste aller Verkehrsstrafen kassiert hatte. Schnellfahren oder Falschparken kann doch jeder; bei mir musste es da schon intellektueller zugehen.

Sollte ich jemals wieder zweifeln, ob der Herd ausgeschaltet ist, gehe ich sofort nachschauen. Denn als ich meine Wohnküche betrat, sah ich auf dem Esstisch etwas Kleines, Rechteckiges. In Azurblau. Wirklich blöd, diese Farbnamen!

Sex-Empfehlungen, amtlich

Wie haben Sie den Valentinstag verbracht? Ich hoffe doch, in trauter Zweisamkeit. Vielleicht waren Sie mit ihrer/ihrem Liebsten in Fifty Shades of Grey und werden sich am Montag spontan freinehmen, um gemeinsam im Baumarkt das Angebot an Kabelbindern, Seilen und Klebebändern zu sichten. Diese Utensilien sollen ja, schenkt man den Meldungen der vergangenen Tage Glaube, eine besonders anregend-inspirierende Wirkung haben.

In Thailand hat man ganz andere Sorgen. Dort riefen das Gesundheitsministerium und das Amt zur Förderung der moralischen Werte (keine Erfindung des Chronisten, das gibt es wirklich!) dazu auf, den Feiertag für Verliebte nicht zum einvernehmlichen Beischlaf zu nutzen. Stattdessen sollten die Pärchen „etwas Schönes kochen oder einen Tempel besuchen.“ Grund seien die vielen ungewollten Teenager-Schwangerschaften und die steigende Anzahl von Geschlechtskrankheiten. Diese Meldung rauschte durch den weltweiten Medienwald und landete sohin auch in der Kernölbotschafter-Redaktion.

Wie so oft ist das Ansinnen ehrenwert, wenn es amtlich zugeht; die Mittel führen jedoch nicht immer zum gewünschten Ergebnis. In diesem Fall könnte der Schuss sogar geradewegs nach hinten losgehen: Die vorgeschlagenen Alternativen zum Sex am Valentinstag dünken bei genauerer Betrachtung noch anregender als das Angebot vonObi, Baumax und Hornbach zusammen.

Vor langer Zeit (das klingt ein bisschen weniger schlimm als das ehrliche „vor mehr als zwei Jahrzehnten“) saß ich mit einer von mir damals Angebeteten in einer leeren Kirche. Die halbschattige Stille um uns, ihr Parfüm, das wie in Stein gemeißelte Profil – alles empfand der Jüngling in hohem Maße anregend. Wenn ich damals nicht schon in die Guter-Freund-Falle getappt wäre … wer weiß, wohin uns der Weg nach dem Kirchenbesuch geführt hätte.

„Etwas Schönes kochen“: Von wem stammt dieser Vorschlag, bitteschön? Von einem asketischen Mönch mit Altersdemenz? Klar, wenn eine Schale ungesalzener Reis mit Grünem Tee den höchsten Genuss bedeutet und dazu die eigene Jugend längst vom Nebel des Vergessens verschluckt wurde, kann die Fantasie schon einen Knick bekommen. 99,9 Prozent der liebesfähigen Weltbevölkerung wissen hingegen, dass gemeinsames Kochen per Definition etwas Sinnliches und deshalb zur Koitusanbahnung überaus geeignet ist. Geschichten darüber, wie jemand vom anderen Geschlecht eingekocht wurde oder dieses selbst eingekocht hat, sind sowohl Legende als auch Legion. Wie soll man denn eine Stunde in einer kleinen Küche Schulter an Schulter stehen, eine weitere Stunde Schenkel an Schenkel sitzen und ein feines Valentinstagspapperl verspeisen, ohne dabei scharf wie eine Chilischote zu werden? Wer jetzt noch ein Aphrodisiakum braucht, der möge seinen Weg lieber in der Nachfolge des Mönchs suchen.

In gut neun Monaten wird die Welt wissen, ob die Anregungen des Amtes zur Förderung der moralischen Werte (ich musste es noch einmal anbringen!) gewirkt haben. Ich verdanke ihnen jedenfalls die Idee, einen Kochkurs zu machen. Mein mangelndes Können auf diesem Gebiet zwang mich bislang zu Restauranteinladungen, wo die Sache mit der Anbahnung noch nicht wirklich ideal gelaufen ist.

Vermutlich wegen der großen Küchen.

 

Fifty Shades of Gabalier

In der beliebten Reihe Die Wöd steht nimma laung bringt die Kernölbotschafter-Redaktion zwei Meldungen, die am 10.2.2015 auf der Homepage des rot-weiß-roten Staatsfunks zu lesen waren. Bei beiden handelt es sich unglücklicherweise nicht um einen vorgezogenen Faschingsscherz.

In der Rubrik Lifestyle: „Britische Baumärkte rechnen mit Fifty-Shades-Ansturm“

Eine britische Baumarktkette hält ihre Mitarbeiter dazu an, sich mit dem Inhalt der Soft-Sado-Maso-Bibel Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen vertraut zu machen, um „sensible Fragen von Kunden auf höfliche, hilfreiche und respektvolle Art beantworten zu können.“ Grund ist der bevorstehende Kinostart der Romanverfilmung, welchem – dem Vernehmen nach – nicht nur Fans und Besitzer von Lichtspieltheatern entgegenhecheln. Auch Baumärkte haben vorgesorgt und größere Posten von Kabelbindern, Seilen und Klebeband angeschafft, weil „diese Produkte in einer besonderen Szene dafür gedacht seien, Herrn Greys unkonventionelle sexuelle Wünsche zu erfüllen.“

Also Obacht, liebe Frauen: Wenn euer aktueller Lebensabschnittspartner in den nächsten Tagen ohne ersichtlichen Grund den Einkauf übernimmt, dann aber statt eines Billa-Sackerls zwei prall gefüllte Tragtaschen vom Baumax nach Hause bringt, empfiehlt es sich, deren Inhalt genau zu prüfen. Oder zumindest spontan mit der besten Freundin auf ein, zwei Kaffetscherl zu gehen – klarerweise unter der Voraussetzung, dass sie den Film schon gesehen hat und/oder selbst im Baumarkt war.

Wie gesagt, kein Witz. Angesichts einer solch haarsträubenden Realität hilft nur die Flucht in Kindheitsträume. Doch was wartet in der Rubrik Leute?: „Gabalier singt Heidi-Hymne“

Jetzt wird auch noch diese sichere Festung aus Heidi, Wickie, Pinocchio und Biene Maja brutal zerstört. Und ich dachte schon, mit der peinlichen ÖBB-Werbung „Von Wien nach Prag um 19 Euro“, in der zwei halblustige Kabarettisten das Lied „Einmal um die ganze Welt“ grauslich verhunzen und sich der arme Karel Gott auch noch für ein Selfie hergeben muss, wäre der Boden des Fasses erreicht. Jetzt muss ich erkennen: Das Fass hat gar keinen Boden!

Für die Neuauflage der Serie Heidi wurde doch tatsächlich Volksrocknroller Andreas Gabalier engagiert, um das Titellied neu einzusingen. „Es war für mich eine Ehre, angefragt zu werden“, so der Sänger (erst im dritten Versuch gelang es mir, dieses Wort richtig zu schreiben). Meine Frage an den Urheber dieser Idee: Haben Sie sich irgendetwas gefragt, bevor Sie eine lebendig gewordene österreichische Kombination aus Trachtenlederhose, rot-weiß kariertem Hemd und Elvis-Frisur gefragt haben, im Vorspann einer Kinderserie zu jodeln, die in den Schweizer Alpen spielt? Da können Sie auch gleich im nächsten Jahr bei der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen die Kuhglocken verbieten und Gabalier als Draufgabe die eidgenössische Hymne singen lassen! Aber Achtung: Er mag keine modernen Textfassungen.

Ich seh’s schon kommen: In naher Zukunft wird aus Wickie der neue Käpt’n Iglo, und Pinocchios Nase wird im 36. Teil von 50 Shades of Grey – Hölzerne Spiele auf eindeutig unkonventionelle Weise zum Einsatz kommen.  Diese düsteren Aussichten lassen keine andere Wahl: Es gibt nur einen Weg zur Rettung des Planeten.

In einer konzertierten Anti-Terror-Aktion müssen die örtlichen Baumärkte gestürmt und ihres sämtlichen Vorrats an Klebeband, Seilen und Kabelbindern beraubt werden. Danach wälze sich der Mob zum Haus von Andreas Gabalier, um lautstark die Herausgabe aller existierenden Masterbänder der neuen Heidi-Hymne zu fordern. Geschieht das nicht innerhalb einer Stunde, ist das AVVK (Anti-Volksgut-Verhunzer-Kommando) berechtigt, den Delinquenten sowie seine Knopferlharmonika mittels der mitgebrachten Utensilien daran zu hindern, auch nur einen Ton des neuen Liedes zu singen oder zu spielen. Als zusätzliche Buße wird dem Straftäter auferlegt, ein Jahr lang täglich am Hauptplatz einer anderen österreichischen Stadt den derzeit gültigen Text der Bundeshymne durch ein Megaphon aufzusagen. Sollte er den Versuch des Gesangs unternehmen, verlängert sich die Buße automatisch um ein weiteres Jahr.

 

Himmel über Paris (Brief an drei verirrte Seelen)

Im Gedenken an die Opfer der Terroranschläge vom 7.1.2015

Ich weiß nicht, wo ihr gerade seid. Ob ihr, während ich dies schreibe, von einer schier unübersehbaren Schar Jungfrauen becirct werdet. Oder ob ihr euch ganz ohne Gesellschaft ungläubig die Augen reibt, angesichts einer riesigen Schale Obst – es wäre ein hübscher Beweis dafür, dass nicht alle Versprechen so gemeint sind, wie sie gerne verstanden werden.

Ich hoffe aber, ihr hattet drei Logenplätze mit bester Sicht auf die zahllosen Menschen, die vor ein paar Wochen in Paris gezeigt haben, wie stark geeint sie stehen gegen eure Schändlichkeiten. In deren Herzen der Samen des Hasses, den ihr mit eurem feigen Anschlag gegen  Zeichenstift und Feder säen wolltet, niemals aufgehen geschweige denn Frucht tragen wird.

Weil wir schon bei Fehleinschätzungen sind: Der Plan, ein Medium auszulöschen, weil es nach eurem Ermessen den Propheten Mohammed beleidigt hat, erwies sich als der größte Rohrkrepierer aller Zeiten. Die Zeitung Charlie Hebdo hatte bis vor kurzen eine Auflage von sechzigtausend Stück; in einem Land mit knapp 66 Millionen Einwohnern nicht der Rede wert. Von der Ausgabe nach eurem vermeintlichen Husarenstück wurden sieben Millionen gedruckt. Und hier ist nur von der ersten Auflage die Rede, wohlgemerkt. Damit hat sich euer Feind, anstatt der Vernichtung anheim zu fallen, mehr als verhundertfacht. So etwas nenne ich eine gelungene Operation!

Darf ich euch zwei Fragen stellen? Wie steht es um den Charakter eines Propheten, der sich von einer Zeichnung – wie provokant sie auch sein mag – beleidigen lässt? Wie schwach ist euer Gott, von dem ihr gleiches sagt? Meinen Gott ficht so etwas nicht an. Er ist beständig in seiner Liebe zu mir, nimmt alles hin, was ich ihm entgegenschleudere. Ich machte ihm Vorwürfe, die meinen besten Freund vertrieben hätten. Mein Gott aber ist bei mir geblieben.

Jetzt verrate ich euch etwas: Gerüchte besagen, wir glauben an den gleichen Gott! Ihr drei, ich, Charb und seine Kollegen bei Charlie Hebdo, Europäer und Araber, Juden, Christen und Moslems, überhaupt alle Menschen auf der Welt! Ist das nicht wunderbar?

Ich sehe ein Stirnrunzeln im Himmel über Paris. Das kann nicht zusammengehen, denkt ihr wohl, wenn euer Gott beleidigt ist und meiner nicht. Nie und nimmer sprechen wir vom gleichen Gott.

Meine Theorie dazu ist vielleicht abwegig, aber ich bringe sie trotzdem: Irgendwann hat jemand – ein Lehrer, ein Imam, ein guter Freund – euch erzählt, euer Gott wäre beleidigt, wenn er diese und jene Dinge sehen muss. Falsche Lebensweisen, kritische Zeichnungen, fremde Religionen. In dem Moment hättet ihr euren Grips anstrengen und euch fragen können: Ist das wirklich so? Doch ihr habt den Worten sofort geglaubt – euer Verstand hatte nicht die geringste Chance herauszufinden, ob ihr selbst auch so denkt. Und nach einer Weile machte es keinen Unterschied mehr, ob euch jemand sagt, Gott sei beleidigt, oder ob es wirklich der Fall ist.

Beleidigungen tun weh, keine Frage; ich habe viele davon erlebt. Sie nahmen nicht den Umweg über Gott, sondern trafen mich direkt. Manche geschahen aus Unachtsamkeit, mit anderen wollte man mich bewusst verletzen.  Ich habe alle ertragen, mit Hilfe meines Gottes und vieler Freunde. Und dank einer Gabe, die jeder Mensch beim Betreten dieser Welt in sich trägt. Auch ihr drei habt sie bekommen: das Lachen.

Ihr habt vergessen, wie man lacht. Als Kinder konntet ihr es, da bin ich sicher. Euer Kinderlachen war hell, durchdringend und befreiend, wie jenes aller anderen Kinder auch. Und wieder hat euch jemand gesagt: Lacht nicht! Seht doch, wie schlecht die Welt ist! Und alle anderen sind schuld daran! Damit war der Samen des Hasses in euch gepflanzt.

Euer Gott ist so groß und so gütig und so liebevoll und so wenig beleidigt wie der meine. Ich befürchte aber, ihr würdet ihn nicht erkennen, selbst wenn er direkt vor euren drei Nasen stünde. Denn der Hass hat eure Augen blind, eure Ohren taub und eure Herzen kalt gemacht. Andere zogen diesen Hass in euch heran, bis seine Schwärze alles zudeckte und er reif war für die Ernte. Sie drückten euch Waffen in die Hand, nannten euch eine Adresse in Paris. Blind, taub und kalt seid ihr losgestürmt.

Waffen können Menschen auslöschen, aber keine Geisteshaltung. Sie können Gliedmaßen, Organe verletzen, aber kein Vertrauen in sich selbst, in den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, in Gott.

Auch wenn die Menge von Paris schweigend marschierte, drang ihr seelenvoller Ruf millionenfach in den Himmel, verstärkt von zahllosen Herzen auf der ganzen Welt. Keine Waffe, keine Hassrede und keine Beleidigung wird ihn jemals verstummen lassen.

Ich bin das Lachen! Ich bin die Freude am Leben! Ich bin Charlie!

 

 

Star Wars in BetleheM

Bei meinem siebenjährigen Neffen Johannes ist die Krieg-der-Sterne-Phase voll ausgebrochen. Das äußert sich in Marzipanverzierungen auf Geburtstagstorten, Plastik-Laserschwertern, um mit dem kleinen Bruder klassische Kampfszenen aus den Filmen in Originallänge nachzuspielen, sowie zahllosen Figuren in Playmobilgröße: Tische, Regale und der Fußboden gehören längst zu einer weit, weit entfernten Galaxis.

Aber auch in diesem Jahr gelang es meiner Schwester Evi, Mutter jener zwei kleinen Jedi-Ritter (die beiden älteren Kinder haben diese und viele anderen Phasen bereits glücklich überwunden), unter Einsatz aller Autorität, einen weihnachtlichen Platz im Wohnzimmer zu erkämpfen. Sohin stand in der Ecke ein festlich geschmückter Christbaum und davor eine moderne Krippe, deren Figurenzahl durch kontinuierliche Erweiterung des Tierbestandes schon beträchtlich ist.

Als sie am Morgen des Christtages zur Krippe schaute, fand sie weder das Jesuskind noch dessen Eltern oder Ochs und Esel an den ihnen seit Jahrtausenden fix zugewiesenen Plätzen vor. Sie lagen zerstreut in alle Richtungen; eine Figur inmitten des Chaos ähnelte sehr verdächtig dem unter Insidern bekannten Luke Skywalker.

„Was ist denn hier los?“, galt Evis erste Frage folgerichtig Johannes, der auf der Couch saß und seelenruhig einen Weihnachtskeks verspeiste.

„Darth Vader hat die Krippe angegriffen!“, gab der Kleine zur Antwort. Er tat dies mit großen Augen, die die Unwissenheit seiner Mutter zugleich tadelten und bedauerten. „Luke Skywalker hat es nicht verhindert. Keine Ahnung warum.“

Wäre meine Schwester mit dem Star-Wars-Universum vertraut, hätte sie einen blitzgescheiten Konter fahren können: Dann wären die Figuren durch das Laserschwert von Darth Vader verdampft, nicht bloß umgefallen. So aber blieb ihr nur die Aufforderung an den Sohn, alles in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen, was dieser nach einem weiteren Wie-kannst-du-eine-so-dumme-Frage-stellen-Mama-Blick auch tat.

Nachdem der letzte Hirte wieder seinen Platz gefunden hatte, gestattete Evi sich den nachträglichen Wunsch ans Christkind, die Krieg-der-Sterne-Phase möge bis zum nächsten 24. Dezember abgeklungen sein. Andernfalls fände sie möglicherweise in knapp einem Jahr unter dem Baum eine Original Star-Wars-Krippe, mit einem Laserstrahl anstatt des Sterns über dem Stall von Betlehem.

Aber dieses Schreckensszenario wird die in Sachen Familienweihnachten erfahrene Mutter zu verhindern wissen – schließlich hat sie es bislang auch geschafft, den Weihnachtsmann aus ihrem Haus fernzuhalten. Möge die Macht mit ihr sein!

Doch kein ausserirdischer

Während eines Spaziergangs entlang einer Gasse in meiner Nachbarschaft, die den schönen Namen Am Spitz trägt, kommt mir ein Mann entgegen, der einen etwa dreijährigen Buben auf einem Bobby Car mit Griff vor sich her schiebt. Kaum bemerkt das Kind meine fremdartige Gehweise, starrt es mich mit riesigen Augen und offenem Mund an. So weit, so normal.

Eine Nanosekunde, nachdem der Mann geschnallt hat, warum der Bub nicht mehr seinen Worten lauscht, beginnt er hektisch, den Kleinen von der offensichtlichen Quelle seiner Faszination abzulenken: „Was für ein schöner Tag heute ist! Hörst du die Vögel, Samuel? Obwohl wir schon November haben, singen sie noch!“

Ob Samuel die Vögel hört, bleibt für mich unergründlich. Sehen tut er sie auf keinen Fall, hat er doch einzig und allein Augen für jenen Mann, der da so komisch daherwackelt. Sohin intensiviert sein erwachsener Begleiter seine Bemühungen, die Aufmerksamkeitshoheit zurückzugewinnen: „Was hat es im Kindergarten zu essen gegeben, Samuel? Hat es dir geschmeckt?“

Es hilft nichts: Das Kind starrt und staunt. Alles ist vergessen – Frühstück, Mittagessen und das noch gar nicht verspeiste Nachtmahl gleich dazu. Als die beiden schon fast auf meiner Höhe sind, ergreift der Mann in dem Irrglauben, eine fürchterliche Peinlichkeit mir gegenüber ausmerzen zu müssen, seine letzte Chance. Wir passieren einander genau neben einem Garten, in dem eine große Blutbuche steht, deren tiefrote Blätter in der Herbstsonne leuchten.

„Schau nur, Samuel! Sind die Blätter an dem Baum da nicht wunderschön?“

Was für eine bizarre Situation: Dieser Mensch steht nur eine Armeslänge von mir entfernt, schaut jedoch so konzentriert von mir weg, als würde ihn mein Anblick innerhalb einer Sekunde blenden oder in immerwährende Verwirrung stürzen. Dabei stellt er sich auch noch dermaßen ungeschickt an, dass es für mich hoch an der Zeit ist, korrigierend einzugreifen.

Ich bleibe stehen, drehe mich zu der Blutbuche und sage laut hörbar: „Der Baum ist wirklich schön!“

Im nächsten Moment zerplatzt der Ballon aus unausgesprochenen Fragen, und der Mann schaut mich mit noch größeren Augen an als das Kind. Auf seiner Stirn steht deutlich geschrieben: Also doch kein Außerirdischer! Das ist ja ein Kerl aus Fleisch und Blut, der ganz normal redet! Unglaublich!

„Kommen Sie aus der Steiermark?“, fragt er staunend. Ich nicke und staune meinerseits darüber, dass ein einfacher Satz genügt, um aus Personen wieder Menschen zu machen, die einander offen begegnen und eine simple Wahrheit erkennen: Eingebildete Ängste vor vermuteten Beleidigungen sind so ziemlich das Unnötigste zwischen Scheibbs und Nebraska. 

Der Mann grinst erleichtert. Das Kind ist glücklich, mich endlich ungehindert anschauen zu können. Nach ein paar weiteren Worten verabschieden wir uns. Alles ist gut.

Heiteren Herzens setze ich meinen Spaziergang fort, höre die Vögel, sehe die strahlenden Herbstfarben um mich herum. Und freue mich auf mein Nachtmahl.

Abkürzen, aber richtig

Was macht ein Manager, der furchtbar gestresst, aber doch hin und wieder einsam ist? Er gibt eine Kontaktanzeige auf. Die dafür mühsam freigeschaufelten fünf Minuten reichen nicht für einen sehnsuchtsvollen literarischen Erguss, also wählt der Mann den Weg der knackige Abkürzung. Zum Beispiel so, wie es in den Salzburger Nachrichten vom 8.11.2014 auf Seite 20 in der Rubrik Partnersuche zu lesen ist:

ER, gut sit., attrakt., su. niveauv., natürl. SIE bis 50 J., mit Foto.

An dieser Stelle lässt der Chronist die Frage, welchen Mengenrabatt es für einen Satz mit sechs abgekürzten Wörtern gegeben haben könnte, lässig beiseite und konzentriert sich aufs Wesentliche. Wie soll sich eine niveauv., natürl. SIE den hoffnungsv. Werber vorst.? Klar, gut sit. klingt nicht schlecht (Cash macht bekanntlich fesch), aber sonst? Es ist zu befürchten, die erste reale Begegnung – falls es nach dem Austausch von drei Kurzmitteilungen via Twitter überhaupt dazu kommt – findet im Stehcafé anstatt im Haubenlokal statt. Und in seiner Hose vibriert nichts außer seinem (nach der dritten Aufforderung ihrerseits) stumm geschalteten Smartphone.

Doch auch für im Megastress gefangene Liebessuchende gibt es Hoffnung. Unser Freund könnte mit seiner Anzeige ins Schwarze treffen und sein Pendant finden: Eine Frau, die genau seinen Wünschen entspricht. Für diesen Fall sendet der Kernölbotschafter eine dringende Bitte an das glückliche Paar: Um Mtlg. w. geb.

Zweite Möglichkeit: Der Mann nimmt sich einen Abend frei und besucht eine Veranstaltung, die für Leute wie ihn erfunden wurde: Speed-Dating. Dort kann er nach Herzenslust alles abkürzen: seine Sprache, seinen Lebenslauf und jeden persönlichen Kontakt mit seinem Gegenüber.

Mein Blick, von derart massiv eingesetzter Interpunktion unscharf geworden, schweift weiter und findet am linken Rand der gleichen Seite eine Announce, die mehr verspricht: Hendlessen. Ich will schon die Nummer daneben wählen, da reihen sich die Buchstaben vor meinen Augen doch noch zu Handlesen um.

Ein schrecklicher Verdacht steigt in mir hoch: Irgendjemand hat auch dafür eine Abkürzung gefunden. Übers Telefon.

Wisch & weg

Ein Anruf meines Außendienstkollegen Franz wird wieder einmal abrupt unterbrochen. Er spricht danach stets von einem Funkloch, ich hege aber den Verdacht, dass ein anderer Anruf wichtiger war. Oder (wenn ich meine boshaften zehn Sekunden habe) dass er, was auch vorkommt, einen technischen Infight mit seinem Smartphone verloren hat.

Sohin lasse ich mit meiner Frage, als Franz sich erneut meldet, alle Optionen offen: „Hast du mich gerade weggewischt?“

„DICH würde ich NIE wegwischen“, erwidert er im Brustton der Überzeugung, was ich angesichts unserer guten Zusammenarbeit beinahe glaube.

Wir sprechen über den Grund seines Anrufs. Als ich selbst einen offenen Fall anreiße, unterbricht er mich.

„Du, ich habe da jemanden in der Leitung. Servus!“ Ein Wisch – und weg war ich.

Wirklich schade, dass ich Franz bei seinem zuvor gemachten Kompliment nicht gegenüber gestanden bin. Ich wette, er bekam ein rotes Gesicht. Oder zumindest eine lange Nase.

Lange nacht der Undankbarkeit

Ein Leserbrief in den Salzburger Nachrichten vom 4.10.2014 auf Seite 30:

Lange Nacht der Museen Diese Veranstaltung wird wochenlang als „besonderes Zuckerl“ für die Bevölkerung in den Medien angekündigt … kostet aber 13 Euro. Wenn man an einem Abend zwei Museen besichtigt, wird man schnell von den beeindruckenden Werken gesättigt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Leute noch um Mitternacht fit sind, um Galerien zu besuchen. Vielleicht sollte sich Österreich vielen anderen EU-Ländern anschließen, die jedes Jahr am dritten Wochenende im September die „Europäischen Tage des Kulturerbes“ feiern. An diesen zwei Tagen (Samstag und Sonntag) sind alle Museen, Schlösser, Monumente, Theater den ganzen Tag gratis – sicher auch besser für die Kinder! Christine (Nachname der Kernölbotschafter-Redaktion bekannt)

Liebe Christine! Beim Lesen Ihrer Suderei fiel mir der Spruch „Allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann“ ein. 13 Euro Eintritt sind wie jeder andere Betrag diskutabel, weil ein Wert schon für zwei Personen eine unterschiedliche Wertigkeit besitzen kann. Bei sachlicher Betrachtung des Gebotenen ist der verlangte Preis jedoch zweifellos eine Okkasion. Dass Sie nur zwei Museen schaffen und um Mitternacht nicht mehr fit sind, ist nicht die Schuld der vielen Menschen, die mit vollem Einsatz für das Gelingen dieser Nacht arbeiten. Auch wenn es österreichisch anmutet, überall ein Haar in der Suppe zu finden, zeugt Ihr Brief für mich von ungesundem Egoismus nach dem Motto „Ich mag es nicht, also ist es schlecht“. Anstatt eine Veranstaltung herunterzumachen, die Jahr für Jahr unzählige Besucher begeistert – und, nebenbei bemerkt, nicht für Kinder konzipiert ist –, sollten Sie öfter die Seite Good News in den SN lesen. Das vertreibt trübe Gedanken und öffnet vielleicht auch die Tür zur Dankbarkeit für das gute Leben, das wir in Österreich führen dürfen.

Noch ein Tipp: Im Salzburger DomQuartier kann man seit Mai dieses Jahres fünf Museen in einem einzigen Rundgang besuchen, und das zum Preis von  12 Euro. Dort könnten Sie nach Lust und Laune trainieren – für die nächste Lange Nacht. Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen, dass Sie im nächsten Jahr drei Ausstellungen schaffen!

 

Andere dumme Kühe

Am Spielplatz vor meinem offenen Fenster sagt eine Vierjährige zu ihrer gleichaltrigen Noch-vor-einer-Minute-besten-Freundin: „Du dumme Kuh!“

Die Mutter, entsetzt: „Laura! Das sagt man doch nicht!“

„Wieso? Papa hat es gestern über Tante …“-

Die Mutter, hektisch: „Der meinte eine andere!“

„Eine andere dumme Kuh?“

Die Mutter, verzweifelt: „Du entschuldigst dich jetzt sofort bei Sarah!“

„Nur wenn du mir sagst, wen Papa gemeint hat.“

Die Mutter, streng: „Später!“

Der weitere Dialog der beiden spielt sich zu meiner Enttäuschung außer Hörweite ab. Ich bin aber guter Hoffnung, dass Laura und Sarah schon bald wieder beste Freundinnen sein werden.Wirklich dumme Kühe werden ihren Lebensweg ohnehin kreuzen. Nicht nur jene, die Papa gemeint hat. Auch andere.

Frau mit Grill sucht

Gefühlvolle Enddreißigerin, hübsch aber schüchtern, sucht IHN mit HHH (Herz, Hirn, Humor) für lange Spaziergänge, bei Sympathie gerne mehr. Bitte mit Foto!

So oder so ähnlich klangen bis vor ein paar Jahren die Kontaktanzeigen in den Wochenendausgaben. Das Gedankenbild vom Mauerblümchens, das sehnsuchtsvoll die tägliche Post erwartet und einen Brief, sobald er tatsächlich gekommen ist, mit zitternden Händen öffnet, wurde quasi frei Haus mitgeliefert.

Dann war plötzlich Wirtschaftskrise, und vieles änderte sich. Aus Hoffnungen wurden Forderungen, nur die Enttäuschungen blieben gleich. Ein neuer Ton hielt Einzug, auch in das Anbahnen zwischenmenschlicher Beziehungen. Wer mutig ist, sagt offen, was er oder sie will; wer die Macht hat, nimmt es sich sofort.

Frau mit Grill sucht Mann mit Kohle! Wenn du auch etwas erreicht hast, melde dich! So steht es auf Seite 29 der Salzburger Nachrichten vom 26.7.2014 – klipp und klar, keine offenen Fragen.

Früher war nicht alles besser. Trotzdem würde ich lieber dem Mauerblümchen schreiben. Aufs Grillen stehe ich ohnehin nicht besonders.

Unzulässige Verkürzung

Originale Wiedergabe eines kürzlich geführten Telefongesprächs.

Kunde: „Was ist die kürzeste Länge Ihrer Zylinder?“

Ich: „ 27/27.“

K: „Und wie lang ist der Nächstkürzere?“

I (leicht verwirrt): „Sie haben gerade nach dem kürzesten Zylinder gefragt.“

K: „Es gibt also keinen kürzeren?“

I: „Nein.“

K: „Wie ist also die kürzeste Länge?“ …

Ob dieser Kunde einen Zylinder bestellt hat, weiß ich nicht mehr. Sollte er jedoch wieder anrufen, mache ich ihm ein besonderes Angebot: einen Doppelknaufzylinder ohne Knauf. Dieser wurde am gleichen Tag angefragt.

Segway-Sorgen

Am Sontagvormittag steht eine Gruppe von behelmten Segway-Fahrern am Alten Markt in Salzburg auf ihren Paralellrädern seltsam unentschlossen herum. Sie drehen sich im Kreis, wippen nach vor und zurück, wechseln knappe Worte untereinander.

Da sagt ein junger Mann, der rechts von mir auf der Terrasse des Cafè Tomaselli sitzt, zu seiner Begleiterin: „Warten die auf den Einen, der es nicht mehr um die letzte Ecke geschafft hat?“

Gendern, missglückt

In den Salzburger Nachrichten vom 19.7.2014 ist die Stiegl Brauwelt auf Seite 28 mit folgendem Text auf Mitarbeitersuche: „Schankbursche (m/w)“

Ob Conchita Wurst vor ihrem Song-Contest-Triumph Interesse an der Stelle gehabt hätte, wird ein ungelöstes Rätsel bleiben. Fest steht jedoch: Das Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit ist in dieser Anounce gründlich in die Hose gegangen. Da hilft nicht einmal mehr das Binnen-I.