Satiren des Tages - Jänner 2018

19. Jänner 2018: Prozentrechnen mit dem KAV

Wer ein gutes Beispiel dafür braucht, warum Österreich Milliarden für sein Gesundheitswesen ausgibt, aber die Gangbetten in den Spitälern trotzdem mehr statt weniger werden, findet dieses im Wirtschaftsteil der gestrigen Ausgabe der „Presse“. Der KAV (Wiener Krankenanstaltenverbund) hat 2006 eine Maschine zur automatischen Medikamentendosierung bestellt. Fetter Preis: eine Million Euro. Damit sollte alles schneller und somit billiger verteilt werden, hieß es damals – die Kosten wären also schwuppdiwupp wieder eingespielt.

Erstens kam es anders, zweitens teurer, als die Damen und Herren dachten. Das System funktionierte nämlich nie. Nochmals zum Mitschreiben: nicht zur Hälfte, nicht zu drei Viertel, nein, gar nie. Deshalb wurde das Projekt 2014 wieder eingestellt. Die Dauer dieser Farce rechnen Sie bitte selbst aus, mein Frustpotential ist längst aufgebraucht.

Doch es kommt noch schlechter. Im Zeitungsbericht stand weiters zu lesen, dass die Maschine, die (sagte ich das schon?) nie funktioniert hat, zuletzt an den Hersteller zurückverkauft wurde. Schlanker Preis: zehntausend Euro. Das bedeutet, der KAV hat dem Staat und damit jeder Steuerzahlerin und jedem Steuerzahler einen Verlust von knackigen 99 Prozent beschert. Mit allen Nebengeräuschen wie Wartung, Serviceverträgen und sinnlosen Reparaturen betrugen die Gesamtkosten laut Stadtrechnungshof sogar satte 1,63 Mille. Auf den Kaufpreis für einen Schrotthaufen wurden also noch einmal mit lockerer Hand knappe zwei Drittel draufgelegt.

Meine Tastatur ist schon so heiß vor Wut, dass ich mir gleich die Finger verbrennen werde. Also noch drei kurze Fragen an den KAV: 1. Wer schließt Verträge, die Zahlungen nicht mit der Funktionsfähigkeit des Kaufgegenstandes verknüpfen? 2. Wer prüft solche Verträge und gibt sie frei? Und 3., am Allerwichtigsten: Wer steht dafür gerade? Da die Geschichte nicht in Schilda, sondern ganz real in unserem schönen Lande spielt, dürften die Antworten bekannt sein – sie lauten für alle drei Fragen gleich: die anderen!

Bekannterweise handelt es sich nicht um einen bedauerlichen Einzelfall – das Chaos rund um den Neubau des Krankenhauses Wien Nord sei Interessierten zur Recherche empfohlen. Also muss sich sohin der gelernte Homo Austriacus nicht über Gangbetten wundern, sondern eher über die Tatsache, dass unser Gesundheitswesen überhaupt noch funktioniert. Aus dieser Perspektive steht jedes einzelne Gangbett halt noch immer auf einer Insel der Seligen namens Stadt Wien, die ihren Langzeitbürgermeister demnächst mit allen Ehren in die wohlverdiente Politikerpension entlassen wird.

Tu felix Austria!

Feder

12. Jänner 2018: Gottes Geschenk per Mail

Ein guter Tag beginnt mit einer guten Nachricht. Wenn diese Nachricht außerdem direkt ins persönliche Glückszentrum fährt, kann im Grunde überhaupt nichts mehr schiefgehen, oder?

Grüße, lieber Freund, Wie geht es dir und wie geht es deiner Familie? Mein Name ist Mavis Wanczyk aus den USA, am 24. August 2017, ich gewann $ 758.7 Millionen Powerball Jackpot Lotto. Mein Sieg war Gottes Geschenk an mich. Meine Wohltätigkeitsstiftung hat Sie als unseren glücklichen Begünstigten ausgewählt, die Summe von € 4.000.000,00 zu erhalten. Bitte kontaktieren Sie mich für alle Details …

Ist das nicht der Wahnsinn? Durch die Wohltätigkeit einer wildfremden Amerikanerin, die nichts anderes im Sinn hat als ihr ganz persönliches Glück mit mir zu teilen, ist die Erfüllung meiner (durchaus vorhandenen) materiellen Wünsche nur eine Mail entfernt.

Was mich einzig davon abhält, unverzüglich zu diesem Goldmariechen nach Trump-Land aufzubrechen und mich wie bei Moneymaker unter ihre Gelddusche zu stellen, ist die seltsame Tatsache, dass sie nicht die Erste ist, von der ich so verheißungsvolle elektronische Post erhalte. Würde ich alle Summen zusammenrechnen, die ich auf diesem Weg geschenkt, verdient, zugelost bekommen hätte, wäre ich heute schon zigfacher Mulitrillionär. Bis dahin aber hätten mich jene Summen, die ich vorab als „Bearbeitungsgebühr“ entrichten sollte, finanziell ruiniert.

Sohin wird es mit dem Geldsegen wohl noch ein Weilchen dauern. Als Liebhaber kleiner Geschenke würde ich mich schon über die Verbannung solcher Mails aus meinem Posteingang sehr freuen.

Eine Frage beschäftigt mich aber trotzdem: Wer hat dieser Singdrossel (Mavis, altenglisch) eigentlich gezwitschert, wann ich Geburtstag habe? Vielleicht schreibe ich ihr doch zurück.

Feder

 

10. Jänner 2018: Skandal um Heinzi

Wurde Heinz Christian Strache von Aliens entführt und durch eine Grinsekatze als Doppelgänger ersetzt? Dieser Schluss liegt nahe, wenn man jene Verwandlung betrachtet, die der FPÖ-Chef durchmacht, seit er Vizekanzler auf seinem Büroschild stehen hat.

Am Anfang war die Brille. Strache muss sich bei einem Blick in den Spiegel gedacht haben: „Das einzig Schneidige an mir ist nur noch mein Vornamenskürzel. Die Zeit als junger Oppositionshaudrauf ist wohl endgültig vorbei.“ Also beschloss er, ab sofort auf Staatsmann zu machen. Die Brille ließ ihn nicht nur älter, sondern auch seriöser wirken, was ihm schon bei den Koalitionsverhandlungen zugute kam. Dort war er auch nie der Gefahr verfänglicher Fotos ausgesetzt; statt drei Bier bestellte er nur noch ein stilles Wasser.

HC mäßigte auch seine Sprache. Sein politischer Instinkt machte ihm rasch klar, dass er als väterlicher Freund des juvenilen Kanzlers bei den Medien mehr reißt als durch das bloße Nachplappern einfältiger Kinderreime des Neo-Innenministers. Aus Daham statt Islam wurde sohin im Handumdrehen „Wir finden eine Lösung, die für unser Land am besten ist.“

Letzter Punkt auf der Verwandlungs-to-do-Liste: Der Vizekanzler nahm sich vor, sein Allgemeinwissen einige Stufen nach oben zu fahren. Unter dem Motto pimp my general knowledge surfte HC nächtelang durch Wikipedia-Seiten von A wie Alpenüberquerung Hannibals 218 v Chr. bis Z wie Zombiefilme. Bald danach war wieder ein Pressegespräch angesetzt, bei dem er mit seinem neu aufgeziegelten Hirnlexikon brillieren wollte. Kaum bekam der Vize vom Bundeskanzler das Wort zugeteilt, legte er schon los: „Wir machen es ab sofort in der Regierung wie die Spider Murphy Gang“, postulierte HC im Brustton der Überzeugung und setzte zitierend fort: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.“

Ein paar ältere Journalistenhasen, die in deutscher Popgeschichte sattelfest waren, blickten einander irritiert an. Diese Zeile hatte doch eine andere Combo berühmt gemacht, aber welche bloß? Ein besonders findiger Schreiberling erinnerte sich gleich an den größten Hit der von Strache genannten Band und konstruierte daraus die halblustige Schlagzeile Skandal um Heinzi!

Filme und Liedtexte sind klassische Zitatfallen, über die man schon einmal stolpern kann; deshalb wird der neue Vizekanzler seinen Fauxpas auch nicht so tragisch nehmen. Viel wichtiger ist, dass die Bundesregierung trotz zahlreicher kerniger Querschüsse ihrem selbst verordneten Höhenflug treu bleibt. Sonst könnte ein kurzer Sturzflug mit nachfolgendem Totalschaden namens Neuwahlen die fatale Folge sein. Sämtliche Geier der Opposition warten nur darauf.

Geier Sturzflug – so heißt die deutsche Band. Danke, Heinzi!

Und hier die beiden Originale:
https://www.youtube.com/watch?v=RUdyqJuJOAs
https://www.youtube.com/watch?v=Qqp4y3mbkJo

 

Feder

 

9. Jänner 2018: Späte Erleuchtung

Der Preis für die Dummheit des Tages wurde heute schon früh vergeben. Um halb elf meldeten die Radionachrichten, eine Salzburgerin (39) hatte beim Abräumen ihres Christbaums drei nicht abgebrannte Wunderkerzen entdeckt. Dies bescherte ihr eine Idee, die in ihren Gedanken als perfekt gemaltes Weihnachtsbild erschien: Noch einmal den Geist von Heiligem Abend und Christkind auferstehen lassen! Sich im hellen Schein der Spritzkerzen etwas wünschen, das 2018 mit absoluter Sicherheit in Erfüllung gehen wird!

Nur Sekunden, nachdem die gute Frau ihren wunderbaren Einfall in die Tat umsetzte, trat tatsächlich Erleuchtung ein. Diese stammte jedoch nicht vom Stern von Betlehem, der sich spontan zu einem Wiederholungsbesuch entschlossen hatte. Vielmehr waren die nach über zwei Wochen doch schon recht trockenen Zweige des Nadelbaums aufgrund des unerwartet plötzlichen Temperaturanstiegs in unmittelbarer Nähe Feuer und Flamme, im wahrsten Sinne der Worte.

Was dagegen gesprochen hätte, die Wunderkerzen fürs nächste Weihnachtsfest aufzuheben oder einfach zu entsorgen, war dem Radiobericht nicht zu entnehmen. Nachdem die Entflammte durch die rasche Reaktion eines Nachbarn zum Glück nur leicht verletzt und auch ihr Haus gerettet wurde, lassen sich immerhin zwei interessante Schlussfolgerungen ziehen: 1. Wer vor Ideen nur so sprüht, möge die Gefahr ungewollten Funkenfluges ernst nehmen. 2. Wenn späte Erleuchtungen zu Feuer und Flamme werden, sollte ein Kübel Wasser stets in Griffweite sein.

Feder

 

4. Jänner 2018: Wenn zwei schwindeln

„Einen Schilling für jedes Mal, wenn du mich anschwindelst.“ Das Sprichwort aus meiner Kindheit kam mir gestern in den Sinn, als ich zwei Meldungen im Internet las, deren Verbindung sich erst auf den zweiten Gedanken offenbart. 1. Google hat 2016 durch Steuerschlupflöcher 6,1 Milliarden Dollar gespart. 2. US-Präsident Donald Trump hat seit seinem Amtsantritt genau 1.950 Unwahrheiten verbreitet. Er nennt das alternative Fakten, weil sein Intelligenzquotient offenbar nicht dafür ausreicht zu erkennen, dass sich diese beiden Begriffe gegenseitig ausschließen.

Ganz egal, denn für beide funktioniert es. Der Internetkonzern kommentierte lapidar, man halte sich in jedem Land an die geltenden Steuergesetze. Und Trump interessiert sich ohnehin nicht für Fakten, solange er den Größeren hat (Siehe die Tagessatire von gestern).

Zeit für eine kleine Milchmädchenrechnung: Für jede Lüge des mächtigsten Mannes der Welt sackt einer der mächtigsten Konzerne der Welt 3,128.205,13 Dollar an nicht bezahlter Steuer ein – Geld, das für Sozialausgaben fehlt. Fazit: Die Mächtigen erklären nicht nur die Lüge zur Wahrheit, wenn ihnen danach ist, sie verdienen noch dazu blendend damit. Auch ein Steuerschlupfloch ist nichts anderes als ein alternatives Faktum.

Schlechte Zukunftsaussichten für die Menschheit, wenn es 2018 und die Jahre danach so weitergeht. Es gibt aber Lösungen für das Schlamassel, das wir uns selbst aus purer Obrigkeitsgläubigkeit eingebrockt haben: 1. Weltweite Steuergesetze schaffen, die den Namen verdienen. 2. Beim nächsten Mal einen amerikanischen Präsidenten wählen, den das Amt verdient.

Feder

 

3. Jänner 2018: "Ich hab' den Größeren!"

Ich kenne kaum jemanden, der sich nicht gern an seine Kindergartenzeit zurückerinnert. Unbeschwerte Tage voll Lachen und Glückseligkeit, für die nur ein Glas Apfelsaft oder ein Tüteneis nötig war. Dazu das Entstehen eines Gefühls, das nicht benannt werden konnte und doch die Basis für ein gelingendes Leben legte: Freundschaft.

In der Sandkiste aber, da hörte die Freundschaft auf. Knallhart ging es darum, wer mit dem größeren knallroten Küberl mehr Sand aufhäufen und diesen danach mit dem größeren knallgrünen Schauferl plattklopfen konnte. Bei der Kampfausrüstung war ich durchaus ebenbürtig, nicht aber bei der Geschwindigkeit. Als die anderen Buben schon uneinnehmbare Trutzburgen errichtet hatten, lag vor mir noch immer ein unförmiger Sandberg.

Im Laufe der Jahre reifte in mir glücklicherweise die Erkenntnis, dass weder Küberlgröße noch Arbeitsgeschwindigkeit entscheidende Faktoren für Lebenserfolge darstellen. Vielmehr kommt es auf das Wie und das Was an – wofür setze ich meine Möglichkeiten am besten ein.

Nicht allen jedoch, und damit komme ich zum Punkt dieser Tagessatire, ist diese Entwicklung vergönnt. Das ist schade, denn außer dem Fokus auf das Wesentliche schenkt sie auch ein großes Maß an Gelassenheit. Und genau die fehlt dem mächtigsten Mann des Planeten.

US-Präsident Donald Trump wusste nichts Besseres, als auf die kindische Drohung von Babygesicht-Diktator Kim Jong Un aus Nordkorea („Der rote Knopf für die Atombomben ist immer auf meinem Schreibtisch!“) in gleicher Kindergartensprache zu antworten: „Dafür ist mein Knopf größer und auch viel mächtiger als deiner!“

Das Machogeplänkel zweier Egomanen, die einander wie stolze Pfauen ihre bunten Federn ins Gesicht halten, wäre amüsant, würde es sich nicht um zwei Militärführer von zumindest zweifelhafter geistiger Stabilität handeln. Wessen politischer Horizont nur dafür ausreicht, auf eine große Bombe mit einer noch größeren zu reagieren, dem sollte man wohl so rasch wie möglich die Codes für sein Lieblingsspielzeug wegnehmen. Ansonsten ist irgendwann alles Denken mit dieser einen Lösung ausgefüllt – und sie kommt zur Anwendung.

Ein Vorschlag zur Güte: Sämtliche Staatenlenker mit Atomwaffen vereinbaren einen gemeinsamen Termin in der Herrensauna. Dort wird unter notarieller Aufsicht überprüft, wer den Größten, Längsten, Dicksten hat. Eine weltweite Live-Übertragung des Events, in Deutschland moderiert von Florian Silbereisen und Helene Fischer, bringt bestimmt höhere Einschaltquoten als der Silvesterstadl und die Herrenabfahrt in Kitzbühel zusammen. Der Sieger darf sich obendrein mit Recht mächtigster Mann des Planeten nennen.

Dann ist vielleicht Ruhe – bis zur nächsten Wahl.

Feder

 

2. Jänner 2018: Déjà-vu für Aug' und Ohr

Wieder ein Jahr vergangen! Und noch dazu so schnell, dass ich meine Überzeugung, die erste Satire des Jahres 2017 könnte doch höchstens einen Monat alt sein, erst nach mehrmaliger Konsultation des aktuellen Datums als falsch akzeptierte.

Höchst bemerkenswert fand ich beim Stöbern in meiner satirischen Datenbank den Ort, an dem sich meine Eröffnungsgeschichte des vergangenen Jahres zugetragen hatte: beim McDonald’s in Feldbach. Vor allem deshalb, weil sich dort auch heute etwas beobachten ließ, das den Chronisten in die Tasten greifen lässt. Zudem weisen beide Episoden durchaus ähnliche Züge auf.

Zur Erinnerung: Vor einem Jahr beschwerte sich ein Pärchen im breitesten Südoststeirisch darüber, keine Ausgabe von Österreich im Zeitschriftenstand vorzufinden, einheimisches Zeugnis höchster Journalismus-Kunst. Heuer ging es ebenfalls um das Wort, jedoch um das gesprochene – sozusagen ein Déjà-vu für die Ohren.

Ich hatte gerade die formidable Schokosauce vom meinen Cappuccino krönenden Milchschaum gelöffelt, als drei Jungmänner um die Zwanzig mit ihren hoch beladenen Tabletts den Nebentisch anvisierten. Offensichtlich hatten sie mit mir – meine Ehrlichkeit zwingt mich zu dieser ironischen Spitze – nicht mehr gemeinsam als die Zugehörigkeit zur gleichen Spezies. Jeder einen beachtlichen Burgerfriedhof vor sich her schiebend, ließen sie ihre von Fastfood gestählten Luxuskörper auf den glücklicherweise stabilen Sitzmöbeln nieder, wickelten den erstandenen Kaloriennachschub geräuschvoll aus und begannen zu mampfen.

Der geneigte Leser mag an dieser Stelle zurecht einwenden, dass es sich bei der beschriebenen Szene um eine für den McDonald’s typische Alltäglichkeit handelt. Meiner deutschen Tastatur entweicht keinerlei Widerspruch; ich füge jedoch an, dass sich die Besonderheit schon wenige Sekunden später zu entwickeln begann. Kaum schlugen sich nämlich sechs Kiefer mahlend in von weitem als latschert erkennbare Weißbrothälften, fingen die drei zugehörigen Münder zeitgleich an, sich zu unterhalten.

Ich konnte es nicht glauben und noch weniger – in doppeltem Wortsinn! – verstehen. Sie redeten mampfend, antworteten mampfend, verneinten wortreich mampfend oder stimmten ebenso mampfend zu. Eine Sprache, die aus tiefstem Südoststeirisch und dem gleichzeitigen Genuss amerikanischen Schnellrestaurantfutters gebildet wird, hat bestimmt noch keinen Namen. (Vorschläge bitte an die Redaktion.) Und sie wurde bis heute, da bin ich mir absolut sicher, von keinem seriösen Wissenschaftler untersucht.

Meine Faszination endete in dem Moment, als der Anführer der eindrucksvollen Truppe (er versteckte den größten Bauch unter seinem knallroten Trainingsanzug, was ihm die Position des Alpha-Tiers verschaffte) in die kleine Runde blickte und verlauten ließ: „Üernoanaunanöra?“ Das Warten auf Antwort verbrachte er mit dem Verschlingen des letzten Bissens, dessen Größe zweifellos jedem Kuchenstück meiner Salzburger Lieblingskonditorei Tomaselli Konkurrenz machte. Beide Befragten stimmten zu; sohin erhob sich Knallrot schwerfällig und schritt breitbeinig zum Bestellterminal, um alsbald an der Budel die zweite Runde in Empfang zu nehmen.

Beinahe wehmütig erinnerte ich mich an das Pärchen von 2017, als ich Die Presse vor mir zuschlug, in wenigen Schlucken meine Kaffeetasse leerte und nach meiner Jacke griff. Auf der Tragödie zweiten Akt hatte ich keinen Appetit. Mir wurde klar, dass von nun an McDonald’s-Besuche akustisch sowie visuell von mampfenden Urlauten und ihren Verursachern begleitet sein würden. Jede Bestellung trug ab sofort ein grell leuchtendes Warnschild: „Hier geht’s zum Burgerfriedhof!“

Auch eine Form von Diät. Vielleicht die effizienteste aller Zeiten.

 

Feder

Butler

Begegnung auf Augenhöhe

Einer der Grundsätze, die mir das Leben mit meiner Krankheit erleichtern, lautet: Entweder erledige ich notwendige Dinge selbst, oder ich organisiere, dass sie passieren. Ein schönes Beispiel dafür war der Besuch eines Restaurants mit Selbstbedienung in Niederösterreich.

Da ich es für wenig sinnvoll halte, ein Tablett mit Teller, Besteck, Glas und Mineralwasserflasche selbst mühsam an die Kasse und dann an einen Tisch tragen zu wollen, nur um irgendwann doch das Gleichgewicht zu verlieren oder durch einen ungewollten Rempler einen ungewollten Aufruhr zu verursachen, bitte ich stets gleich am Anfang eine Angestellte, mir zu helfen. Die erfahrene Kellnerin, die ich ansprach, tat das ohne zu fragen, weil ihr ein Blick auf meine Beine wohl die Notwendigkeit dafür verdeutlichte. An der Kasse übergab sie das Tablett einer Kollegin, weil sie weggerufen wurde: „Trag das für den Herrn an einen Tisch.“

Sie schaute fragend drein, stellte sich jedoch ohne ein Wort mit mir in die Schlange. Da ertönte hinter uns eine weibliche Stimme: „Und nicht vergessen: Sie müssen für den Herrn auch das Fleisch schneiden!“

Bevor ich darauf antworten konnte, war ich schon an der Reihe. Ich bezahlte und hielt dabei nach einem freien Tisch am Fenster Ausschau. Gleich darauf ging die junge Dame wie angewiesen neben mir her. Ich setzte mich, sie stellte das Tablett vor mich hin und fragte: „Soll ich Ihnen das Fleisch schneiden?“

Ich war erstaunt – am meisten über den Klang ihrer Worte, in dem weder Arroganz noch ein Das kannst du nicht? mitschwang, sondern reine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.

„Nein, die Frau hat vorhin nur einen Witz gemacht. Aber vielen Dank für das Angebot.“

Diese wunderschöne Begegnung auf Augenhöhe machte das Essen zu einem wahren Genuss.

Kernoel

Rede des Parteigründers der ÖKP

Ein Weinkeller irgendwo im Schilcherland. Vor großen Eichenfässern ist ein schlichtes Pult platziert, ein Mikrofon steckt in einem Zierkürbis. Der angekündigte Redner verspätet sich beträchtlich, doch die Wartezeit wird den Zuhörern mit großzügigen Kostproben der flüssigen Art verkürzt. Schließlich öffnet sich zwischen den Fässern eine Tür. Allgemeines Raunen erhebt sich, dann kehrt Ruhe ein.

Sehr geehrte Damen und Herren, werte Vertreter der Medien und der Lügenpresse, liebe Ahnungslose vor den gebührenfinanzierten Sendungsempfangsgeräten des rotschwarzen Monopolfunks!

Hiermit erkläre ich nach langen Jahren erfolgreicher Tätigkeit als Kernölbotschafter fern meiner steirischen Heimat, dass die Zeit reif ist. Reif für eine neue Politik. Nein, für einen Neustart auf allen Ebenen. Nein, für eine neue Revolution! Deshalb gebe ich hier und jetzt die Gründung einer neuen Partei bekannt, die bei den kommenden Nationalratswahlen antreten wird. Der Name dieser Partei steht für alles, was in diesem Land seit ewigen Zeiten schmerzlich vermisst wird: Ehrlichkeit, Heimatverbundenheit, Fleiß und Zuversicht. Für all das tritt sie ein, die ÖKP: die Österreichische Kernölpartei!

Danke für den kräftigen Applaus, liebe Freunde. Ich sehe, Sie verspüren dieselbe Sehnsucht wie ich, die Sehnsucht nach Veränderung. Und genau diese Veränderung werde ich in meinem Parteiprogramm fordern. Als erstes starte ich ein steiermarkweites Volksbegehren gegen die schändliche Tatsache, dass nördlich des Semmering bereits mehr Kürbiskerne geerntet werden als bei uns, in der wahren Heimat des Schwarzen Goldes. Das geht gar nicht! Ich fordere hohe Einfuhrzölle gegen niederösterreichische Kürbiskerne. Ohne entsprechenden und bindenden Regierungsbeschluss darf der fesche Ex-ÖBBler weder TTIP noch CETA unterschreiben! Und sein Koalitionspartner kann bei dieser Gelegenheit gleich beweisen, wer bei den Schwarzen wirklich die Hosen anhat. Wenn Django Mitterlehner diesen für mich unverhandelbaren Beschluss nicht mitträgt, ist sofort klar wie Rindsuppe mit steirischem Wurzelgemüse, dass der Wind aus dem St. Pöltener Landhaus her weht.

Weitere Punkte des ÖKP-Parteiprogrammes werde ich rechtzeitig bis zu den Wahlen ausarbeiten und bekanntgeben. Es ist nicht anzunehmen, dass andere Parteigründer der letzten Wochen schneller sein werden. Nur Parteifarbe, Parteisymbol und Parteimotto stehen schon fest. Man wird die ÖKP an einem satten Schwarzgrün erkennen, an einem reifen Kürbis mit einem in die Zukunft weisenden Stängel und am Leitspruch, den ich wie das Licht der Erkenntnis vor mir her tragen werde: Salat ohne Kernöl ist wie ein Wiener Schnitzel ohne Panier. Und jetzt erheben Sie mit mir das Glas auf die neue Partei des Fortschritts, auf die ÖKP!

Zwei Stunden und noch mehr Gläser später ...

No zwa Sochn, die erschte an die Leit vu da Zeitung: Bittschei vawexlts mi net mit da KPÖ. Dei woan kuaz erfulgreich in Graz, owa nua duat. I wer alla in da Steiamoak a Grundmandat eifoahn, des is fix, sobold da Andi Gabaliä die Pateihymne eigsungan hot. Werds segn, die schiaßt vu null auf ans in die Tschards: Steiamoak, du stoakes Laund, rinnt as Wossa duach dei Haund wia des Kernöl in dei Maul, ba uns is kaner fia wos z'faul. Den Refrö hot a ma scho varrotn, da Andi.

Und as zweite geht an olle do: I suachat no a poa Leit fia vaschiedene Parteipostn. Bsunders da Finanzminister is no frei. I hob dreimol bam Frenk augfrog, oba sei Tochter, die Belinda, hot gmant, seit er as letzte Mol bam Settele im Auto gfoan is, traut er si in ka Vakehrsmittl mehr eisteign, net amol in sein Privatfliaga. A Übaweisung wiad er sicha mochn, oba des hot er scho friara vasprochn. Holt, des hot si jetzt greimt.

Draußn gibts no a Kernölblindvakostung. Wer darot, wölches Öl vu meim Sponsor is, kriagt fia a Untastützungserklärung an gaunzn Lita mit ham. Oiso pfiat eich, baba, untaschreibts und follts net!

Sudoku

Rätselhaftes beim Schachtelwirt

Im McDonald's beim Flughafen Graz, an einem Freitag knapp vor 18 Uhr. Es herrscht reger Betrieb, was auch daran abzulesen ist, dass alle lesbaren Tagesdruckerzeugnisse in Verwendung sind. Einzig fünf Österreich-Ausgaben stecken unberührt im Wandregal, daneben eine offensichtlich schon mehrmals gelesene, einsame KronenZeitung. Mit einem ergebenen Seufzer greife ich nach derselben, um wenigstens meine Schultermuskulatur mit zügigem Umblättern zu beschäftigen.

Mein Crispy Chicken Wrap hat schon zur Gänze den Weg seiner zerkauten Bestimmung gefunden, und ich will mich gerade dem Gartensalat zuwenden, als ich mitten in der für mich bisweilen diffizilen Aufgabe, das Balsamico-Dressing mehrheitlich auf dem Salat anstatt auf meiner Hose zu verteilen, abrupt innehalte. Auf genau der Anzeigenseite, wo neben automobilen, hellseherischen und horizontalen Angeboten auch die beiden Sudoku-Rätsel untergebracht sind, ist kein einziges der Kästchen durch eine Zahl entjungfert, nicht einmal durch einen senkrechten Strich, der den Versuch eines Anfangs andeuten könnte. Und das, obwohl fettige Burger- und Chicken-McNuggets-Finger überaus deutliche Spuren in der gesamten Zeitung hinterlassen haben. Das Sudoku wurde von niemandem angerührt.

Meine Irritation rührt von der Erfahrung her, zu so fortgeschrittener Stunde meist vollständig ausgefüllte Quadrate in der Krone vorzufinden. Zumindest der Schwierigkeitsgrad Amateur (den meine Mutter aufgrund der nicht vorhandenen Herausforderung stets verweigert, Anm.d.Chr.) ist fast immer gelöst, weil die Hürde selbst für die durchschnittlichen Rätselfans unter den durchschnittlichen Krone-Lesern nur die Höhe einer unterdimensionierten Treppenstufe aufweist und sohin unfallfrei zu überwinden ist.

Warum also hatte sich heute noch niemand dem Zahlen-Zeitvertreib gewidmet? Nachdem die Krone (traurig, aber leider nicht zu ändern) die auflagenstärkste Zeitung des Landes ist und gleichzeitig McDonald's der flächendeckendste Schnellimbiss, müsste logischerweise in jedem Lokal immer ein Leser des beliebten Kleinformats anwesend sein. Nimmt man nun auch noch alle Sudoku-Freunde in die Gleichung auf, ist die Chance, dass um 18 Uhr noch keines der quadratischen Rätsel gelöst ist, wohl verschwindend gering.

Während ich meinen Gartensalat samt Balsamico-Dressing gut durchschüttle (empfehlenswert ist hier die penible Prüfung, ob der Deckel fest auf der Plastikschale sitzt; sonst passiert das zuvor mühsam vermiedene Hosen-Malheur doch noch), schweift mein Blick durch das Lokal, auf der Suche nach einer visuellen Lösung für das knifflige Sudoku-Krone-McDonald's-Rätsel. Ich will schon aufgeben und mit Hilfe der kackbraunen Plastikgabel nach der einsamen Kirschtomate im Salat suchen, als ich der neuerdings eingeführten Bestellterminals angesichtig werde, die aussehen wie Smartphones aus dem Lande Brobdingnag, wo Gulliver den Riesen begegnet.

Auch ich war anfangs irritiert, als ich meine Bestellung nicht mehr einer hübschen Studentin diktieren durfte, die ihr karges Stipendium mit einem Nebenjob aufbessert. Die routinierte Bedienung dieses überdimensionalen Touchscreens bedarf einiges an Übung, wenn man nicht den falschen Burger, das falsche Wasser und das falsche Salatdressing an der ebenfalls neuen Ausgabetheke (jetzt steht die hübsche Studentin hier, wenigstens etwas) entgegennehmen will.

Angesichts der vielen schweren Entscheidungen, die man – angefangen von Hier essen oder Mitnehmen bis Mit Karte zahlen oder An der Kasse zahlen – treffen muss, erkenne ich im Bruchteil einer Sekunde, warum das Sudoku noch immer auf einen Zahlenkästchen-Kämpfer wartet. Für die durchschnittlichen Rätselfans unter den durchschnittlichen Krone-Lesern ist der Bestellvorgang am Riesentouchscreen eine spannende intellektuelle Herausforderung. Nach erfolgreicher Meisterung derselben ("Schatzi, heute hab' ich echt einmal bekommen, was ich gedrückt habe! Du auch?") sind die Grauen Zellen müde und müssen sich eine Weile ausruhen. Da reichen die Reserven nur noch für das Verarbeiten der Schlagzeile "Schlechte Noten für unser Bildungssystem!" und ein bisschen aktives Schultermuskeltraining.

War das jetzt höchste Satire oder tiefster Zynismus? Jede Meinung erkenne ich kritiklos an, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass noch Hoffnung besteht. Erinnern Sie sich an meine zu Beginn erwähnte Beobachtung von den unberührten Österreich-Ausgaben? Die KronenZeitung gehört beileibe nicht zu den höchsten Insignien journalistischer Schöpfung, doch erst wenn alle Exemplare jener blamablen Schundpostille, die mit ihrem Auftauchen vor zehn Jahren den ohnehin schon tiefen Boden des Niveaufasses mühelos durchschlagen hat, beim Schachtelwirt in Verwendung sind, sollten wir wirklich langsam nervös werden.

Versuch einer Einladung

Sonntag Nachmittag im Café Sacher. Nach einem intensiven Schreibwochenende gönne  ich mir wieder einmal meine kulinarische Lieblingssünde, ein kleines Savarin, bevor ich den Tag mit einer Komödie im Kino ausklingen lasse. Es herrscht viel Betrieb, doch am Fenster gegenüber der Kuchenvitrine wartet ein freier Tisch auf mich. Mein Seufzer schließt Erleichterung, Zufriedenheit und Vorfreude zu gleichen Teilen ein.

Am Nebentisch sitzt eine alte weißhaarige Dame, gebeugt von wohl mehr als achtzig Jahren. Die Aura ihres Begleiters, Großneffe oder Enkel dürfte ganz gut hinkommen, verströmt so viel Wohlstand, als wurde erst kürzlich ein neues, extra penetrantes Parfum dafür auf den Markt geworfen: hellblaue Wildlederslipper,  Maßsakko und eine Breitling, die kaum nach einem Mitbringsel vom letzten Strandspaziergang in Caorle aussieht. Seine Solariumbräune schafft es nicht ganz, die Langeweile in seinem Gesicht zu kaschieren.

Eine Kellnerin serviert den beiden Kaffee. Plötzlich zieht der junge Mann ein ultraflaches Mobiltelefon aus der Tasche und sagt: „Damit ich den Kleinen Braunen mit dir in Ruhe genießen kann, muss ich vorher noch eine Überweisung machen.“ Die alte Dame schaut ein wenig verwirrt, deshalb setzt er hinzu: „Der Reifenschaden, du weißt eh.“

Er beginnt hektisch, auf seinem Display zu wischen. Die Dame greift nach ihrer Tasse, zieht die Hand jedoch wieder zurück. Offensichtlich will sie nicht unhöflich sein.

„Nein, fang ruhig an“, meint  ihr Gegenüber, ohne sie dabei anzusehen. Im nächsten Moment springt er auf und sagt: „Der TAN-Code wird auf mein anderes Handy geschickt. Das muss ich schnell im Auto holen.“ Ohne ein weiteres Wort wendet er sich ab und verlässt eiligen Schrittes das Café.

„Die moderne Technik“, sage ich laut, weil mir die alte Frau leid tut. Sie reagiert nicht, ob aus mangelndem Hörvermögen oder aus Trauer, von diesem Flegel so rüde sitzen gelassen zu werden.

Als er nach mehr als zehn Minuten wieder erscheint (Ist das Auto jenseits des Kapuzinerbergs geparkt?, denke ich zynisch), hat die Dame ihre Tasse zur Hälfte geleert.

„So, alles erledigt“, sagt der Schnösel. „Jetzt können wir Kaffee trinken.“

Die alte Dame weist ihn auf einen Buben hin, der mit großen Augen vor der Vitrine steht und dann hektisch seinem Vater zuwinkt. „Schau, wie nett der Kleine ist.“

Der blöde Kerl hat aber schon wieder sein Handy in der Hand und wischt darauf herum. Da gibt die alte Dame es auf und seufzt. „Du solltest zahlen. Hast du die Kellnerin schon gerufen?“

„Nein, aber ich mache es gleich.“ Er hat keinen Blick für sie, nur für sein Telefon. „Du kannst vorausfahren, wenn du willst.“

„Wie meinst du das?“ Sie schaut ihn fragend an.

„Es war der Versuch eines Witzes.“

„Dann werde ich versuchen, darüber zu lachen“, kommentiert die noble Dame trocken, schüttelt leicht den Kopf und erhebt sich mühsam. Er findet es nicht der Mühe wert, ihr den Arm zu reichen.

Das war wohl der Versuch einer Einladung. Ich schaue der alten Frau nach, wie sie langsam und auf ihren Stock gestützt zum Ausgang geht.

Wie klein und flach Mobiltelefone in Zukunft auch sein mögen: Die Ignoranz, sich dahinter zu verstecken, ist immer groß genug.

Wenn Festspielgäste leiden

Von den furchtbaren Leiden der Festspielgäste berichten die Salzburger Nachrichten am 1.9.2015 auf Seite 9 ihrer Regionalbeilage. Das italienische Ehepaar Matilde und Fulvio Galleano, beide seit fünfzehn Jahren treue Besucher des Festivals, war unterwegs zu Beethovens Missa Solemnis in Großen Festspielhaus, als es einen Parkschaden verursachte. (Der Artikel gibt nicht an, wer von den beiden hinter dem Steuer saß, doch gehen wir einmal ganz logisch davon aus, es war die Frau.) Die Diskussion mit dem Unfallgegner, so heißt es in dem Artikel weiter, führte zu keinem Ergebnis – wohl auch wegen der Sprachbarriere.

Und schon befinden sich alle Fantasierädchen in meinem Kopf in wilder Rotation. So oder so ähnlich hat sich der verbale Länderkampf nach dem Bums abgespielt:

„Scusi!“

„Nix Bussi, Gnädigste. An Busara habenS‘ ma in mein neuen Lack einig’macht.“

„Ma non è un problema. Quanta costa?“

„Von welcher problematischen Küste Sie kummen, is mir gleich. Hier geht’s auch net um Flüchtlinge, sondern um mei‘ Auto! Los, gemma Unfallbericht schreib’n.“

Das italienische Paar starrt völlig verständnislos auf das Versicherungsformular. Das bringt die Gegenseite noch mehr in Rage.

„Guat, wenn's mit eich net anders geht, ruf‘ i jetzt die Polizei!“

„Polizia? No, non abbiamo tempo!“

„Jo, i find‘ die G’schicht a zum Wana. Leider hob i grod ka Tempo eing’steckt!“

Herr und Frau Galleano stecken kurz die Köpfe zusammen, entscheiden sich schließlich für die Freiheit zur Kunst und gegen den Zwang zur Kontrolle. Sie winken zum Abschied mit den zwei Konzertkarten um 290 Euro und fahren davon.

Der Rest der Episode ist kurz, aber für die italienischen Kulturfreunde finanziell schmerzhaft. Obwohl sie am nächsten Tag bei der Polizei alles zugeben, was der Unfallgegner selbstredend angezeigt hat, setzt es eine Strafe von 250 Euro – wegen Fahrerflucht.

„In Italien wird die Polizei wegen eines kleinen Parkschadens nicht tätig“, zitiert die Zeitung den Versuch einer schwachen südländischen Ausrede. Klar, die Exekutive unserer Nachbarn ist einzig mit den fiskalen Kollateralschäden beschäftigt, die ein gewisser Silvio B. hinterlassen hat.

Fulvio und Matilde reagierten verärgert, schließt der Bericht. Sie stornierten ihre Buchungen für 2016 und informierten davon die Spitzen des Landes, der Stadt und der Festspiele. Am meisten freuen dürfte das jedoch all jene, die im nächsten Jahr rund um die Aufführungsorte ihre Autos sicher parken möchten.

Es ist wohl dem alljährlich grassierenden Festspielfieber zuzuschreiben, dass der ungenannte Journalist der SN hier aus Tätern Opfer macht, ohne mit der Feder zu zucken. Mir beschert der Vorfall eine spontane Geschäftsidee: Sollte ich im kommenden Sommer Geld brauchen – was ziemlich sicher der Fall sein wird –, überfalle ich einfach eine Bank. Wenn ich geschnappt werde, ziehe ich ganz locker eine Eintrittskarte aus der Tasche und rufe: „Tut mir leid, keine Zeit für die Polizei. Ich muss zum Fidelio!“

(Foto: Gmachl.com)

"Mozart? Nie gehört!"

„Ach, Sie haben ein Buch geschrieben? Worüber?“

Je öfter mir diese Worte entgegenwehen, desto heftiger verspüre ich den Wunsch, meine Lieblingsantwort würde der Wahrheit entsprechen: Von meinem letzten Roman wurden mehr als hunderttausend Stück verkauft, und das Buch davor wird gerade mit Tom Cruise, Gwyneth Paltrow und Arnold Schwarzenegger (ein Kernöl-Bezug muss sein)in den Hauptrollen verfilmt.

Kaum ist dieser sekundenlange Tagtraum zu Ende, sage ich brav: „Es gibt zehn Bücher, darunter drei Romane, Satiren und Gedichtbände.“ Wenn ich es noch schaffe, meine Karte an den Mann oder die Frau zu bringen, folgt meist ein rhetorisch-höfliches „Ich schau‘ mir alles auf Ihrer Homepage an, ok?“ – und dann der Themenwechsel.

Episoden wie diese beweisen schon seit langem, welchen Bekanntheitsgrad meine Bücher haben. Positiv formuliert, sind sie der geheimste aller möglichen Geheimtipps. Trotzdem werde ich in wenigen Wochen bei Hinz und Kunz bekannt sein, Schriftsteller-Status hin oder her. Was heißt bekannt: Ich werde ein Weltstar sein!

Vor wenigen Tagen ging ich wie so oft durch die Salzburger Getreidegasse. Am Brennpunkt von Sommer-, Ferien- und Festspielzeit, am Kreuzungspunkt gewaltiger Horden von Italienern, Japanern, Russen und Amerikanern wurde der eigentlich kurze Weg vom Schatz-Durchhaus bis zur Fluchttreppe hinauf ins Café Mozart zu einem Hindernislauf. In dem Bemühen, die perfekten Urlaubserinnerungen der Salzburgbesucher nicht zu ruinieren, weil ich etwa durch das Foto vor Mozarts Geburtshaus latsche, duckte ich mich unter Kameras, wich Gruppen aus, die wie blind der erhobenen Fahne ihres Fremdenführers nachrannten und umrundete einen Marionettenspieler samt staunendem Publikum. Nicht anders verlief der Rückweg durch die Schmuckpassage, über den Universitätsplatz und entlang der Philharmonikergasse.

Eine neue Mode macht seit kurzem selbst die kreativsten Störvermeidungsverrenkungen zunichte: Fotografieren mit dem Selfie-Stick. Wegen dieser Ego-boost-Erfindung gerät der ahnungslose Spaziergänger plötzlich nicht mehr nur ungewollt auf ein Bild, wenn er sich im falschen Moment zwischen Fotofinger und Zielobjekt befindet, sondern auch hinter einer Person, die gerade auf ihre Teleskop-Fernbedienung drückt.

All diesen Fotos auszuweichen ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Also beschloss ich kurzerhand, mich nicht mehr zu ducken, zu verrenken und keine Haken mehr zu schlagen. Nur den Marionettenspieler werde ich auch weiterhin verschonen, wenn er eine gute Performance liefert.

Weil ich mindestens einmal wöchentlich in der Altstadt unterwegs bin, werde ich bis zum Ende dieses Festspielsommers auf zahllosen Handyfotos, Tabletfilmen und Digitalkameraspeichern verewigt sein. Wenn Sie also einen Bald-Mittvierziger durchs Bild huschen sehen, der zielstrebig auf das Café Glockenspiel zugeht, haben Sie eine bleibende Erinnerung von mir.

Und vielleicht fragt einmal Ihr Enkel beim Betrachten der alten Bilder: „Opa, wer ist dieser grüne Mann hinter dem Kernölbotschafter? Mozart? Nie gehört!“

Festspielzeit ist

Festspielzeit ist, wenn mir trotz Hochbetriebs das Glück eines im genau richtigen Moment frei werdenden Tisches auf der Terrasse des Café Tomaselli zuteil wird. Wenn mindestens drei schwer beladene Kellner mir im Vorbeigehen zurufen: „Der Kollege kommt gleich!“ Und wenn mir das nichts ausmacht, weil es Vorfreude und Schau-Genuss gleichermaßen verlängert.

Festspielzeit ist, wenn sich auf den ersten Blick klärt, wer zur nächsten Matinee gehen wird, wer von der letzten Premiere gekommen ist und wer nur sehnsüchtig auf das Mittagessen wartet. Wenn der Ehemann zwecks Kauf eines Anzugs zum Dantendorfer geschleppt werden muss. Und wenn trotz dieses Erfolges alle weiblichen Überredungskünste nicht dazu führen, dass er auch seine ausgetretenen schwarzen Halbschuhe, die noch aus dem letzten Jahrtausend stammen, zugunsten eines neuen Paares der Altkleidersammlung überantwortet.

Festspielzeit ist, wenn Japaner die luftigsten Sommerhüte tragen, Italiener die coolsten Sonnenbrillen und Musliminnen die buntesten Kopftücher. Wenn sogar die Tauben auf dem Alten Markt wie nach einer einstudierten Choreographie umherstolzieren. Und wenn auch der Glasmusiker hintereinander ein Stück von Mozart, von Haydn und von Händel zum Besten gibt.

Festspielzeit ist, wenn die Buhlschaft mit dem Tod vor dem Triangel sitzt. Wenn Frau Präsidentin zwischen zwei Melange Stammgäste begrüßt, Intendanten verabschiedet und der Presse ein Interview gibt. Und wenn sich drohende Gewitterwolken aus purem Anstand rechtzeitig vor dem Jedermann auflösen.

So komm' ich nie ins OSC

Meine Profession als Schließanlagenfachverkäufer kombiniert auf geniale Weise die Tätigkeit eines Kummerkastenonkels für verlorene Schlüssel, des Vertrösters auf einen leider doch späteren Liefertermin und eines Schuldeneintreibers in der Art des frühen Rocky Balboa. Anstatt jedoch verzagte Damen wie ein Gentleman alter Schule persönlich zu beruhigen, aufgebrachten Händler am anderen Ende des Landes persönlich eine Zwischenlösung in Form einer Bauschließanlage vorbeizubringen oder säumigen Zahlern persönlich den kleinen Finger zu brechen, wie Rocky es getan hätte, erledige ich das heutzutage alles modern und bequem per Telefon.

Nun ja, modern – vielleicht; bequem – eindeutig nein. Besonders in der Urlaubszeit steigert sich die ohnehin schon hohe Anruferzahl bisweilen um das Doppelte. Während ich also versuche, eine Dame nach erfolgter Beruhigung abzuwimmeln, bevor sie mir ihre herzzerreißende Geschichte ein drittes Mal erzählt, warten zwei weitere Anrufer in der Leitung. Dazwischen höre ich das hässlich-vertraute Ping! der Mailbox und stelle fest, dass wieder drei neue Nachrichten eingegangen sind. Meist werde ich darin ultimativ zum Rückruf aufgefordert, weil „i net scho wieda mit eirer depperten Maschin reden wü“.

Interessanterweise beschränkt sich dieser hektische Arbeitsalltag auf den österreichischen Markt. Die beiden Kollegen Markus und Stefan vom Export nebenan werkeln ruhig und gelassen vor sich hin, führen hin und wieder kurze Gespräche mit Kunden oder Außendienstkollegen in Kroatien oder Bulgarien und blockieren dann und wann eine Lieferung, wenn die griechischen Banken wieder einmal kein Geld herausrücken.

Während einer unerwarteten, jedoch höchst willkommenen Telefonpause – vermutlich hatte irgendein Schaufelbagger die Hauptglasfaserleitung zwischen Salzburg und dem Rest des Landes durchtrennt – fiel mir auf, wie ruhig es im Nebenbüro war.

„Bei euch läutet nie das Telefon“, nutzte ich sogleich diese Chance zur Beschwerde. „Bei mir dagegen ununterbrochen.“

Markus, nie um eine Antwort verlegen, schickte postwendend eine Begründung durch die offene Verbindungstür: „Das kommt daher, weil wir nur zufriedene Kunden haben.“

Ich wollte etwas zurückschießen, doch das Telefon kam mir dazwischen; für die beiden Kollegen nur ein weiterer Beweis ihrer These. Somit war bald ein neuer Begriff geboren: Wer etwas auf sich hält, sitzt im Office of Satisfied Customers, kurz OSC.

„Und wie komme ich ins OSC?“, fragte ich wenig später vor Ort, um mir ein bisschen die Beine zu vertreten und das rechte Ohr abzukühlen. Das beständige Klingeln ignorierte ich – es gibt ohnehin eine Mailbox.

„Du musst einfach an deiner Kundenzufriedenheit arbeiten“, sagte Markus von oben herab, obwohl er saß und ich stand. Stefan nickte nur dazu, mit einem wissenden Lächeln.

Und ich mühte mich nach Kräften, dieses hehre Ziel zu erreichen. Ich wurde noch freundlicher, noch kompetenter, noch verständnisvoller. Die mannigfaltigen Beschwerdeanrufe wurden aber nicht weniger; das Gegenteil trat ein.

Vor einigen Tagen erlebten meine Ambitionen auf eine OSC-Mitgliedschaft einen schweren Dämpfer. Ein Kunde von mir hatte die Zahlungsfrist um zwei Monate überzogen und sich dann auch noch drei Prozent Skonto abgezogen. Buchhalterin Pia schickte deshalb eine Nachforderung; als sich auf dem Kundenkonto kein Eingang zeigte, schickte sie die fälligen Mahnungen hinterher.

Es war mein letztes Telefonat vor dem Wochenende. Erst stellte sich der Mann dumm („Ich hab’ eh bezahlt!“ – „Aber zu wenig!“), dann vertröstete er mich („Rufen’S am Nachmittag an, wenn die Frau da ist!“ – „Da bin ich nicht mehr da!“). Als ich ihm freundlich, aber bestimmt mitteilte, dass sein Konto bis zur Begleichung der offenen Summe gesperrt bleibe, blaffte er: „Leckt’s mi am Oasch!“

Noch bevor ich meinen Kollegen im Nebenbüro von dieser kleinen, aber feinen Episode berichtete, kannte ich schon ihren Kommentar dazu. Und der war für mich so bitter wie berechtigt.

„Es tut uns echt leid, Hannes. So kommst du nie ins OSC!“

Werbung, Saisonal

Nach einem wunderbaren Sonntag Vormittag in meinem zweiten Salzburger Wohnzimmer – die Terrasse des Café Tomaselli am Alten Markt – entdeckte ich das Bild des Tages auf der Heimfahrt in der Alpenstraße. Dort bog ein Stadtbus der Salzburg AG aus einer Haltebucht, den ich liebend gerne im Vorbeifahren abgelichtet hätte. Das ist aber leider a) polizeilich verboten, b) mir mangels eines dafür notwendigen Smartphones ohnehin nicht möglich, und außerdem c) würde ich, wenn ich c1) ein Smartphone hätte und c2) es auch noch schaffte, rechtzeitig zu knipsen, das Foto sicher bis zur Unendlichkeit verwackeln, Stabilisator in den modernen Kameras hin oder her.

Unter den Chronisten gehöre ich jedoch ohnehin zur Schreibenden Zunft; sohin erfahren Sie nachfolgend schwarz auf weiß, was meine Augen gesehen und Sekundenbruchteile später in meinem Gehirn ausgelöst haben.

Am Heck des Busses, über die ganze Breite gezogen, stand in geschwungener, gelb-weißer Schrift: Skibus Werfenweng. Einem Instinkt folgend, schaute ich sogleich auf die Außentemperaturanzeige meines GolfPlus: 31,5 Grad Celsius über Null. Als ich wieder hochsah, befand ich mich bereits auf der linken Fahrspur, also neben dem Stadtbus. Die Seitenbeklebung setzte noch eines drauf: Mit Erdgas-Drive zum Pistenspaß!

Die verschiedensten Fragen liefen auf einmal in meinem Gehirn um die Wette: Will uns diese Werbung vom Jammern über die Hitze abhalten, indem sie uns mahnend daran erinnert, dass es in knapp fünf Monaten wieder 40 Grad kälter sein wird? Ist es ratsam, den Fahrer dieses Busses nach einem kühlen Plätzchen in der Stadt zu fragen? Sollen vorausschauende Winterurlauber bei den Bergbahnen Werfenweng anfragen, wieviel Rabatt sie kriegen, wenn sie schon im Juli den Skibus buchen, oder haben sie dafür noch Alle Zeit der Welt? (siehe oben.)

Ich jedenfalls hatte es plötzlich sehr eilig, in meine kühle Wohnung zu kommen. Dort würde ich mir einen noch kühleren Drink mixen und darauf hoffen, dass es noch möglichst lange schön und vor allem schneefrei bleibt.

Skifahren ist ohnehin nicht so meins.

Rasend auf probe zum Traktorschein

Am 7.7.2015 berichtete das Internetportal unseres rotweißroten Staatsfunks von einer exekutiven Amtshandlung, die erst auf den zweiten Blick bemerkenswert ist. Die Polizei stoppte irgendwo in der oberösterreichischen Pampa einen 17jährigen, der mit knackigen 168 km/h unterwegs war.

So weit, so normal. Doch als der Probeführerschein eingezogen und sämtliche Papiere ausgestellt waren, staunten die Beamten nicht schlecht über die Begründung des Jünglings für seine Eile. Er müsse – Obacht, darauf würden Sie niemals kommen – zur Traktorführerscheinprüfung und sei schon reichlich spät dran.

Erst vermuteten die Beamten dahinter die schlechteste aller Ausreden, die ihnen jemals zu Ohren gekommen waren. Tatsächlich tauchte jedoch wenig später der Traktorführerscheinfahrlehrer mitsamt der Traktorführerscheinprüferin auf. Sie packten ihren Schüler ein und chauffierten ihn zur Traktorführerscheinprüfungskommission. Sohin konnte der junge Mann seinen Test doch noch ablegen – ob er das erfolgreich tat, ist nicht überliefert.

Für die Wiedererlangung des B-Scheines werden wohlmeinende Helfershelfer nicht ausreichen; Nachschulung und Nachzahlung sind unausweichlich. Angesichts der kreativen Entstehungsgeschichte bietet sich eine kreative Zusatzstrafe an: Der junge Mann muss mit dem Traktor – falls er die Berechtigung zum Steuern desselben erlangt hat – zur Wiederholungsprüfung anreisen. Blöderweise werden am Vorladungstag nur in Bregenz oder Bad Radkersburg Termine frei sein. Da bleibt ihm unterwegs reichlich Zeit für Hörbuchlektüre.

Ich empfehle wärmstens einen Bestseller von Stan Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit.

Damit etwas wird aus mir

Ein Sommerurlaub bei den Eltern hat viele Vorzüge. Einer davon ist die kulinarische Zeitreise in die eigene Kindheit in komprimierter Form – als würden die zwei Wochen aus einer abwechselnden Folge von Geburts- und Namenstagen bestehen, an denen ich mir das Mittagessen aussuchen konnte. Seit ich allein lebe, klingt kaum ein Satz süßer in meinen Ohren als die mütterliche Frage „Was soll ich heute kochen?“

Ist diese kurze, glückselige Zeit wieder vorbei, muss ich mich das jeden Tag selbst fragen. Meist in einen Seufzer verpackt, weil es nach einem langen Arbeitstag lustigere Momente gibt als jene allseits bekannte Erkenntnis, die einem müden Blick in den Kühlschrank folgt: Genau das, worauf ich mich gefreut habe, ist ausgegangen / schlecht geworden / beim Hetzen durch den Billa knapp vor Ladenschluss aus meinem Gedächtnis gefallen. Also doch wieder Nudeln.

Am ersten Tag nach dem Urlaub zog es mich wie so oft in meine geliebte Salzburger Altstadt. Ich erledigte die Kleinigkeit, die ich als Grund für die Fahrt hinein vorgeschoben hatte und sog bald danach das Flair der Getreidegasse in mich auf, die schon voll auf Sommer-Touristen-Modus geschaltet hatte. Hier wird sich um diese Jahreszeit wohl auf immer und ewig die ganze Welt treffen. Zumindest so lange, bis die Sonne zum Roten Riesen wird und alles verschluckt.

Neu sind heuer die Selfie-Sticks. Das sind Teleskopstangen, die Weitwinkelselbstaufnahmen mit dem eigenen Smartphone möglich machen. Je krampfhafter diese Hobbyfotografen versuchen, ihre Stangen gerade zu halten, desto schräger schauen sie dabei aus. Und es gibt wieder ein Hindernis mehr, dem ich in diesem Beinen-, Armen-, Kinderwagen- und Einkaufstaschengewirr ausweichen muss.

Doch ich kenne eine Insel der Ruhe, und genau die steuerte ich an: das Cafè Mozart. Gutes Essen, eine passable Auswahl an tagesaktuellen Printmedien und lange Tische, um selbige adäquat auszubreiten. Einer ausgedehnten Verschnaufpause steht dort nichts im Wege außer hin und wieder zwei Amerikanerinnen, die vor der Tortenvitrine gleich neben dem Eingang Kalorien zählen.

Zu meiner Freude war das Tagesgericht eine Lasagne. Kaum hatte ich mich nach erfolgter Bestellung in eine Zeitung vertieft, stand die Kellnerin auch schon mit dem Teller da – auf dem sich eine riesige Portion türmte.

„Für wie viele Leute ist das?“, fragte ich sie heiter, meinte es aber durchaus ernst.

„Für Sie allein“, gab sie ohne Umschweife zurück. „Damit was wird aus Ihnen.“

Dieser Satz warf mich innerhalb von Sekundenbruchteilen in die Kindheit zurück. So etwas hatte ich vermutlich seit den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr gesagt bekommen. Mit einem Lächeln nahm ich den Ratschlag wörtlich und begann genussvoll zu schaufeln, bis der Teller tatsächlich leer war. Darüber freute sich auch die Servierdame, denn sie kommentierte meine Leistung mit den lobenden Worten: „Brav haben Sie gegessen!“

Danke, Mama … äh … mein Kind!

Heiliger Geist, menschlich

Pfingstmontag in der wunderschönen Barockkirche St. Vitus von Kufstein. Die Messe wird zügig und herzlich von einem Pfarrer des Typs gutmütiger Brummbär samt dazu passender Stimme zelebriert.

Als ich mit der Gemeinde auf den abschließenden Segen warte und – ich beichte es freimütig – in Gedanken schon bei Kaffee und Kuchen irgendwo in der Altstadt sitze, blickt der Priester plötzlich hoch und ruft volltönend durchs ganze Kirchenschiff: „Anni? Der Heilige Geist hat etwas gefunden, das du schon lange suchst!“

Nach einer Sekunde des Erstaunens über dieses ungewohnte Intermezzo erklingt die Antwort zwei Bankreihen hinter mir: „Ja, was denn?“

„Das sag‘ ich dir nicht“, setzt der Pfarrer geheimnisvoll fort. „Manchmal verschwinden Sachen. Und manchmal sorgt der Heilige Geist dafür, dass sie wieder auftauchen. Du kannst es im Pfarrheim abholen.“

Als sei überhaupt nichts Besonderes gewesen, erteilt der Geistliche den Pfingstsegen, der aus allen Richtungen von nachdenklichem Raunen untermalt wird.

Das Rätseln darüber, was der Heilige Geist da wohl zum Vorschein gebracht habe, begleitet auch mich auf meinem Weg von der Kirche in Richtung Inn-Ufer. Eine Kuchenform vom letzten Pfarrfest? Frau Annis bestes Fensterputztuch, das sie bei der letzten Kirchenreinigung so tatkräftig geschwungen hat? Ich komme nicht drauf, erfreue mich aber an meiner in Bewegung geratenen Fantasie. Und an der seelenvollen Menschlichkeit, deren kirchliches Auftauchen der Heilige Geist heutzutage leider viel zu selten bewirkt.

Im Inn-Cafe, wo mich bereits ein Fensterplatz und eine hübsche, übers ganze Gesicht strahlende Kellnerin erwarten, hängt ein Schild über der Theke: „Kaffee und Apfelstrudel, mit Allem 5,80“.

Ich bestelle ohne Nachdenken, weil ich der Neugier, was bei mit Allem inkludiert ist, ohnehin nicht entkomme. Bestimmt ist auch ein Portion Heiliger Geist dabei.

Essen, nur für pokerspieler

Während der Pause eines Poker-Turniers, bei dem ein kleines Buffet inkludiert ist, bediene ich mich an der Hauptspeise. Weil die einzige Servierdame leichte Überforderungstendenzen zeigt, bitte ich sie diesmal nicht um Hilfe, sondern trage meinen Teller vorsichtig zu einem Tisch. Ich schaffe es, ohne den Teppich mit Sauce zu verschönern und gehe zwecks Beilagenversorgung zum Buffet zurück. Das Schälchen erstarrt samt Gabel in meiner Hand, als ich erkenne, was sich in der einzig vorhandenen Schüssel befindet.

Weil mein Gehirn in der Kürze keine Lösung ausspuckt und sohin Gefahr läuft, in eine Endlosschleife der Verwirrung zu stürzen, wende ich mich nun doch an die Frau mit dem großen Schöpflöffel: „Wurstsalat? Zum Schweinsbraten?!“

Sie lächelt mich freundlich an und erwidert: „Das ist für die Spieler, die kein Fleisch essen!“

Die Welt der 52 Karten sieht manchmal doch sehr beschränkt aus …

FC Hollywood goes Austria

FC Hollywood – diesem Beinamen wurde Bayern München, der größte und erfolgreichste Fußballverein Deutschlands, in den letzten Jahren immer wieder gerecht. Es gab spektakuläre Siege, dramatische Niederlagen und dazu noch jede Menge Skandale rund ums runde Leder. Sportfaktor 1, Promifaktor 1: Das ergibt zusammen Glamourfaktor 1 plus.

Die neueste Entwicklung aber hatten selbst eingefleischte Bayern-Kenner nicht erwartet: Wie nach dem letzten Spiel der Saison bekannt wurde, übernimmt der austro-kanadische Milliardär Frank Stronach den Fußballklub! Am 1. Juli dieses Jahres wird aus dem FC der TS (Turn- und Spielverein) Bayern München. Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe, ein Erdbeben der Stärke 10 erschütterte die Fußballwelt!

Und auch in der sportlichen Leitung bleibt kein Stein auf dem anderen. Der Vertrag mit Pep Guardiola wurde aufgrund chronischer Erfolglosigkeit nicht verlängert – nur der nationale Meistertitel ist schlicht und einfach unter aller Sau. An seine Stelle tritt der charismatische Wiener Peter Stöger, der nicht nur den FC Köln in der Liga gehalten hat, sondern auch in Sachen Mode um vieles beschlagener ist; anschaulich dargestellt durch Stögers bunte Brillenkollektion im Vergleich zu den mausgrauen Altherren-Anzügen des Spaniers.

Als Sportdirektor fungiert ab Juli eine österreichische Fußballlegende: Hans Krankl, wahlweise auch bekannt als Johann K., Hanseburli, Goleador und Held von Cordoba, wird den Verein vor allem nach außen vertreten und managen. Sein Hochdeutsch ist zwar ähnlich schlecht wie das von Frank Stronach, aber trotzdem verstehen die Zuhörer meist, was er sagt. Das liegt wohl an den Anfangsworten seiner Statements: „Huach zua!“

Bei einer spontan einberufenen Pressekonferenz stellte das neue Führungstrio erste Pläne für die nächste Saison vor. Die schwächelnde Abwehr – Sargnagel in der ChampionsLeague wie auch im Cup – wird gänzlich auf rotweißrote und damit endlich stabile Beine gestellt. Neben dem bewährten linken Außendecker David Alaba besteht die Viererkette künftig aus Kevin Wimmer (kommt mit Stöger aus Köln), Aleksandar Dragovic (steht schon lange auf diversen bayrischen Einkaufszetteln) und Christian Fuchs (Schalke, wird von links auf rechts umgeschult). Und weil für einen Branchenleader nur das Beste gut genug ist, hat man gleich noch zwei Edelreservisten verpflichtet: Sebastian Prödl (saß schon im Flieger nach Istanbul, doch als er Kebab auf der Menükarte las, war ihm Weißwurscht doch lieber) und Martin Hinteregger (wollte nicht wie eine RedBull-Dose von Salzburg nach Leipzig verscherbelt werden, ist aber froh, weiterhin einen Audi fahren zu dürfen). Damit ist klar, dass Trainer Stöger wie in den vergangenen Jahren beim FC Köln auf eine stabile Verteidigung setzen wird. Auf die frischen Akzente in Mittelfeld und Angriff warten wir nach diesem Paukenschlag mit vor Spannung angehaltenem Atem!

Sportdirektor Krankl legte die Erfolgslatte jedenfalls schon sehr hoch: „Huacht‘s zua! Wir wer‘n mit‘n TSBM nicht nur de Meisterschaft dominieren, sondern auch CL und Cup. Alles andere is‘ primär!“

Präsident Frank Stronach sprach von einem Traum, der ihm weder mit Austria Wien noch mit dem FKÖNA (Fußballklub der österreichischen Nationalratsabgeordneten) vergönnt war: „Spätestens 2020 wird das Team Stronach … äh … der TS Bayern München Weltmeister sein!“ Den leisen Hinweis eines Journalisten, dass es in fünf Jahren keine Weltmeisterschaft gebe und zudem nur Nationalmannschaften teilnehmen dürfen, tat Stronach als unwichtig ab: „Das is‘ hier ka Betriebsratssitzung! Dann müss‘ ma halt die Statuten ändern, nicht?“

Zum Abschluss erinnerte Trainer Stöger an eine Anekdote, die belegt, dass schon der Spitzname FC Hollywood aus Österreich stammt: „Als Ernst Happel österreichischer Teamtrainer war, hat er der Mannschaft vor jedem Spiel die genaue Taktik mitgegeben. Und er fügte an: Wenn die nicht funktioniert, spiel‘ ma Hollywood!

(Foto: news.at)

Geben Sie mir ein Ping, Vasili!

Sind Gleichgesinnte unter sich, so reden sie häufig von genau jenem Gleichen, nach dem ihnen der Sinn steht. Die geneigte Leserschaft kennt das: Hundefreunde reden von Hunden, Malfreunde von der Malerei und Filmfreunde – in Weiterführung dieser Logik – von Filmen. Dennoch stelle ich hier und jetzt die These auf, dass Letztgenannte mit einem kleinen Heiterkeitsvorsprung beschenkt sind, der sie um eine Spur leichter durchs Leben wandeln lässt.

Der Grund dafür: Ein Gemälde bleibt per Definition wortlos. Es steht nicht zu erwarten, dass die honorigen Bischöfe, die viele Wände in der Alten Residenz in Salzburg zieren, in den nächsten Jahren zum Leben erwachen und aus ihren Rahmen steigen. Somit bleibt auch das Gespräch im Rahmen – über sie und über die Kunst. Bei Hunden ist die Sache diffiziler, denn fraglos ist es möglich, mit ihnen zu reden. Was zurückkommt, kann mit viel Phantasie und Kenntnis in nonverbaler Tier-Mensch-Kommunikation sogar als Antwort interpretiert werden, doch das erste wörtliche Zitat eines Vierbeiners ist noch nicht überliefert.

Filmfreunde aber reden nicht nur über Filme. Sie haben eine eigene Form der Sprache entwickelt, die sich nur Eingeweihten offenbart, nach jahrelangem, intensivem Studium zahlloser Beispiele, vom Klassiker bis zum Schund. Allein wer durch diese harte Schule gegangen ist, bringt es zum Meister in der Königsdisziplin: der Unterhaltung in Filmzitaten.

„Ich schau dir in die Augen, Kleines.“ Wo das hingehört, muss ich hoffentlich niemandem erklären. Viele sehnsuchtsvolle Liebeserklärungen sind nach dieser Herzensoffenbarung wohl den Bach hinuntergegangen. Sohin ist es von großer Bedeutung, ein Zitat im richtigen Moment anzubringen. Im besten Fall erntet man Bewunderung oder sogar die unerwartete - weil passende - Antwort eines Eingeweihten. Die verwirrten Blicke der Unwissenden dienen im schlechtesten Fall der eigenen Erheiterung.

Neulich erhielt meine Kollegin Claudia am Platz gegenüber eine SMS auf ihr Handy. Der Ton, mit dem die Nachricht als eingegangen vermerkt wurde, war ein helles, reines PING, was mich laut auflachen ließ. Claudia schaute mich fragend an, also verwertete ich die Vorlage: „Geben Sie mir ein Ping, Vasili.“

Der Kollegin Verwirrung war augenscheinlich. Deshalb verzichtete ich auf die klassische Fortsetzung, musste sie aber zeitnah anbringen, um mich zu erfreuen. Wozu hat man Filmfreunde? Ich rief Alexander an, einen wahren Meister der Filmzitate, mir selbst haushoch überlegen. In kurzen Worten schilderte ich ihm die SMS-Szene von vorhin und schloss wieder mit den Worten: „Geben Sie mir ein Ping, Vasili.“

Und Alexander enttäuschte mich nicht: „Aber bitte nur ein einziges Ping!“ Unser doppelter Lachanfall eine Sekunde später war für mich das absolute Highlight des Tages.

Mein Lieblingszitat? Ich verrate es Ihnen. Der Gedanke daran ist wie ein Zwanzig-Sekunden-Urlaub, den ich mir hin und wieder von ganzem Herzen gönne.

„Es war einmal, an der Nordküste von Long Island, nicht weit von New York. Dort stand ein sehr, sehr großes Haus – beinah ein Schloss. Auf diesem Anwesen lebte ein kleines Mädchen. Das Leben war angenehm dort und wunderbar einfach.“

Kennen Sie den Titel dieser Liebeskomödie? Meine immerwährende Hochachtung wird Ihnen gewiss sein. Falls nicht, muss ich sofort Alexander anrufen!

Offizielle Protestnote Seiner Exzellenz, des Botschafters

An die Einbrecher von Riegersburg!

Mit aller gebotenen Schärfe protestiert der Kernölbotschafter gegen die Vorgehensweise, mit der Sie die Spuren Ihres letzten Raubzuges verwischt haben. Wie den am Botschaftssitz gelesenen Salzburger Nachrichten vom 21.4.2015 auf Seite 11 zu entnehmen ist, haben Sie in einem Hotel fünf Liter Kürbiskernöl verschüttet, um Fingerabdrücke und sonstige Spuren für die Kriminalpolizei unbrauchbar zu machen.

Um es in der Gemeinsprache zu formulieren, die vielleicht auch Sie verstehen: Das geht gar nicht! Abgesehen vom angerichteten Schaden empfinde ich es als unerträglich, wie perfide Sie durch Ihre Tat meine nun schon Jahrzehnte andauernden Bemühungen torpedieren, unserem kulinarischem Kulturgut jenseits der Kernölgrenzen zu dem ihm zustehenden Durchbruch zu verhelfen. Ich halte täglich die Fahne unseres Schwarzen Goldes hoch, indem ich es nicht nur für Salat, sondern auch für die klassische Eierspeis wie für moderne Eiskreationen in höchsten Tönen anpreise. Und was bekommen die Leute jetzt mit? Wie schwer die Schmierage wegzuputzen ist, kruzzetürken!

Mit einem Fünkchen Anstand in Ihren verrotteten Seelen hätten Sie das Kernöl, dem Vernehmen nach durchaus hochwertige Ware, mitgenommen und verkauft. Bestimmt liegt der Wert höher als die paar erbeuteten Zigaretten. Und wer weiß, wie viel Bares Sie in dem aus der Verankerung gerissenen Tresor finden – falls Sie ihn überhaupt aufkriegen. Sie hätten das Öl auch anonym vor einer Kirche oder Armenküche deponieren und so einer sinnvollen Verwendung zuführen können.

Kürbiskernöl klebt an Ihren Händen. Den Geruch, so edel er aus einer frisch geöffneten Flasche in die Nase desjenigen steigt, der diesen Luxus zu schätzen weiß, werden Sie nicht mehr aus Ihrem schwarzen Herzen bekommen. Ebensowenig die Flecken von Ihren Kleidern.

Seien Sie gewiss: Der Kernölbotschafter wird nicht ruhen, bis der immaterielle Schaden an seiner Mission gesühnt und der Ruf des echten steirischen Kürbiskernöls wieder reingewaschen ist.

Gezeichnet von Seiner Exzellenz Hannes dem I., Salzburg, April 2015, A.D.

        

Sensation: Putin im Gemeinderat!

Am Karsamstag sitzt die ganze Familie nach Monaten wieder einmal vereint in der Heimat beisammen. Nicht nur der feine Osterschinken wird genüsslich verzehrt, es gibt auch einen regen Austausch wichtiger Neuigkeiten. Nach Dutzenden gepeckten Eiern kommt die Rede auf die kürzlich in der Steiermark geschlagene Gemeinderatswahl. Hier die unvollständige Wiedergabe einer Unterhaltung, deren weltpolitische Bedeutsamkeit wohl erst in vielen Jahren von Historikern ins wahre Licht gerückt werden wird.

"Wie ist es in Bad Gleichenberg ausgegangen?"

"Klarer ÖVP-Sieg. Sie haben die Absolute nur um vier Stimmen verpasst."

"Der Putin soll zuletzt auch in Gleichenberg gewesen sein."

"Wegen der Wahl?"

"Nein, zum Jagen. Der Wolf hat ihn eingeladen."

"Seit wann lädt der Wolf seinen Jäger ein, bevor er von ihm erschossen wird?"

"Nicht der schwarze Wolf. Der Siegfried Wolf."

"Aber der Siegfried Wolf ist doch eh bei den Schwarzen."

"Ich rede vom Tier, nicht von den Schwarzen im Gemeinderat."

"Die Schwarzen haben Putin in den Gemeinderat eingeladen? Wen soll er dort jagen?"

"In Gleichenberg gibt's schon lange keinen Wolf mehr."

"Nicht in Gleichenberg. In Trautmannsdorf."

"In der Nachbargemeinde gibt's noch Wölfe?"

"Nein, der Putin war in Trautmannsdorf."

"Weil dort ein Wolf gesichtet wurde?"

"Nein, weil er zum Jagen eingeladen war. Von Siegfried Wolf, einem persönlichen Freund."

"Nach der Gemeindereform gehört Trautmannsdorf jetzt zu Gleichenberg, oder?"

"Richtig."

"Also kommt man über Trautmannsdorf in den Gemeinderat von Gleichenberg."

"Wenn man das will."

"Vielleicht will der Putin das und war deshalb in Trautmannsdorf. Auf der Jagd nach einem Mandat."

"Was der Putin will, ist mir herzlich egal. Wer will eine Ostertorte?"

Allgemeine Zustimmung ertönt. Das Thema löst sich in Kaffee- und Mehlspeisduft so rasch und geheimnisvoll auf, wie es gekommen war.

Einen Tag später, am Ostersonntag, bringt die Krone bunt auf Seite 14 einen Bericht über das neue Luxusflugzeug von Wladimir Putin. Die Kernölbotschafter-Redaktion weiß aus Insiderkreisen, dass der hypermoderne Flieger gerade rechtzeitig für die Anreise zur konstituierenden Sitzung des Bad Gleichenberger Gemeinderates fertiggestellt wurde. Der Auftritt des russischen Präsidenten dort wird in vielen Familien zu interessanten Diskussionen führen. Mit und ohne Wolf.

Think Before You Think

Im geschäftlichen Mailverkehr ist es Mode geworden, am Ende eines elektronischen Briefes nicht mehr nur den Disclaimer anzuführen. So nennt sich ein Rechtehinweis, der falsche Empfänger vor missbräuchlicher Verwendung einer nicht für sie gedachten Nachricht warnen soll ("bitte nicht auf Facebook stellen und vor einer allfälligen Weiterleitung an die NSA zumindest Edward Snowden informieren").

Neuerdings glauben viele Konzerne, ihre grüne Verantwortung betonen zu müssen. Deshalb fügen sie am Ende eines Mails den Satz "Think before you print" hinzu. Im Business-Englisch klingt das natürlich besser als "Denk bevor du druckst", was sich ein bisschen wie die Aufforderung des Dorflehrers an den Klassentrottel anhört. Der geneigte Empfänger möge also kurz in sich gehen, bevor er die Mail ausdruckt. Vielleicht reicht es, sie elektronisch zu archivieren? Oder ist gleich Löschen die beste Option? Nach Abschluss des Denkprozesses, so suggeriert der Hinweis, habe der Empfänger selbstverständlich alle Freiheiten, nach seinem Gutdünken zu handeln.

Das Ansinnen mag durchaus ehrenwert sein, doch wie die Kernölbotschafter-Redaktion schon bei ähnlichen Aktionen feststellen musste, torpediert auch hier die mangelnde Ausführung den guten Willen. Eine österreichische Supermarktkette, die passenderweise ein grünes Bäumchen im Logo führt, beendet alle Mails mit jenem "Think before you print". So auch Bestellungen, die ich im Zuge meiner Profession als Verkäufer von Schlüsseln und Zylindern aus der Konzernzentrale erhalte. Die Mails strotzen nur so vor Leerzeilen zwischen dem Text, dass sie sich über zwei, drei und manchmal sogar vier Seiten hinziehen. "Denk nach, bevor du das ausdruckst", klingt als erhobener Zeigefinger sohin wie blanker Zynismus, dem ich mehr als einmal die Gegenfrage "Warum sollte ich, wenn du nicht einmal vor dem Schreiben nachgedacht hast?" volley retournieren wollte.

Den Vogel – oder besser den Storch – schoss in dieser Kategorie kürzlich ein Hotel am Neusiedlersee ab. Dessen Mailbestellung zog sich allein deshalb über zwei Seiten, weil am Ende lang und breit verkündet wurde: "Wir sind Gewinner des Goldenen Flipcharts 2011 – bestes Seminarhotel im Burgenland!" Die Darstellung der Trophäe durfte ebenso wenig fehlen wie die wortreiche Aufforderung, sich von den diesbezüglichen Qualitäten des Hauses doch bitte persönlich zu überzeugen.

Werbung ist wichtig, keine Frage. Wenn jedoch goldene Kochlöffel, Stamperl und Flipcharts als Aufmerksamkeitsvehikel wie goldene Schwammerl aus dem Boden sprießen, muss die Frage erlaubt sein, ob die zuständigen Marketingabteilungen überhaupt von der Blässe eines Gedankens angekränkelt wurden, ehe solch krude Ideen das Licht der Welt erblickten.

Als Chronist dieser und aller anderen Lebenskuriositäten, die mir noch begegnen werden, schließe ich diesmal selbst mit einer Aufforderung an alle, die voll Begeisterung über einen guten Einfall sogleich zur guten Tat schreiten wollen. Kurz und bündig, damit sich dieser Blog beim Ausdruck nicht über zwei Seiten zieht.

"Think before you think!"

Helmut, Hüter der Moral

Vermutlich bin ich der einzige Steirer, der in Salzburg lebt und bereits von zwei Vorarlberger Physiotherapeutinnen betreut wurde. Birgitt arbeitete vor einigen Jahren nahe der Mozartstadt, Judith lernte ich bei einem Aufenthalt in einer Spezialpraxis nahe Freiburg im Breisgau kennen. Beide Damen leben mittlerweile wieder im Ländle; Judith besuche ich immer noch jährlich für eine intensive Trainingswoche, und meist geht sich dabei auch ein gemeinsamer Kaffee mit Birgitt aus.

Für die Dauer meines Aufenthalts in Bregenz quartiere ich mich stets im Gasthof Lamm ein. Das kleine, gemütliche Landhotel mit ausgezeichneter Küche liegt sowohl in der Nähe von Judiths Praxis als auch unweit vom Bodensee; weil ich meine täglichen Therapieeinheiten immer mit einem Spaziergang entlang des Ufers abschließe, eine perfekte Kombination. Mittlerweile darf ich mich Stammgast nennen, der sowohl von der Eigentümerfamilie Schenk als auch den Beschäftigten des Hauses sehr herzlich aufgenommen und bestens betreut wird.

Gleich nach meiner allerersten Ankunft an einem Sonntag im Frühling 2012 lud ich Judith zu einem gemeinsamen Abendessen im Lamm ein. Sie sagte zu, und bald saßen wir an einem kleinen Tisch im Restaurant. Am Stammtisch gegenüber saß Seniorchef Helmut, ein rundlicher Mann mit dröhnender Stimme, Almöhi-Vollbart und stets fröhlich blitzenden Augen. Diesen Augen entging nichts, wie ich bald erfahren sollte.

 Die Woche verging rasch wie alle Wochen in Deutschland zuvor. Wenn der Fokus auf Trainieren liegt, bleibt neben Essen und Schlafen kein Platz übrig. Entsprechend schnell war der Freitag da, und ich verabschiedete mich aus Judiths Praxis bis zum nächsten Jahr. Wieder konnte ich ein paar kleine Fortschritte verbuchen, über die ich mich ebenso freute wie über ein Treffen mit Birgitt, die ich zu meinem letzten Frühstück ins Hotel eingeladen hatte.

Kaum hatte die zierliche Frau am folgenden Morgen neben mir Platz genommen und ihren Kaffee bestellt, bemerkte uns Seniorchef Helmut vom Stammtisch aus. Er hob grüßend den Arm, dröhnte ein "Guten Morgen!" und hielt dann inne, um genauer hinzuschauen. Was er sah, irritierte ihn augenscheinlich so sehr, dass er der Sachlage sogleich auf den Grund gehen musste. Helmut kam an unseren Tisch, beugte sich zu Birgitt und sagte mit einer Stimme, die in der fragwürdigen Mitte zwischen Verschlagenheit und Flüstern lag: "Sie sind aber nicht die Gleiche wie am Sonntag."

Mein Gehirn verwandelte sich von einer Sekunde auf die nächste in eine wortfreie Zone, so perplex war ich. Nicht einmal das naheliegende "Ich wüsste nicht, was Sie das angeht", fiel mir ein. Birgitt aber hatte einen unfehlbaren Sinn für die Situation. Sie strahlte Helmut mit dem süßesten Lächeln an und erwiderte: "Ich bin die andere Physiotherapeutin von Herrn Glanz." Diese Antwort schien für den alten Mann nachvollziehbar; er wünschte Birgitt einen guten Appetit und ging wieder an seinen Platz zurück.

 Als ich mich später von Helmut verabschiedete, konnte ich mir eine Frage beim besten Willen nicht verkneifen: "Haben Sie schon früher einmal jemanden so direkt angeredet wie vorher? Das könnte doch peinlich enden, oder?"

"Ist eh schon passiert", antwortete er mit einem verschmitzten Lachen. An seinen Augen sah ich, dass es der Spaß in jedem Fall wert gewesen sein musste.

Auf meiner Heimfahrt zog ich in Gedanken meinen Hut vor diesem wahren Hüter der Moral. Wer austeilt, muss auch einstecken können – Helmut weiß das.

Mimi und Doktor Frankenstein retten Salzburg und die Welt

Während ganz Salzburg aufatmet, weil Mimi gerettet wurde, hält der Kernölbotschafter den Atem an, weil die Weltrettung nur noch schlappe zwei Jahre entfernt ist. Genug Neuigkeiten für eine Woche, doch am Ende folgt noch eine dritte, versprochen.

Mimi, bislang eine glückliche und wenig beachtete Graugans am Leopoldskroner Weiher, hatte sich vor zwei Wochen mit ihrem Schnabel in einer silberblauen Getränkedose verkeilt. Dies behinderte sie beim Fressen und beim Fliegen – von wegen RedBull verleiht Flügel –, erhöhte jedoch so schlagartig wie ungewollt ihre Prominenz in der Bevölkerung. Viele kamen, um zu schauen und zu bemitleiden, andere wollten helfen. Doch nicht einmal von angerückten Berufsfeuerwehrleuten mit viel Energydrink intus ließ sich Mimi einfangen. Erst zwei Tierpflegern gelang dieses Kunststück; sie befreiten die Gans von ihrem ungewollten Ballast und päppeln sie jetzt im Salzburger Zoo auf. Das ganze Bundesland ist erleichtert und wieder bereit, sich weniger wichtigen Dingen zuzuwenden - etwa der Frage, in welchem Interview Mimi den Journalisten vom ORF Salzburg ihren Namen verraten hat. Fast wünscht man sich alle vierzehn Tage ein solches Drama. Dann würde sich niemand mehr für die stark zunehmende Abwanderung aus dem Innergebirg, die neuen peinlichen Fakten zum Finanzskandal und das endlose Verkehrschaos in der Landeshauptstadt interessieren.

Aber wie eingangs erwähnt, Rettung naht. Am 27.2.2015 war auf www.science.orf.at, dem Wissenschaftsportal unseres Staatsfunks, zu lesen, dass in spätestens zwei Jahren die erste Transplantation möglich sein wird, die wirklich Sinn macht: jene des Kopfes. Das behauptet jedenfalls der italienische Neurochirurg Sergio Canavero.

Halten wir an dieser Stelle gemeinsam kurz inne. Wenn der – zugegeben intensive – Moment des Ekels überwunden ist, eröffnen sich ungeahnte Aussichten. Diese gehen weit über die Vision des Arztes hinaus, nach der „Patienten, die unter schweren Krankheiten wie fortgeschrittenem Krebs leiden, einen neuen Körper erhalten sollen, um wieder normal leben zu können.“ Fein für alle, die es betrifft, aber es geht um mehr. Mit der Kopftransplantation steht die Schaffung des Weltfriedens nicht länger in den Sternen, sondern ist plötzlich greifbar nah.

Vielleicht stammt die Idee gar nicht von Canavero selbst. Gut vorstellbar, dass sein um nichts weniger umtriebiger Landsmann Silvio B. nach einem Weg gesucht hatte, sich mit seinem Dauergrinser in der italienischen Politik zu verewigen und während einer Bunga-Bunga-Pause auf  diesen abstrusen Einfall gekommen war. In der Zwischenzeit wurde der Ex-Cavaliere aber zu ein paar Monaten Sozialdienst verknackt. Ein jüngerer Körper brächte ihm also nur die Aussicht, flinker über die Gänge des Altersheims zu huschen, wo er zur Betreuung alter Männer – welch herrlicher Gegensatz zu seinen kaum volljährigen Haremsdamen – eingesetzt ist.

Trotzdem bieten sich genug andere Kandidaten an. Wladimir Putins Kopf könnte probeweise auf den Hals eines ostukrainischen Flüchtlingskindes versetzt werden – damit er spürt, wie sich die von ihm verbreitete Angst anfühlt. Börsenspekulanten auf Grundnahrungsmittel schlage ich ein paar Tage auf ausgemergelten afrikanischen Körpern vor, weil Mais und Weizen, falls überhaupt vorhanden, längst zu teuer geworden sind. Allen Konzernchefs, die das Projekt Biosprit abgesegnet haben, wird die gleiche Kur verordnet. Und wenn zu guter Letzt alle Kriegstreiber dieser Welt die Leiden der Opfer ihrer Autobomben, unbemannten Raketendrohnen und Granatsplitter zumindest so lange durchmachen müssen, bis sie die gröbsten Schmerzen überwunden und sich die dunkelsten Seelenfenster geschlossen haben, sind wir dem Weltfrieden einen großen Schritt näher gekommen. Also, lieber Doktor Frankenstein Canavero, bleiben Sie dran!

Neuigkeit Nummer drei verbindet die Schlagzeilen der Woche auf geniale Weise. Unterhalb der Meldung von Mimis Rettung (Titelseite des Lokalteils der Salzburger Nachrichten vom 28.2.2015) bietet die Firma Cutani ein „Facelift ohne OP“ zum Aktionspreis von 87,-- Euro an. Der Werbetext lautet: „Cutani Impulslicht wirkt dort, wo andere kosmetische Präparate nicht hinkommen.“

Wer sohin nicht zwei Jahre warten will, kann sich schon jetzt in Wals bei Salzburg erleuchten lassen. Angesichts der krassen Unterbelichtung vieler von mir genannter Individuen steht aber zu befürchten, dass nicht einmal reines Impulslicht da noch etwas ausrichten kann.

Verkehrsstrafe für intellektuelle

Neulich war ich zu einem Konzert von Mnozil Brass in der Nähe von Steyr eingeladen. Der Jänner hatte vor einer Woche dem Februar Platz gemacht, und sohin auch der Pflicht zum Aufkleben der diesjährigen Autobahnvignette, von den Designern in Azur getaucht. Tatsächlich ist es ein undefinierbares Mittelblau, das mit den Dressen der italienischen Squadra Azzurra, meiner Lieblingsfußballnationalmannschaft nach der eigenen, nichts gemein hat. Aber das wollte ich gar nicht erzählen.

Als kleinen Ausgleich für die mir unzumutbare Benützung öffentlicher Verkehrsmittel – so die behördensprachliche Umschreibung meines  fußmaroden Zustandes – erhalte ich die Vignette jedes Jahr kostenlos. Ein feiner Zug vom Sozialministerium, zumal es mich auch noch per Brief daran erinnert, sie zeitgerecht anzufordern. Ich faxe das unterschriebene Formular samt Zulassungsschein retour, und spätestens Mitte Jänner liegt das Pickerl in meinem Briefkasten. So auch in diesem Jahr.

Meine Vorfreude auf den Wochenendausflug, Kulturgenuss und Übernachtung inklusive, war groß. Das lästige Gedankenintermezzo beim Zusperren meiner Wohnung, ob ich den Herd ausgeschaltet hätte, verscheuchte ich daher mühelos mit „Du drehst ihn zum Frühstück doch gar nicht auf!“ Flugs die Tasche auf den Rücksitz geschmissen, und schon war ich unterwegs zur Autobahnauffahrt Salzburg Süd in Richtung Wien.

Alles an der Einladung, die ich einem alten Freund verdankte, war perfekt. Ich genoss die Unterbringung in dem feinen Stadthotel Mader, ein famoses Konzert und danach einen Drink in der Hotelbar, dessen Name Die Gurke nicht glücklich gewählt, dessen Geschmack jedoch superb ist. Beim Frühstück fragte ich mich, warum ein Tag im Büro nicht ebenso rasch vorbeiziehen kann wie die vergangenen Stunden. Wahrscheinlich deshalb, weil ich dort nur Wasser und Tee drinke.

War gestern der Himmel in ein trübes Schneegrau getaucht, so strahlte die Sonne bei der Heimfahrt von einem stahlbauen Himmel. Passend zum Wetter trugen mich die heitersten Gedanken und Erinnerungen über die Westautobahn gen Salzburg.

Als ich die zwei mausgrauen Busse der Asfinag am Ende der Autobahnausfahrt Salzburg Süd erkannte, fiel mein Blick auf die linke obere Ecke meiner Windschutzscheibe – und ich stellte mit heißem Entsetzen fest, dass dort Limettengelb prangte, nicht aber Azurblau. Still verwünschte ich alle Farben und alle Namen dafür, ärgerte mich aber am meisten über mich selbst. Da kriegst du die Vignette gratis, egal in welcher Farbe, und bist dann zu deppert, sie rechtzeitig aufzupicken.

Was folgte, darf ich bei allen österreichischen Autofahrern als bekannt voraussetzen. Ich wurde angehalten und freundlich gefragt, ob ich nicht wisse, dass ab 1. Februar … bla, bla, bla. Natürlich bejahte ich nickend und zückte als kleinen Ablenkungsversuch meinen §29b-Ausweis, verbunden mit dem Hinweis auf meinen Gratisanspruch zum Erhalt des Pickerls.

„Haben Sie es dabei?“, fragte der Mann. Sein Ton war noch immer freundlich, was mir die Hoffnung auf eine allerletzte Chance gab. Wenn ich das verdammte Ding in meine Tasche geschmissen hatte, bevor ich diese auf den Rücksitz – Gedankenblablabla, um meinen Ärger ein wenig zu drosseln –, würde ich vielleicht noch einmal völlig unverdienterweise davonkommen.

Bevor meine Suche in den vielen Abteilungen und Seitenfächern peinlich wurde und meine Wut auf mich dazu führte, dass ich alles einfach herausschüttelte, gab ich sie auf. Unfassbare 120 Euro wurden gegen eine Quittung getauscht („Die gilt jetzt für zwei Tage.“ – Super, vielen Dank!), und ich fuhr nach Hause, ungläubig darüber lachend, dass ich soeben die dämlichste aller Verkehrsstrafen kassiert hatte. Schnellfahren oder Falschparken kann doch jeder; bei mir musste es da schon intellektueller zugehen.

Sollte ich jemals wieder zweifeln, ob der Herd ausgeschaltet ist, gehe ich sofort nachschauen. Denn als ich meine Wohnküche betrat, sah ich auf dem Esstisch etwas Kleines, Rechteckiges. In Azurblau. Wirklich blöd, diese Farbnamen!

Sex-Empfehlungen, amtlich

Wie haben Sie den Valentinstag verbracht? Ich hoffe doch, in trauter Zweisamkeit. Vielleicht waren Sie mit ihrer/ihrem Liebsten in Fifty Shades of Grey und werden sich am Montag spontan freinehmen, um gemeinsam im Baumarkt das Angebot an Kabelbindern, Seilen und Klebebändern zu sichten. Diese Utensilien sollen ja, schenkt man den Meldungen der vergangenen Tage Glaube, eine besonders anregend-inspirierende Wirkung haben.

In Thailand hat man ganz andere Sorgen. Dort riefen das Gesundheitsministerium und das Amt zur Förderung der moralischen Werte (keine Erfindung des Chronisten, das gibt es wirklich!) dazu auf, den Feiertag für Verliebte nicht zum einvernehmlichen Beischlaf zu nutzen. Stattdessen sollten die Pärchen „etwas Schönes kochen oder einen Tempel besuchen.“ Grund seien die vielen ungewollten Teenager-Schwangerschaften und die steigende Anzahl von Geschlechtskrankheiten. Diese Meldung rauschte durch den weltweiten Medienwald und landete sohin auch in der Kernölbotschafter-Redaktion.

Wie so oft ist das Ansinnen ehrenwert, wenn es amtlich zugeht; die Mittel führen jedoch nicht immer zum gewünschten Ergebnis. In diesem Fall könnte der Schuss sogar geradewegs nach hinten losgehen: Die vorgeschlagenen Alternativen zum Sex am Valentinstag dünken bei genauerer Betrachtung noch anregender als das Angebot vonObi, Baumax und Hornbach zusammen.

Vor langer Zeit (das klingt ein bisschen weniger schlimm als das ehrliche „vor mehr als zwei Jahrzehnten“) saß ich mit einer von mir damals Angebeteten in einer leeren Kirche. Die halbschattige Stille um uns, ihr Parfüm, das wie in Stein gemeißelte Profil – alles empfand der Jüngling in hohem Maße anregend. Wenn ich damals nicht schon in die Guter-Freund-Falle getappt wäre … wer weiß, wohin uns der Weg nach dem Kirchenbesuch geführt hätte.

„Etwas Schönes kochen“: Von wem stammt dieser Vorschlag, bitteschön? Von einem asketischen Mönch mit Altersdemenz? Klar, wenn eine Schale ungesalzener Reis mit Grünem Tee den höchsten Genuss bedeutet und dazu die eigene Jugend längst vom Nebel des Vergessens verschluckt wurde, kann die Fantasie schon einen Knick bekommen. 99,9 Prozent der liebesfähigen Weltbevölkerung wissen hingegen, dass gemeinsames Kochen per Definition etwas Sinnliches und deshalb zur Koitusanbahnung überaus geeignet ist. Geschichten darüber, wie jemand vom anderen Geschlecht eingekocht wurde oder dieses selbst eingekocht hat, sind sowohl Legende als auch Legion. Wie soll man denn eine Stunde in einer kleinen Küche Schulter an Schulter stehen, eine weitere Stunde Schenkel an Schenkel sitzen und ein feines Valentinstagspapperl verspeisen, ohne dabei scharf wie eine Chilischote zu werden? Wer jetzt noch ein Aphrodisiakum braucht, der möge seinen Weg lieber in der Nachfolge des Mönchs suchen.

In gut neun Monaten wird die Welt wissen, ob die Anregungen des Amtes zur Förderung der moralischen Werte (ich musste es noch einmal anbringen!) gewirkt haben. Ich verdanke ihnen jedenfalls die Idee, einen Kochkurs zu machen. Mein mangelndes Können auf diesem Gebiet zwang mich bislang zu Restauranteinladungen, wo die Sache mit der Anbahnung noch nicht wirklich ideal gelaufen ist.

Vermutlich wegen der großen Küchen.

 

Fifty Shades of Gabalier

In der beliebten Reihe Die Wöd steht nimma laung bringt die Kernölbotschafter-Redaktion zwei Meldungen, die am 10.2.2015 auf der Homepage des rot-weiß-roten Staatsfunks zu lesen waren. Bei beiden handelt es sich unglücklicherweise nicht um einen vorgezogenen Faschingsscherz.

In der Rubrik Lifestyle: „Britische Baumärkte rechnen mit Fifty-Shades-Ansturm“

Eine britische Baumarktkette hält ihre Mitarbeiter dazu an, sich mit dem Inhalt der Soft-Sado-Maso-Bibel Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen vertraut zu machen, um „sensible Fragen von Kunden auf höfliche, hilfreiche und respektvolle Art beantworten zu können.“ Grund ist der bevorstehende Kinostart der Romanverfilmung, welchem – dem Vernehmen nach – nicht nur Fans und Besitzer von Lichtspieltheatern entgegenhecheln. Auch Baumärkte haben vorgesorgt und größere Posten von Kabelbindern, Seilen und Klebeband angeschafft, weil „diese Produkte in einer besonderen Szene dafür gedacht seien, Herrn Greys unkonventionelle sexuelle Wünsche zu erfüllen.“

Also Obacht, liebe Frauen: Wenn euer aktueller Lebensabschnittspartner in den nächsten Tagen ohne ersichtlichen Grund den Einkauf übernimmt, dann aber statt eines Billa-Sackerls zwei prall gefüllte Tragtaschen vom Baumax nach Hause bringt, empfiehlt es sich, deren Inhalt genau zu prüfen. Oder zumindest spontan mit der besten Freundin auf ein, zwei Kaffetscherl zu gehen – klarerweise unter der Voraussetzung, dass sie den Film schon gesehen hat und/oder selbst im Baumarkt war.

Wie gesagt, kein Witz. Angesichts einer solch haarsträubenden Realität hilft nur die Flucht in Kindheitsträume. Doch was wartet in der Rubrik Leute?: „Gabalier singt Heidi-Hymne“

Jetzt wird auch noch diese sichere Festung aus Heidi, Wickie, Pinocchio und Biene Maja brutal zerstört. Und ich dachte schon, mit der peinlichen ÖBB-Werbung „Von Wien nach Prag um 19 Euro“, in der zwei halblustige Kabarettisten das Lied „Einmal um die ganze Welt“ grauslich verhunzen und sich der arme Karel Gott auch noch für ein Selfie hergeben muss, wäre der Boden des Fasses erreicht. Jetzt muss ich erkennen: Das Fass hat gar keinen Boden!

Für die Neuauflage der Serie Heidi wurde doch tatsächlich Volksrocknroller Andreas Gabalier engagiert, um das Titellied neu einzusingen. „Es war für mich eine Ehre, angefragt zu werden“, so der Sänger (erst im dritten Versuch gelang es mir, dieses Wort richtig zu schreiben). Meine Frage an den Urheber dieser Idee: Haben Sie sich irgendetwas gefragt, bevor Sie eine lebendig gewordene österreichische Kombination aus Trachtenlederhose, rot-weiß kariertem Hemd und Elvis-Frisur gefragt haben, im Vorspann einer Kinderserie zu jodeln, die in den Schweizer Alpen spielt? Da können Sie auch gleich im nächsten Jahr bei der Lauberhorn-Abfahrt in Wengen die Kuhglocken verbieten und Gabalier als Draufgabe die eidgenössische Hymne singen lassen! Aber Achtung: Er mag keine modernen Textfassungen.

Ich seh’s schon kommen: In naher Zukunft wird aus Wickie der neue Käpt’n Iglo, und Pinocchios Nase wird im 36. Teil von 50 Shades of Grey – Hölzerne Spiele auf eindeutig unkonventionelle Weise zum Einsatz kommen.  Diese düsteren Aussichten lassen keine andere Wahl: Es gibt nur einen Weg zur Rettung des Planeten.

In einer konzertierten Anti-Terror-Aktion müssen die örtlichen Baumärkte gestürmt und ihres sämtlichen Vorrats an Klebeband, Seilen und Kabelbindern beraubt werden. Danach wälze sich der Mob zum Haus von Andreas Gabalier, um lautstark die Herausgabe aller existierenden Masterbänder der neuen Heidi-Hymne zu fordern. Geschieht das nicht innerhalb einer Stunde, ist das AVVK (Anti-Volksgut-Verhunzer-Kommando) berechtigt, den Delinquenten sowie seine Knopferlharmonika mittels der mitgebrachten Utensilien daran zu hindern, auch nur einen Ton des neuen Liedes zu singen oder zu spielen. Als zusätzliche Buße wird dem Straftäter auferlegt, ein Jahr lang täglich am Hauptplatz einer anderen österreichischen Stadt den derzeit gültigen Text der Bundeshymne durch ein Megaphon aufzusagen. Sollte er den Versuch des Gesangs unternehmen, verlängert sich die Buße automatisch um ein weiteres Jahr.

 

Himmel über Paris (Brief an drei verirrte Seelen)

Im Gedenken an die Opfer der Terroranschläge vom 7.1.2015

Ich weiß nicht, wo ihr gerade seid. Ob ihr, während ich dies schreibe, von einer schier unübersehbaren Schar Jungfrauen becirct werdet. Oder ob ihr euch ganz ohne Gesellschaft ungläubig die Augen reibt, angesichts einer riesigen Schale Obst – es wäre ein hübscher Beweis dafür, dass nicht alle Versprechen so gemeint sind, wie sie gerne verstanden werden.

Ich hoffe aber, ihr hattet drei Logenplätze mit bester Sicht auf die zahllosen Menschen, die vor ein paar Wochen in Paris gezeigt haben, wie stark geeint sie stehen gegen eure Schändlichkeiten. In deren Herzen der Samen des Hasses, den ihr mit eurem feigen Anschlag gegen  Zeichenstift und Feder säen wolltet, niemals aufgehen geschweige denn Frucht tragen wird.

Weil wir schon bei Fehleinschätzungen sind: Der Plan, ein Medium auszulöschen, weil es nach eurem Ermessen den Propheten Mohammed beleidigt hat, erwies sich als der größte Rohrkrepierer aller Zeiten. Die Zeitung Charlie Hebdo hatte bis vor kurzen eine Auflage von sechzigtausend Stück; in einem Land mit knapp 66 Millionen Einwohnern nicht der Rede wert. Von der Ausgabe nach eurem vermeintlichen Husarenstück wurden sieben Millionen gedruckt. Und hier ist nur von der ersten Auflage die Rede, wohlgemerkt. Damit hat sich euer Feind, anstatt der Vernichtung anheim zu fallen, mehr als verhundertfacht. So etwas nenne ich eine gelungene Operation!

Darf ich euch zwei Fragen stellen? Wie steht es um den Charakter eines Propheten, der sich von einer Zeichnung – wie provokant sie auch sein mag – beleidigen lässt? Wie schwach ist euer Gott, von dem ihr gleiches sagt? Meinen Gott ficht so etwas nicht an. Er ist beständig in seiner Liebe zu mir, nimmt alles hin, was ich ihm entgegenschleudere. Ich machte ihm Vorwürfe, die meinen besten Freund vertrieben hätten. Mein Gott aber ist bei mir geblieben.

Jetzt verrate ich euch etwas: Gerüchte besagen, wir glauben an den gleichen Gott! Ihr drei, ich, Charb und seine Kollegen bei Charlie Hebdo, Europäer und Araber, Juden, Christen und Moslems, überhaupt alle Menschen auf der Welt! Ist das nicht wunderbar?

Ich sehe ein Stirnrunzeln im Himmel über Paris. Das kann nicht zusammengehen, denkt ihr wohl, wenn euer Gott beleidigt ist und meiner nicht. Nie und nimmer sprechen wir vom gleichen Gott.

Meine Theorie dazu ist vielleicht abwegig, aber ich bringe sie trotzdem: Irgendwann hat jemand – ein Lehrer, ein Imam, ein guter Freund – euch erzählt, euer Gott wäre beleidigt, wenn er diese und jene Dinge sehen muss. Falsche Lebensweisen, kritische Zeichnungen, fremde Religionen. In dem Moment hättet ihr euren Grips anstrengen und euch fragen können: Ist das wirklich so? Doch ihr habt den Worten sofort geglaubt – euer Verstand hatte nicht die geringste Chance herauszufinden, ob ihr selbst auch so denkt. Und nach einer Weile machte es keinen Unterschied mehr, ob euch jemand sagt, Gott sei beleidigt, oder ob es wirklich der Fall ist.

Beleidigungen tun weh, keine Frage; ich habe viele davon erlebt. Sie nahmen nicht den Umweg über Gott, sondern trafen mich direkt. Manche geschahen aus Unachtsamkeit, mit anderen wollte man mich bewusst verletzen.  Ich habe alle ertragen, mit Hilfe meines Gottes und vieler Freunde. Und dank einer Gabe, die jeder Mensch beim Betreten dieser Welt in sich trägt. Auch ihr drei habt sie bekommen: das Lachen.

Ihr habt vergessen, wie man lacht. Als Kinder konntet ihr es, da bin ich sicher. Euer Kinderlachen war hell, durchdringend und befreiend, wie jenes aller anderen Kinder auch. Und wieder hat euch jemand gesagt: Lacht nicht! Seht doch, wie schlecht die Welt ist! Und alle anderen sind schuld daran! Damit war der Samen des Hasses in euch gepflanzt.

Euer Gott ist so groß und so gütig und so liebevoll und so wenig beleidigt wie der meine. Ich befürchte aber, ihr würdet ihn nicht erkennen, selbst wenn er direkt vor euren drei Nasen stünde. Denn der Hass hat eure Augen blind, eure Ohren taub und eure Herzen kalt gemacht. Andere zogen diesen Hass in euch heran, bis seine Schwärze alles zudeckte und er reif war für die Ernte. Sie drückten euch Waffen in die Hand, nannten euch eine Adresse in Paris. Blind, taub und kalt seid ihr losgestürmt.

Waffen können Menschen auslöschen, aber keine Geisteshaltung. Sie können Gliedmaßen, Organe verletzen, aber kein Vertrauen in sich selbst, in den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, in Gott.

Auch wenn die Menge von Paris schweigend marschierte, drang ihr seelenvoller Ruf millionenfach in den Himmel, verstärkt von zahllosen Herzen auf der ganzen Welt. Keine Waffe, keine Hassrede und keine Beleidigung wird ihn jemals verstummen lassen.

Ich bin das Lachen! Ich bin die Freude am Leben! Ich bin Charlie!

 

 

Star Wars in BetleheM

Bei meinem siebenjährigen Neffen Johannes ist die Krieg-der-Sterne-Phase voll ausgebrochen. Das äußert sich in Marzipanverzierungen auf Geburtstagstorten, Plastik-Laserschwertern, um mit dem kleinen Bruder klassische Kampfszenen aus den Filmen in Originallänge nachzuspielen, sowie zahllosen Figuren in Playmobilgröße: Tische, Regale und der Fußboden gehören längst zu einer weit, weit entfernten Galaxis.

Aber auch in diesem Jahr gelang es meiner Schwester Evi, Mutter jener zwei kleinen Jedi-Ritter (die beiden älteren Kinder haben diese und viele anderen Phasen bereits glücklich überwunden), unter Einsatz aller Autorität, einen weihnachtlichen Platz im Wohnzimmer zu erkämpfen. Sohin stand in der Ecke ein festlich geschmückter Christbaum und davor eine moderne Krippe, deren Figurenzahl durch kontinuierliche Erweiterung des Tierbestandes schon beträchtlich ist.

Als sie am Morgen des Christtages zur Krippe schaute, fand sie weder das Jesuskind noch dessen Eltern oder Ochs und Esel an den ihnen seit Jahrtausenden fix zugewiesenen Plätzen vor. Sie lagen zerstreut in alle Richtungen; eine Figur inmitten des Chaos ähnelte sehr verdächtig dem unter Insidern bekannten Luke Skywalker.

„Was ist denn hier los?“, galt Evis erste Frage folgerichtig Johannes, der auf der Couch saß und seelenruhig einen Weihnachtskeks verspeiste.

„Darth Vader hat die Krippe angegriffen!“, gab der Kleine zur Antwort. Er tat dies mit großen Augen, die die Unwissenheit seiner Mutter zugleich tadelten und bedauerten. „Luke Skywalker hat es nicht verhindert. Keine Ahnung warum.“

Wäre meine Schwester mit dem Star-Wars-Universum vertraut, hätte sie einen blitzgescheiten Konter fahren können: Dann wären die Figuren durch das Laserschwert von Darth Vader verdampft, nicht bloß umgefallen. So aber blieb ihr nur die Aufforderung an den Sohn, alles in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen, was dieser nach einem weiteren Wie-kannst-du-eine-so-dumme-Frage-stellen-Mama-Blick auch tat.

Nachdem der letzte Hirte wieder seinen Platz gefunden hatte, gestattete Evi sich den nachträglichen Wunsch ans Christkind, die Krieg-der-Sterne-Phase möge bis zum nächsten 24. Dezember abgeklungen sein. Andernfalls fände sie möglicherweise in knapp einem Jahr unter dem Baum eine Original Star-Wars-Krippe, mit einem Laserstrahl anstatt des Sterns über dem Stall von Betlehem.

Aber dieses Schreckensszenario wird die in Sachen Familienweihnachten erfahrene Mutter zu verhindern wissen – schließlich hat sie es bislang auch geschafft, den Weihnachtsmann aus ihrem Haus fernzuhalten. Möge die Macht mit ihr sein!

Doch kein ausserirdischer

Während eines Spaziergangs entlang einer Gasse in meiner Nachbarschaft, die den schönen Namen Am Spitz trägt, kommt mir ein Mann entgegen, der einen etwa dreijährigen Buben auf einem Bobby Car mit Griff vor sich her schiebt. Kaum bemerkt das Kind meine fremdartige Gehweise, starrt es mich mit riesigen Augen und offenem Mund an. So weit, so normal.

Eine Nanosekunde, nachdem der Mann geschnallt hat, warum der Bub nicht mehr seinen Worten lauscht, beginnt er hektisch, den Kleinen von der offensichtlichen Quelle seiner Faszination abzulenken: „Was für ein schöner Tag heute ist! Hörst du die Vögel, Samuel? Obwohl wir schon November haben, singen sie noch!“

Ob Samuel die Vögel hört, bleibt für mich unergründlich. Sehen tut er sie auf keinen Fall, hat er doch einzig und allein Augen für jenen Mann, der da so komisch daherwackelt. Sohin intensiviert sein erwachsener Begleiter seine Bemühungen, die Aufmerksamkeitshoheit zurückzugewinnen: „Was hat es im Kindergarten zu essen gegeben, Samuel? Hat es dir geschmeckt?“

Es hilft nichts: Das Kind starrt und staunt. Alles ist vergessen – Frühstück, Mittagessen und das noch gar nicht verspeiste Nachtmahl gleich dazu. Als die beiden schon fast auf meiner Höhe sind, ergreift der Mann in dem Irrglauben, eine fürchterliche Peinlichkeit mir gegenüber ausmerzen zu müssen, seine letzte Chance. Wir passieren einander genau neben einem Garten, in dem eine große Blutbuche steht, deren tiefrote Blätter in der Herbstsonne leuchten.

„Schau nur, Samuel! Sind die Blätter an dem Baum da nicht wunderschön?“

Was für eine bizarre Situation: Dieser Mensch steht nur eine Armeslänge von mir entfernt, schaut jedoch so konzentriert von mir weg, als würde ihn mein Anblick innerhalb einer Sekunde blenden oder in immerwährende Verwirrung stürzen. Dabei stellt er sich auch noch dermaßen ungeschickt an, dass es für mich hoch an der Zeit ist, korrigierend einzugreifen.

Ich bleibe stehen, drehe mich zu der Blutbuche und sage laut hörbar: „Der Baum ist wirklich schön!“

Im nächsten Moment zerplatzt der Ballon aus unausgesprochenen Fragen, und der Mann schaut mich mit noch größeren Augen an als das Kind. Auf seiner Stirn steht deutlich geschrieben: Also doch kein Außerirdischer! Das ist ja ein Kerl aus Fleisch und Blut, der ganz normal redet! Unglaublich!

„Kommen Sie aus der Steiermark?“, fragt er staunend. Ich nicke und staune meinerseits darüber, dass ein einfacher Satz genügt, um aus Personen wieder Menschen zu machen, die einander offen begegnen und eine simple Wahrheit erkennen: Eingebildete Ängste vor vermuteten Beleidigungen sind so ziemlich das Unnötigste zwischen Scheibbs und Nebraska. 

Der Mann grinst erleichtert. Das Kind ist glücklich, mich endlich ungehindert anschauen zu können. Nach ein paar weiteren Worten verabschieden wir uns. Alles ist gut.

Heiteren Herzens setze ich meinen Spaziergang fort, höre die Vögel, sehe die strahlenden Herbstfarben um mich herum. Und freue mich auf mein Nachtmahl.

Abkürzen, aber richtig

Was macht ein Manager, der furchtbar gestresst, aber doch hin und wieder einsam ist? Er gibt eine Kontaktanzeige auf. Die dafür mühsam freigeschaufelten fünf Minuten reichen nicht für einen sehnsuchtsvollen literarischen Erguss, also wählt der Mann den Weg der knackige Abkürzung. Zum Beispiel so, wie es in den Salzburger Nachrichten vom 8.11.2014 auf Seite 20 in der Rubrik Partnersuche zu lesen ist:

ER, gut sit., attrakt., su. niveauv., natürl. SIE bis 50 J., mit Foto.

An dieser Stelle lässt der Chronist die Frage, welchen Mengenrabatt es für einen Satz mit sechs abgekürzten Wörtern gegeben haben könnte, lässig beiseite und konzentriert sich aufs Wesentliche. Wie soll sich eine niveauv., natürl. SIE den hoffnungsv. Werber vorst.? Klar, gut sit. klingt nicht schlecht (Cash macht bekanntlich fesch), aber sonst? Es ist zu befürchten, die erste reale Begegnung – falls es nach dem Austausch von drei Kurzmitteilungen via Twitter überhaupt dazu kommt – findet im Stehcafé anstatt im Haubenlokal statt. Und in seiner Hose vibriert nichts außer seinem (nach der dritten Aufforderung ihrerseits) stumm geschalteten Smartphone.

Doch auch für im Megastress gefangene Liebessuchende gibt es Hoffnung. Unser Freund könnte mit seiner Anzeige ins Schwarze treffen und sein Pendant finden: Eine Frau, die genau seinen Wünschen entspricht. Für diesen Fall sendet der Kernölbotschafter eine dringende Bitte an das glückliche Paar: Um Mtlg. w. geb.

Zweite Möglichkeit: Der Mann nimmt sich einen Abend frei und besucht eine Veranstaltung, die für Leute wie ihn erfunden wurde: Speed-Dating. Dort kann er nach Herzenslust alles abkürzen: seine Sprache, seinen Lebenslauf und jeden persönlichen Kontakt mit seinem Gegenüber.

Mein Blick, von derart massiv eingesetzter Interpunktion unscharf geworden, schweift weiter und findet am linken Rand der gleichen Seite eine Announce, die mehr verspricht: Hendlessen. Ich will schon die Nummer daneben wählen, da reihen sich die Buchstaben vor meinen Augen doch noch zu Handlesen um.

Ein schrecklicher Verdacht steigt in mir hoch: Irgendjemand hat auch dafür eine Abkürzung gefunden. Übers Telefon.

Wisch & weg

Ein Anruf meines Außendienstkollegen Franz wird wieder einmal abrupt unterbrochen. Er spricht danach stets von einem Funkloch, ich hege aber den Verdacht, dass ein anderer Anruf wichtiger war. Oder (wenn ich meine boshaften zehn Sekunden habe) dass er, was auch vorkommt, einen technischen Infight mit seinem Smartphone verloren hat.

Sohin lasse ich mit meiner Frage, als Franz sich erneut meldet, alle Optionen offen: „Hast du mich gerade weggewischt?“

„DICH würde ich NIE wegwischen“, erwidert er im Brustton der Überzeugung, was ich angesichts unserer guten Zusammenarbeit beinahe glaube.

Wir sprechen über den Grund seines Anrufs. Als ich selbst einen offenen Fall anreiße, unterbricht er mich.

„Du, ich habe da jemanden in der Leitung. Servus!“ Ein Wisch – und weg war ich.

Wirklich schade, dass ich Franz bei seinem zuvor gemachten Kompliment nicht gegenüber gestanden bin. Ich wette, er bekam ein rotes Gesicht. Oder zumindest eine lange Nase.

Lange nacht der Undankbarkeit

Ein Leserbrief in den Salzburger Nachrichten vom 4.10.2014 auf Seite 30:

Lange Nacht der Museen Diese Veranstaltung wird wochenlang als „besonderes Zuckerl“ für die Bevölkerung in den Medien angekündigt … kostet aber 13 Euro. Wenn man an einem Abend zwei Museen besichtigt, wird man schnell von den beeindruckenden Werken gesättigt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Leute noch um Mitternacht fit sind, um Galerien zu besuchen. Vielleicht sollte sich Österreich vielen anderen EU-Ländern anschließen, die jedes Jahr am dritten Wochenende im September die „Europäischen Tage des Kulturerbes“ feiern. An diesen zwei Tagen (Samstag und Sonntag) sind alle Museen, Schlösser, Monumente, Theater den ganzen Tag gratis – sicher auch besser für die Kinder! Christine (Nachname der Kernölbotschafter-Redaktion bekannt)

Liebe Christine! Beim Lesen Ihrer Suderei fiel mir der Spruch „Allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann“ ein. 13 Euro Eintritt sind wie jeder andere Betrag diskutabel, weil ein Wert schon für zwei Personen eine unterschiedliche Wertigkeit besitzen kann. Bei sachlicher Betrachtung des Gebotenen ist der verlangte Preis jedoch zweifellos eine Okkasion. Dass Sie nur zwei Museen schaffen und um Mitternacht nicht mehr fit sind, ist nicht die Schuld der vielen Menschen, die mit vollem Einsatz für das Gelingen dieser Nacht arbeiten. Auch wenn es österreichisch anmutet, überall ein Haar in der Suppe zu finden, zeugt Ihr Brief für mich von ungesundem Egoismus nach dem Motto „Ich mag es nicht, also ist es schlecht“. Anstatt eine Veranstaltung herunterzumachen, die Jahr für Jahr unzählige Besucher begeistert – und, nebenbei bemerkt, nicht für Kinder konzipiert ist –, sollten Sie öfter die Seite Good News in den SN lesen. Das vertreibt trübe Gedanken und öffnet vielleicht auch die Tür zur Dankbarkeit für das gute Leben, das wir in Österreich führen dürfen.

Noch ein Tipp: Im Salzburger DomQuartier kann man seit Mai dieses Jahres fünf Museen in einem einzigen Rundgang besuchen, und das zum Preis von  12 Euro. Dort könnten Sie nach Lust und Laune trainieren – für die nächste Lange Nacht. Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen, dass Sie im nächsten Jahr drei Ausstellungen schaffen!

 

Andere dumme Kühe

Am Spielplatz vor meinem offenen Fenster sagt eine Vierjährige zu ihrer gleichaltrigen Noch-vor-einer-Minute-besten-Freundin: „Du dumme Kuh!“

Die Mutter, entsetzt: „Laura! Das sagt man doch nicht!“

„Wieso? Papa hat es gestern über Tante …“-

Die Mutter, hektisch: „Der meinte eine andere!“

„Eine andere dumme Kuh?“

Die Mutter, verzweifelt: „Du entschuldigst dich jetzt sofort bei Sarah!“

„Nur wenn du mir sagst, wen Papa gemeint hat.“

Die Mutter, streng: „Später!“

Der weitere Dialog der beiden spielt sich zu meiner Enttäuschung außer Hörweite ab. Ich bin aber guter Hoffnung, dass Laura und Sarah schon bald wieder beste Freundinnen sein werden.Wirklich dumme Kühe werden ihren Lebensweg ohnehin kreuzen. Nicht nur jene, die Papa gemeint hat. Auch andere.

Frau mit Grill sucht

Gefühlvolle Enddreißigerin, hübsch aber schüchtern, sucht IHN mit HHH (Herz, Hirn, Humor) für lange Spaziergänge, bei Sympathie gerne mehr. Bitte mit Foto!

So oder so ähnlich klangen bis vor ein paar Jahren die Kontaktanzeigen in den Wochenendausgaben. Das Gedankenbild vom Mauerblümchens, das sehnsuchtsvoll die tägliche Post erwartet und einen Brief, sobald er tatsächlich gekommen ist, mit zitternden Händen öffnet, wurde quasi frei Haus mitgeliefert.

Dann war plötzlich Wirtschaftskrise, und vieles änderte sich. Aus Hoffnungen wurden Forderungen, nur die Enttäuschungen blieben gleich. Ein neuer Ton hielt Einzug, auch in das Anbahnen zwischenmenschlicher Beziehungen. Wer mutig ist, sagt offen, was er oder sie will; wer die Macht hat, nimmt es sich sofort.

Frau mit Grill sucht Mann mit Kohle! Wenn du auch etwas erreicht hast, melde dich! So steht es auf Seite 29 der Salzburger Nachrichten vom 26.7.2014 – klipp und klar, keine offenen Fragen.

Früher war nicht alles besser. Trotzdem würde ich lieber dem Mauerblümchen schreiben. Aufs Grillen stehe ich ohnehin nicht besonders.

Unzulässige Verkürzung

Originale Wiedergabe eines kürzlich geführten Telefongesprächs.

Kunde: „Was ist die kürzeste Länge Ihrer Zylinder?“

Ich: „ 27/27.“

K: „Und wie lang ist der Nächstkürzere?“

I (leicht verwirrt): „Sie haben gerade nach dem kürzesten Zylinder gefragt.“

K: „Es gibt also keinen kürzeren?“

I: „Nein.“

K: „Wie ist also die kürzeste Länge?“ …

Ob dieser Kunde einen Zylinder bestellt hat, weiß ich nicht mehr. Sollte er jedoch wieder anrufen, mache ich ihm ein besonderes Angebot: einen Doppelknaufzylinder ohne Knauf. Dieser wurde am gleichen Tag angefragt.

Segway-Sorgen

Am Sontagvormittag steht eine Gruppe von behelmten Segway-Fahrern am Alten Markt in Salzburg auf ihren Paralellrädern seltsam unentschlossen herum. Sie drehen sich im Kreis, wippen nach vor und zurück, wechseln knappe Worte untereinander.

Da sagt ein junger Mann, der rechts von mir auf der Terrasse des Cafè Tomaselli sitzt, zu seiner Begleiterin: „Warten die auf den Einen, der es nicht mehr um die letzte Ecke geschafft hat?“

Gendern, missglückt

In den Salzburger Nachrichten vom 19.7.2014 ist die Stiegl Brauwelt auf Seite 28 mit folgendem Text auf Mitarbeitersuche: „Schankbursche (m/w)“

Ob Conchita Wurst vor ihrem Song-Contest-Triumph Interesse an der Stelle gehabt hätte, wird ein ungelöstes Rätsel bleiben. Fest steht jedoch: Das Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit ist in dieser Anounce gründlich in die Hose gegangen. Da hilft nicht einmal mehr das Binnen-I.